Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V.

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Verein & Selbsthilfe

AGS - Seminarbericht 1993

S. Siems, C. Kirks

Vom 16.-18. April 1993 wurde dieses verbandsübergreifende Seminar in Marktbreit bei Würzburg durchgeführt. Pünktlich am Freitag abend fanden sich 20 Sehbehinderte im Tagungshaus der Arbeiterwohlfahrt in der Kleinstadt im Frankenland ein. Wir begannen gleich am Abend mit der Vorstellungsrunde. Sehr wohltuend war hierbei, daß diese Runde nicht nach dem allgemein bekannten Schema Name, Alter, Beruf, Wohnort usw. ablief. Statt dessen mußte jede/r Teilnehmer/in (Seminarleitung eingeschlossen) zwei Fragen ziehen und beantworten. Auch wenn sich über den Sinn mancher Fragen sicher streiten ließe, hatte diese Methode den gewünschten Erfolg - es entstand sofort eine gewisse Lockerheit und, da sich einige Fragen auch ganz bewußt auf den Umgang mit der Sehbehinderung bezogen, eine Einstimmung auf das Thema. Wir kamen miteinander ins Gespräch. Dabei wurde deutlich, daß es sich in jeder Beziehung um einen stark gemischten Teilnehmerkreis handelte. Da saß der Student neben der Ruheständlerin, der von Geburt an Kurzsichtige neben der jungen Frau, die erst seit wenigen Jahren mit Sehverschlechterung konfrontiert ist. Die einen wurden von ihrer Umwelt als "Blinde" betrachtet, die anderen galten als "sehend". Schon am Beginn des Seminars zeigte sich so die besondere Spezifik der "Sehbehinderten" - ihre Behinderung ist keine eindeutige, Sehbehinderte können nicht als homogene Gruppe betrachtet werden. Etwas bedauerlich war sicherlich, daß es nur eine ostdeutsche Seminarteilnehmerin gab. Den Autorinnen dieses Berichtes ist dies eigentlich unverständlich, da in der ehemaligen DDR der Gruppe der "Sehbehinderten" (Sehschwachen) doch eine recht große Bedeutung zukam.

Auch die zwei von der Seminarleitung dargebotenen kurzen Rollenspiele dienten der Einleitung. Die Teilnehmer/innen waren sofort bereit, sich auf eine Diskussion über die jeweils dargestellte Thematik (Probleme im Straßenverkehr und bei der Mitarbeit in einer Freizeitgruppe Sehender) einzulassen. Um das etwas Unpersönliche einer so großen Diskussionsrunde abzubauen, wurden noch am Abend zwei Kleingruppen gebildet. Die weitere Arbeit des Seminars bis zu einem Plenum am Sonntag mittag erfolgte dann in diesen Gruppen. Da wir, die Schreiberinnen dieses Berichts, in ein und derselben Kleingruppe waren, können wir über die Arbeit der anderen Gruppe nicht berichten. Zu hören war, daß es dort inhaltliche Parallelen zu unserer Gruppe sowie auch ganz andere Schwerpunkte als bei uns gab. Im folgenden berichten wir nun also über die Arbeit in unserer Kleingruppe.

Neben den Gesprächsrunden, auf die wir später noch ausführlich eingehen werden, waren die Entspannungsübungen ein wichtiger Bestandteil des Seminars. Die Übungen umfaßten eine "Körperreise", eine Vorbereitung auf das autogene Training, Dehnübungen für bestimmte Muskelbereiche und eine Rückenmassage. Gerade für Sehbehinderte erscheinen uns solche Übungen wichtig, da dieser Personenkreis durch die Art der Behinderung doch einer ständigen zusätzlichen körperlichen Belastung ausgesetzt ist. Wir möchten daher anregen, solche Entspannungsübungen - vielleicht mit einer intensiveren Anleitung - auch bei künftigen Seminaren zu ähnlichen Themen einzuführen. Wäre ein ganzes Seminar zur Thematik "Entspannungsübungen für Sehbehinderte" denkbar? Interessant wären z.B. auch Fragen wie: welche Sportarten sind für Sehbehinderte besonders geeignet; Sportarten also, die auf der einen Seite der meist stark überanstrengten Rücken- und Nackenmuskulatur zugute kommen, sich andererseits aber auch nicht negativ auf die Sehbehinderung auswirken.

