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M. Rauch: "Seh'n se, das ist Berlin, seh'n se, das ist Berlin ...

... ein Stadt, die sich gewaschen hat, seh'n Se, das ist Berlin!" textete Günter Neumann als Chef der "Insulaner", eines bekannten Berliner Kabaretts, Ende der 40er und in den 50er Jahren. Tatjana Sais, Edith Schollwer, Agnes Windeck, Walter Gross und Ewald Wenck sind unvergessene Koryphäen des Nachkriegskabaretts: die zwei Schwatztanten an einer Bushaltestelle des Kurfürstendammes, der Genosse Vorsitzende, der über die neuesten Fortschritte des Sozialismus Unterricht abhält, typische Gestalten Berliner Humors, die das Weltstadtflair der Weimarer Republik ("der goldenen 20er Jahre") in der tristen Atmosphäre der stark zerstörten Viersektorenstadt wieder aufleben lassen wollten.

Die Ära des Nachkriegs-Berlin ist 1989 zu Ende gegangen, nie konnte man das Ende einer Epoche - und sei es einer unseligen derart deutlich und gewissermaßen "live" mitverfolgen, wie das Ende der Mauer, um es einmal symbolisch zu formulieren... Eine Facette dieser Umwälzung erschließt sich im Rückblick auf Klassenfahrten der Carl-Strehl-Schule nach Berlin vor und nach dem 9. November (das Jahr braucht man schon gar nicht mehr eigens zu erwähnen), die es in dieser Form nicht mehr geben wird. Hier ist jedoch nicht an einen protokollarischen Nachvollzug solcher Studienfahrten gedacht, der in der Regel nur die Teilnehmer zu flüchtigen Reminiszenen anregt - "ach, weißt du noch...", sondern es sollen einige Aspekte früherer Berlinfahrten in größerem Zusammenhang bilanziert werden.

Ich selbst war unzählige Male in Berlin: besonders beklommen 1962, ein halbes Jahr nach Errichtung der Mauer; besonders gestreßt 1975 als Leiter einer Fahrt mit 33 Blistanern, die in einem großen Bus tagtäglich durch die Straßen Berlins rauschten (Kollege Sparenberg, erinnern Sie sich-); besonders informativ war es 1988, als ich als Begleiter meines Kollegen Franz Nitsch ein neues Fahrtenkonzept kennenlernte; besonders eindrucksvoll war es 1990, als Nitsch und wir 13 Begleiter eigentlich mehrere Fahrten zugleich erlebten, nach Königs Wusterhausen in die DDR, nach Westberlin, aber auch nach Gesamtberlin, gerade am Tage der Währungsumstellung (2. Juli).

1962 erfuhr ich zum ersten Mal die Willkür eines autoritären Machtsystems, die nicht den leisesten Widerspruch duldete; eine Durchfahrt durch das Territorium der DDR zu ergattern, verlangte die strikte Befolgung aller Anforderungen - wie schikanös sie auch immer waren - mit stoischer Gelassenheit, nur absolute Willfährigkeit verhieß nach 200 km holpriger Autobahnfahrt Westberlin; das Wort "Transit" hat erst 1972 nutzbaren Wert gewonnen.

1975 präsentierte sich die SED auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Eine Linksorientierung in Europa ließ manchen den nahen Sieg des Sozialismus im erbitterten Wettstreit der Systeme wähnen. Der Westen hielt dagegen. Jeder Schüler der Bundesrepublik Deutschland sollte einmal in Berlin gewesen sein, Fahrten dorthin wurden ideell und materiell von vielen Institutionen gefördert, die Schüler durch das Informationszentrum Westberlin mit minutiösen Erkundungsplänen versehen. Wer die Fahrt (mit-) bezahlt, bestimmt mit, wo es lang geht: also rein in den Bus, raus aus dem Bus, alle Grenzformalitäten mitten in der Stadt langwierig, und ein paar Westmark verschwanden da schon einmal in merkwürdigen Säckeln, wo genau, darüber schweigt "des Sängers Höflichkeit..."

