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Sehgeschädigte Litauens befreien sich vom "künstlichen
Sozialismus" Mit Freude und Dankbarkeit habe ich den Artikel über den Blindenverband Litauens im ersten horus-Heft dieses Jahres
gelesen. Dr. H.E. Schulze, der voriges Jahr in Litauen weilte, hat ziemlich genau einzelne Bereiche des Blindenwesens in Litauen dargestellt.
Fremde Meinung eines Fachmannes zu hören ist es nicht nur interessant, sondern auch nützlich. Das läßt sogar Vorteile zu bemerken, die man
selber sonst nicht sieht.
Anschließend an die Eindrücke von Herrn H.E. Schulze möchte ich einige Gedanken zu unseren
Problemen und deren Ursachen äußern. Bekanntlich wird die soziale Lage Blinder und Sehbehinderter durch das Entwicklungsniveau der
Gesellschaft bestimmt.
Nach der Volksweisheit ist das Leben ewiger Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Wie in
jedem Kampf, so gibt es auch hier Siege und Niederlagen sowie starke und boshafte Führer. In dem Andersen-Märchen
"Schneekönigin" kam eine böse Fee auf den Gedanken, durch Kälte Menschlichkeit auf der ganzen Welt zu vernichten. Ähnlich
handelte eine Gruppe von Menschen im 20. Jahrhundert, indem sie Kommunismus auf der ganzen Welt aufbauen wollte. Dadurch wurde die
normale Entwicklung gestört und eine Gesellschaftsordnung geschaffen, die wir jetzt als "künstlichen Sozialismus" verstehen. Durch
diese böse Genies verwandelten sich viele Länder der Welt, darunter auch Litauen, in einen Eispalast.
Unter den
Bedingungen des "künstlichen Sozialismus" lebten Blinde und Sehbehinderte Litauens zwischen vielen Paradoxen, die sie allein nie
bewältigen konnten. 87% der Sehgeschädigten im arbeitsfähigen Alter üben eine Tätigkeit aus. Trotzdem durften wir uns nicht über solche
große Beschäftigung freuen, denn sogar 91% aller berufstätigen Blinden arbeiten in den Betrieben und Einrichtungen des BSV und nur 6%
davon üben einen Nicht-Arbeiterberuf aus. Die meisten Sehgeschädigten verrichten eine sehr schwere, wenig bezahlte und oft
gesundheitsschädliche manuelle Arbeit. Unsere Leute lebten isoliert in den Wohnvierteln, verbrachten ihren Urlaub in den verbandseigenen
Erholungszentren. Die Isolierung Sehgeschädigter von der Öffentlichkeit war durch staatliche Gesetze festgelegt, die sehende Umwelt
kümmerte sich nicht um ihr Leben. So waren die Sehgeschädigten gezwungen, ihre Probleme mit eigenen Kräften zu lösen. Wie in dem
schwarzen Humor - Rettung der Ertrinkenden ist Sache selber Ertrinkenden. Blinde und Sehbehinderte mußten ihre arbeitsunfähigen Kollegen
erhalten oder materiell unterstützen. Kulturtätigkeit, Herstellung von Hör- und Braillebüchern, wissenschaftliche Forschungen zu Blindenfragen
mußten auch vom Verband finanziert werden. Viel Mittel nahm die Ausbildung unserer sehgeschädigten Kinder und Erwachsenen in Anspruch,
denn sogar Herstellung von Lehrbüchern für Blinde hatte der Verband zu bezahlen. Mit Recht waren wir auf die Berufsensembles unseres
Verbandes stolz, doch auch sie konnten nur vom Ertrag existieren, der von unseren Sehgeschädigten erzielt wurde. Doch das traurigste in
dieser Entwicklung war, daß die sehende Welt die Existenz Blinder und Sehgeschädigter vergaß. Doch nach dem Märchen mußte das Böse dem
Guten früher oder später Platz schaffen, die Natur nach einem Winterfrost erwachen. Auch die Gesellschaft, die die humane Gesinnung aus
ihrem Leben verdrängt hatte und ihre Wirtschaft erstarren ließ, konnte nicht lange existieren. So wuchs in Litauen eine starke
Wiedergeburtsbewegung. Nach den demokratischen Wahlen wurde am 11. März 1990 der unabhängige Staat Litauen wiedererrichtet, der den
Weg des Fortschritts und der Humanität zu beschreiten bereit ist.
Mit dieser Veränderung eröffneten sich vor den
Sehgeschädigten Litauens neue Aussichten, sich aus jenem Paradoxenkreis loszureisen. Doch nach der ersten Freude, die bestimmt auch das
wiedervereinigte deutsche Volk erlebt hatte, kam der schwere Alltag. Unser Staat, den westlichen Ländern folgend, will den Weg zur freien
Marktwirtschaft einschlagen, doch von der sowjetischen Periode hat er eine völlig erschöpfte Wirtschaft geerbt. Es wird nicht leicht fallen,
politische und wirtschaftliche Reform zur gleichen Zeit durchzuführen, deswegen sind zeitweilige Verschlechterungen auf verschiedenen
Gebieten zu erwarten. Nicht zu vergessen ist, daß das Bewußtsein unserer Menschen sich sehr schwer von den Schranken der Vergangenheit
befreit.
Blinde und Sehbehinderte Litauens gerieten auch in eine schwere Situation. Wie erwähnt, sind wir völlig von den
Produktionsbetrieben des Verbandes abhängig. Unsere Betriebe mit veralteter Technologie, viel manueller Arbeit sind nicht leistungsfähig.
