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Dr. M. Jaedicke: Zur Geschichte des BSV - einige Thesen und Probleme

Vorbemerkung der Redaktion:

Dr. Martin Jaedicke wurde 1926 in Berlin geboren. Als Lehrer und Diplomhistoriker promovierte er 1967 mit einer "Geschichte des Blindenwesens Deutschlands bis 1945" und war Mitarbeiter in der Deutschen Zentralbibliothek für Blinde zu Leipzig von 1957 bis 1970. Als Sekretär des Blinden- und Sehschwachenverbandes der DDR gehörte er von 1970 bis 1983 zu den engsten Mitarbeitern des damaligen Vorsitzenden, Dr. Dr. Helmut Pielasch. Seither lebt Dr. Jaedicke als Invalidenrentner in Berlin.

1. Zur Problemstellung

Die DDR hat sich aufgelöst, und der zentralistische BSV mußte ihr folgen. Ich stelle mir mit dem folgenden Beitrag die Aufgabe, eine tragfähige Position zu der Verbandsgeschichte aufzubauen, die das Prinzip "Integration" heuristisch anwendet und die Beziehung zur allgemeinen Geschichte überall wahrt. Dieser Bezug wird zumeist ignoriert.

Dabei korrigiere ich keine Position, die ich selbst in der "Geschichte des Blindenwesens in Deutschland und in der DDR" bis zur Zäsur 1945 bezogen habe, wohl aber die Einschätzungen von Helmut Pielasch für die Zeit von 1945 bis 1970, besonders zum Kompromiß der Verbandsgründung 1957. Wie es aussieht, wird es dazu keine auffindbaren Unterlagen geben, und die letzten Zeitzeugen müßten sehr bald befragt werden. Seit 1980 haben H. Pielasch und ich die Grundzüge einer Neufassung diskutiert, wollten den Begriff "Kompromiß" einführen und einige Widersprüche offen darlegen; denn seit etwa 1975 verlief das Verbandsgeschehen ohne Perspektive und ohne Erfolge. Der Tod von H. Pielasch verhinderte die Ausführung. Heute gibt es gute Gründe, den BSV als wirkliche Errungenschaft der Blinden der DDR zu würdigen; denn viele andere konnten das Recht auf Vereinigung nicht erzwingen und mußten ohne deren Schirm bleiben. Doch insgesamt sollen nur Ergebnisse und keine Deklarationen zählen. Ich habe auch jede Diskussion um die "bleibenden Werte" vermieden, weil Wunschvorstellungen die Zukunft nur belasten. Die Zeit wird lehren, was bleiben und wirken soll.

Die weitere Bearbeitung des Themas erfordert eine echte Diskussion, geführt mit Argumenten und ohne rituelle Auftritte hoher Priester mit Wahrheitsmonopol. Schließlich noch die Bemerkung: Ich habe sorgfältig den Hinweis von Brecht beachtet, an das Unabänderliche keinen sentimentalen Gedanken zu verschwenden. Wer kann sich ernsthaft über einen Sonnenuntergang beklagen- Übertragen wir diesen Gedanken auf die DDR und ihr Gefolge, darunter den BSV.

2. Der BSV - Repräsentant des Blindenwesens der DDR - Anspruch und Realität

Im formalen Sinn scheint der Begriff "Blindenwesen" eindeutig und abgegrenzt zu sein. Dazu gehören die Organisationen von den Blinden und für die Blinden, die Schulen und Ausbildungsstätten, die Werkstätten und Genossenschaften, die unterschiedlichen Heime - die Aufzählung soll hier abbrechen. Wesentlich ist hier der sehgeschädigte Mensch, er ist der gemeinsame Nenner, und seine Interessen sollten alles bestimmen, und zwar unabhängig von der Ursache der Erblindung, von Alter, Schulbildung, Beruf, Geschlecht, Parteizugehörigkeit oder Konfession. Der BSV behauptet nun von sich, er sei ihr aller Repräsentant, doch um diese Aufgabe wahrhaft auszufüllen, dafür fehlten Wille, Kräfte, finanzielle Mittel und Vorstellungsvermögen, ja, es fehlte sogar der staatsrechtliche Ansatz.

Der entscheidende Grund für die lediglich repräsentative Rolle lag darin, daß der Verband kaum etwas zu entscheiden und zu verantworten hatte; denn alle Grundsatzentscheidungen wurden woanders gefällt und gebilligt. Die führende Rolle der Partei, festgeschrieben in der Verfassung, bewirkte elementar, daß gesellschaftliche Organisationen nur zuarbeiten konnten und nur für die Ausführung verantwortlich waren, jede eigene Politik war ihnen verwehrt. Sie gelangten nirgends in eine Subjektposition und wurden nie als Partner von Ministerien bei gemeinsamen Aufgaben anerkannt. Dafür einige banale, leicht nachprüfbare Beispiele: Trotz Einspruchs wurden weder der BSV noch der GSV in das Handbuch "Schwerbeschädigtenbetreuung und Rehabilitation" aufgenommen, herausgegeben vom Ministerium für Gesundheitswesen, 3. Auflage 1981. In der Handreichung des Ministeriums für Volksbildung "Welches Kind muß sonderpädagogisch betreut werden-" erschien der BSV ebenfalls nicht, obwohl wir die Elternberatung bei sehgeschädigten Kindern verantwortlich durchführten. Zur Wahrung des Prinzips wurden selbst elementare Informationsverluste in Kauf genommen.

Eine weitere Folge der "führenden Rolle" war, daß den gesellschaftlichen Organisationen der Erwerb wirklicher Autorität und echten Ansehens erschwert bis verweigert wurde; denn beides erwirbt man nur durch tatkräftige und erfolgreiche Interessenvertretung der Mitglieder. Der Verband konnte nie öffentlich mit Initiativen auftreten, beispielsweise bei der Erhöhung des Blindengeldes, dem Schutz der Sehschwachen oder zum Erwerb von Verbandsbetrieben. Wenn etwas gelang wie die Übernahme der mechanischen Werkstatt in Leipzig 1959, so geschah das handstreichartig. Folglich war auch der Begriff "Interessenvertreter" bis 1987 tabu. Er war nicht anwendbar, weil das entsprechende Selbstverständnis fehlte. Er wurde in der Diskussion zum Kongreß 1987 ausprobiert und allmählich in den Sprachgebrauch überführt, bewirkte jedoch nichts mehr, weil bis zur Wende jede förderliche Polemik unterlassen wurde.

