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Gedanken zur Buchmesse 1991

Welch" festen Platz sich Blinde in der Vorstellung man- cher Menschen bereits erobert haben, möge folgende Anekdote beweisen: Eine energische Kundin betritt ei- nen Buchladen: "Ich möchte das neue Buch von Nos- tradamus!" Buchhändlerin: "Das erscheint erst im nächsten Jahr". Kundin: "Nein, das kann nicht stimmen: ich habe es auf der Buchmesse schon gesehen". Buchhändlerin: "Das muß ein Blindband gewesen sein". "Das ist ja wohl ein starkes Stück", entrüstet sich die Da- me, "jetzt erscheinen die Bücher für die Blinden schon früher als die normalen Ausgaben"! Diese Begebenheit, die sich tatsächlich so abgespielt haben soll, ist hier weniger interessant wegen der Ver- wechslung eines Blindenbuches mit einem Blindband, einem aus leeren Seiten bestehenden Umfangsband, wie ihn die Buchhersteller benötigen, um die äußeren Daten des später fertigzustellenden Buches zu erarbei- ten, sondern zur Illustration eines schon immer ge- wünschten, aber leider noch nicht erreichten Zustan- des: denn ganz so schnell wie es dieser Witz vermuten lassen könnte, sind die Punktschriftdruckereien in der Regel nicht, wenn es um die Zeitnähe einer Brailleaus- gabe zu Normaldruck geht. Aber recht aktuell waren die Bücher, die der Verlag der Deutschen Blindenstudienanstalt nach Frankfurt am Main gebracht und vom 9.-14. Oktober ausgestellt hatte doch: - die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer war vertreten mit "Entzauberung";

- der Jugendbuchpreis des Arbeitskreises für Jugend- literatur mit "Wir Kuckuckskinder" von Anatoli Pri- stawkin;

- "Die Taube Klara" von Wolfgang Spillner hatte den Kinderbuchpreis des gleichen Gremiums erhalten; ferner

- der wegen der Ost-West-Problematik im vereinigten Deutschland aktuelle Band von Friedrich C. Delius "Die Birnen von Ribbeck". Ein Titel des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels konnte in diesem Jahr nicht rechtzeitig zur Buchmesse vorgelegt werden, weil der Band noch nicht in Schwarzschrift greifbar war. Er wird in Kürze er- scheinen:

- György Konrad: "Der Besucher".

Neben aktuellen und preisgekrönten Titeln sind es Grundlagenwerke, die von der BLISTA traditionell ge- pflegt werden: in diesem Jahr war es die Herausgabe des Koran (nach der wissenschaftlich redigierten Edi- tion von Prof. Paret im Stuttgarter Kohlhammer Verlag), der die Aufmerksamkeit der Messebesucher und der Medien auf sich zog. - Wohl nicht zuletzt wegen der an- haltenden Diskussion um die Rolle des Islam in der mo- dernen Welt. Papiergebundene Punktschrift ist aber nicht mehr die einzige Literaturform, mit der die BLISTA auf der Buch- messe vertreten war: auch Bücher auf Diskette wurden der Öffentlichkeit vorgestellt, wobei der Schwerpunkt gegenwärtig noch bei den Gesetzestexten liegt. In dankenswerter Kooperation hatte die BlistaEHG ei- nen kompletten Blindenarbeitsplatz zur Ausstattung des Standes beigesteuert (Schwarzschrift-Scanner, PC mit Braillezeile sowie Elotype als Arbeitsplatzdrucker und Elobox als elektronisches Notizbuch). Erwartungs- gemäß lag das Publikumsinteresse bei diesen Geräten. Der blinde Hilfsmittelberater konnte sich oft kaum des Ansturms Wißbegieriger erwehren, die sehen wollten, wie aus Schwarzdruck Punktschrift wurde. Hat die Brailleschrift an sich schon auf Sehende den Reiz des fremdartigen, geheimnisvollen, so wird das "Exotische" des Mediums durch die eindrucksvolle Technik der Braillezeile um ein vielfaches erhöht. Wie beeindruckt einzelne waren, mag die Wiedergabe eines Dialoges auf der Rolltreppe in Halle 6 (wo die Bel- letristik untergebracht ist, in deren Umfeld die Blinden- studienanstalt traditionell ihren Stand an wechselnden Plätzen hat) belegen: im Gespräch mit einem Kollegen meinte ein schöngeistig und bibliophil empfindender Verleger in bezug auf die vielen PC"s auf der diesjähri- gen Buchmesse, daß die Bücherschau nach seinem Dafürhalten langsam zu einer Art CeBit verkomme ... ; kaum war dies ketzerische Votum heraus, drehte sich eine vor ihm stehende Dame um und verwies ihn ta- delnd an den Stand der BLISTA: "Da unten können Sie sehen welchen Segen die geschmähten Computer stif- ten können ..." Auch dem breiten Publikum leuchtete rasch ein, welche vielfältigen Möglichkeiten die "Neuen Medien" im (text-) informationsabhängigen Berufsle- ben Blinder zu leisten vermögen. Im Spannungsfeld des traditionellen Papierbuches und der digitalisierten Dis- kette spielte sich an allen Tagen gleichmäßig die Bera- tungstätigkeit des Standpersonals (Mitarbeiter der Do- kumentation und der Brailledruckerei) ab. Für Fachfragen hilfreich waren die Schwarzschriftpubli- kationen, einmal der BLISTA (Punktschriftsystematiken, Konferenzberichte, die mit dem DVBS zusammen her- ausgegebene "Marburger Schriftenreihe zur Rehabili- tation Blinder und Sehbehinderter") wie auch die Infor- mationsschriften der Blindenselbsthilfe-Verbände. Eine Seite der Koje war diesen Publikationen des DBV, des BKD und des DVBS vorbehalten. Im Verlauf der infor- mierenden Gespräche wurden sie den Interessenten mitgegeben und von den Besuchern dankbar entge- gengenommen. Auf jeder Buchmesse immer wieder erstaunlich, ist ei- nerseits das allgemeine Informationsdefizit in bezug auf das Blindenwesen generell und andererseits die wachsende Zahl der Menschen, die gezielt den Stand der BLISTA aufsuchen, um sich bei ihren Problemen be- raten zu lassen.

