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Vom 13. bis 16. November 1990
fand in Madrid eine Konferenz über verschiedene Aspekte der Braille-Schrift statt. Sie wurde von der EBU (Europäische Blindenunion)
veranstaltet und durch die spanische Blindenorganisation (ONCE) perfekt organisiert. 110 Teilnehmer aus 22 Ländern waren beteiligt.
In Vorträgen und Diskussionen befaßte sich das Programm mit drei Themenbereichen:
1. Gebrauchte
Braille-Schrift
2. Aspekte des Braille-Unterrichts
3. Die Bewertung neuer Technologien bei der
Braille-Produktion.
Neben den offiziellen Veranstaltungen war natürlich reichlich Zeit für Erfahrungsaustausch gegeben,
wobei ich erfreulich viele Übereinstimmungen mit anderen Kollegen aus anderen Ländern in meinem Tätigkeitsbereich - Punktschriftunterricht -
feststellen konnte, aber mehr noch Anregungen bekam, die ein Überdenken eigener Vorgehensweisen ratsam erscheinen lassen. Ich möchte
daher auch darauf verzichten, auf alle in dieser Konferenz angesprochenen Aspekte einzugehen und mich im wesentlichen auf meinen Bereich
beschränken.
Hervorgehoben wurde allgemein die unumstrittene Notwendigkeit der Braille-Schrift und des
Punktschriftbuches, die Fähigkeit selbst zu lesen und zu schreiben. Nur so sei ein Zugang zur Kultur wirklich möglich, eine tatsächliche
Selbständigkeit im Alltag gewährleistet. Dabei ist das Eingehen auf individuelle Möglichkeiten, mit der Braille-Schrift etwas anzufangen,
Voraussetzung für sinnvollen Unterricht. Meistens sind es physische Probleme, die einen selbstverständlichen Umgang mit Punktschrift
erschweren oder kaum möglich machen. Aber eine Grundkenntnis dieser Schrift sollte jedem möglich sein - Buchstaben und Zahlen -, um
Gegenstände des täglichen Gebrauchs oder Tonträger zu kennzeichnen. Gerade bei Kassetten, auf die man ohne wirklichen Gebrauch der Schrift
ja besonders angewiesen ist, wird man auf eine präzise Markierung nicht verzichten können.
Für Diskussionen sorgt immer
noch die Frage, ob Kurzschrift gedruckt werden soll oder nicht. Die Praxis ist wohl inzwischen wechselnd: Der deutsch-englisch-französische
Sprachraum benutzt Kurzschrift, andere Länder wie das Gastgeberland drucken eher Vollschrift, höhere Berufe verwenden auch Kurzschrift.
Lateinamerika wendet Kurzschrift bereits in Kinderbüchern an.
Gegen die Verwendung der Kurzschrift wird immer noch
argumentiert, weil dadurch Ausländern fremdsprachige Literatur nicht zugänglich sei. Wer sich aber in einer fremden Sprache so gut auskennt,
daß er ihre Literatur lesen kann, der könne auch in den meisten Fällen die Kurzschrift erlernen, so ist das Gegenargument. Entschärft werden
könnte dieses Problem durch die Möglichkeiten des Computerdrucks, der - je nach Programm - Vollschrift oder Kurzschrift ausdrucken kann.
Darstellungen griechischer und japanischer Kollegen belegten die Schwierigkeiten, in diesen Sprachen Punktschrift oder gar
Kurzschrift überhaupt möglich zu machen. Bei den Griechen ist es die komplizierte Grammatik und deren Veränderung im Laufe der
Jahrhunderte. Die Japaner haben mit über 6000 Zeichen zu kämpfen, die dargestellt werden müssen. Ein vereinfachtes System bedient sich der
8-Punkt-Schrift, aber nicht, wie wir sie kennen. Oft werden zwei bis vier Punktschriftfelder benutzt, die Abgrenzung von Zeichen oder
Buchstaben geschieht dann durch Voranstrich oder nachgestellte Punkte fünf bzw. zwei.