Alle Widersprüche dieses Bereiches wurden bei der Vorbereitung und Durchführung der "Woche des weißen Stockes" 1989 und 1990 sichtbar. Mängel der Konzeption und halbherzige Durchführung lassen sich noch als Anlaufschwierigkeiten erklären und entschuldigen, doch unentschuldbar ist der Ausschluß des konfessionell gebundenen Blindenwesens bei der Inneren Mission und der Caritas. Selbst in der Zeit des Zerfalls der alten Strukturen - Mai 1990 - konnte der BSV nicht über seinen Schatten springen und lud in eigener Entscheidung keinen zur Zusammenarbeit ein. Welche Ergebnisse hatte die permanente Diskriminierung des zweiten Blindenwesens der DDR- Dem BSV hat sie nichts Erkennbares eingebracht, doch die Nichtanerkannten wahrscheinlich dauernd verstimmt. Den Mitgliedern war es gleich. Sie gingen zu dem einen und zu dem anderen.

3. Hat der BSV seine sozialpolitischen Möglichkeiten genutzt-

Hier drängt sich bereits die Frage auf, ob der BSV seinen sozialpolitischen Spielraum ausgeschöpft habe. Wie ist überhaupt die Qualität seiner Aktivitäten einzuschätzen- Dahinter liegt das Problem, ob nicht "mehr drin" gewesen sei. Derartiges kann nur in Ansehung der handelnden Personen beurteilt werden, und das waren ja nicht viele. In zahlreichen Kreisen wirkten Vorsitzende, die in Selbsthilfe "ihren" Mitgliedern alles "verschafften", weil sie Abweisungen und Umwege nicht scheuten, weil sie hartnäckig und einfallsreich waren, dazu auch persönlich wenig empfindlich. Sie erreichten das ihnen Mögliche.

Den Stil des Zentralvorstandes prägte der autokratische Präsident, das Präsidium übte eine bescheidene Kontrolle aus, der Zentralvorstand war ein Schauspiel. Das Vorbild von Ulbricht und Honecker schlug voll durch. H. Pielaschs Dienstzeit im Ministerium von 1954 bis 1972 hatte ihn Unterordnung und Vorsicht nach oben gelehrt, so daß er sich im Verkehr mit dem Zentralkomitee der SED und den Ministerien aller Methoden enthielt, die in den Kreisen und anderswo zu Erfolgen führten. Unter seiner Leitung verhielt sich das Sekretariat wie eine beliebige Dienststelle, wogegen nichts einzuwenden wäre; doch die Verwaltung wurde zum Selbstzweck, weil der unternehmende Geist fehlte, jedenfalls im nationalen Bereich. Somit konnte niemals durch Experimente geklärt werden, wo eigentlich die Grenzen lägen. H. Pielasch war ein erzogener Partei- und Staatsfunktionär, doch was ihn anderswo empfahl, wurde hier identisch mit dem Verzicht auf jede eigenständige Verbandspolitik. Das Mögliche blieb somit unbekannt.

Ein Gegenbeispiel mag das Dilemma erhellen. Von 1955 bis 1974 war Herbert Jakob Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig. Er führte mehrere Jahre einen Feldzug gegen die Ministerien und die Stadt, um einen größeren Bibliotheksbau zu erlangen. Er nutzte dabei seinen geringen Spielraum mit großer Beharrlichkeit und Schläue, war unkonventionell, erfinderisch und rastlos, bis 1963 die Bauten aufgeführt waren. In intimer Kenntnis der handelnden Charaktere und der Umstände stelle ich fest, daß Helmut Pielasch heute noch in dem kleinen Altbau säße; denn seine Schwerfälligkeit und seine Befangenheit hätten ihn nicht zum zweiten Male über die Rathaustreppe gebracht. Seine Spezialität waren Einwirkungen auf die Beziehungen von Personen, was man auch mit Intrigantismus bezeichnen kann. Die Neubauten in Hirschgarten und am Schiffbauerdamm gehen nicht auf sein Konto. Das Zentrum in Hirschgarten beruhte auf einer Umsetzung unserer alten Abrichteanstalt in Karlshorst, und das Haus am Schiffbauerdamm war die generöse Zuwendung eines sozialistischen Philanthropen. Ganz zufällig waren wir in unserer Notlage auf den Chef des Sonderbaustabes Berlin, Ehrhard Gießke, verfallen. Auch das war im Sozialismus möglich.

4. Gab es ein integrationsförderndes Klima in der DDR-

Zur Selbstverständigung wollen wir noch einmal die drei Hauptfaktoren aufführen, die den Prozeß der Integration der Behinderten wesentlich bestimmen, und zwar

1. der Staat, die Länder und die Kommunen, die die materiellen Rahmenbedingungen für Schule, Ausbildung, Berufsausbildung und die Betreuung (medizinisch, sozial und kulturell) schaffen;

2. die Gesellschaft mit ihrem geistig-sozialen Klima. Ich bin mir bewußt, wie unvollkommen die Formulierung "geistig-sozial" ist, gemeint ist die schwer bestimmbare, aber sehr wohl existierende Haltung beispielsweise zur Kultur, zu Ausländern oder Randgruppen einschließlich der Behinderten oder zu Formen des Konsums. Dieses Klima kann die Integration fördern, hemmen oder gar aufheben;

3. die Behinderten selbst. Das umfaßt den Beitrag des einzelnen, wie auch den Beitrag der Gruppe im Rahmen der Selbsthilfe.

