



Ulrike Braczko, Bettina Warning, Gert Schulz
Bericht vom Seminar der AG Sehbehinderte im DVBS "Nicht sehend - nicht blind" im Januar 1999 in Münster
[In: "Horus", Punktschrift: H. 3/1999, S. 334-340, Schwarzschrift: H. 2/1999, S. 94-95]
Das Seminar fand von Freitag abend bis Sonntag nachmittag im Jugendgästehaus in Münster statt. Neben den beiden Workshops "Sehbehindertengerechte Präsentationstechniken" und "Ganzheitliches Sehtraining für Sehbehinderte" beschäftigte sich die AG an diesem Wochenende mit folgenden Themen:
Berichte aus der Arbeit im vergangenen Jahr
Frau Schwörer berichtete von der Arbeit des Fachausschusses für die Belange der Sehbehinderten im vergangenen Jahr (Informationen hierzu waren im Beitrag von Frau Schlegel im letzten Heft wiedergegeben.). Weiterhin gab Frau Schwörer Informationen zum Stand der Planung des Symposiums zur Gewährung von Hilfsmitteln und Beratungsleistungen für Sehbehinderte und Blinde, das im Juni 1999 in Marburg stattfinden wird. Die Teilnehmer/innen zeigten nochmals besondere Probleme in der Hilfsmittelversorgung und auch im Kontakt mit Augenärzten auf, die nun auch im Rahmen des Symposiums Berücksichtigung finden sollen. Insbesondere wurde die ärztliche Behandlung von Glaukom-Patienten hervorgehoben.
Sehbehindertenaktionstag 1998
Über den Sehbehindertenaktionstag am 6. Juni 1998 berichtete Frau Baus, die den Tag als Vertreterin des DVBS mit vorbereitet hat (vgl. ihren Bericht, horus 4/98 und Marburger Beiträge 5/98). Einzelne Seminarteilnehmer/innen teilten ihre Eindrücke vom Aktionstag mit und Frau Baus konnte zu unterschiedlichen Hintergründen befragt werden.
Sehbehindertentag 6. Juni 1999
Im Verlauf des Seminars beschäftigten wir uns mit der Planung des diesjährigen Sehbehindertentags. Die AG will hierzu eine Aktion in Marburg machen. Der Tag soll das Motto "Nicht sehend - nicht blind" tragen. Es soll in der Öffentlichkeit darüber informiert werden, was Sehbehinderung bedeuten kann und aufgezeigt werden, wo es Informationen und Beratung für Sehbehinderte und über Sehbehinderung gibt.
Reiseservice für Sehbehinderte
Wir setzten uns darüber hinaus mit der Situation Sehbehinderter auf Reisen auseinander. Hier wurde ein erster Anstoß zur Auseinandersetzung mit notwendigen Bedingungen, Hilfsmitteln, organisatorischer Vorbereitung und persönlicher Begleitung gegeben. Dabei wurde deutlich, daß die Bedürfnisse sehr unterschiedlich sind, es aber sehr wohl für einige interessant wäre, wenn im Rahmen organisierter Reisen die Reiseleitung auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten einginge, die Möglichkeit bestünde, Materialien wie Karten usw. sehbehindertengerecht aufzubereiten und Reiseziele bekannt wären, an denen sich Sehbehinderte gut orientieren können (gesammelte Erfahrungsberichte).
Berichte aus den Workshops
Bericht über den Workshop 1:
"Sehbehindertengerechte Präsentationstechniken"
Den Auftakt unseres Workshops bildete eine Art tänzerische Phantasiereise, während der wir uns miteinander bekannt machten. Daran schloß sich ein Erfahrungsaustausch an. Die Vorkenntnisse und damit verbunden die Erwartungen der Teilnehmer/innen waren vielfältig: Einige von uns beschäftigten sich mit den Fragen: "Wie wirke ich während eines Vortrags?" und "Welche Tricks gibt es, mit deren Hilfe sehbehinderungsbedingte Bedürfnisse zum Ausdruck gebracht werden können, ohne daß die Sehbehinderung ständig das Hauptaugenmerk auf sich zieht?" Andere hatten Interesse zu erfahren, welche Präsentationstechniken und -medien auch bzw. gerade für Sehbehinderte geeignet und gut einsetzbar sind. Während des Austauschs wurde bald deutlich, daß die Präsentation von Sachverhalten in einem engen Zusammenhang mit der Präsentation der eigenen Person steht. Aber gerade in diesem Punkt haben viele von uns Unsicherheiten, da wir die (nonverbalen) Reaktionen eines Gegenübers nur eingeschränkt oder nicht wahrnehmen können. Wenn aber ein Thema nur so gut präsentiert werden kann, wie wir uns präsentieren, so galt es an diesem Punkt anzusetzen.