Nicht Eingeweihte konnten lernen,
daß die 8-Punkt-Schrift schon im 19. Jahrhundert eine Rolle bei der spanischen Notenschrift gespielt hat; sie wurde bis in die fünfziger Jahre
unseres Jahrhunderts verwendet. Dann hat man von ihr Abstand genommen, u. a. auch deshalb, weil besondere Vorrichtungen für das
Schreiben erforderlich waren.
Der Punktschriftunterricht - besonders bei Späterblindeten - stellte sich methodisch in
vielfältiger Weise dar. Es reichte von der systematischen Einführung über die bei uns bekannten Sechs Gruppen des Braille-Systems bis zur
"Ganzwortmethode", der man sich in Dänemark in drei Wochenkursen unterschiedlicher Intensität bedient. Hierbei werden
Gebrauchsgegenstände geschrieben und gelesen und so Buchstaben kennengelernt. Der Bedarf an Punktschriftkenntnissen wird dabei den
individuellen Interessen und Fähigkeiten des Rehabilitanden angepaßt.
Auch mit Diabetes erkrankten Rehabilitanden gibt man
sich in Dänemark sehr viel Mühe. Herr Eckmann aus Kopenhagen vertrat die Ansicht, daß die Aussage "Diabetiker können kaum oder
schlecht Punktschrift lesen lernen" das "sanfte Ruhekissen des Rehabilitationslehrers" sei, man habe dort mit 95 % dieses
Personenkreises bessere Erfahrungen gemacht.
Ich konnte bei einem Komitee mitarbeiten, das unter Leitung von Herrn
Catani, Vizepräsident der EBU, eine Resolution verfaßte, die einstimmig von der Versammlung verabschiedet wurde. Hier abschließend die
Schwerpunkte:
- Die Kongreßteilnehmer begrüßen jede technische Weiterentwicklung, aber sie verteidigen Braille als
natürliches Medium für blinde Personen, um ein Maximum an Unabhängigkeit zu wahren.
- Lehrerinnen und Lehrer von
blinden Kindern, ob blind oder sehend, sollten Kenntnis vom Braille-System haben.
- Bücher und Veröffentlichungen sollten
ansprechender gestaltet werden.
- Formate und Aufmachung einer Veröffentlichung sollten auf die Zielgruppe mehr
eingehen.
- Die Teilnehmer erkennen an, daß blinde Kinder besondere Bedürfnisse haben, und fordern deshalb, daß Bücher
und Lehrmittel attraktiv und anregend sein müssen. Richtlinie dafür müssen die Seminare zum Thema "Kinderbuch" in Monza (1981)
und Stockholm (1990) sein.
- Es sollten mehr Anstrengungen unternommen werden, um Veröffentlichungen in Braille in
Vollschrift herauszubringen, um so einzelnen Wünschen gerecht zu werden und internationalen Austausch zu erleichtern.
-
Auf nationaler und internationaler Ebene müssen Barrieren rechtlicher Art beseitigt werden, die dem Abdruck von Literatur in Braille-Schrift
entgegenstehen.
- Der Kongreß fordert die Weltblindenunion (WBU) auf, ein Forum einzurichten, das für eine
Standardisierung von Braille-Codes und Gestaltung von Veröffentlichungen sorgt.
- Mögliche Änderungen im Braille-System
sollten von den Anforderungen von Braille-Regeln diktiert werden und nicht von technologischen Gegebenheiten.
- Wenn
immer möglich, sollten wesentliche Informationen für die Öffentlichkeit in Braille verbreitet werden.
- Einrichtungen von und
für Blinde sollten Punktschrift verwenden, wenn sie mit Braille-Benutzern kommunizieren.
- Die Kongreßteilnehmer begrüßen
es ausdrücklich, daß alle Papiere auch in Punktschrift vorlagen. Sie danken der ONCE für die hervorragende Organisation des Kongresses und
sprechen den Dolmetschern ihre Anerkennung für die präzisen Übersetzungen in vier Sprachen aus.
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