Der erste Faktor - die staatlichen Stellen der DDR - verwendete den Begriff "Integration" selten oder gar nicht. Der Staat stellte die materiellen Bedingungen der Rehabilitation bereit und sicherte Schulen, Zentren, Arbeitsplätze und Betreuung. In dem oft zitierten Begriff der Rehabilitation von 1967 wird ein Kollektiv von sechs Partnern aufgezählt, deren Zusammenwirken den Erfolg dann sichert, doch der Patient wird nicht als Partner genannt. Trotz zahlreicher Einsprüche blieb die Objektrolle des Rehabilitanden festgeschrieben. Für die staatlichen Stellen war dann die Integration ein wünschenswertes Ergebnis, für das der Rehabilitand selbst verantwortlich war. Dieser unwägbare Begriff lag außerhalb ihrer materiellen Kompetenz.

Der dritte Faktor - die Behinderten - benutzte den Begriff. Er wurde geradezu das Banner der reduzierten Selbsthilfe. Doch sofort stellte sich das Problem: Was wollten wir eigentlich- Auf dem Kongreß 1973 waren wir zu dem Schluß gelangt, daß die Integration der Blinden als Gruppe vollzogen sei; denn Lebensunterhalt, Beschulung, Arbeitseinsatz und Betreuung waren im Grundsatz gesichert, und offensichtliche Konflikte gab es nicht. Unter dem Einfluß des VIII. Parteitages der SED, der 1971 die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik verkündet hatte, war die Hoffnung auf eine ungebrochene Perspektive noch wirksam. (Die endgültige Stagnation setzte erst 1975 ein.) Der BSV richtete folglich seine Öffentlichkeitsarbeit darauf aus, dem einzelnen Blinden bei der Bewältigung seiner Probleme zu helfen; so klärten wir die Öffentlichkeit über die Bedürfnisse der Blinden im Straßenverkehr und bei der Nachbarschaftshilfe auf, warben für Verständnis beim Arbeitsplatz und unterstützten zugleich unsere Mitgliederwerbung. Doch der Verzicht auf eine eigene Politik zeigte sich auch hier, indem wir unter dem Einfluß des sozialistischen Menschenbildes nur den leistungsfähigen und gleichwertigen Sehgeschädigten präsentierten. Welches Bild des Blinden zeigen wir nun nach der Wende- Gerechterweise muß man erklären, daß vor diesem Problem alle Blindenverbände auf der Welt stehen.

Doch nun zum zweiten Faktor, der Gesellschaft. Heute müssen wir erkennen, daß wir kaum die Möglichkeit erhielten, die "Gesellschaft" auf uns aufmerksam zu machen. Man muß freilich einräumen, daß sie von jeder wirklichen Anteilnahme ausgeschlossen war. Irgendwie wollte sie unsere Existenz nicht zur Kenntnis nehmen, und wir gewannen das Gefühl, daß uns eine Wand von Watte umgab. Nur ein einziges Mal besuchte ein prominenter Politiker eine Blindenveranstaltung, und zwar 1950, als Ministerpräsident Otto Grotewohl vor einem Blindenkongreß auftrat. Wiederholt wiesen uns Fernsehen und Printmedien mit dem Argument ab, daß man Bilder blinder Schulkinder oder alter Menschen der Öffentlichkeit nicht zumuten könne, weil diese kein Elend aus dem eigenen Lande sehen wolle. Unsere Vorstände konnten buchstäblich nur mit Gratulationen zu hohen Jubiläen von Mitgliedern in der örtlichen Presse und im regionalen Hörfunk auftreten. Nach langem Drängen erhielten wir 1975 drei Briefmarkemotive zum Louis-Braille-Jahr. Das war das einzige Mal, daß Behinderte auf DDR-Marken erschienen, dabei hat die Deutsche Post mit banalen Serien von Mineralien, Pflanzen, Tieren und Gemälden die Welt überschwemmt. Erst mit Gorbatschows Auftreten um 1985 wuchs das Interesse der Medien an den Blinden, weil es sonst kaum noch etwas Unverfängliches zu berichten gab.

Doch der Zweck der Isolation sollte edel sein - das sozialistische Menschenbild durfte nicht durch Unerbauliches getrübt werden. Es kannte nur glückliche Kinder und Jugendliche, strahlende Bauarbeiter und lächelnde berufstätige Frauen und Mütter. Um entsprechend der Staatsräson nur Positives in konfliktfreier Umgebung zu zeigen, experimentierte man schon früh mit dem positiven Helden in der Literatur, worauf die Leser die Bücher nicht mehr annahmen; doch schließlich wurde die gesamte Realität manipuliert, und die Zeitungsleser erfuhren auch nichts mehr über Ökologie, Kriminalität, Selbstmordrate, Neofaschisten, Rentner und Behinderte. In welcher Gesellschaft fanden wir uns wieder!

In dieser Lage erwiesen sich die Bedürfnisse und die entsprechenden Forderungen der Behinderten als störend. Die winzigen Serien der Hilfsmittel fanden keinen Hersteller mehr, weil die kleinen und mittleren Betriebe beseitigt waren. Die Kampagne zur Aufhebung der baulichen Barrieren um 1980 verstieß gegen die Typenbauten, die Forderung nach lesbaren Straßen- und Bahnhofsschildern scheiterte an den Mängeln der öffentlichen Sauberkeit und der Beleuchtungstechnik. Für das Weißen der Stufen bei den dunklen Bahnhofstreppen konnte die abriebfeste Farbe nur mit Mühen beschafft werden. Wir konnten nur einen einzigen neuen Blindenberuf - den Programmierer - gegen 1968/70 durchsetzen, abgesehen von der Weiterentwicklung des Masseurs zum Physiotherapeuten. Angesichts dieser Behandlung unserer Bedürfnisse müssen wir das geistig-soziale Klima als kaum fördernd qualifizieren. Es war neutral, gleichgültig und sogar wohlwollend für Blinde, solange alles im vorgedachten und vorgeschriebenen Rahmen verlief; es wurde kalt und abweisend, wenn Unplanmäßiges und Unbequemes vorgetragen wurde. Das mag woanders ähnlich sein, doch hier sprechen wir über die Ergebnisse in diesem Lande.

