Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V.

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Verein & Selbsthilfe

AGS - Seminarbericht 1998

Jürgen Beckmann, Ulrike Braczko, Ursula Possienke, Rita Schwörer

Bericht über das Seminar der Arbeitsgemeinschaft der Sehbehinderten im DVBS "Nicht sehend - nicht blind" vom 30. Januar bis 1. Februar 1998 in Münster

[In: "Marburger Beitzräge", H. 4/1998, S. 463-473, "Horus", H. 3/1998, S. 126-129]

Ende Januar / Anfang Februar fand das diesjährige Seminar der AG der Sehbehinderten im Jugendgästehaus in Münster statt. Dieses Seminar sollte den sehbehinderten DVBS-Mitgliedern und weiteren Interessierten die Möglichkeit zum problem- und fachbezogenen Austausch, zur Bearbeitung unterschiedlicher Themen, in Workshops und Referaten mit Diskussionen, bieten. Auch diesmal kam dem Beisammensein in geselliger Runde und den Spaziergängen rund um den Aasee eine angenehme Bedeutung zu.

Nach der Vorstellung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie der Regelung der organisatorischen Wichtigkeiten begann das Seminar mit seinem ersten inhaltlichen Schwerpunkt, dem Beitrag zur

Förderung der Lesegeschwindigkeit:

Erwin Denninghaus gab uns eine kurze Einführung in die Leseforschung und ging dabei auf unterschiedliche Möglichkeiten einen Text zu erfassen ein. Außerdem zeigte er verschiedene gemessene Lesegeschwindigkeiten Sehender, Sehbehinderter sowie Blinder auf. Danach hatten die Teilnehmenden die Aufgabe, anhand einer praktischen Übung die eigene Lesegeschwindigkeit zu erfassen.

Anschließend ging Erwin Denninghaus auf Möglichkeiten der Steigerung der Lesegeschwindigkeit ein. Dieses Training ist ausführlich in einem Beitrag von ihm in der Vereinszeitschrift (horus 1/97, S. 10 ff., Marburger Beiträge 5/96, S. 636 ff.) dargestellt. Es ist zunächst wichtig, wie das Lesen organisiert wird. Weiter sollte man im Vorfeld überlegen: "Was will ich vom Text wissen?" Nun ist es sinnvoll, daß sich der Leser einen Überblick über die Struktur des Textes verschafft. Außerdem sollte man ihn in einer Art Raster in bekannte inhaltliche Zusammenhänge einordnen.

In einer regen Diskussion wurden Erfahrungen ausgetauscht, Möglichkeiten der multimedialen Technik einbezogen und die Idee entwickelt, forciert ein Training der Lesegeschwindigkeit für die sehbehinderten DVBS-Mitglieder durchzuführen. Es wurde angeführt, daß das Deutsche Blindenbildungswerk gGmbH (DBBW) möglicherweise ein solches Training plant. Die Teilnehmenden hielten eine Absprache zwischen DVBS und DBBW für sinnvoll.

Im Rahmen des Seminars wurde ein weiteres Referat gehalten, dieses beschäftigte sich mit dem Thema

Multimedia:

Herr Andreas Carstens hielt ein informatives und ansprechendes Referat zum Thema "Chancen eines barrierefreien Zugangs zur multimedial geprägten Informationsgesellschaft".

Einen Hauptschwerpunkt legte Andreas Carstens auf die Möglichkeiten, die die Digitalisierung von Information und die Datenübertragung Sehbehinderten und Blinden bieten kann, ohne die großen Gefahren zu vergessen.

Er sprach drei Möglichkeiten an, die von der Selbsthilfe ergriffen werden können und müssen, um zu verhindern, daß Sehbehinderte und Blinde in Zukunft von vielen Informationen ausgeschlossen werden.

  1. Versuch auf die Gesetzgebung zur Informationsaufbereitung einzuwirken, auf dem Hintergrund des Benachteiligungsverbotes von Behinderten (Art. 3 GG)
  2. Verhandeln mit Online-Providern (Anbietern und Datenbankanbietern)
  3. Entwicklung eines hauptamtlich besetzten Medienzentrums für Blinde und Sehbehinderte. Ein erstes Konzept wurde bereits veröffentlicht.

Das Referat von Andreas Carstens ist in dieser Ausgabe der Vereinszeitschrift unter der Rubrik "Aufsätze" veröffentlicht.

