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1. Einleitung
Anhand meiner Biographie und meines Studiums
möchte ich Probleme Sehbehinderter konkret aufzeigen und diskutieren. Zuerst will ich meinen Studiengang beschreiben, dann werde ich mehr
theoretisch die Probleme und Schwierigkeiten besprechen, die auftauchen können, aber auch gleichzeitig Erfahrungen einbringen, die ich oder
andere gemacht haben, und zum Schluß konkrete Situationen aufzeigen, die den Einstieg in die Diskussion ermöglichen sollen.
Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Blinden und Sehbehinderten, das liegt in der Natur der Sache, aber ich glaube, es gibt auch
einige Unterschiede: Unterschiedliche Probleme, unterschiedliche Lösungsstrategien. Darüber sollten wir diskutieren.
1. Persönlicher Werdegang
- Regelschule bis zur 10. Klasse im Heimatort, Abschluß: Mittlere Reife;
- Wechsel zur Blista nach Marburg, Abitur 1984;
- was nun- Studieren wollte ich nicht, aber irgendwas
tun;
- ein halbes Jahr Praktikum in einer Gemüsegärtnerei; dort zwei Sachen gelernt, nämlich
1. daß ich
vieles nicht kann und
2. daß ich vieles doch kann, ich muß es nur probieren. Muß zum Teil eigene Techniken entwickeln.
Darf mich nicht zu sehr an den anderen messen;
- Zum Wintersemester 85/86 Bewerbung um einen Studienplatz im Fach
Ernährungswissenschaft an der Universität in Stuttgart-Hohenheim. Mein Härtefallantrag wurde abgelehnt;
- Praktikum
Großküche - 4 Monate;
- Zum Sommersemester 86 Bewerbung bei der ZVS um einen Studienplatz in Gießen - Studienfach
Ökotrophologie (Haushalts- und Ernährungswissenschaft), Zusage erhalten;
- eine mir bekannte blinde Studentin der
Ernährungswissenschaft in Stuttgart-Hohenheim wurde zu dieser Zeit zwangsexmatrikuliert. Die Professorenschaft verweigerte ihr jede weitere
Hilfe, man hielt es nicht für möglich, daß Blinde diesen Studiengang absolvieren könnten. Der angestrebte Prozeß wurde von der Studentin
gewonnen, die Zwangsexmatrikulation war rechtswidrig. Allerdings führte sie ihr Studium in Stuttgart-Hohenheim aus verständlichen Gründen
nicht fort. Etwa um die gleiche Zeit brach ein sehbehinderter Student in Gießen sein Ökotrophologie-Studium ab, weil er einen fürs Vordiplom
geforderten Histologie-Schein nicht erlangen konnte. Um diesen Schein zu erhalten, war es erforderlich, vorgefertigte Präparate unterm
Mikroskop zu bestimmen. Der Prüfer war nicht bereit, für den Sehbehinderten eine Prüfung unter modifizierten Bedingungen durchzuführen.
Anmerkung: In der neuen Prüfungsordnung (gültig seit 1985) wird dieser Schein nicht mehr gefordert;
- Beginn meines
Studiums im Frühjahr 86. In den ersten Semestern habe ich zwei andere Sehbehinderte getroffen, die von der Regelschule kamen. Ihre
Sehbehinderungen sind mit der meinen in etwa vergleichbar:
A hatte das Ökotrophologie-Studium mit Erfolg abgeschlossen.
B studierte Agrarwissenschaft und war dabei, die Diplomarbeit zu schreiben.
Im Gespräch mit den
beiden stellte sich heraus, daß sie sich weit weniger mit ihrer Behinderung identifizierten, aber sehr viel selbstverständlicher auch als
Sehbehinderte diese naturwissenschaftlich ausgerichteten Fächer studierten.
- Grundstudium: Vorlesungen und Praktika;
Einführungen in die verschiedensten Fachgebiete: Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an den jeweiligen Fachbereichen, d. h.