5. Blindenvereine und Selbsthilfe

Der BSV hat den Begriff "Selbsthilfe" nicht verwendet, weil dieser seinem sozialistischen Selbstverständnis widersprach; denn wo ausschließlich der Staat allen hilft, ist die Gruppenselbsthilfe logisch ausgeschlossen. Die Blindenvereine auf dem Gebiet der alten DDR werden nun die Philosophie und die Methoden der Blindenselbsthilfe adoptieren. Sie können dabei optimistisch sein; denn die Bilanz der 120jährigen Verbandsgeschichte ist positiv.

Die Geschichte der Blindenvereine beginnt in den dynamischen Jahren nach der Reichsgründung 1871. Ermöglicht durch eine liberale Vereinsgesetzgebung und angeregt durch das Vorbild der Parteien und Gewerkschaften, sammelten die winzigen Vereine die aktivsten Blinden. Die Vereinszwecke der Handwerker, Musiker und weiteren Erwerbstätigen sind mit der Wahrnehmung gemeinsamer Interessen wie Annoncen in Zeitungen, Erlangung von Spenden sowie Pflege der Geselligkeit und des Gedankenaustauschs rasch umschrieben. Über diese mehr vordergründigen Zwecke hinaus leisteten sie viel für die Selbstfindung ihrer Mitglieder; sie förderten deren Einzelbewußtsein und den Mut, sich als Blinde zu bekennen, und sie regten das Gruppenbewußtsein an, sich gemeinsam zu behaupten. Die Vereine gewährten mittelbar und unmittelbar Zuspruch und Trost, zeigten Lebens- und Berufsbewährungen, boten Erfahrungen und bezogen auch die Angehörigen ein. (Heute hat sich ihr Tätigkeitsbereich noch um ein Mehrfaches erweitert, doch das ist hier nicht das Thema.) Das alles war und ist außerhalb der Vereine kaum zu erlangen und kaum zu erfahren. So kommen wir zu dem Schluß, daß das Selbstbewußtsein und das Ansehen der blinden Menschen unserer Zeit wesentlich auf der Wirksamkeit der Vereine beruht, zu denen auch der BSV gehörte.

Realistischerweise müssen wir zugeben, daß das Leben in den kleinen und mittellosen Vereinen oftmals keine Idylle war. Das Hickhack der Konkurrenz ging weiter, es wurde Herrschsucht exekutiert, und die Beziehungen zu Wohlfahrtsvereinen und Wohltätern waren zumeist von Bevormundung und Bigotterie geprägt. Zwischen 1933 und 1945 fragten sich manche, ob es nicht besser wäre, den Blindenverein zu meiden, weil die Mitgliedschaft doch den Verdacht einer Erbkrankheit nahelegen könne. Nach 1945 erfolgten Austritte von leistungsstolzen Blinden, die den Vereinen vorwarfen, daß sie die Segregation förderten. Ob Vorwand oder nicht, man muß sich damit auseinandersetzen und feststellen, daß die Mitgliedschaft absolut freiwillig ist und daß die Interessen der Menschen vielfältig sind. Für die Vereine gilt das gleiche wie für die besonderen Schulen, Werkstätten und Genossenschaften: sie schützen die Blinden und suchen ihre Integrationsfähigkeit zu entwickeln. Wer sie mit guten Gründen verläßt, hat das eigentliche Ziel der Zusammenschlüsse und der Institutionen erreicht; denn nun kann er unabhängig von ihrem beschützenden Milieu leben.

Wenn auch der einzelne den Sinn und Wert eines Vereins für seine Person bezweifeln mag, so ist dessen Rolle als sachkundiger, engagierter und demokratisch autorisierter Partner für Behörden, Betriebe und Öffentlichkeit nicht zu bestreiten. Das gilt selbstverständlich auch für den BSV. Die Vereine sind unentbehrlich für die Integration ihrer Mitglieder in die Umwelt; denn wer soll öffentlich mit Initiative und Kompetenz auftreten, wenn nicht die Betroffenen selbst- Nur eine Vereinigung kann wirkungsvoll der Diffamierung und Diskreditierung widerstehen. Der einzelne wird bei Konflikten oft abgestempelt und unterliegt, doch eine Gruppe kann den langen Atem und das Rückgrat entwickeln, um den Satz zu postulieren: Nichts über uns ohne uns! Der BSV hat eine derartige Haltung niemals eingenommen. Manchmal erschien uns, als sei er auch ein Pensionär gewesen wie die meisten seiner Mitglieder. Er durfte nur komplizierte Sonderfragen lösen, die die Sachkunde und Geduld jeder Dienststelle überfordert hätten. Aber es waren doch recht untergeordnete Dinge. Als seine Hauptaufgabe müssen wir etwas ganz anderes annehmen, nämlich die Beruhigung eines unübersichtlichen Bereiches. Dabei soll nicht verkannt werden, daß er in seiner realen Form von hohem Wert für die Gruppe und den einzelnen war. Wir dürfen ferner annehmen, daß sich zahlreiche Blinde subjektiv wohlfühlten, weil für ihre elementaren Bedürfnisse gesorgt war und sie Beschränkungen nicht erleiden mußten wie beispielsweise bei Reisen in die Bundesrepublik.

6. Zu Fragen der Sonderschulen

Die Beziehungen zu den Blindenlehrern mit ihren Höhen und Tiefen sind ein Schwerpunkt in der Geschichte des Blindenwesens. Wenn sie gar zu Null tendieren wie in der DDR, wird das Problem ganz besonders exemplarisch. Wir gehen davon aus, daß die Blindenlehrer für die deutschen Blinden eine hervorragende Rolle gespielt haben, die nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Für einige Aspekte hat die desolate Entwicklung der letzten Jahrzehnte erst die Augen geöffnet! Sie schufen die Schulen, verbreiteten die Punktschrift und bauten die Werkstätten auf. Damit leisteten sie die historische Vorgabe, daß Blinde spezifisch erzogen wurden, miteinander schriftlich verkehren und ihren Lebensunterhalt gleichwertig erwerben konnten.