Außerdem gab Frau Schwörer den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen interessanten und umfassenden Einblick in die Arbeit des Fachausschusses, dem sie für den DVBS beisitzt. Auch er ist in dieser Ausgabe der Vereinszeitschrift unter der Rubrik "Aus der Arbeit des DVBS" veröffentlicht.

Seminarschwerpunkte - Workshops

Mit großer Sicherheit bildete der jeweilige Workshop für die einzelnen Seminarteilnehmer- und -teilnehmerinnen den Schwerpunkt des Seminars. Im Folgenden geben die beiden Protokolle einen Einblick in die Arbeit der Workshops.

1. Streßbewältigung Sehbehinderter im beruflichen Alltag:

Die Gruppe mit 14 Teilnehmenden wurde von Sonja Baus, Dipl. Sozialpädagogin und Gesprächstherapeutin, und Ulrike Braczko, Dipl. Sozialarbeiterin, angeleitet.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde informierte uns Sonja Baus zunächst einmal über den Begriff "Streß", der heute oft als Modewort benutzt wird. Insbesondere auch über die Funktionsweise unseres Körpers in Alarmbereitschaft und die Unterscheidung zwischen Eu-Streß - dem durchaus gesunden und hilfreichen Streß - und dem Di-Streß, der wegen mangelnder Entspannung zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann.

Es gibt zwei Streßtypen bei den Menschen: zum einen die, die in einer Alarmsituation mit erhöhter Herz-Kreislauf-Tätigkeit reagieren, für sie besteht später die Gefahr eines Herzinfarktes. Zum anderen die Defensiv-Streßtypen, die sich eher zurückziehen, bei denen sich Atmung und Verdauung verlangsamten. Wenn die Erholungsphase nach der Anspannung ausfällt, kann es zu Muskelverspannungen und anderen körperlichen Beeinträchtigungen kommen.

Für Sehbehinderte ergeben sich häufiger Streßsituationen in ihrem Alltag, z. B. schon durch die erschwerte Informationsaufnahme, oder im Straßenverkehr, durch Konkurrenz am Arbeitsplatz, weniger Aufstiegschancen und berufliche Möglichkeiten, Unsicherheiten in der Kommunikation mit anderen, beim Einkaufen, der Hausarbeit und bei der Freizeitgestaltung.

Nach dem Einführungsreferat haben wir uns in Kleingruppen zu den Fragen, wo erlebe ich Streß, wie erlebe ich ihn, und wie wirkt er sich bei mir persönlich aus, untereinander ausgetauscht.

Am Nachmittag diskutierten wir in der gesamten Runde dann intensiv über unser Erleben von Streß, insbesondere auch über die uns belebende und kraftspendende Art in einem sehr offenen und freien Gespräch, hervorragend von Sonja Baus und Ulrike Braczko geleitet.

Es kamen dabei auch die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Streßbewältigung zutage, von Entspannungsübungen, die wir zwischendurch, aber auch insbesondere am Abend nach Anleitung ausprobieren konnten, bis hin zu der Frage, welche offensiven Möglichkeiten es gibt, mit Aggressionen, mit denen man konfrontiert wird, umzugehen. So wurde beispielsweise diskutiert, ob man nicht auch, wenn z. B. sich ein Kollege ständig weigert, die Sehbehinderung überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, durchaus mal durch das Umwerfen eines Glases zum einen seiner eigenen Wut Luft machen darf, ihn aber zum anderen dazu bringt, sich mit der Sehbehinderung auseinanderzusetzen.

Eine offensive Art des Umgangs mit der eigenen Sehbehinderung empfand die Gruppe als interessante Idee, die überdacht sein will und die Möglichkeit gibt, aus der Passivität herauszutreten und selbst die Beziehung zur Umwelt zu gestalten.

Videofilmen für Sehbehinderte:

Im Vordergrund stand in der Arbeitsgruppe das Thema "Nutzbarkeit der Videotechnik im Beruf".

Sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden sich in dieser Gruppe zusammen. Am Freitagabend begannen eifrige Gespräche zum Thema und zu Erfahrungen einzelner, die sich dieses Medium teils beruflich, teils privat schon dienstbar gemacht hatten.

Die gut strukturierte Arbeit begann dann am Samstagmorgen. Miriam Hartlaub und Frank Weihershäuser - beide aus dem Bereich Film - leiteten die Gruppe an. Sie gaben zunächst einen gerafften Überblick über die Entwicklungsgeschichte des Films und der früher und heute zur Verfügung stehenden Technik.