1988 waren noch keine Auflösungserscheinungen des Systems zu verspüren; sicher, ein paar saloppe Sprüche des Grenzbeamten am Bahnhof Friedrichsstraße, ein paar flotte (gleichwohl zensierte) Einlagen des Osterliner Kabaretts "Distel" ("ich bin ganz modern, ich trinke nur noch ein "Glas Most"...") aber auch noch gezielte Schüsse an der Mauer, Zurückweisung eines Schülers, der als Westberliner eine Sondergenehmigung für den Besuch der Hauptstadt der DDR nicht rechtzeitig beantragt hatte, und die berechtigte Furcht einer Exilrumänin vor dem Transit zu Lande, derentwegen wir nach Berlin hatten fliegen müssen - indes wie angenehm, nach einer Stunde unterhaltsamer Flugzeit sanft in Berlin-Tegel einzuschweben... (Für mißgünstige Rechner sei angemerkt, daß der Flug nach Berlin damls kaum teurer, aber wesentlich schneller als Bus oder Bahn war, jedenfalls für uns aus bekannten Gründen). "Wir fliegen gemeinsam nach Berlin und dann schaun wir mal..., war die neuartige Devise und wohldurchdachte Konzeption dieser Fahrt, die Vorbereitung darauf gleichwohl aufwendig (für die Organisatoren eher arbeitsreicher), für die Schüler aber realistisch und jederzeit auf eigene Faust wiederholbar, darum ging es Franz Nitsch, und nicht wenige Wiederholungsreisen in eigener Regie, die bald darauf erfolgten, gaben ihm recht. Sicherlich: Checkpoint Charly, Reichstag Ostberlin, Konzert, Funkturm, Grips-Theater, Völkerkundemuseum, Jazzkonzert, Kreuzberg, Kudamm und nicht zu vergessen die Kneipe gleich um die Ecke waren handelsübliche Ziele einer Studienreise nach Berlin, aber sie wurden in gemeinsamen Besprechungen vor Ort destilliert aus einer Fülle von Möglichkeiten, und U-Bahn-Netz, Busfahrpläne, "Zitty"-Lektüre, Kartenbestellungen, Gruppenaufteilungen, Bekundungen von Frust und Freude gehörten auch dazu! Und wer von uns wird je vergessen, wie wir quer durch Berlin hinter dem vollblinden Thomas herhetzten, der uns in Rekordzeit mit allen Verkehrsmitteln einer Weltstadt zu einer Geburtstagfeier lotste, zu der wir dann außer Atem, aber pünktlich bei ihm zu Hause eintrafen, es war übrigens seine eigene... Insgesamt dürfte es für alle Beteiligten ein gelungener Aufenthalt im "Postillon" gewesen sein, unserem Domizil an der U-Bahn-Station Blissestraße, auch wenn Ulrike ihr Gepäck erst einige Wochen später aus Istanbul (-) erhielt, auch wenn es im Betreuerteam schon "mal ordentlich kriselte, auch wenn viele so ersehnte Unternehmungen in der einen Woche beim besten Willen nicht unterzubringen waren, auch wenn der eine es lieber so, der andere es aber wirklich lieber ganz anders gehabt hätte, aber so ist das gemeinhin und hier standen immer Unternehmungen zur Disposition, für die wir gemeinsam verantwortlich waren!

1990, zwei Jahre später, war alles anders: Viele Schülerinnen und Schüler der Blindenschule von Königs-Wusterhausen hatten ihre Zimmer geräumt und uns als Gäste in freundlichem Ambiente willkommen geheißen - ob freudestrahlend oder zähneknirschend, blieb wohlweislich ungeklärt - , und so wohnten wir, natürlich 11 andere Blistaner als 1988, aber 3 Kollegen des alten Betreuungsteams, in einer verträumten Kleinstadt der DDR eine Woche lang - von Berlin West (Bahnhof Zoo) fast eineinhalb S-Bahn-Stunden (ca. 25 km) entfernt. Unser "Nowak" jedenfalls, der freundliche Leiter der Blindenschule Königs-Wusterhausen, ließ uns nicht verkommen und sorgte als zuvorkommender Gastgeber dafür, daß es uns während unseres Aufenthaltes beinahe an nichts fehlte, und das zu günstigen Konditionen.