Mit Hilfe von unterschiedlichen (Körper-)Übungen näherten wir uns der Thematik an und versuchten uns unseren Raum zu erarbeiten: Übungen zum "Festen Stand", zur Konzentration auf das "Sonnengeflecht" sowie Atemübungen halfen uns dabei. Sie zeigten wie wichtig es ist, "aus der Körpermitte heraus" zu agieren.
Daran schlossen sich Partnerübungen an, in denen alltägliche Situationen nachgestellt werden sollten. Gratulation, Begrüßung im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs, Aufeinanderzugehen nach einem Streit und vieles mehr wurden von uns gespielt und anschließend die eigenen Empfindungen ausgetauscht. Besondere Bedeutung hatte jeweils auch das Feedback der Gruppenteilnehmer/innen. Einen Aha-Effekt löste bei diesen Übungen ein kleiner, aber wirkungsvoller Trick aus: eine Person hat den Eindruck, sie würde angeschaut, wenn ein imaginärer Punkt zwischen ihren Augenbrauen (das "dritte Auge") fixiert wird. Jede/r konnte dieses ausprobieren und feststellen, daß es auch dann "funktioniert", wenn man als Sehbehinderte/r das Gesicht des Gegenübers nur undeutlich wahrnimmt.
Sehr amüsant, spannend und aufschlußreich waren auch die letzten Aufgaben des Nachmittags. Hier ging es darum, pantomimisch die Situation kurz vor und unmittelbar nach einem Telefonat darzustellen sowie eine Rede über ein beliebiges Thema zu halten - allerdings mit den Worten: "Fuchs du hast die Gans gestohlen!". Zwei Dinge wurden dabei deutlich:
Insgesamt betrachtet war der Workshop eine "runde Sache" und bildet eine gute Grundlage, um weiter am Thema zu arbeiten.
Bettina Warning
Bericht über den Workshop 2: "Ganzheitliches Sehtraining für Sehbehinderte"
Zwar gibt es wohl kaum zwei Sehbehinderte, die "gleich" sehen, und doch gibt es viele Dinge, die die meisten von ihnen verbinden. Trotz des schlechten Sehens - andere sagen, gerade deshalb - versuchen viele von uns, ihr Sehen - also ihre Augen einzusetzen, wo es nur geht. Wir Seminarteilnehmer waren uns darüber einig, daß wir dies bis jetzt meistens getan haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was wir unseren Augen damit zumuten.
Am Seminar nahmen wir teil, um Tips, Tricks und Anregungen zu erhalten, wie wir unseren Augen das Sehen in Zukunft erleichtern können. Und hierfür hatten wir eine hervorragende Seminarleiterin: Gisela Wesche-Nielsen aus München ist Sozialpädagogin und Heilpraktikerin, die sich aus eigener Betroffenheit zur Sehlehrerin weiterbildete und seit neun Jahren Kurse und Einzelstunden gibt. Sie brachte beides mit: Fachwissen und Einfühlungsvermögen.
Nach der Vorstellungsrunde fingen wir schon schnell mit ersten einfachen (aber wirkungsvollen) Übungen an. Niemandem von uns war es bewußt, daß bei trockenen Augen einfaches Gähnen die Produktion von Tränenflüssigkeit bewirkt! Es folgten Übungen zur Nackenentspannung und Kopfschmerzbehandlung, wodurch wir langsam aber sicher ein Gefühl dafür entwickelten, daß entspanntes Sehen und ganzheitliches Wohlbefinden eng miteinander verknüpft sind.
Gisela zeigte, wie man mit ganz einfachen Mitteln die Augen zum Beispiel nach starrendem Sehen wieder entspannen kann. Wir lernten viele kleine Hilfen und Übungen kennen - und immer konnte uns Gisela auch erklären, wie und warum das alles so funktioniert.
Für alle Teilnehmer unseres Seminars stand am Schluß fest, daß wir viele Anregungen erhalten hatten, uns weiter mit diesem Thema zu beschäftigen - es war ein rundum gelungenes Wochenende.
Für mich sind zwei Schlüsselsätze im Gedächtnis haften geblieben: "Behalte Kontakt zu deinem eigenen Gespür." und "Vertraue deinem eigenen Gefühl!"
Ein Literaturverzeichnis zum Thema "Ganzheitliches Sehtraining" sowie Adressen von Sehlehrern können bei der Geschäftsstelle des DVBS oder auch bei Sonja Baus angefordert werden.
Gert Schulz
Weitere Seminarplanung
Das nächste Seminar "Nicht sehend - nicht blind" wird vom 21. bis 23. Januar 2000 in Herrenberg bei Stuttgart stattfinden. Als Seminarschwerpunkte haben wir folgende Themen vorgesehen:
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