Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V.

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Verein & Selbsthilfe

AGS - Seminarbericht 1994

J. Schindler

Zunächst einige Bemerkungen zu den Rahmenbedingungen:

Der Anreisetag war ein herrlicher sonniger Oktobertag. Der Fahrdienst des AWO-Heims, in dem wir untergebracht waren, holte jeden passend vom Zug ab. Das Essen war abwechslungsreich und verführte zum "Mehr-Essen", besonders das "Nachtmahl" nach dem Abendbrot. Der gute Frankenwein trug zu einer entspannten Atmosphäre nach Kursschluß bei und unterstützte den privaten Austausch. Die Teilnehmer übten allerdings Kritik daran, daß es zu wenig solcher Pausen gab, denn das Leitungsteam hatte ein randvolles Tagungsprogramm aufgestellt.

Das zeigte sich auch schon gleich am Freitagabend. Nach der obligatorischen Begrüßung, einem Kennenlernspiel und einer kurzen Einleitung ins Thema war schon die erste Arbeitseinheit vorgesehen. Dazu teilten sich die 18 Teilnehmer (leider hatten zwei Plätze wegen sehr kurzfristiger Absagen nicht mehr neu besetzt werden können) in zwei Kleingruppen auf. Die eine Kleingruppe wurde von Hans-Hellmut Schulte und Rita Schwörer, die andere von Sonja Baus und mir (Johanna Schindler) geleitet. Ich werde im folgenden hauptsächlich aus dieser zweiten Gruppe berichten, aber auch einige Aspekte aus der ersten Gruppe einbringen.

In der anschließenden ersten Arbeitseinheit stellten sich jede jede/r Teilnehmer ausführlich vor. Jeder erklärte seine spezielle Sehbehinderung und sprach über seinen Auseinandersetzungsprozeß mit dieser Sehbehinderung. Es wurde deutlich, wie jede/r vor eine ganz individuelle Aufgabe gestellt ist und wie eine Veränderung der Sehfähigkeit auch immer ein Auf und Ab im Lebensgefühl bedeutet.

Die Kleingruppenarbeit am Samstagvormittag wurde von einer Phantasiereise eingeleitet, die unterschiedliche Sinneseindrücke anregte, neben dem Sehen auch das Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Anschließend ergab sich ein Austausch darüber, daß viele Teilnehmer/innen zunächst sehr visuell ausgerichtet gewesen waren und sich erst später ganz bewußt anderen Wahrnehmungsmöglichkeiten zugewandt hatten. Anschließend suchten wir Situationen, in denen uns unsere Sehbehinderung besonders deutlich wird. Hier wurden viele wichtige Themen angesprochen - einige sehr ausführlich aus der Perspektive verschiedener Teilnehmer -, andere wurden nur "angetippt".

Am Nachmittag stieg die Gruppe richtig in die Arbeit ein. Zwei Teilnehmer berichteten über Situationen, in denen sie sich von Sehenden nicht verstanden, herabgesetzt, verletzt und lächerlich gemacht fühlten. Beide Szenen wurden durch Rollenspiele lebendiger und nachvollziehbarer. Ein Protagonist konnte, nachdem er die Rolle des sehenden Busfahrers gespielt hatte, ein neues Verständnis der Situation gewinnen. Als er in einem zweiten Durchlauf erneut die Rolle des sehbehinderten Fahrgastes übernahm, fand er eine konstruktive Alternative zu seinem vorherigen Verhalten. Als der Busfahrer ihn anmeckerte: "können Sie denn nicht lesen?" antwortete er mit einem knappen aber höflichen Hinweis auf seine Sehbehinderung. Der Spieler fühlte sich anschließend erleichtert: wäre die reale Situation so abgelaufen, hätte sie ihn nicht weiter belastet.