Veranstaltungen finden über die ganze Stadt verstreut statt. Große Hörsäle, überfüllt, zum Teil über 500 Teilnehmer/innen, weil
Veranstaltungen zusammen mit Agrarwissenschaftlern, Medizinern und Zahnmedizinern durchgeführt wurden;
-
Hauptstudium: Wahl einer Fachrichtung
Ernährungswissenschaft Schwerpunkt bei Naturwissenschaft, Haushaltswissenschaft
Schwerpunkt bei Sozialwissenschaft, Ernährungsökonomie Schwerpunkt bei Wirtschaftswissenschaft.
Die meisten
Veranstaltungen finden jetzt in einem Institut oder Gebäudekomplex statt. Überfüllte Seminare, Hetzen nach Referatsthemen, um Scheine zu
erwerben;
- zur Zeit (Dezember 1990) sitze ich an meiner Diplomarbeit;
- Prüfung: voraussichtlich im
Sommer 91.
2. Technische Probleme und persönliche Lösungen
2.1. Arbeiten im
Hörsaal:
- Tafel und Overheadprojektor waren nur mit Hilfe des Monokulars (Fernrohr) zu verfolgen
-
wichtige Folien zum Teil vorher oder hinterher kopiert
- Fernrohr war ein interessantes Spielzeug für andere, weckte
Neugierde, führte oft dazu, daß ich ausgefragt wurde
- Mitschreiben nur nach Gehör, Mitschreiben von der Tafel nur sehr
begrenzt möglich
2.2. Literaturbeschaffung:
- Mitschriften von Kommilitonen meist
handschriftlich, deshalb nur begrenzt nutzbar
- Skripte: Oft verkleinert, aber nützlich. Vergrößerungskopierer sind an der
Uni nicht die Regel, verkleinern kann fast jeder, im Copyshop war vergrößern oft unverhältnismäßig teuer
- Bücher: Am
Bildschirmlesegerät zuhause oder im Arbeitsraum für Sehgeschädigte in der Universitätsbibliothek Gießen. Dort steht seit 1988 eine
Grundausstattung (Bildschirmlesegerät, Kassettenrecorder, Punktschriftmaschine, Schwarzschriftmaschine) zur Verfügung
- Großdruckbücher: Modellversuch Marburg, Zentralbücherei Leipzig
- wichtige Folien kopieren: unterschiedlichste
Erfahrungen gemacht:
Es gibt Dozent/inn/en, die sich schlicht weigern, ihre Folien rauszugeben, auch wenn die besondere
Lage erklärt wird.
Es gibt aber auch andere Beispiele: Im Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und
Verbrauchsforschung werden alle wichtigen Folien gesammelt. Sie sind für jeden zugänglich.
- wichtige Texte, die erst im
Seminar verteilt werden: Ein sehbehinderter Kommilitone erhält von einigen Dozent/inn/en Texte schon in vergrößerter Form. Er hatte zu Beginn
des Semesters seine Lage erklärt. Ein anderer, der mit Laptop und Punktschriftzeile arbeitet, zum Teil auch schon auf Diskette
2.3. Praktika:
- Im Grundstudium: Physik, anorganische und organische Chemie, Histologie
(fakultativ), botanisch-mikroskopischer Kurs, Mikrobiologie, Biochemie
- Oft Gruppenarbeit, dann Arbeitsteilung
- zum Teil Einzelarbeit, z.B. Mikroskopieren; dabei habe ich vieles nicht mitbekommen, alles ging immer sehr schnell, brachte
Schwierigkeiten und war sehr frustierend
2.4. Infobeschaffung:
- In der Regel
können Augenärzte die richtige Brille verschreiben, über andere Hilfsmittel wissen sie wenig oder nichts.
- Es ist auf jeden
Fall notwendig, sich anderweitig zu informieren:
Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte (RES) in Marburg,
andere Sehbehinderte, Horus, ...,
Reha-Messen Düsseldorf, Karlsruhe,
bei Herstellern direkt.