Schon heute sinkt ihr Gewinn, und es ist fragwürdig, ob sie unter den Bedingungen freier Wirtschaft konkurenzfähig sind. Berücksichtigend den
Staatshaushaltsdefizit sollten wir uns bemühen, wenigstens in der Übergangszeit diese Betriebe zu erhalten.
Den Ausweg
sehen wir in neuen modernen Technologien und Herstellung von Erzeugnissen, die Nachfrage auch in westlichen Ländern hätten. Denn ohne frei
konvertierbaren Devisen ist ein großer Fortschritt in der Produktion unvorstellbar. Kooperation mit westlichen Betrieben würde einen positiven
Schritt auch in der Versorgung Blinder mit Hilfsmitteln bedeuten. Denn schon heute, wenn wir zu den Realpreisen übergehen, gibt es Probleme
auf diesem Gebiet.
Nicht zufällig erwähnte ich wirtschaftliche Probleme in erster Reihe. Denn sollten unsere Betriebe
stillgelegt werden, dann würde die Mehrheit Sehgeschädigter auf die Straße gesetzt. Ihre materielle Lage würde sich sehr verschlimmern,
schon nicht gesprochen von den Kultur- und Sportveranstaltungen, Herstellung von Braille- und Hörbüchern usw. Diese Bereiche haben durch
das Wirtschaftsembargo gegen Litauen besonders gelitten.
Bei der Besorgnis um ökonomische Probleme vergessen wir
manchmal den Menschen selbst. So auch im BSV Litauens. Wirtschaftliche Erwägungen verdrängen in den zweiten Plan die wichtigsten Ziele
und Aufgaben aller Blindenorganisationen - Rehabilitation und gesellschaftliche Integration. Der Staat schenkte diesen Fragen keine
Aufmerksamkeit, und so vermissen wir heute ein effektives Rehabilitationssystem. Also wir wollen nochmals von Anfang an beginnen und
wünschen möglichst viele Ratschläge und Hilfe.
Sehr nützlich könnten Hinweise fachkundiger Spezialisten zur Struktur
unseres Verbandes sein. 50 Jahre haben wir in der Gesellschaftsstruktur gelebt, in der nur pyramidenförmige Organisationsstrukturen möglich
waren. Und nun, wenn sich das Tor zum Westen für uns immer mehr öffnet, erfahren wir, daß auch andere Varianten möglich sind.
Wir sind überzeugt, daß unsere Lage nur durch neue gesetzliche Bestimmungen auf Staatsebene geändert werden kann. Die
Situation dafür ist günstig. Nachdem die Litauische Republik wiedererrichtet wurde, werden neue Gesetze verabschiedet, in denen man
versucht, an die Behindertenprobleme aufs Neue heranzugehen. Doch auch hier stoßen wir auf wenig Verständnis für unsere Probleme und
Erfahrungsmangel. Es fehlen Informationen über die Gesetzgebung in anderen Ländern. Welche Gesetze regeln dort die soziale Lage Blinder-
Wie schnell reagieren die Gesetze auf neue Lebensverhältnisse- Wieweit ist die Aufsicht über die Gesetzesanwendung garantiert-
Heute können wir uns nur noch schwer die Finanzierung des Blindenwesens unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft vorstellen.
Wir können auf eine bestimmte staatliche Unterstützung hoffen, aber welche Gesetze könnten private Arbeitgeber verpflichten, den Belangen
Sehgeschädigter nachzukommen- Womit wollte man beginnen, welche Gesetze bzw. Verordnungen sind nötig und ausreichend-
Die Antworten auf diese Fragen würden unseren Weg zum Rechtsstaat erleichtern. Als erster wichtiger Schritt wird der Gesetz über die
soziale Eingliederung von Behinderten sein. Sein Entwurf ist schon vorbereitet.
Noch ein halbes Jahr vor der
Souveränitäts-Erklärung Litauens haben Sehgeschädigte Litauens den Weg zur Demokratie und Selbständigkeit eingeschlagen. Der
Blindenverband wurde in den Blinden- und Sehschwachenverband umbenannt und gleichzeitig haben wir uns von der uns aufgezwungenen
Satzung des Russischen Blindenverbandes befreit. Zur Zeit der Vorbereitung unserer neuen Satzung war das Statut der Weltblindenunion uns
nicht bekannt, doch es stellte sich heraus, daß die wichtigsten Ziele und Aufgaben der beiden Organisationen übereinstimmen. Deshalb wäre
uns schwer zu verstehen, wenn unser Verband in die Weltblindenunion nicht aufgenommen würde, damit wir alle gemeinsam die Anerkennung
Sehgeschädigter in der Gesellschaft anstreben.
Gerade heute ist eines der Ziele der Weltblindenorganisation - Austausch
von Erfahrungen und Informationen - uns wie nie zuvor wichtig. Wir möchten ja nicht das Fahrrad aufs neue erfinden oder nach einer Zeit alles
wieder von Anfang an beginnen.
Doch ungeachtet aller Schwierigkeiten und Sorgen fühlen wir uns von dem Winterfrost
befreit und schauen hoffnungsvoll der Zukunft entgegen. Optimismus schöpfen wir von unseren Freunden in freien Ländern. Zu solchen
Freunden, so hoffe ich, werden auch die Zeitschrift "horus" sowie unsere Kollegen aus Marburg gehören, an die ich mit aufrichtiger
Hochachtung zurückdenke.
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