Samstagabend kam es zu einem intensiven Gruppengespräch darüber, wie wir Sehbehinderten unsere durch die Sehbehinderung bedingten Kontaktschwierigkeiten ausgleichen können. Beispiele für solche Schwierigkeiten sind: mangelnder Blickkontakt, Schwierigkeiten beim Wiedererkennen von Menschen, häufiger Wohnortwechsel aus Ausbildungs- oder Berufsgründen. Eine Reihe von Teilnehmern/innen sprachen darüber, daß sie in früheren Lebensphasen oder gerade zur Zeit unter Kontaktschwierigkeiten litten. Es wurde deutlich, daß es den meisten nur unvollständig gelingt, diese Mängel zu kompensieren. In beiden Kleingruppen wurden die intensiven Gesprächesphasen durch Entspannungsübungen aufgelockert. Wir leiteten Auflockerungsübungen, Körperwahrnehmungsübungen und Phantasiereisen an. Sonja Baus brachte in meiner Kleingruppe ihre Erfahrungen mit Joga ein, in der anderen Kleingruppe leiteten Rita Schwörer und Hans-Hellmut Schulte spezielle Augenübungen an. Beispiele hierfür sind die Augenfeder und die Schwingübungen. Bei der Augenfeder werden die Kanten eines Gegenstandes systematisch mit dem Blick abgefahren. Bei der Schwingübung sollen die Teilnehmer/innen ihren Blick gerade nicht an einen Gegenstand heften, sondern den Blick im Rhythmus mit schwingenden Körperbewegungen durch den Raum gleiten lassen.

Am Sonntagvormittag wurde über die Interessenvertretung der Sehbehinderten im DVBS und in den anderen Verbänden gesprochen.

Rita Schwörer, Leiterin des gemeinsamen Arbeitskreises für die Belange der Sehbehinderten "GABS" berichtete über die Arbeit des Gremiums. In diesem Ausschuß sind vier Verbände, der Bund zur Förderung Sehbehinderten "BFS"; der Deutsche Blindenverband "DBV"; die Deutsche Retinitis Pigmentosa Vereinigung "DRPV"; und der "DVBS" mit je zwei Delegierten vertreten. Themenschwerpunkte dieses Ausschusses waren:

Leider wurde die Arbeit bisher durch häufigen Wechsel der Vertreter/innen bzw. durch unregelmäßige Teilnahme derselben erschwert. Für die weitere Arbeit des "GABS" wünscht sich Rita Schwörer einen lebendigen Austausch mit den sehbehinderten DVBS-Mitgliedern.

Da wir uns auch im "DVBS" eine stärkere Berücksichtigung unserer Interessen wünschen, diskutierten wir die Notwendigkeit, eine klare Struktur finden zu müssen, die uns eine kontinuierliche Arbeit und Vertretung unserer Interessen ermöglicht. Dies scheint uns durch die Gründung einer Fachgruppe "Sehbehinderter" gewährleistet zu sein. Rita Schwörer und Thomas Schuhmacher wurden beauftragt, im Namen der Seminarteilnehmer/innen die Gründung der Fachgruppe "Sehbehinderte" beim Arbeitsausschuß zu beantragen. Es wurden folgende Personen für die kommissarische Leitung der Fachgruppe gewählt: Rita Schwörer (kommissarische Leitung), Thomas Schuhmacher, Manuela Mischka, Ulrike Weber.

Die Teilnehmer/innen sprachen sich in jedem Fall dafür aus, weitere Seminare speziell für Sehbehinderte durchzuführen, da die sehbehindertenspezifischen Themen durch andere Seminarangebote nicht hinreichend abgedeckt werden können. Im Falle der Gründung einer Fachgruppe sollen diese Seminare, wie bei anderen Fachgruppen auch, mit dem regulären Fachgruppentreffen kombiniert werden.

Von den Teilnehmern/innen wurde folgender Themenwunsch für das erste Fachgruppentreffen Sehbehinderte formuliert: Wie stelle ich meine Sehbehinderung gegenüber Sehenden z. B. am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis vor? Bei der Bearbeitung des Themas sollen nonverbale Aspekte der Kommunikation berücksichtigt werden.

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