- Mir bekannte Sehbehinderte von Regelschulen hatten oft weniger Informationen über Hilfsmittel und gesetzliche
Regelungen.
2.5. Hilfsmittel:
- Lupen, Lupenbrillen, Fernrohrbrillen, Monokular, Bildschirmlesegerät,
Großschriftprogramm oder Großschriftsystem und größerer Monitor für Computer, gute Beleuchtung
- Persönlich komme ich
mit dem Bildschirmlesegerät sehr gut zurecht, mein Monokular erweist mir gute Dienste.
- Mit Lupen- und Fernrohrbrillen
habe ich negative Erfahrungen gemacht. Durch starke einseitige Belastung kam es zur Überforderung der Augen. Ich bin der Meinung, daß mein
Sehvermögen dadurch verschlechtert wurde.
3. Kommunikative Probleme
Kommunikation: Einfaches Modell: Sender, Signal, Empfänger Speziell nonverbale Kommunikation: Gestik, Mimik
3.1. Thesen zur nonverbalen Kommunikation:
- Nonverbale Kommunikation als Teil der Kommunikation ist oft gestört, weil
Sehbehinderte zum Teil Signale nicht oder falsch empfangen.
- Nonverbale Kommunikation oft einseitig, weil Sehbehinderte
ihrerseits weniger nonverbale Kommunikation einsetzen (z. B. Blickkontakt suchen, Zunicken, begrüßende Gestik) und vom anderen weniger
wahrnehmen. Sicher auch deswegen, weil die Kontrolle fehlt; man merkt nicht, ob und wie es beim anderen angekommen ist.
- Vollsehende benützen nonverbale Kommunikation ganz selbstverständlich, vieles davon ist ihnen nicht bewußt. Es ist schwer für sie
einzuschätzen, was beim Sehbehinderten ankommt. Sie denken auch kaum darüber nach.
- Ich glaube, daß beiden dieser
Umstand nicht richtig klar ist.
- Blinden gegenüber wird sicher anders reagiert.
3.2.
Nichterkennen von Kommiliton/inn/en:
Als Sehbehinderter erkenne ich andere (Mitstudierende, Bekannte, Professoren usw.)
erst sehr viel später. Der normal Sehende nimmt mich zuerst wahr. Ich erkenne ihn/sie erst aus unmittelbarer Nähe, oder wenn ich direkt
angesprochen werde.
Dies kann zu Schwierigkeiten führen:
- Fühle mich verloren im großen Hörsaal
oder in der Mensa, finde meine Bekannten nicht. Gehe oft ungewollt an ihnen vorbei.
- im nichtuniversitären Bereich
erkenne ich Mitstudierende, Dozent/inn/en, usw.) noch sehr viel später, weil ich erst mal nicht mit ihnen rechne.
- Wie
reagieren die anderen, wenn ich sie nicht wahrnehme, erkenne- Ist ihnen klar, warum ich sie nicht erkannt habe- Fühlen sie sich geschnitten
und verlieren das Interesse an mir-
- Bei besser Bekannten und Freunden verschwindet dieses Problem mit der Zeit, aber in
der Anfangsphase des Kennenlernens tritt es immer wieder auf.
3.3. Seminare und Diskussionen
Bei Seminaren oder in Diskussionen wird in der Regel durch Zuzwinkern das Wort erteilt, dies ist für mich nicht erkennbar. Ich
persönlich habe mich wegen dieses Umstandes seltener zu Wort gemeldet. In sich regelmäßig treffenden Gruppen, Seminaren ist dieses Problem
sicherlich durch ein paar erklärende Worte zu bewältigen.
