Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V.

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Verein & Selbsthilfe

AGS - Seminarbericht 1997

Jürgen Pautz, Sabina Kloss, Jan Eric Hellbusch, Rita Schwörer

Auch dieses Jahr fand wieder ein großes Seminar unter dem inzwischen traditionellen Motto "Nicht sehend - nicht blind" im Jugendgästehaus Aasee in Münster statt. Der Wechsel des Tagungshauses erwies sich als sehr positiv. Das Haus ist rollstuhlgerecht und ansonsten ebenso geeignet wie unsere bisherige Tagungsstätte in Marktbreit. Die Rückmeldungen der Seminarteilnehmer/innen (34) waren durchweg positiv.

Zum Seminarverlauf

Nachdem die organisatorischen Fragen geklärt waren, berichtete Rita Schwörer über die bisherige Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft Sehbehinderter im DVBS und die derzeitigen Schwerpunkte der Arbeit des Fachausschusses für die Belange Sehbehinderter.

Thema war unter anderem die Benutzung des weißen Stockes durch hochgradig Sehbehinderte. Einige Seminarteilnehmer/innen werden auf den diesbezüglichen "intern"-Beitrag reagieren. Im Anschluß beschäftigten wir uns mit der Lesefreundlichkeit des horus. Die horus-Redaktion hatte uns hierfür Schriftproben zur Verfügung gestellt. Grob zusammengefaßt war für viele der Vorschlag der Redaktion zur künftigen Schriftgestalt eine Verbesserung, das Layout des Horus wurde jedoch sehr bemängelt.

Anschließend wurde in den wieder parallel angebotenen Workshops zu folgenden Themen gearbeitet:

Lesen Sie im folgenden die Berichte aus den Workshops!

Workshop I "Bewußtseinsbildung und Kommunikation - Umgang mit der Sehbehinderung im beruflichen Alltag"

(Jürgen Pautz)

I. Vorgedanken - oder Kontakt pur:

"Endlich mal wieder ein Wochenende mit "Gleichgesinnten", die ähnliche oder gleiche Probleme wie Du hast", denke ich mir. Auf der Teilnehmerliste (sehr schön, daß es sie vorher gibt) erkenne ich ein paar bekannte Namen - toll sie wiederzusehen. Außerdem kommt jemand aus Heidelberg (hallo Stefano) - als ich ihn anrufe, erfahre ich, daß er wie ich an der Fachhochschule Heidelberg studiert - so ein Zufall und eine Menge Gesprächsstoff über Lehr- und "Leerkörper" für die Zugfahrt.

II. Der erste Abend - Kontakt pur zum Zweiten

  1. Los geht's

    Wir sind ca. 12 bis 14 Leute (gut nach Männlein und Weiblein gemischt) und zwei Moderatorinnen (Rita Schwörer und Sonja Baus).

    Zuerst geht's in die Schnupperrunde - jeder erzählt a bissel was von sich. Damit der Anfang nicht so schwer fällt, darf sich jeder einen von Rita und Sonja mitgebrachten Gegenstand (Federn, Steine - keine Diamanten -) aussuchen, und den Bezug zu sich herstellen. Durch die tolle Offenheit der Gruppe vergeht die Zeit wie im Fluge - Abendessen!

  2. Jetzt aber?!

    Weiter geht's mit "Talk im Turm äh... Münster". Als alle dran waren, entscheiden wir uns, diesen schönen Abend mit einer Meditation ausklingen zu lassen - morgen geht's aber los!

III. Samstag - Vom Duschbad, Personalchef und sportlichem Teamwork

  1. Auftakt mit Aufschwung

    Wer kommunizieren will, muß fit sein, sagen sich die Leiterinnen, und wir starten mit einer gymnastischen Soft-Übung - frei nach dem Motto "Linkes Knie ans rechte Ohr - und lächeln".

  2. Von Bitten und Fürbitten

    Rita erzählt uns einiges Grundlegendes über Kommunikation. Danach sind wir aufgefordert, uns in Dreiergruppen zusammenzufinden und uns gegenseitig Forderungen zu stellen. Einer fordert, der Zweite versucht, sich herauszuwinden, und der Dritte beobachtet und gibt Feedback. Forderungen zu stellen ist gerade für uns Sehbehinderte und Blinde sehr wichtig, aber auch oft sehr schwierig.

