



R. Schwörer
Im Januar diesen Jahres fand das dritte Seminar "Nicht sehend - nicht blind" in Marktbreit bei Würzburg statt. Dieses Mal jedoch einen Tag länger, mit einem umfangreicheren Themenangebot und mit fast doppelt sovielen Teilnehmern/innen (34) als in den Jahren zuvor. Unser neues Seminarkonzept, das wir im Horus Nr. 2 1995 vorstellten erwies sich als sehr gut und wiederholenswert. Die grundlegende Idee dieses Konzeptes ist, daß parallel zum Themenschwerpunkt Selbsterfahrung, diesmal mit dem Titel "Versteckspiel oder Offenbarung", andere Themenschwerpunkte angeboten werden. Dieses Jahr lautete das Thema des parallel angebotenen Schwerpunktes "Arbeitstechniken Sehbehinderter".
Low Vision
Aufgrund der längeren Seminarzeit war es dieses Mal möglich auch noch ein gemeinsames Thema anzubieten. Für dieses Thema - "Low Vision - Vorstellung der bestehenden Konzepte und ihre praktische Umsetzung in der Bundesrepublik Deutschland" - stand uns Frau Kampman (Augenoptikerin und Ortoptistin an der Blindeninstitutsstiftung Würzburg) am Freitag Vormittag zur Verfügung. Aus dem Referat, in dem Frau Kampmann auf das Thema einging, wurde immer wieder ein sehr engagiertes Gespräch und die Zeit rannte uns davon. Wesentliche Diskussionsinhalte waren u.a.:
Frau Kampmann war so nett, uns ihre mitgebrachten Sehhilfen bis zum nächsten Tag zum Ausprobieren in Marktbreit zu lassen. Ihr Engagement und ihre Fachkompetenz hatten zur Folge, daß sie beim Abholen ihrer Schätze mit individuellen Fragen gelöchert wurde. Aufgrund dieser sehr positiven Resonanz planen wir dieses Thema in Form eines Workshops unter der Leitung von Frau Kampmann im nächsten Seminar anzubieten.
Von Freitagmittag bis Samstag abend fanden die oben genannten Parallelangebote statt. Verstecken oder offenbaren? Ricardo Steding, Teilnehmer der Selbsterfahrungsgruppe, berichtet: Eine weiße Schnecke aus Knetmasse, eine lilafarbene Katze, die scheinbar zum Sprung ansetzt, eine leuchtend rote Muschel, die sich langsam öffnet, ein vielfarbener Zickzackweg, der sich über ein Blatt Papier ausstreckt, erzählten z.B.: über das momentane Empfinden und über die vielseitigen Erfahrungen mit der Sehbehinderung! Nicht nur in Gesprächen der Gesamtgruppe, wir waren 8 Teilnehmer in Gruppe 1, tauschten wir unsere Erlebnisse mit der Sehbehinderung aus. Auch stellten wir gewisse Konflikte in Rollenspielen dar, und gestalteten mit Knetmasse oder mit Stiften und Papier unser Selbstbild. Da ging es auf eine Traumreise, durch die Einkaufsstraße unserer Heimatstadt: Was nehme ich wahr? Fasse ich etwas an? Scheint die Sonne? Höre ich Musik oder Menschen miteinander sprechen? Rieche ich etwas? In Zweiergesprächen versuchten wir uns gegenseitig zu erklären, was wir sehen oder nicht, oder besser, wie wir sehen? Der Eine sieht besser bei grellem Sonnenlicht, der Andere wenn es vielleicht bewölkt ist. Aber nicht nur die Lichtstärke beeinflußt das Sehen, da gibt es auch noch die "Kontraste" und noch manche individuelle "Seheigenart". Wie kann man das erklären? wir haben es versucht.
Ich fand es sehr interessant, zu erfahren, wie im Iran die Familie und die Gesellschaft mit den behinderten Mitmenschen umgeht. Das konnte uns ein Teilnehmer aus eigener Erfahrung gut schildern.
Was offenbare ich, wenn ich als Sehbehinderter mit dem weißen Stock durch die stark befahrenen Straßen der Stadt gehe? Bin ich blind? Spiele ich blind, mache ich mich lustig, oder gehe kein Risiko ein überfahren zu werden, oder gar von höflichen Mitmenschen angeschnauzt zu werden weil ich sie versehentlich angerempelt habe? Da nehme ich lieber den weißen Stock, und jeder weiß zumindest, daß ich nicht so gut sehe, wie die Meisten. Aber manchmal spiele ich den Sehenden, weil ich nicht immer fragen will, na gut, dann gibt's heute keine Zwiebelbutter, ist ja sowieso Luxus, oder? Es war fast beruhigend, zu wissen, daß ich nicht allein stehe mit meinem Versteckspiel und den Schwierigkeiten sich zu offenbaren. Und ich bin und denke die meisten von uns sind auf den Geschmack gekommen, wieder ein solches Seminar zu besuchen, das speziell unsere Sehbehinderung und unseren Umgang mit ihr zum Thema hat. Und an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei Sonja und Johanna für ihre ausgewogene Gruppenleitung bedanken.
