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Leserbrief: Für den Inhalt der in dieser Zeitschrift abgedruckten Leserbriefe sind ausschließlich deren Verfasser verantwortlich. Soweit sie nur gekürzt oder

J. Ender

Das Feindbild des Anbieters von Blindenhilfsmitteln

Mein Name ist Josef Ender, ich bin Mitarbeiter einer deutschen Hilfsmittelfirma. Ich möchte hier einige Gedanken zur Diskussion stellen, die mir bei der Lektüre der einschlägigen Blindenzeitschriften während der letzten Jahre gekommen sind.

Haben Sie es nicht auch schon gelesen,

- daß die Hilfsmittelfirmen die Hilfsmittel viel zu teuer verkauften, schlechte Leistungen erbrächten und sich den Blinden gegenüber arrogant verhielten-

- Daß keine Artikel von Mitarbeitern einer Herstellerfirma in Blindenzeitschriften mehr zugelassen werden sollten-

- daß man in Punkto Computer von dem Händler an der Ecke viel billiger und besser bedient würde-

Drängt sich hier nicht die Frage auf: wie kommen solche Pauschalaussagen zustande, die immerhin auf mehr als zehn Anbieter gleichermaßen zutreffen sollen-

Haben Sie auch den Aufruf gelesen, über negative Erfahrungen mit Hilfsmittelfirmen zu berichten- Ist nicht bereits diese Fragestellung geeignet, ein falsches Bild wiederzugeben- werden nicht nur die unzufriedenen antworten, so daß selbst gewissenhafte Firmen schon durch eine einzige Panne, die überall passieren kann, in ein schlechtes Licht gerückt werden-

Wer sind eigentlich diese "Feinde der Blinden", und welche Profitgier treibt sie, ihre Klientel so auszubeuten- Sind es nicht die Leute, die dafür gesorgt haben, daß es heute überhaupt blindengerechte Arbeitsplätze gibt- Könnte es nicht sein, daß die Preise für die Hilfsmittel in direkter Relation zu den Entwicklungskosten und dem anschließend geleisteten Serviece stehen- Wem ist es tatsächlich bewußt, daß die Kosten für die Entwicklung eines Braillegerätes, einer Computeranpassung für Blinde bzw. Sehbehinderte oder einer Sprachausgabe in die Millionen geht- Schlagen nicht hier bei einer Stückzahl von ein paar hundert Geräten die Entwicklungskosten mit mehreren Tausend Mark zu Buche- Und stimmt diese Rechnung nicht auch gleichermaßen für die Bauteile, die ebenfalls nur in kleinen Stückzahlen und damit teuer eingekauft werden müssen-

Wie sieht es mit dem Service aus- Was kostet es die Firma, wenn ein Interessent eine Vorführung wünscht, anschließend in einem halbstündigen Telefongespräch weitere Fragen klären möchte und schließlich die Anlage ausgeliefert bekommt- Wieviel Kosten entstehen in einem einstündigen Telefongespräch mit einem Kunden, weil er trotz Handbuch und Einweisung Fragen zur Bedienung hat- Normale Firmen wie Nixdorf oder IBM kalkulieren mit etwa 200 DM pro Stunde, und diese Preise sind bei qualifiziertem Fachpersonal und einer guten technischen Ausstattung nicht übertrieben, denn sie bestehen natürlich nicht nur aus dem Lohn, sondern auch aus Aufwendungen für Ausrüstung, Weiterbildung, Verwaltung etc. Was würde geschehen, wenn all diese Kosten dem Interessenten oder dem ratsuchenden Kunden in Rechnung gestellt würden- Oder hielten Sie es für wünschenswert, an vorheriger Beratung, anschließender Betreuung oder verwendetem Material zu sparen-

Sind gleiche Geräte beim Händler vor Ort wirklich billiger- Zur Beantwortung dieser Frage muß zunächst geklärt werden, Was der Kunde von den Hilfsmittelfirmen erwartet und was der Händler an der Ecke liefert-

Erachten Sie es nicht auch als sinnvoll, wenn der Benutzer nach einer möglichst kurzen Einarbeitungszeit mit seiner Anlage arbeiten kann- Hängt dies jedoch nicht von dem Umfang der Installation durch den Lieferanten ab- Sind bei dem Kauf vor Ort folgende Faktoren berücksichtigt:

1. Sind die angebotenen Geräte vergleichbar bezüglich ihres technischen Aufbaus, Langlebigkeit der Herstellerfirma, Ersatzteilbeschaffung, Qualität der Handbücher etc.-

2. Wieviele Stunden muß der Kunde selbst noch in die Installation investieren-

3. Welche Hilfen braucht der Nichtsehende für diese Arbeit (Freunde, Vorlesekräfte, Auflesedienst etc)-

4. Wieviele dieser Kosten werden durch die Hilfsbereitschaft des Händlers vor Ort gegenüber dem "armen Blinden" oder durch die Kulanz der Hilfsmittelfirmen geschluckt, die in langen Telefongesprächen Installationshinweise geben-