    Großes Gelächter erntete eine getarnte Forderung um ein paar Tropfen "Duschbad", die sich als große, reale Notdurft entpuppte.

  3. Von Chefs und anderen Gemeinheiten

    Nach dem Mittagessen kam das Element "Rollenspiel" zum Einsatz.

    Wir spielten die für alle interessante, und für eine Teilnehmerin "akute" Situation des Bewerbungsgesprächs.

    Drei durften mal Chef sein und die Bewerberin so richtig über Sehbehinderung und "Wie ist das?", "Wie geht das?" ausquetschen.

    Es folgte eine gründliche Analyse, Feedback und Meinungsaustausch.

  4. Vom Zeigen von technischen Hilfsmitteln zu Partnersuche und Partnerschaft

    Es folgte eine sehr lebhafte Diskussion über den Umgang mit Hilfsmitteln und den Kreislauf "Was denke ich, was andere denken, wenn sie über mich denken, denken oder so ..."

    Von den technischen Mitteln (weißer Stock, Prisma-Lupenbrille) ging es irgendwann zu den menschlichen "Mitteln" oder solche, die man gerne hätte (Partnerschaft, Partnersuche). Es wurde noch einmal sehr ernst, als einige über ihre Erfahrungen in ihrer Partnerschaft in bezug auf ihre Sehbehinderung sprachen.

  5. Vom Abschluß

    Auch zum Abschluß vereinten wir Geist und Seele mit einer schönen Meditation (den Leiterinnen sei Dank).

IV. Fazit

Zunächst ein Dank an die Leiterinnen - sie würgten keine Diskussion ab, ließen uns immer freie Entscheidungswahl und lockerten mit Gymnastik- und Entspannungsübungen das Programm auf.

Dann ein Lob an die Teilnehmer - sehr offen, sehr ehrlich und sich emotional einbringend (besonders ein Vorteil der Frauen).

Ich habe bei diesem Seminar einmal durchatmen können - gesehen, gehört und gefühlt, daß ich nicht alleine bin, d.h. ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt, da andere auch Probleme haben - ich bin aber auch nicht einsam, da es andere liebe Menschen (auch Nichtbehinderte) gibt.

Festgestellt wurde auch ein hoher Bedarf am Gedankenaustausch über die Themen "Beziehungsprobleme" und "Partnersuche".

Ich freue mich auf das nächste Seminar über und mit viel Kommunikation.

Zitat einer anderen Teilnehmerin an diesem Workshop: "Ich habe mich mit meiner Sehbehinderung noch nie so verstanden gefühlt. Das Seminar war wie eine Oase in der Wüste."

Workshop II "Visuelles Gedächtnistraining für Sehbehinderte

(Sabina Kloss)

Als sich unsere Gruppe am Freitag nachmittag zusammengefunden hatte, machten wir zunächst einmal einige Lockerungsübungen, um die Verspannungen, die sich bei jedem von uns - sei es durch die Anstrengungen der Reise oder anderer Ursachen - manifestiert hatten, loszuwerden. Wir pflückten z. B. Äpfel von hohen Bäumen, die natürlich nur in unserer Phantasie vorherrschten, aber dies war schon die erste Übung zu unserem Workshop, die Fähigkeit nämlich, zu visualisieren.

Danach stellten wir uns gegenseitig vor. Hierzu suchte sich jeder einen Partner, den er interviewen wollte, und wir erzählten uns gegenseitig von uns, beschrieben, wie und was wir durch unsere Sehbehinderung noch sehen können, und was wir von dem Workshop für uns persönlich erwarten würden. Später stellten wir unseren Partner dann der gesamten Gruppe vor, wobei natürlich auch wieder das Gedächtnis jedes einzelnen gefragt war.

Schließlich machte uns unser Seminarleiter Jochen Bechheim mit den drei verschiedenen Typen, die die Art und Weise beschreiben, wie wir Sachinhalte aufnehmen und wiedergeben, vertraut. Sind wir eher der visuelle Typ, der sehr exakt und präzise Sachinhalte schildert, oder eher der auditive, der bei seinen Ausführungen immer auf eine gut modellierte und ausdrucksvolle Sprache bedacht ist, oder der kinästhetische Typ, der tief nach innen fühlt, während er spricht.