Wir möchten nüchtern feststellen, daß sie von 1806 bis 1912 das deutsche Blindenwesen real verkörperten. Sie formierten sich als eigener Stand mit Kongressen, regem Vereinsleben und Publikationen, stellten sich Normen, organisierten Beschulung und Fürsorge, bemühten sich um wissenschaftliche Vertiefung ihrer Arbeit und schufen zahlreiche Anstalten, deren baulicher Rahmen in der DDR nie überschritten wurde, lediglich Weimar erhielt einen Neubau.

Die Trennung des Blindenwesens der Blinden vom Stand der Blindenlehrer war von starken Emotionen getragen, wobei der berechtigte Vorwurf der Bevormundung erhoben wurde. Paternalismus stellt sich stets ein, wenn Leistungen auf moralischer Grundlage gewährt werden; diese Haltung verliert ihre Voraussetzung, wenn derartige Leistungen wegen begründeter Ansprüche erbracht werden. Verallgemeinern wir das Problem: Albert Schweitzer, der Vertreter des europazentrierten Humanismus, wurde in Schwarz-Afrika wegen seiner paternalistischen Haltung stark angegriffen und genoß dort schließlich nicht mehr das Ansehen, was wir ihm wünschen würden. In der DDR beruhigten sich die Beziehungen nach 1945, um Ende der sechziger Jahre weitgehend zu erlöschen.

Vordergründig vollzog sich damals ein Generationenwechsel, doch untergründig wurde der Stand durch das Ministerium atomisiert und seinem Gegenstand, den Blinden, entfremdet. Die Kollegien führten keine gemeinsamen Veranstaltungen mehr durch, und die Direktorate wurden zumeist mit politischen Kadern und nicht mit Fachleuten besetzt, Schulinspektoren oder ehemalige Offiziere erhielten sie als Pfründe. Ein primitiver Parallelismus zum allgemeinen Schulwesen erstickte jeden behinderungsgemäßen Ansatz. Der Lehrplan und die Stundentafel der allgemeinen Schulen wurden mechanistisch übertragen, für die spezifischen Fächer wie Maschineschreiben, Mobilität und Lebenspraktische Fertigkeiten wurden erst nach langwierigen Diskussionen und ohne tragfähige Konzeption Randzeiten beschafft. Die Abschnürung vom internationalen Fluß der Ideen tat ein übriges. Es war der BSV, der 1972 die Elternberatung übernahm. Die enge Ausrichtung der Schulen auf die Stoffvermittlung schloß diese Erweiterung des pädagogischen Auftrages aus. Kein Wunder, wenn viele Eltern und Blinde die Überzeugung gewannen, daß die Schüler ohne Engagement verwaltet würden.

Diese Entwicklung ist ohne die Kenntnis der allgemeinen Schulgeschichte nicht erklärbar. Die DDR-Pädagogik verharrte auf dem Niveau von Diesterweg (1790 bis 1866), man setzte vor seine Begriffe lediglich das formale Attribut "kommunistisch". Das gepriesene Vorbild war bis zum Auftreten von Gorbatschow die Sowjetpädagogik, eine ausgesprochene Drill- und Lernschule mit militärähnlichen Ritualen und uniformierten Schülern. Erzogen wurde in beiden Staaten am Stoff; Diskussionen gab es kaum, weil diese dem westlichen Demokratieverständnis entsprechen sollten. Mißbräuche der Produktionsabrechnung wurden in Form von Zensurenschönung und hundertprozentigen Versetzungen übernommen. Unter der Devise "Schule braucht Ruhe" gab es keine Rezeption neuer Ideen und weiterführender Ansätze, sie wurden sämtlich als bürgerlich denunziert. Folglich gab es auch keine Diskussion zum Thema "Integration". Man muß freilich sagen: Die allgemeine Schule hätte mit ihren hohen Klassenfrequenzen, ihrem Stoff- Fetischismus und ihren Disziplinproblemen die Behinderten nur vernachlässigen können. Gleich der allgemeinen Öffentlichkeit war sie weder auf die Existenz Behinderter noch auf die Bewältigung oder schon Anerkennung ihrer spezifischen Probleme vorbereitet.

Das Schulwesen einschließlich der Sonderschulen stand stets unter dauernder Kritik. Das ist ein Beispiel dafür, wie sich die Institutionen abhofen und gegen den Willen der Bevölkerung wirkten. Wir konnten die zahlreichen Hinweise und Kritiken der Eltern und Mitglieder nicht publizieren und suchten über blinde und sehende Lehrer und Erzieher, die sich dem BSV verbunden fühlten, noch Einfluß zu nehmen. Wir vermittelten Auslandsreisen, ermöglichten die Teilnahme an internationalen Kongressen, richteten sogar vier aus und schufen Publikationsmöglichkeiten, doch insgesamt blieb die Bilanz deprimierend. Für das Ministerium waren wir kein Partner, die Direktoren waren zu keiner inhaltlichen Antwort verpflichtet, und die Lehrer und Erzieher waren für uns unerreichbar. In keinem Falle konnten personelle Verbindungen auf institutionelle Höhe gehoben werden, nicht einmal zur Sektion Rehabilitationspädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin, deren Mitarbeiter bei uns ein- und ausgingen. Sie forschten zur Verbandsgeschichte, ohne uns die Ergebnisse zugänglich zu machen, und sie lehrten Blindenwesen, ohne daß es ihnen einfiel, einem zweifach promovierten Präsidenten systematisch das Wort zu erteilen.

Jetzt hat der traditionsreiche Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen in den Ländern der ehemaligen DDR seine Tätigkeit aufgenommen. Man kann nur wünschen, daß er dazu beiträgt, daß sich die bislang isolierten Pädagogen wieder als ein Stand erkennen. Ich darf versichern, daß jede Feststellung dieses Abschnittes auf der Zuarbeit und Zustimmung zahlreicher Lehrer, Eltern und Blinder beruht. Sie hegen alle beträchtliche Erwartungen. Wenn auf einem Gebiete Aufbruchstimmung herrscht, dann hier.