Weitere, vorbereitende Themen waren: Was ist wesentlich im Umgang mit einer Kamera? Worauf achtet man bei der Auswahl der Informationen, die ein Film vermitteln soll?

Die zweite Hälfte des Samstags wurde damit verbracht, ein geeignetes Thema auszuwählen und es theoretisch für die "Dreharbeiten" vorzubereiten, die am Nachmittag beginnen sollten. Ein Thema war schnell gefunden.

"Visumed - die Augensalbe, die Blinde wieder sehen läßt"

Mehr Zeit nahm die Planung der Szenenabfolge und Rollenverteilung in Anspruch.

Am Nachmittag ging es dann mit dem ganzen Trupp hinaus an den Aasee. Hier entstanden die ersten Szenen, die dokumentierten, wie schnell und überraschend es zu einem erheblichen Sehverlust bis zur Blindheit kommen kann. Die besonderen Schwierigkeiten von Außenaufnahmen wurden allen schnell bewußt: schlechte Lichtverhältnisse, laute Umweltgeräusche, Aasee-Besucher, die sich gestört fühlten etc., und natürlich der Umgang mit einem nahezu unbekannten Instrument.

Diese Außenaufnahmen dauerten wesentlich länger als vermutet. Bei der eisigen Kälte waren alle froh, in den Räumen des Gästehauses weiter arbeiten zu können. Die Innenaufnahmen, verbunden mit Interviews fremder Hausgäste, brachten ganz andere Erfahrungen: Hemmschwellen zu überwinden, Fremde mit dem Mikrofon anzusprechen sowie das Erfordernis, spontan auf Antworten zu reagieren, die nicht vorhersehbar waren.

Die dritte Aufzeichnungsrunde ließ uns einen Eindruck von Studioatmosphäre bekommen. Klar und strikt wurden Szenen gestellt, die keinen äußeren, unvorhersehbaren Ereignissen unterworfen waren.

Durch die unterschiedlichen Erprobungsmöglichkeiten und -phasen konnten alle Teilnehmenden einen Einblick in die Handhabung der Technik bekommen und Hemmungen bezüglich der Nutzung abbauen. Noch am Abend begann der "Schnitt" des Filmmaterials. Aus einem Tag intensiver Arbeit wurde ein Film von vier Minuten Länge, der allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie auch dem "Besuchern" der Premiere am Folgetag viel Spaß gebracht hat.

Verschiedenes:

Darüber hinaus beschäftigten wir uns während des Seminars mit der Thematik der Arbeitsplatzassistenz, die für den Bereich der Sehbehinderten noch schwerer faßbar und verallgemeinerbar ist als für den Bereich der Blinden und den Betroffenen häufig nicht zugestanden wird. Die in diesem Zusammenhang aufgezeigten Problematiken und Ideen wurden in die bundesweite Fachtagung des DVBS "Arbeitsplatzassistenz - und wir haben eine Chance im Beruf" im Mai 1998 einbezogen.

Außerdem sammelten wir Anregungen und Forderungen für die "Sehbehinderten-Aktionstage" im Juni 1998 in Bonn, die wir Sonja Baus, der Vertreterin des DVBS im Organisationsteam für die Aktionstage, mit auf den Weg gaben.

Diese beiden Veranstaltungsplanungen haben noch einmal deutlich gezeigt, daß wir auf Erfahrungsberichte der Mitglieder angewiesen sind, um etwaige Forderungen z. B. gegenüber Kostenträgern formulieren und durchsetzen zu können.

Wahl des Leitungsteams:

Bei der Wahl des neuen Leitungsteam wurden Ulrike Braczko (Leiterin), Sonja Baus, Jan Hellbusch und Rita Schwörer gewählt.

Jürgen Beckmann, der sich nicht mehr für die Arbeit im Leitungsteam zur Verfügung stellte, danken wir für seine gute Mitarbeit und sein Engagement. Rita Schwörer stellte sich für die Position der Leiterin aus Zeitgründen nicht mehr zur Verfügung, war jedoch bereit im Team weiterhin mitzuarbeiten.

Seminarplanung für 1999:

Das Leitungsteam plant für den 22. bis 24. Januar 1999 das nächste Seminar der AG, dieses wird wieder im Jugendgästehaus in Münster stattfinden. Folgende Workshops sind im Rahmen des Seminars geplant:

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