Der Samstag dann war von morgens bis abends ausgefüllt mit Informationen über Strategiebildung für Gedächtnisleistungen, gemeinsamen Gruppenübungen, Visualisierungsmeditation und Tanz, bis hin zu unserer persönlichen Zielvisualisierung.

Wir tauschten gegenseitig Erfahrungen darüber aus, welche Strategien wir z.B. bei solch tagtäglichen Dingen wie dem Merken von Telefonnummern oder Namen anwenden bis hin zu verschiedensten anderen Gedächtnisleistungen, wie sie uns im Beruf oder Studium begegnen.

In den Gruppenübungen, bei denen wir uns abstrakte Bilder merken sollten, konnten wir das Visualisieren verknüpft mit anderen Lernstrategien praktisch anwenden, wobei sich wohl auch jeder für sich selbst noch einmal bewußt wurde, was für Strategien er immer schon anwendet, wenn er sich etwas merken will.

Am Schluß wurde der Satz, den wir schon am Freitag alle mit Aufmerksamkeit auf dem Plakat, das an der Wand unseres Raumes hing, gelesen hatten, zum konkreten Thema. Dieser lautete:

"Probleme sind noch nicht formulierte Ziele!"

Wir setzten uns also jeder ein für uns wichtiges Ziel, visualisierten es in allen Einzelheiten und formulierten dieses Ziel für uns in einer positiven und gegenwärtigen Form. Dann schritten wir würdevoll, mit Kraft und Energie auf dieses Ziel zu, das wir die ganze Zeit vor unseren Augen visualisierten, um dann von allen negativen Einflüssen, die uns von dem Erreichen des Zieles abhalten könnten, unbeeindruckt bleiben zu können.

Insgesamt gesehen war dieses Seminar für mich, und ich glaube auch für die anderen unserer Gruppe, ein voller Erfolg. Ich hoffe, daß das Gedächtnistraining bei mir schon gefruchtet hat, und ich nichts allzu Wesentliches in meinen Ausführungen über unseren Workshop vergessen habe.

Workshop III "Einsatz optischer Hilfsmittel im beruflichen Alltag"

(Jan Eric Hellbusch)

Nach der allgemeinen Begrüßung, trafen sich die ca. zehn Teilnehmer der Gruppe "Hilfsmittel im beruflichen Alltag" in ihrem Seminarraum. Unter der Moderation von Thomas Schumacher haben wir uns nacheinander kurz vorgestellt und unsere besonderen Anliegen geschildert.

Es war erstaunlich, wie viele Ursachen es in der Gruppe für unsere Situationen als "Nicht blind - nicht sehend" gab. Es schien fast so, als ob die Zahl der Ursachen die der Teilnehmer überträfe. Entsprechend war auch die Variation an Informationsbedürfnissen.

Wir suchten nach Gemeinsamkeiten für die geplante Arbeit am nächsten Tag. Insbesondere stellten wir fest, daß die Lichtverhältnisse und die Art der Beleuchtung ein grundsätzliches Problem darstellt. Die meisten wollten sich ebenso über (Leucht)- Lupen und Monokulare (Fernrohrlupen) informieren. Weiter wurde angesprochen: Bildschirmlesegeräte, Kantenfiltergläser, Hilfsmitteln für "unterwegs" (Lesen und Schreiben), Folgewirkungen unnatürlicher Körperhaltung am Arbeitsplatz, Orientierung auf großen Vorlagen sowie Schwierigkeiten bei der Nutzung von Windows.

Nach dem Abendessen setzten wir uns wieder zusammen. Einige Teilnehmer brachten ihre eigenen Hilfsmittel mit und ließen sie von anderen erproben. Zwischenzeitlich war die Leiterin der Gruppe eingetroffen, Frau Kampmann von der Blindeninstitutsstiftung in Würzburg, die dann ihre Hilfsmittel- Ausstellung aufbaute.

Die Gruppe steckte währenddessen für den Samstag ab, am Vormittag sich den Hilfsmitteln "Beleuchtung" und "Monokulare" zu widmen und den Nachmittag für Einzelgespräche mit Frau Kampmann zu nutzen.

