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Zum ersten Mal in Deutschland trafen wir uns, blinde und sehbehinderte Autoren, zu einem Wochenendseminar. Ziel war hauptsächlich die
Klärung unserer Identität als Gruppe, die trotz unserer vielen Unterschiede und trotz der Bewahrung der eigenen Individualität besteht. Wir
wollten uns gegenseitig kennenlernen, uns besonders über unsere gemeinsame Tätigkeit des Schreibens mitteilen und auch die Probleme
besprechen, die unsere Behinderung, für uns als Autoren, mit sich bringt.
Zu diesem Zweck wurden auch die
Diskussionsthemen konzipiert. Unter anderem z. B.: Ist unsere Literatur anders als die sehender Autoren, und wenn ja, wo liegen die
Abweichungen- Wie wird der Blinde als literarische Gestalt in Texten sehender Autoren dargestellt- Wie kann man Literatur im Kreise der
Blinden und Sehbehinderten fördern-
Wir waren insgesamt zwölf Autoren aus den verschiedensten Regionen Deutschlands,
darunter auch zwei aus der ehemaligen DDR. Diese Zahl umfaßt natürlich nur einen Teil derjenigen, die aus Hobby schreiben und die in
irgendeiner Form bereits Texte veröffentlicht haben. Die Zahl der Interessenten, mit denen ich Kontakt aufgenommen hatte, die aber nicht am
Seminar teilnehmen konnten, beläuft sich auf weitere zehn Autoren. Ich hoffe, daß viele neue Teilnehmer nach dem Bekanntwerden unserer neu
gegründeten Interessengemeinschaft in der Öffentlichkeit zu unserem nächsten Treffen kommen werden. Wenn man bedenkt, wie wenig
literarische Bestrebungen in den Aktivitäten der Blindenorganisationen bisher berücksichtigt worden sind, muß man sich darüber wundern, daß
noch so viele schriftstellerisch tätig sind und daß diese Privatinitiative mit so viel Resonanz aufgenommen wurde.
Zum
Ablauf der Tagung sind folgende Punkte zu vermerken:
1. Am Freitag abend hatten wir die Journalistin und Autorin
Rosemarie-Inge Prüfer aus Köln zu Gast, die freundlicherweise einen ganzen Tag bei uns blieb und die an unserer Dichterlesung am Samstag
nachmittag auch noch teilnehmen konnte. Wir diskutierten als erstes über die Frage: Warum schreiben wir- Sehr unterschiedliche
Beweggründe, die mit dem jeweiligen biographischen Hintergrund jedes einzelnen zusammenhängen, wurden angeführt:
a)
Wunsch, sich von einer monotonen, nichtssagenden Arbeit zu befreien.
b) Bedürfnis, sich politisch zu äußern und der
Betroffenheit über gewisse Ereignisse, z. B. über den Golfkrieg, Ausdruck zu geben.
c) Schönheit des Phantasiespieles, des
eigenen Gestaltens. Eine Teilnehmerin erzählte, da es zu wenige Bücher in Blindenschrift gab, und sie viel lieber mehr gelesen hätte, fing sie
an, selber zu schreiben.
d) Suche nach einem Betätigungsfeld, wo wir die eigenen Fähigkeiten beweisen können, wo wir voll
aktiv werden und uns keine Grenzen gesetzt sind.
e) Möglichkeit, sprachlich an sich selbst zu arbeiten, indem man durch
ein Ausleseverfahren immer nach dem qualitativ besseren Ausdruck strebt. Dieser Punkt war für einen ausländischen Teilnehmer besonders
relevant gewesen.
f) Möglichkeit der Mitteilung durch das Schreiben, die bei einigen im mündlichen Bereich weniger
erfolgreich wäre.
g) Befähigung zur Selbstanalyse und zu einer intensiveren Beobachtungsgabe. Vermittels des Schreibens
werden wir sensibler, reicher an Empfindungen und Gedanken. Das Schreiben trägt zu einer Vertiefung des Erlebten bei, obwohl wir da
vorsichtig differenzieren müssen, denn es gibt auch eine oberflächliche Literatur.