3.4. Benötigte und überflüssige Hilfe
Problem, seine Situation anderen (Studierenden wie Lehrenden) klarzumachen:
- Was sieht man noch, was
nicht-
- was kann man, wo benötigt man Hilfe-
- Welche Hilfe braucht man, welche nicht-
- Erklärt man seine Behinderung von vornherein, oder erst wenn es Schwierigkeiten gibt-
- Oft macht der Gebrauch
von Hilfsmitteln die Sehbehinderung erst deutlich.
- Für andere ist Sehbehinderung oft schwer einzuschätzen, weil sie sehr
unterschiedlich sein kann, abhängig von Lichtverhältnissen, Sonneneinstrahlung, persönlicher Verfassung, Umgebung.
Wenn ich jemand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort erwarte, erkenne ich ihn/sie auch sehr viel schneller. In großen
Menschenmengen (Vorlesung, Mensa, Stadt, Kneipe) erkenne ich Bekannte sehr viel schlechter oder gar nicht und bin darauf angewiesen,
daß sie mich ansprechen.
3.5. Schlußfolgerung:
Aufgrund der aufgezählten Gründe
finden Begegnungen oft nicht statt, Kontakte kommen nicht zustande, besonders in der Anfangsphase zu Beginn des Studiums. Die
Kontaktaufnahme ist erschwert.
Das waren Probleme die mir persönlich begegnet sind, es gibt sicher noch andere, die von
Ihrer/Eurer Seite ergänzt werden sollten.
4. Konkrete Situationen als Anregung zur Diskussion
Situation 1
Grundstudium: Riesige Hörsäle, komme mir verloren vor, habe keinen Überblick, wer wo sitzt.
Situation 2
Grundstudium: Chemievorlesung, großer chemischer Hörsaal, 500 Sitzplätze. Der Assistent
des Professors faßt mich am Arm, "Für Sie haben wir einen besonderen Platz", führt mich in die erste Reihe und begleitet mich an
einen Sitzplatz, an dem ein Schild angebracht ist: "Reserviert für Schwerbehinderte". Ich sitze nicht gern in der ersten Reihe, weil
ich mit dem Monokular von weiter hinten einen besseren Überblick habe.
Situation 3
Seminar:
Thesenpapiere werden bei uns aus ökonomischen Gründen oft verkleinert. Einmal gab mir die referierende Kommilitonin vor der Stunde ihr
Original. Manche erkennen auch ohne große Worte, wo die Probleme liegen.
Situation 4
Aus irgendeiner
Richtung kommt ein "Hallo", ich erkenne den Sender nicht, war ich gemeint- Wie reagieren-
- Erwidern auf
Verdacht
- Abwarten, Nichtreagieren
Persönliche Erfahrung: Auf der Straße "Hallo", ich
reagiere, gehe auf die Person zu, war aber nicht gemeint, die Betreffende sagt mir das auch ziemlich klar ins Gesicht.
Situation 5
Verabredung
Bei Verabredungen versuche ich immer einen festen Treffpunkt
auszumachen, dann gibts keine Probleme. Bei Verabredungen in Kneipen, bei Veranstaltungen, in der Mensa usw. finde ich es unangenehm, die
anderen suchen zu müssen. Um dem zu entgehen, komme ich oft etwas früher. In der Mensa jemanden zu finden, ist fast unmöglich.
Situation 6
Mensa: Mit anderen essen. Im Gewühle verliert man sich schnell, oder die anderen gehen schon
vor. In welcher Richtung soll ich suchen-
Situation 7
Im Zug bin ich von einer Kommilitonin
angesprochen worden, sie wäre in meinem Semester, kannte sogar meinen Namen. Ich habe diese Frau noch nie gesehen - bewußt
wahrgenommen. Dies geschieht öfters, weil sich die anderen einfach schon vom sehen her kennen.
Situation 8
Oft erzählen mir Leute, sie hätten mich hier oder dort gesehen, ich hätte aber nicht gegrüßt. Wie oft gehe ich an jemandem
vorbei, ohne ihn/sie zu erkennen-
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