Das Thema des Seminars war ja nun sehr allgemein gefaßt, um möglichst viele Ansätze für ein Thema zu haben, über das bisher zu wenig gesprochen wurde. Dementsprechend schwierig war es, einen Ausgangspunkt für die Arbeit in den Kleingruppen zu finden. Unseres Erachtens hat das die Seminarleitung sehr gut bewältigt. Wir wurden aufgefordert, einmal alles zusammenzutragen, was für uns zu einer "idealen Situation für Sehbehinderte" zählte. Zunächst wurden Dinge genannt, die mehr in die psychosoziale Richtung gingen, z.B.: keine dummen Bemerkungen von Fremden, wenn ich an etwas sehr nah herangehe, um es zu erkennen; oder daß die sehende Umgebung nicht mit eisigem Schweigen reagiert, wenn ich mich zu meiner Sehbehinderung bekenne. Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Diskussion stellte das Problem dar, wie und wann sich ein Sehbehinderter/eine Sehbehinderte zu seiner/ihrer Sehbehinderung bekennen sollte und kann. Die nicht neue Idee eines Abzeichens für Sehbehinderte, das vom Blindenabzeichen (gelb mit drei schwarzen Punkten) zu unterscheiden ist, wurde wieder aufgeworfen. Dabei stellte sich die Frage, welche Rolle das Zeichen der Europäischen Blindenunion spielt und ob es nicht auch diese Funktion übernehmen könnte. Allmählich kamen wir dann auch auf "praktische" Dinge zu sprechen, die zur Verbesserung der Situation Sehbehinderter beitragen würden, wie die Markierung von Stufen, deutliche und große Beschriftungen u.ä. Aber die Frage der psychischen Bewältigung der Sehbehinderung an sich und der Reaktionen der Umwelt auf die Behinderung standen doch immer im Vordergrund und meist auch der Gedanke, was kann ich selbst für diese ideale Situation tun. Ganz deutlich kam auch hier wieder zum Ausdruck, wie viele Unterschiede es gab zwischen "blinden" und "sehenden" Sehbehinderten. Die Ausgangsfrage des Vormittags "Wie stelle ich mir die ideale Situation als Sehbehinderte/r vor?" geriet über diese Problemdiskussion ein wenig ins Hintertreffen. Es ist der Seminarleitung als sehr großes Einfühlungsvermögen anzurechnen, daß sie nicht an der vorgegebenen Fragestellung kleben blieb, sondern das Miteinanderreden als wichtigstes Ziel des Vormittags sah und akzeptierte.

Am Nachmittag sollte jede/r Teilnehmer/in die Möglichkeit erhalten, Probleme, die ihn/sie persönlich besonders bewegen, zur Diskussion zu stellen. Ziel war es, vielleicht gemeinsam mit den anderen eine Lösung für diese ganz speziellen Fragen zu finden. Zunächst war da eine gewisse Scheu zu spüren. Und doch hat das Seminar sehr dadurch gewonnen, daß einige Teilnehmer/innen den Mut fanden zu reden. Ob es um Probleme im Kollegenkreis oder um falsches Mitleid und die aufdringliche Neugier Dritter ging, viele der anderen Teilnehmer/innen hatten ähnliches erlebt, konnten beraten oder wurden sich selbst ihrer Probleme bewußter. Neben allem Gemeinsamen stellten wir aber auch Unterschiede fest, sowohl in der Art der Probleme als auch darin, daß wir auch bei ähnlichen Problemen teilweise unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten bevorzugen. Die Seminarleiterinnen unserer Kleingruppe boten auch an, bestimmte Probleme im Rollenspiel darzustellen und darin bestimmte neue Verhaltensmuster zu üben. Leider hatten die meisten Teilnehmer/innen noch zu große Scheu vor dieser Art der Problembewältigung - obwohl es für die, die sich an einem Rollenspiel beteiligten, eine sehr hilfreiche positive Erfahrung war.

Selbstverständlich wurden die Gespräche am Abend bei einem Glas Frankenwein fortgesetzt. Natürlich war es dann auch erholsam, nicht nur über die Behinderung zu reden.

So schön der Abend war und solange die Unterhaltung währte, am nächsten Morgen wollte ein Gespräch nur etwas stockend in Gang kommen. So ohne weiteres ließ sich eine Stimmung wie am vorangegangenen Nachmittag eben doch nicht wieder erzeugen. Nach der Meinung zum Seminar gefragt, konnten die Teilnehmer/innen etwa folgendes feststellen: das Wochenende hat jedem/jeder soviel gebracht, daß sich mehrere für eine Wiederholung des Seminars mit gleicher oder ähnlicher Zusammenstellung der Teilnehmer/innen aussprachen. Wie uns die Seminarleitung mitteilte, hatte sich für dieses Seminar ungefähr die doppelte Zahl an Interessenten gemeldet. Das zeigt unseres Erachtens den Nachholbedarf bei der Bewältigung des Problems "Sehbehinderung". Gedacht hatten wir Teilnehmer/innen an weitere Seminare in der gleichen Art, aber auch an weiterführende Themen, z.B. "Welche Strategien entwickle ich als Sehbehinderte/r, um meine Behinderung besser zu kompensieren?". "Wie gehe ich mit meiner fortschreitenden Sehbehinderung um?". Es empfanden viele Teilnehmer/innen als wohltuend, sich an einem Wochenende mit gleichermaßen Betroffenen auszusprechen. Gerade deshalb sollten solche Seminare in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Dabei sollte aber auch beachtet werden, daß die Trennung zwischen Teilnehmer/innen und Seminarleitung fließend ist, da wir ja alle zum Kreis der Betroffenen zählen. Es wäre schön, wenn sich auch andere Sehbehinderte an der Organisation und Leitung solcher Wochenenden aktiv beteiligen würden. Außerdem wäre es sicher im Interesse aller Sehbehinderten, wenn die diese Behindertengruppe vertretenden Selbsthilfeorganisationen nicht nur verbal, sondern auch aktiv enger zusammenarbeiten würden.

Wir würden uns also freuen, wenn das Wochenende in Marktbreit nicht ein einmaliges Erlebnis bleiben würde, sondern der Anfang wäre für eine intensivere Hilfe und Selbsthilfe Sehbehinderter an der Seite der Blinden.


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