Anschließend wurde die Frage besprochen,
ob technische Schwierigkeiten bei der Abfassung der Texte aus unserer Behinderung resultieren. Es wurde allgemein zugegeben, daß das
Verfahren sich als sehr kompliziert gestaltet. Einige Teilnehmer, die über einen Sehrest verfügen und die Blindenschrift noch nicht beherrschen,
schreiben ihre Texte direkt auf der Schreibmaschine. Sie sind aber oft nicht mehr in der Lage, das Geschriebene selbst zu lesen. Für die
spätere Überarbeitung des Textes ist es erforderlich, daß ihnen jemand denselben auf Band vorliest, damit sie die notwendigen Korrekturen
vornehmen können. Punktschrift ist die beliebteste Form der übrigen Teilnehmer für die erste Fassung eines Textes. Nur zwei der Teilnehmer
bedienen sich ausschließlich des akustischen Mediums. Sie sprechen ihre Texte bei der ersten Fassung und der Korrekturphase jeweils auf
Kassette. Obwohl dieses Verfahren eine offensichtliche Vereinfachung bedeuten würde, denn dann wäre man nicht auf Vorleser angewiesen,
äußerten die anderen dazu, daß es zu ungewohnt und fast unmöglich zu erreichen sei, geschriebene Worte sofort in gesprochene umzusetzen.
Am Ende waren wir uns alle darüber einig, daß das Schreiben trotz der vielen Schwierigkeiten große Freude macht und daß
das schwerere Verfahren in unserem Fall nicht die Qualität des fertigen Textes zu beeinträchtigen braucht.
Die persönliche
literarische Entwicklung jedes einzelnen von uns kam auch zur Sprache. Autoren, die uns damals beeinflußt hatten, und die jetzt nicht mehr
unsere Vorbilder sind, Mängel und Schwächen unserer Art zu schreiben damals, die uns jetzt bewußt werden.
Dann gingen
wir zum nächsten Thema über, welches wieder gruppenorientiert war. Dieses lautete: "Wie sind unsere bisherigen Erfahrungen mit der
Rezeption unserer Texte, mit Lesern, Verlagen und anderen Autoren-" Die Schwierigkeiten für junge Autoren, einen Verlag zu finden, sind
natürlich unter uns auch vorhanden und vielleicht durch unsere Lage noch größer, da jeder Autor Zugang zu den verschiedensten
Informationen haben sollte, um die bestehenden Trends auf dem literarischen Markt zu erforschen. Frau Rosemarie-Inge Prüfer empfahl uns das
Buch: "Wie finde ich den richtigen Verlag-" von Kristiane Allert-Wybranietz. Sie verteilte Listen von Ansprechpartnern in
verschiedenen Rundfunkanstalten, an die man sich wenden könnte. Viele von uns haben bereits Erfolgserlebnisse bei Lesungen und
Rundfunksendungen hinter sich. Auch haben einige durch Selbstfinanzierung Bücher oder Beiträge in Anthologien und Zeitschriften
veröffentlicht. Vor Verlagen, die nur gegen hohe Bezahlung den Autoren Texte abnehmen, wurde eindringlich gewarnt. Auch wurde darüber
polemisiert, was wirklich veröffentlichungswert sei und was nicht, denn Texte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht beachtet wurden,
erwiesen sich später, im Laufe der Geschichte, als wertvoll.
2. Am Samstag vormittag war der Gegenstand unserer
Diskussion die Frage, ob wir anders als die sehenden Autoren schreiben. Die Hauptaussagen zu diesem Punkt waren folgende:
a) Wir unterscheiden uns grundsätzlich nicht von den sehenden Autoren. Nur insofern, als sich ein Individuum von einem anderen
Individuum unterscheidet.