7. Die nationalsozialistische Rassenpraxis und ihre Auswirkungen

Bis heute - 1990 - leidet die Integration aller Behinderten hierzulande unter den Nachwirkungen der NS-Rassenpraxis. Damals wurden mit Zwangssterilisation und Euthanasie menschenverachtende Lösungen für einige Probleme der Sozialmedizin angewendet, deren Methoden und Ergebnisse nach 1945 nur ungenügend aufgearbeitet worden sind. Unterschwellig weiterwirkend, belasten sie als Tabus, geheime Vorbehalte und Vorurteile das Verhältnis zwischen Behinderten und Unbehinderten.

Sofort nach dem Kriege kam der verunsichernde Einfluß der Sowjetwissenschaft hinzu. Scharlatane wie Lyssenko bestritten prinzipiell die Rolle der Vererbung, andere implantierten unserem Schulwesen einen utopischen Gleichheitsfanatismus mit Ignorierung der Faktoren Intelligenz und Kreativität. Ich will damit nur andeuten, welchen wissenschaftsfremden Einflüssen alles ausgesetzt war, was irgendwie mit Vererbung im Zusammenhang stehen konnte.

Resignierend muß man feststellen, daß die hundertjährige Diskussion über Erbkrankheiten und Menschenwürde noch immer keinen anerkannten Zwischenstand erreicht hat. Was die Sozialdarwinisten seit 1890 diskutiert hatten, setzte das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933 in nationalem Maßstab in die Praxis um. Eine gewiß unbeabsichtigte Nebenwirkung war, daß die Gruppe der Blinden sofort zum Prototyp der Erbkranken wurde, obwohl ihre Zahl mit 36.000 klein war, aber sie wurden als einzige in der Öffentlichkeit kosmetisch auffällig. Das Gesetz beeinträchtigte die Integration der Gruppe stark, wenn es diese nicht gar aufhob. Es diskriminierte jeden Blinden, unabhängig vom Vorliegen einer möglichen Erbkrankheit; denn erbkrank wurde allgemein mit minderwertig gleichgesetzt. Attestierte Erbkranke erhielten Eheverbote oder entwürdigende Auflagen für die Partnerwahl. Die Zwangssterilisierung hob schließlich die körperliche Unversehrtheit für 3000 Blinde auf, etwa 4000 deutsche und ausländische blinde Juden wurden ermordet, und Euthanasieopfer gab es ebenfalls. In der Geschichte des Blindenwesens hat es keine Zeit gegeben, wo die Masse der Sehgeschädigten derart gedemütigt und körperlich verletzt wurde. Ohne Polemik sei noch darauf hingewiesen, wie schnell die Ausstoßung der Blinden und später der Juden erfolgte und wie sich keine Stimmen zu ihrer Verteidigung erhoben.

In der DDR wurden die Fakten in wissenschaftlichen Abhandlungen und Fachzeitschriften dargelegt, aber die öffentliche Aufarbeitung erfolgte kaum, wie überhaupt die gesamte Faschismusdiskussion darunter litt, daß sie hauptsächlich auf Positionen und Opfer der KPD eingeengt wurde. Die dogmatische Behandlung und langweilige Abarbeitung entzog ihr schließlich jedes Interesse. Die Lehrmeinung war zudem, daß es nach Zerschlagung des Faschismus und den anschließenden Reformen keinen sozialen Nährboden mehr für derartige Irrlehren gäbe. Wenn man nicht davon spräche, würde bald keiner mehr davon wissen. Begriffe wie "Sterilisierung" wurden wegen des historischen Mißbrauches und im Zuge der Abgrenzung gegen den aktuellen Gebrauch in der Bundesrepublik in "irreversible Kontrazeption" umgetauft. Die Wiederbelebung faschistischen Gedankenguts in der DDR wurde nicht zur Kenntnis genommen.

Es ist jedoch irrealistisch und geradezu irreführend, den aktuellen Stand der Dinge noch dem Faschismus zur Last zu legen, denn seit 1945 sind 45 Jahre vergangen! Das Verhalten zu Behinderten, zu Alten, zu Ausländern, zu unheilbar Kranken und zu Sterbenden ist ein originäres Problem jeder Zeit selbst. Es kann nur noch darum gehen, die damals praktizierte Zwangssterilisierung und die Euthanasie als barbarische Methoden zu verurteilen, damit sie ihre geheime Modellwirkung verlieren. Schließlich müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß die Sterilisierung gegenwärtig bereits eine weltweit und millionenfach ausgeübte Methode der Familienplanung und Bevölkerungspolitik ist.

Es ist schließlich zu wünschen, daß die öffentliche Diskussion unbehindert verläuft, damit praktikable und anerkannte Lösungen gefunden werden, die der gestiegenen Lebensqualität, dem Stand der Medizin und den verfügbaren Mitteln entsprechen. Im Blindenwesen sollten wir uns offen und ehrlich über diesen Komplex aussprechen. Es besteht ein großer Bedarf an Informationen, es mangelt an Argumenten, und es fehlen unsere orientierenden Positionen für dieses Labyrinth.

8. Das Machtmonopol der SED und das Blindenwesen der DDR

Im Mai 1945 verbot der Alliierte Kontrollrat alle NS-Organisationen und löste sämtliche weiteren Vereine zeitweilig auf. In den Westzonen konnten die Blindenvereine nach kurzer Zeit ihre Tätigkeit aufnehmen, setzten sich für blinde Umsiedler und Ausgebombte ein und halfen, sie mit Wohnraum, Heizmaterial, Lebensmitteln, Arbeit und Hilfsmitteln zu versorgen. Die Konsolidierung des organisierten Blindenwesens war etwa im Sommer 1949 abgeschlossen, so daß die Gründung des Deutschen Blindenverbandes am 18./19.10.1949 erfolgen konnte.

