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G. Waidner: Ein Buch für Blinde - Aber nicht nur für sie

"Mensch und Tier im Zirkusrund". Text, Bild und Stimme von Blida von Graefe, in Zusammenarbeit mit Christian Seuß. Musik von Robert Zollitsch; herausgegeben vom Bayerischen Blindenbund, München 2, Arnulfstraße 22. Bildbuch und zwei Kassetten 55,00 DM.

Wie die Zirkuswelt und Zirkuskunst blinden Menschen erschlossen werden kann: das war die Frage, die zu dem vorliegenden Werk führte, das der Blindenbund herausgibt. Tierbeobachtung, Bewegungskomik, Bewegungskünste können Blinden nur schwer vermittelt werden. Hier setzt der Versuch der Autorin Blida von Graefe ein, neuartige, in der Kombination des Angebots von Tastbildern, Schrift und Stimme bisher einzigartige, multimediale Zugänge zu eröffnen.

Das Bildbuch enthält (im Aktenordnerformat) zehn tastbare, auch für Sehende interessant festgehaltene Momentaufnahmen aus dem Zirkusgeschehen. Jedem Tastbild (zum Beispiel: Trabende Pyramide, Luftakrobaten fliegen, Hoppla, die Clowns kommen) sind kurze, prägnante, fachliche Ausdrücke einbeziehende, ebenso komprimierte wie gelungene Bildbeschreibungen (textgleich in Schwarzschrift und in Blindenschrift) beigegeben. Was Sprache hier unterstützend leistet zum Verständnis des Bildaufbaus und des dargestellten Geschehens, ist über den Anlaß und die Absicht hinaus ein Musterbeispiel präziser Objektbeschreibung.

Zu den Bildern und dem geschriebenen Text gibt es (auf zwei C 90-Kassetten) einen musikalisch einfühlsam gegliederten Text, der über die Bildwiedergabe und Tastempfehlungen hinaus den Zugang zur Welt des Zirkus auf eine breitere Basis von Erlebnisbeteiligung und Wissensvermittlung stellt. Dies geschieht vorzugsweise über eingeflochtene Zirkusgeschichten (und -geschichte), Reflexionen und tierpsychologische Exkursionen, zum Beispiel, indem auch kritische Fragen der Dressur, des Mensch-Tier- Verhältnisses, des aufgezwungenen "artfremden Verhaltens" und des Tierschutzes nicht umgangen werden. Viel Interessantes, auch im Detail genaues Wissen wird hier "transportiert" und Atmosphäre vermittelt. Wer die Bildbeschreibungen nur liest und sich nicht der Begleitung durch die lebendige Stimme und der sowohl hinführenden als auch überleitenden Musik auf der Kassette anvertraut, dem entgeht das Beste.

Der naheliegenden Versuchung, originale Zirkusatmosphäre oder auch nur Zirkusmusik akustisch einzufangen, hat die Autorin widerstanden. Sie hat die zugleich anspruchsvollere und wirkungsvollere Form der Vermittlung gewählt und zurecht ihrer sprachlichen Charakterisierungskunst vertraut. So ist etwas Außerordentliches entstanden: in Sprache festgehaltenes, mit sprachlichen Mitteln geformtes Erleben, das in seiner Prägnanz Teilhabe und Distanzierung zugleich ermöglicht. Dieses "3-Wege-Lehr- und -Erlebnisbuch" ist eine Bereicherung auch für jeden sprachempfänglichen Sehenden. Es ist kein Buch für Kinder, es kann dazu werden mit erwachsenem Beistand.

(aus: SZ, 21.03.1991)

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