b) Die Gesellschaft zwingt uns oft zum Thema der Blindheit. Deshalb sind die meisten blinden
Autoren durch Autobiographisches über die Behinderung bekannt (Helen Keller, Jaques Lusseyran, Ernst Haun, Tom Sullivan, Peter Krähenbühl,
Karl Björnhof). Die einzigen Ausnahmen sind Jorge Luis Borges und Oskar Baum, die auch über andere Themen geschrieben und nicht nur blinde
Charaktere in ihren Werken gezeichnet haben. Wir dürfen uns nicht ausschließlich auf das Thema der Blindheit festlegen lassen. Die Blindheit
prägt uns gewissermaßen, wie das Geschlecht, die Nationalität und alles, was wir erleben. Aber wir können uns an sich zu allen möglichen
Themen äußern.
c) Wir wenden uns gegen das Vorurteil, daß wir nicht schreiben können, weil uns das Optische fehlt und
weil wir keine richtige Sicht der Wirklichkeit um uns herum besitzen.
d) Wir haben eine gemeinsame Sprache, die der
Sehenden, und wir wollen sie behalten. Mit dem Wort "sehen" verbinden wir auch Inhalte. Es ist kein leeres Wort für uns, und wir
wollen es nicht mit anderen des akustischen und taktilen Bereiches ersetzen. Trotzdem äußerten auch einige die Meinung, daß es vielleicht in
den Beschreibungen blinder Autoren gewisse Unterschiede gibt, insofern, als wir weniger das Äußere eines Menschen oder die Landschaften
beschreiben. Eine viersinnige Perspektive im Falle der Früherblindeten und ein sehr starker Bezug zum Visuellen im Falle der Späterblindeten
lassen sich feststellen.
e) Wenn ein blinder Autor wirklich gut ist, spielt die Blindheit eine geringere Rolle. Wir können diese
bei der Einsendung unserer Texte verschweigen.
Danach referierte ich kurz über meine im Januar 1991 im Peter Lang Verlag
erschienene Dissertation "Die literarische Gestalt des Blinden im 19. und 20. Jahrhundert. - Klischees, Vorurteile und realistische
Darstellungen des Blindenschicksals." Dadurch wurde noch deutlicher, daß wir als Autoren auch von diesen Klischees und deren
Konsequenzen wie Absprechung von Mündigkeit, betroffen sind und daß wir uns damit auseinandersetzen sollen.
3. Bei der
darauffolgenden Lesung stellten zehn der Teilnehmer ihre Texte durch eigenes Vorlesen oder durch Kassettenaufnahmen vor. Wir hatten unter
anderen Gästen auch zwei sehende Autorinnen. Frau Helga Wolfromm aus Köln, die uns den Schlußteil ihres vom Bayerischen Rundfunk
gesendeten Hörspiels "An der Kette" zu hören gab, und Frau Rosemarie-Inge Prüfer, die einige Texte vorlas und auch ihre noch
unveröffentlichte Erzählung "Die Illusion" zur Diskussion stellte.
4. Am Sonntag vormittag diskutierten wir über
die Zukunftspläne der Gemeinschaft und die praktischen Ziele, die wir angehen wollen.
a) Wir beabsichtigen, unsere Texte
in einem Heft zusammenzustellen. Darüber hinaus wird jeder einzelne von uns wie bisher sich weiterhin um Kontakte mit Verlagen und sehenden
Autoren bemühen.
b) Wir wollen keinen offiziellen Verein gründen, sondern jeder für sich autonom bleiben.
c) Wir werden versuchen, in den verschiedenen Blindenvereinen literarische Interessen zu erwecken.
d) Bei unserem
nächsten Treffen, das vom 31. Oktober bis zum 3. November stattfinden wird, werden wir verstärkt auf der Ebene der Textkritik arbeiten.
Alle blinden oder sehbehinderten Autoren können ihre Texte in Schwarzschrift für unsere gemeinsame Anthologie an mich
schicken und alle Interessenten für das nächste Seminar werden gebeten, sich rechtzeitig bei mir zu melden:
Dr. P.
Baumeister, An der Pulvermühle 18, 5000 Köln 91; Tel.: 0221/88 34 70
Diejenigen, die mehr
Informationen über unsere Gruppe oder einen Gedankenaustausch über Literatur wünschen, wenden sich bitte per Kassette an:
Frau Ursula Patzschke, Große Steinstraße 34 a, O-4020 Halle/Saale.
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