In den Ostzonen wurde das Vereinsverbot nicht aufgehoben, so daß nur Blindenausschüsse bei den Verwaltungen der Kreise und Länder gebildet wurden, die die gleichen Aufgaben wie die Vereine westlich der Elbe zu lösen hatten. Diese Ausschüsse waren Anhängsel der jeweiligen Verwaltungen, aber sie waren gleichzeitig auch aktionsfähige und kompetente Basisgruppen für künftige Vereine und für einen Verband. Sie waren lediglich berufen und nicht gewählt. Ein zentraler Blindenausschuß stieß bei seinen vorfühlenden Verhandlungen über eine Verbandsgründung auf zahllose Hemmnisse, die schnell in endlose Diskussionen und persönliche Streitereien auf Dienststellen ausuferten. Erst heute enthüllt sich der Sinn der damals kaum verständlichen Auseinandersetzungen; denn hinter allem versteckte sich das Veto der Staatspartei, deren Machtmonopol ausschloß, daß irgendwelche Vereinigungen entstanden, die nicht von der SED beherrscht wurden. Das Monopol ließ nach 1945 nur zu, daß folgsame Blockparteien, Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften und wenige weitere Organisationen wie der Kulturbund eine Tätigkeit aufnehmen konnten.

Das Jahr 1954 brachte schließlich den politischen Tod von Max Schöffler, Johannes Hausdorf und noch weiteren Blinden, die für einen unabhängigen Verband eingetreten waren. Die Exekutoren waren Helmut Pielasch und Ernst Puchmüller. Max Schöffler (1902 bis 1964) war Mitglied der KPD seit 1920 und ein erfolgreicher Sozialpolitiker bis 1933. Er wurde von 1933 bis 1945 mindestens fünfmal inhaftiert und baute nach 1945 die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig wieder auf, von der die Bomben nur den Namen übrig gelassen hatten. Er war also eine politisch unangreifbare Persönlichkeit. Er wurde 1954 aus allen Funktionen vertrieben, weil er die führende Rolle der SED nicht anerkannte und keinen Verzicht auf eine selbständige Verbandpolitik leisten wollte. Der aktive und leidenschaftliche Mann litt unter der aufgezwungenen Untätigkeit und verstarb früh. Sein Schicksal weist tragische Züge auf.

Die Auswirkungen des Machtmonopols und seine Kollision mit dem Blindenwesen müssen wir in einen größeren Zusammenhang stellen; denn sie erhellen mehr als alles andere das geistig-soziale Klima in der DDR und die eigenartige Stellung der Verbände der Blinden und Gehörlosen. Unter dem Schutz der Besatzungsmacht setzte die Partei ihr Monopol durch, sie übernahm dabei das sowjetische Gesellschaftsmodell, für das Blockparteien und Kulturbund schon Zugeständnisse waren. Das Recht auf Vereinigung forderten seit 1945 viele, darunter die Gehörlosen, Körperbehinderten und Kriegsopfer; die Freidenker, Lebensreformer, Esperantisten und Heimatfreunde; die Liebhaber von Gesang und Theater; die Berufs- und Standesvertreter. Einige kamen nach Jahren zu diesem natürlichen Recht, viele erhielten es erst nach der Wende. So kam es, daß sich in der DDR kein Vereinsleben entfalten konnte. Wer an diesem interessiert war, machte bis 1960 von der Möglichkeit Gebrauch, das Versagte im Westen zu suchen, darunter auch viele Blinde. Insgesamt verließen aus unterschiedlichsten Gründen rund 4 Millionen Menschen die DDR. Welch immenser Verlust an Können, Bildung, Wissen und beruflicher Erfahrung! Welche Summe vermeidbaren Leides.

Das deutsche Vereinsleben hatte vor 1933 und auch später viele Kritiker, die nicht müde wurden, die Enge, Beschränktheit und nationale Borniertheit der Vereinsmeier anzuprangern. Aber keiner hätte sich die Folgen eines entsprechenden Verbotes vorstellen können, wie sie konkret mit der schleichenden Verödung des sozialen Lebens in den Städten und Gemeinden der DDR auftraten. Das Vordringen des Fernsehens hat einiges kaschiert; doch die Vereinzelung des Bürgers und die Reduzierung des sozialen Verantwortungsgefühls wurden seit den siebziger Jahren für viele offenkundig. Alles Wesentliche wurde ohne Öffentlichkeit vorgedacht und entschieden, selbst die Wahlen wurden dem Bürger abgenommen. Mit Neid müssen wir auf das rege Vereins- und Veranstaltungsleben in der Bundesrepublik und den skandinavischen Ländern blicken; denn es fördert vielfältige soziale Kontakte und philanthropische Aktivitäten und ist ein erprobtes Mittel, den einzelnen in ein soziales Umfeld zu integrieren.

Nach diesem Blick auf das gesellschaftliche Umfeld kehren wir zu den Verhältnissen des Jahres 1955 zurück. Die Repressalien gegen die Sprecher der Blinden hatten das Bedürfnis nach Vereinigung selbstverständlich nicht beseitigt. Die Gehörlosen forderten es schließlich mit beispielloser Härte, so daß die Partei schließlich widerwillig und zögernd einlenkte. "Widerwillig und zögernd" sind Helmut Pielaschs eigene Worte, obwohl er den Verantwortlichen im ZK der SED mit seiner Person jede Sicherheit zu geben suchte, daß er den demokratischen Zentralismus anerkannte, daß er den Parteiaufbau auf den Verband übertragen und die Vorstände einer straffen Disziplin unterwerfen würde. Weiterhin wollte er die Mitglieder für den Aufbau des Sozialismus, für die Freundschaft zur Sowjetunion und für den Friedenskampf begeistern. Man kann die alten Materialien und Statuten nicht ohne sehr widersprüchliche Empfindungen lesen.