Das Thema bot Raum für vielerlei Gespräche, wie etwa Sehbehinderung in der Partnerschaft, Berufsaussichten, Erfahrungen auf Reisen mit einer größeren Gruppe, und so weiter. Es wurde nicht nur gesprochen, sondern auch gemalt, gespielt, geträumt, getanzt, sich entspannt! Ich würde zum Schluß sagen: "Auf Wiedersehen!"
Die Arbeitsgruppe "Arbeitstechniken Sehbehinderter" umfaßte mehrere Themen. Nach dem ersten Austausch in Kleingruppen bei dem es vor allem um die Erwartungen der Einzelnen ging, führte Rita Schwörer mit einer Zusammenfassung des Artikels "Training des visuellen Gedächtnisses sehbehinderter Schüler" von Jochen Bechheim in den Themenblock "Mind mapping und Gedächtnistraining" ein. Es referierten Heinz Mierlich und Jürgen Beckmann. Den verschiedenen Methoden liegt die Erkenntnis zugrunde, daß wir unser Gedächtnis wesentlich effektiver nutzen können, wenn beide Gehirnhälften aktiv sind und zusammenarbeiten, was durch bestimmte Übungen erreicht werden kann. Beim Mind mapping wird ein Thema in Form einer "Gedächtniskarte" bearbeitet auf der kleine Bilder und Symbole mit Text und Zahlen kombiniert dargestellt werden, wodurch sie leichter erinnerbar sind, wobei es wichtig ist Bilder zu benutzen, zu denen ein persönlicher Bezug vorhanden ist. Mit dieser Methode können z.B.: Reisen geplant; Texte zusammengefaßt und Vorträge vorbereitet werden. Es würde den Rahmen des Berichtes sprengen erschöpfend auf die unterschiedlichen Methoden einzugehen. Für alle Leser/innen, die sich für die einzelnen Themen näher interessieren wird eine Seminarmappe bei der DVBS Geschäftsstelle erhältlich sein. (Preis muß bei der Geschäftsstelle erfragt werden).
Am Samstag vormittag wurden in den am Vortag gebildeten Kleingruppen die Themen "Zeitmanagement" (Jürgen Beckmann) und "Rückenschule und Ergonomie" (Anette Kammer) jeweils mit angeleiteten Übungen bearbeitet. Am Samstag nachmittag boten Norbert Zimmermann und Rita Schwörer Körper- bzw. Augenübungen an, die die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften anregen. Anschließend referierte Karsten Warnke zum Thema "Arbeitstechniken und Arbeitsplatzgestaltung für Sehbehinderte". Thematisiert wurde u. a.:
Nach dem Abendessen schlossen wir die Arbeitsgruppe mit einem Gespräch bezüglich der erfüllten und nicht erfüllten Erwartungen und dem Markt unserer mitgebrachten Hilfsmittel ab (Moderation Thomas Schuhmacher).
Auch die Abende waren lebhaft und für einige sehr lang. Die Arbeitsgruppenteilnehmer/innen mischten sich abends wieder z.B.: zum Doppelkopfspiel. Auch diejenigen, die das Erste Mal teilnahmen waren mitten drin. Nach diesen beiden inhaltlich vollen Tagen beschäftigten wir uns am Sonntag morgen mit Folgendem: Wie soll es weitergehen in der AG Sehbehinderte im DVBS? Welche Themen sind uns wichtig? Wer möchte sich engagieren? Wahl des Leitungsteams! Gewünschte Themen waren u. a.: Mischtechniken im Umgang mit Schrift; Vortragstechnicken; Workshop mit Frau Kampman; Sehtraining; angeleitete Selbsterfahrungsgruppe. Ins Leitungsteam gewählt wurden: Sonja Baus; Jürgen Beckmann; Ulrike Braczko; Rita Schwörer (Leiterin).
Das dritte Seminar "Nicht sehend - nicht blind" hat viele begeistert. Zum Gelingen haben wir alle beigetragen: das Vorbereitungsteam, die guten Referenten und die angenehme Gruppe.
So motiviert sind wir, das Leitungsteam, dabei das nächste Seminar 1997 zu planen, wie auch das Treffen im Rahmen der Mitgliederversammlung (Donnerstag, 6. Juni 96, 19 bis ca.21.00 Uhr). Bei diesem Treffen soll es neben den allgemeinen Fragen um das Thema "Großschriftsysteme, was sie bieten - was sie bieten sollten." gehen. Weiterhin thematisiert wird der Stand des ERBUS (Erschließung grafischer Benutzeroberflächen für Blinde und hochgradig Sehbehinderte) Projektes bezüglich der Belange Sehbehinderter.
Ricardo Steding
Rita Schwörer
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