Als historisch engagierte Endvierziger erwartete Nitsch und mich ein denkwürdiges Szenario: Noch mit schwachen eigenen Erinnerungen an die Währungsreform vom 20. Juni 1948 ausgestattet und mit vielen Berichten darüber aus den einschlägigen Dokumentationen, erlebten wir einen ähnlichen Vorgang fast auf den Tag genau 42 Jahre später noch einmal - am 2. Juli war "Währungsumstellung", wie es nunmehr hieß. Am 30. Juni gab es kaum noch etwas für die letzten Ostmark, zwei Tage später - der 1. Juli war ein Sonntag - barsten Schaufenster und Marktstände vor neuen Waren. Des weiteren: Am ersten Tag unserer Fahrt nach Westberlin mußten wir am Bahnhof Friedrichsstraße noch einmal umsteigen und geisterten durch die nunmehr verlassenen Kontrollhallen (wie oft hatten wir dort stundenlang Schlange gestanden, ängstlich die harschen Anweisungen der Grenzbeamten beachtend), am zweiten Tag fuhr die S-Bahn schon durch: Königs- Wusterhausen - Bahnhof Zoo in einen Rutsch, zum ersten Mal wieder nach fast 30 Jahren! Und schließlich, um mich nicht in den unzähligen Eindrücken zu verlieren: eine Stadtrundfahrt per Schiff kannte natürlich auch keine Grenzen mehr zwischen Ost und West, nur der Schiffseigner, Kapitän und Sehenswürdigkeitenerklärer in einer Person, erinnerte mit einigen bissigen Kommentaren daran, wie anders noch vor wenigen Monaten alles war..., doch - natürlich auf der Höhe der Zeit - grüßte er jovial seinen entgegenkommenden Kollegen vom Alexanderplatz, an dessen Schiff von den Buchstaben DDR die beiden letzten frisch überpinselt waren seh"n Se, das ist Berlin, seh"n Se, das ist Berlin!

Gleichwohl, geplant war ursprünglich eine der üblichen Fahrten nach Westberlin, ein eintägiger Besuch von Ostberlin inbegriffen, bevor sich die politischen Ereignisse überschlugen. Plötzlich war alles anders, für die Organisatoren (ein geeignetes Quatier in Westberlin bekamen wir nicht mehr) wie für Schüler, die bei den vielen Wahlmöglichkeiten für eine Studienfahrt sich einen anderen Berlinaufenthalt vorgestellt hatten - das konnte eigentlich nicht ohne Reibungsverluste abgehen. Doch abwechslungsreiche Tage, heitere Stimmung, günstige Witterung, eine prinzipiell tolle Truppe", gute Verpflegung und nicht zuletzt der spannende Verlauf der Fußball-Weltmeisterschaft - in einer Pizzeria in der Uhlandstraße waren wir bald willkommene Stammgäste mit stets für uns reservierten Plätzen - schienen aller noch einmal glimpflich verlaufen zu lassen. Am letzten Abend indes, wenige Stunden vor dem Rückflug, entluden sich dann diverse Spannungen: Die Besichtigung von Schloß Sanssouci in Potsdam, die der rührige Herr Nowak uns kurzfristig noch hatte ermöglichen können, fand zum ersten Mal im Regen statt, die von den Schülern gewünschte "night open end" auf dem Kudamm scheiterete an diversen Schwierigkeiten. (Vielleicht wäre es aber auch gar nicht so vernünftig gewesen, sich aus Berlin ohne Sperrstunde in dieser Form zu verabscheiden.) Das Abschlußtreffen zwischen Schülern, Betreuern und Lehrern aus Königs Wusterhausen und Marburg verlief nicht ganz wie geplant. Eigentlich war die Begegnung, insoweit sie stattfand, herzlich und harmonisch. Reizende Schülerinnen und Schüler aus Königs Wusterhausen verstanden sich glänzend mit Blistanern, und bald hatte man über gemeinsame Interessen Freundschaft geschlossen und Adressen ausgetauscht. Frau Kleinert informierte uns freundlich und sachkundig über Leben und Arbeiten in Königs Wusterhausen. Erst nach Mitternacht schieden wir schweren Herzens und in bestem Einvernehmen. Andererseits waren bei uns auch einige Irritationen entstanden: Nach informellen Vorgesprächen mit einigen Erzieherinnen, mehreren Schülern und Kollegen hatten wir mit regem Zuspruch zu unserer Einladung gerechnet. Wir konnten uns dann kaum erklären, daß schließlich nur eine Erzieherin und wenige Schüler aus Königs Wusterhausen an der gemeinsamen Abendveranstaltung teilnahmen. Bei den Lehrern der Schule überstieg wohl die Arbeitsbelastung der Zeit vor den Sommerferien die zuvor leichtfertig geäußerte Vorfreude, so daß keiner den Weg zu uns fand, und die Damen und Herren Schüler der Carl-Strehl-Schule sahen sich auch nur zur Hälfte geneigt, die aufwendig vorbereitete Begegnung (es war die einzige) mit Anwesenheit zu beehren. Schwamm drüber, aber nicht unter den Teppich gekehrt: So endete der letzte Abend mit einem blista-internen Eklat, der aber vielleicht Nachdenklichkeit bei allen Beteiligten ausgelöst hat.