5. Könnten diese Kosten auch unter den Tisch fallen, wenn es sich nicht nur um Einzelfälle handelte-

6. Welche Voraussetzungen bringt der Händler an der Ecke mit, um die ihm gestellte Aufgabe zu lösen- Wer trägt die Kosten, wenn es Schwierigkeiten gibt und (wie schon mehrfach geschehen) die Hilfsmittelfirma die Kohlen aus dem Feuer holen muß-

7. Wieviel Zeit geht durch all diese Faktoren von der eigentlichen Arbeitszeit mit dem Gerät verloren-

8. Wieviel Kostet die Anlage nun wirklich-

Wer sich einmal mit dieser Materie beschäftigt hat, weiß, daß der Aufbau einer Computeranlage, (Programminstallation, Druckeranpassung usw.) weitaus schwieriger ist als der Aufbau einer Heim-Stereoanlage. Dabei sind noch nicht die Besonderheiten einer Spezialanpassung für den Behinderten und die Einarbeitung in die Programme berücksichtigt. Wer hat wirklich so viele Vorkenntnisse, um diese Arbeit zu übernehmen- Wer aus Ihrem Bekanntenkreis ist in der Lage, ein (oft mageres) Computerhandbuch zu verstehen und entsprechend vorzulesen-

Wer sind die Benutzer, die das Know How besitzen, ihre Anlagen selbst zusammenzubauen und anzupassen, um damit durch Eigenleistung die Preise zu senken- Sind es nicht oft technisch interessierte Anwender, die sich mit viel Zeit und Freude als eine Art Hobby in die Materie einarbeiten- Wie ist dann jedoch ihre spätere Behauptung zu bewerten, Die Anpassung sei für jedermann auf die angeblich so preiswerte weise durchführbar- Wer hilft hingegen jenen, die weder die Vorkenntnisse, das Interesse noch die Zeit haben, sich über Monate in die Grundlagen der Computerei einzuarbeiten, weil der Vorgesetzte erwartet, daß sie nach dem ersten Tag die angefallene Arbeit erledigen- Was geschieht, wenn der in den Blindenzeitschriften ausgetragene "Expertenstreit" über die Billiglösung von den technischen Beratern tatsächlich ernst genommen wird- Sind die Experten dann in der Lage, Herrn Meier in X den Drucker, die Braille-Anbindung oder die Emulation ans Laufen zu bringen, wenn der ortsansässige Händler überfordert ist und sich der Kostenträger weigert, die angeblich überteuerte Lösung zu bezahlen-

Noch ein Wort zu Artikeln, geschrieben von Firmenmitarbeitern. Muß man hier eigentlich immer nur Schleichwerbung befürchten, oder Gibt es nicht auch den Gesichtspunkt der Information an den Benutzer- Wer kann detailliertere und qualifiziertere Informationen über ein Produkt geben als der Hersteller selbst- Warum werden die "Expertisen" mancher Schreiber, aus deren Äußerungen eine profunde Unkenntnis der besprochenen Geräte und Programme abzulesen ist, höher eingeschätzt als die vermeintliche Schönfärberei der Firmenangehörigen- Ist im Falle einer Falschaussage das Risiko für eine Firma nicht wesentlich höher als das des Privatmannes- Können Sie sich die Entrüstung vorstellen, wenn eine Firma ihrem Produkt in einem Artikel eine nicht vorhandene Eigenschaft zuschreiben würde- Was geschieht hingegen, wenn dies Herr Y tut- Würde die Firma, die Herrn Ypsilons Behauptung richtigstellt, sich nicht dem Verdacht aussetzen: "wer sich verteidigt, klagt sich an"-

Nun noch zu dem jetzigen Inhalt vieler Zeitschriften- Findet man nicht immer wieder Beschreibungen von Programmen oder Geräten, die entweder gelobt, getadelt oder einfach als "für Blinde besonders geeignet" angepriesen werden- Wo ist der Unterschied, ob ein Programm der Firma Micro Soft oder ein Programm einer Firma für Blindenhilfsmittel vorgestellt wird- Meinen Sie nicht auch, daß hier mit zweierlei Maß gemessen wird-

Als Mitarbeiter einer Hilfsmittelfirma kann ich Ihnen versichern, daß bei uns der Gedanke einer guten und Kundengerechten Lösung erste Priorität hat. In meinem Beruf habe ich es mit Menschen zu tun, und demzufolge kommt es auch zu Meinungsverschiedenheiten. Die Ursachen hierfür können bei der Firma, beim Kunden oder sogar auf beiden Seiten liegen. Sollte es nicht unser gemeinsames Ziel sein, Probleme aus der Welt zu schaffen. Ich fordere Daher die Blindenverbände auf, sich aktiv an der Lösung von Fragen zu beteiligen, indem sie konstruktive und realisierbare Verbesserungsorschläge machen. Ferner möchte ich alle diejenigen, die sich für die Problematik und den Umfang der Hilfsmittelerstellung interessieren, herzlich einladen, die Firmen zu besuchen, um sich ein Bild von den Gegebenheiten vor Ort machen zu können.

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