Stichwort "dimmbares Kaltlicht". Frau Kampmann stellte uns - nachdem wir über unsere speziellen Anforderungen und generell über die Lichtgestaltung gesprochen hatten - eine neuartige Arbeitstischleuchte vor, die bei fast allen Zuspruch fand. Der ganz große Vorteil der Leuchte liegt darin, daß sie gleichmäßig gestreutes und kein punktuelles Licht abgibt. Gleichzeitig kann das Licht gedimmt werden. Jeder konnte sich mit einer Vorlage daransetzen und die Lampe testen. Die Helligkeit wurde bei jedem gemessen, und die jeweils optimalen Werte schwankten zwischen 350 und über 1300 Lux (normaler Wert: 1200 Lux; Tageslicht: zwischen

50.000 und 100.000 Lux). Parallel dazu haben einige das von der

Firma Reinecker bereitgestellte Bildschirmlesegerät "Videomatic EC" erprobt. Auch hier haben einige Teilnehmer ein neues Lesegefühl bekommen. Die "Aha"-Erlebnisse bei den Monokularen und anderen Leselupen waren etwas verhaltener. Dennoch war die Vielfalt an Ausführungen beeindruckend.

Im Anschluß an das Mittagessen konnten diejenigen, die Fragen zu Kantenfiltergläsern hatten, die Gelegenheit nutzen, aus einer breiten Palette von Gläsern einige auszuprobieren und draußen im Sonnenlicht miteinander zu vergleichen. Kantenfiltergläser (auch "blue blockers" genannt) haben die besondere Eigenschaft, durch eine Kante im Glas bestimmte Lichtbereiche, insbesondere das unsichtbare Licht bis 400 nM, aber auch darüber hinaus, herauszufiltern, um somit Blendeffekte zu verringern.

Danach ist Frau Kampmann auf jeden Teilnehmer noch einmal eingegangen, beantwortete noch offene Fragen und gab individuelle Ratschläge. Während dessen haben die anderen Teilnehmer weiter Hilfsmittel vergleichen und Erfahrungen austauschen können.

Am Abend verabschiedete sich Frau Kampmann von uns. Einige Teilnehmer haben eine Videokamera ausprobiert, die aufgrund ihrer Zoomtechnik auch für Sehbehinderte handhabbar ist, und ich wurde durch eine kleine weiße Maus (eine, die man am Kiosk für 10 Pfennig kaufen kann) zu diesem Bericht bestochen. Wir diskutierten danach weiter und waren uns einig, daß Frau Kampmann hervorragende Arbeit geleistet und uns wertvolle Hinweise mitgegeben hatte.

Plenumsvortrag zum Thema "Psychosomatik in der Augenheilkunde"

Mit anschaulichen Fallbeispielen ging Dr. Rainer Kunze aus München auf dieses Thema ein. Er erläuterte auch, daß bei seit Geburt bestehenden Augenerkrankungen (mit Ausnahme des Glaukoms) von der Seite der Augenheilkunde kaum psychotherapeutisch gearbeitet wird. Diese Herangehensweise ist noch recht jung unter den Ophthalmologen.

In der anschließenden Diskussion ging es um die Erfahrungen von Sehbehinderten mit Augenärzten und umgekehrt. Herr Dr. Kunze war sehr interessiert an der Intensivierung des Kontaktes der Selbsthilfegruppen mit den Augenärzten. Er bot an, sich dafür einzusetzen, daß auf dem diesjährigen Augenärztkongreß in Wiesbaden die Sehbehindertenselbsthilfeverbände einen kostenlosen Stand bekommen.

Abschluß und Ausblick

Bei der Schlußrunde waren sich alle einig, daß es im nächsten Jahr wieder ein ähnliches Seminarangebot geben soll, bei dem wieder mehrere Workshops angeboten werden sollten. Bei unserem ersten Vorbereitungstreffen versuchten wir möglichst viele Anregungen aufzugreifen.

Folgendes zur vorläufigen Planung: Das Seminar wird wieder Ende Januar in Münster stattfinden. Es sind folgende Themen im Gespräch bzw. in Planung:

  1. Streßbewältigung
  2. Partnerschaft
  3. Die Rechte Sehbehinderter
  4. Vortrag: Was bedeutet die kommende Informationsgesellschaft für Sehbehinderte?
  5. Schnellesetraining für Sehbehinderte

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