Die Chronistenpflicht mahnt: Natürlich waren wir auch am Reichstag, in der Zitadelle in Spandau, auf dem Funkturm, im spritzig-witzigen Kabarett "Die Stachelschweine", im Charlottenburger Schloß, im Olympiastadion, am Luftbrückendenkmal, am Alexanderplatz, unter den Linden, auf dem Kurfürstendamm. Aber die neue Situation an der Berliner Mauer prägte letztlich die Fahrt: Checkpoint Charly zum ersten Mal eine durch "Mauerspechte" durchlässig gewordene Grenze, Andenkenhändler in großer Zahl, Brandenburger Tor (zwar ohne Quadriga, aber mit zwei Fußwegen hin und her), Spaziergang auf dem ehemaligen Todesstreifen, freier Gang über die Bernauer Straße, (der berüchtigten Stelle vom August 1961), Potsdamer Platz leer, riesig, überall zugänglich, noch verschlossene Zugänge zu den ehemaligen "Geisterbahnhöfen" der U-Bahn und schließlich ein Gespräch mit zwei ehemaligen Grenzbeamten. Sie waren gerade arbeitslos geworden und lehnten an einem nutzlos gewordenen "Grenztrabi" (der Sonderanfertigung eines dunkelgrünen Cabriolets), mit dem sie noch vor Jahresfrist dienstbeflissen an der 161 km langen Mauer auf und ab gefahren waren und wachen Auges nach verwegenen "Grenzsaboteuren" Ausschau gehalten hatten. Die beiden waren noch voll im Bilde: Kein apologetisches Detail des gerade abgehalfterten Honecker-Regimes, das sie nicht beherrschten und uns im Brustton antiimperialistischer Überzeugung entgegenschleuderten. Wir hätten gerne Kontakt mit ihnen aufrecht erhalten, lieber jedenfalls als zu den eilfertigen Wendehälsen, die in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 ihre seit jeher kapitalistisch schlagenden Herztöne vernahmen, und deren gab es nicht wenige. Den beiden jedenfalls sei Dank, daß sie uns unfreiwillig ein Lehrstück politischer Bildung präsentierten. Vorbei, ein neues Berlin entsteht, teils in Rückkehr zu einer neu zu definierenden Hauptstadt, teile als geplante Drehscheibe eines neu sich formierenden Europas - die Mieten für Wohnungen, die es kaum mehr gibt, haben sich innerhalb eines Jahres zunächst einmal verdoppelt, mit dem Auto erreicht man Berlin ohne Stau nur noch tief in der Nacht, Heiligabend und Silvester, und die politischen Probleme sind größer denn je, aber sie liegen offen auf dem Tisch - nunmehr nicht nur in der einen Hälfte der Stadt. Berlin ist nicht mehr als Kristallisationspunkt des Ost-West-Konfliktes die interessanteste Stadt der Welt, es darf sich auch nicht zu einem neuen Zentrum eines zu mächtigen Deutschlands entwickeln, das jetzt schon verständlichen Argwohn des Auslands erregt. Es hat die Chance die in 45 Jahren entstandenen tiefen Gräben zweier Welten zuzuschütten zu helfen, Ost- und Westeuropa einander zu vermitteln.

Studienreisen nach Berlin konkurrieren in Zukunft zu recht mit solchen nach London, Paris, Rom, Prag, Wien oder Luxemburg, warum eigentlich nicht Luxemburg-

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