9. Die Gründung des BSV - ein historischer Kompromiß

In diesem Abschnitt müssen wir uns fragen, wie wir uns zur Person von Helmut Pielasch (1917 bis 1986) stellen wollen. Unabhängig davon, daß sich sein Werk bereits aufgehoben hat, ist es ein Gegenstand unseres historischen Selbstverständnisses. Bei der Beantwortung gehen wir davon aus, daß eine Vereinigung von unschätzbarem Wert für die Gruppe und für den einzelnen Blinden ist. Wir stimmen gewiß überein, wenn wir die weitgehende Integration der Vereine in die Gesellschaft für eine wesentliche Voraussetzung ihrer Außenwirksamkeit halten. Wenn sich eine Gruppe von ihrer Umwelt isoliert, weil sie im Widerspruch zu ihr lebt, kann das den Wert eines Vereins für die Mitglieder in Frage stellen und seine Existenz gefährden. Wenn wir die Berechtigung dieser Prämissen anerkennen, entwickeln wir Verständnis für einige historische Kompromisse, die im Blindenwesen bekannt wurden.

Nennen wir das Beispiel Carl Strehl (1886 bis 1971). Er gründete 1916 die Blindenstudienanstalt in Marburg, das einzige Gymnasium für Blinde in Deutschland und eine hervorragende Leistung der Selbsthilfe. Er stand vor 1933 den Nationalsozialisten fern. Als er erkannte, daß deren Herrschaft längere Zeit währen würde, leitete er die Einrichtung sofort im gewünschten Sinne und zeigte eine geradezu peinliche Beflissenheit, die den Widerspruch zahlreicher Blinder erregte. Damit wollte er die Existenz der wertvollen Anstalt sichern; denn er kannte die prinzipielle Feindschaft des Regimes gegen Behinderte und Erbkranke. Diese Erklärung seines konformistischen Verhaltens wurde nach 1945 anerkannt.

Können wir Helmut Pielasch zubilligen, daß er einen Kompromiß einging, um die notwendige Genehmigung zur Gründung eines Blindenverbandes zu erhalten- Wir müssen hier die objektiven Wirkungen von den subjektiven Zielsetzungen unterscheiden, denn 1957 war er davon überzeugt, Fraktionsmacher und Parteifeinde aus dem Blindenwesen vertrieben zu haben und auch weiterhin vertreiben zu müssen, um dessen organisierten Weg in die sozialistische Zukunft zu ermöglichen. In den frühen Jahren erreichte der Verband einige Erfolge mit dem Blindengeld 1959, führte die Elternberatung und die Elementarrehabilitation in die Diskussion und in die Praxis ein, setzte sich für die Sehschwachen ein und sensibilisierte die Öffentlichkeit für die Probleme der Sehgeschädigten. Nachdem H. Pielasch seit 1957 als ehrenamtlicher Präsident tätig war, übernahm er 1972 die Funktion hauptamtlich, um mit ungeteilter Kraft für den BSV zu wirken. Seine Pläne wurden durch die gesamtgesellschaftliche Stagnation verhindert, die sich schon abzeichnete. Sie besiegelte ab 1975 die Ohnmacht des Verbandes. Ohne wirkliche und ausfüllende Aufgabe und angesichts der perspektivelosen Geschäftigkeit des Vereinslebens, suchte der Präsident nach neuen Reizen, die er auf zahlreichen Auslandsreisen fand, die verständlicherweise ohne Einfluß auf das nationale Geschehen blieben. Schließlich ging er ganz in seinen internationalen Funktionen auf. Diese wurden im ZK gebilligt und gefördert, weil sie das Prestige der DDR hoben; doch für den Verband waren sie nicht nur wertlos, sie erwiesen sich sogar als schädlich, weil sie notwendige Kräfte und beträchtliche Mittel abzogen und Illusionen über die Potenzen der Organisation verbreiteten. Seit 1981 verfiel der Präsident in soziopathische Depressionen, die wohl familiär disponiert waren, sich aber an den aktuellen sozialen und politischen Widersprüchen in der DDR ständig neu entzündeten. Es versagte auch sein gewohntes Rauschmittel - die zahlreichen Reisen. Andere Spitzenfunktionäre hatten ihren Rausch auf der Jagd, im Alkohol oder bei Frauen gefunden. Er geriet in quälende Grübeleien über frühere Entscheidungen und führte mit mir lange Gespräche, auch über Max Schöffler, wobei er dessen immenses Wissen über Blindenfragen bewunderte. Jetzt fiel auch der Begriff "Kompromiß von 1957", der auffällig seinem bisherigen Geschichtsverständnis widersprach und anzeigte, daß er Positionen bezogen hatte, die jenseits seines früheren Bezugssystems lagen. Schließlich konnte er die Widersprüche in seiner Person nicht mehr unter Kontrolle halten und schied im April 1986 freiwillig aus dem Leben.

10. Epilog der alten und Prolog einer neuen Verbandsgeschichte

Der BSV hat seinen Gründer nur um vier Jahre überlebt. Im November/Dezember 1990 hat er sich aufgelöst. Äußerlich waren es seine zentralistischen Strukturen, die ein gleichberechtigtes Miteinander mit dem DBV ausschlossen, doch innerlich war es seine Bindung an ein Gesellschaftsmodell, das sich nicht bewährt hat.

Ganz anders steht es um die örtlichen Vereinigungen der Blinden, in denen sich ja stets das wirkliche Leben der Mitglieder abgespielt hatte. Die Kreisorganisationen wurden von der Auflösung des Zentralvorstandes und der Bezirksvorstände kaum berührt, abgesehen von wenigen Irritationen. Sie haben nun föderale Verbände im Rahmen der neuen Bundesländer gebildet. Das organisierte Blindenwesen in den neuen Ländern erfuhr eine rasche Transformation entsprechend den Vorgängen auf der staatlichen Ebene. Die neuen Vereine werden, den Traditionen der Selbsthilfe folgend, eine selbständige Blindenpolitik betreiben müssen, zwar unabhängig von der staatlichen Seite, aber integriert in die Gesellschaft der Bundesrepublik.



Abkürzungen

BSV Blinden-und-Sehschwachen-Verband der DDR

DBV Deutscher Blindenverband e.V.

GSV Gehörlosen-und-Schwerhörigen-Verband der DDR

KPD Kommunistische Partei Deutschlands

NS Nationalsozialistisch

SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands

ZK Zentralkomitee der SED

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