Die breit angelegte Verständniswerbung für die Beian- ge der Blinden in den vergangenen Jahren, die erst durch die materielle und idelle Unterstützung der drei Spitzenverbände der Blindenselbsthilfe ermöglicht wurde, hat Früchte getragen: auch aus dem Kreis des Fachpublikums, der Verleger, der Buchhändler, der Bi- bliothekare und Pädagogen kommen mehr und mehr gezielte Fragen, wie man Blinde besser versorgen und die Allgemeinheit umfassender über ihre Probleme un- terrichten könne: durch elektronische Datenträger des Originalverlages direkt, durch die Buchhandlung "um die Ecke" als Auslieferer für Brailletitel oder durch Auf- nahme von blindengerechten Medien in das Angebot öffentlicher Büchereien; auch Pädagogen haben sich Punktschrift-Alphabete und vorbereitete kurze Texte in Vollschrift mitgeben lassen, um in Unterrichtseinheiten die Probleme Blinder - ausgehend von der Brailleschrift zu erarbeiten. PC-fähige Verlagsprodukte (Disketten) der Originalver- lage, direkt für Blinde konfektioniert, werden bereits vereinzelt im EDV-Bereich angeboten. - Disketten-Ver- sionen von Wörterbüchern sind Blinden bei vorhande- ner Geräteausstattung und entsprechendem Geschick im Prinzip schon heute zugänglich. Ebenso erscheinen einzelne CD-ROM-Titel, die von Blinden verwendet wer- den können. Hier gewinnt die Punktschrift ein erhebli- ches Feld hinzu, dem die Hilfsmittelhersteller hoffent- lich ihr besonderes Augenmerk widmen und das schon lange geforderte preisgünstige Lesegerät auf den Markt bringen. Dem Erwerb von Braillebüchern in der benachbarten Buchhandlung stehen der physikalische Umfang der Ti- tel und der fehlende Buchhandelsrabatt (30 %) ebenso entgegen, wie die bequeme Direktbelieferung der Be- troffenen durch die Druckereien. Während die öffentli- chen Büchereien aus Platzgründen auf Braille-Publika- tionen verzichten müssen, haben viele bereits einen an- sehnlichen Bestand an kommerziell produzierten Hör- büchern (der durch eine steigende Umschlagquote ge- kennzeichnet ist). Als Desiderat vor allem der (Sehbe- hinderten-)Pädagogen sei der Wunsch nach einer lei- stungsfähigen Bezugsquelle für Fachliteratur deut- scher wie ausländischer Provenienz hier verzeichnet. So wichtig Fachbücher aus dem Gebiet des Blindenwe- sens zur Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie für das Be- rufsleben sind, so uninteressant werden sie wegen des kleinen Abnehmerkreises und des winzigen Marktes für den organisierten Buchhandel bleiben. Die vergangenen Buchmessen zeichnen sich durch den horizontal geteilten Zugang aus: die Vormittage blieben dem Fachpublikum, die Nachmittage der brei- ten Öffentlichkeit vorbehalten. Anders das Konzept ab 1991 mit der vertikalen Regelung: die Werktage waren ganz für die Fachleute reserviert, das Wochenende of- fen fürjeden. Für die Standbesetzung hatte diese Orga- nisation weniger eine Entlastung gebracht als eine Ver- schiebung der Schwerpunkte im geschilderten Sinn. Bei ca. 260.000 Besuchern und Mitarbeiterlnnen von etwa 8.400 ausstellenden Verlagen war das anzuspre- chende Potential ausreichend genug, die Mitarbeiter am Stand - Blinde wie Sehende gleichermaßen - in Atem zu halten.

Vor allem sind es immer wieder die blinden Kolleglnnen und Mitarbeiter, die man eindringlich (über die Blinden- schrift) befragt, und deren Aussagen und Urteile ver- ständlicherweise am eifrigsten gesucht werden. Mit Absicht wechselt der Verlag der BLISTA in jedem Jahr seinen Standort im Rahmen der Gemeinschaft belletristischer Verlage. Dies macht es zwar für regel- mäßige Besucher und darunter auch eine ganze Anzahl Blinder, schwieriger, die Koje zu finden, aber dies Ver- fahren bringt neue Standnachbarn, zu denen sich sehr oft auch fruchtbare und andauernde berufliche Kontak- te knüpfen lassen, wie auch von Jahr zu Jahr wechseln- de "Passanten", die sich auf ihren eingewöhnten Wegen plötzlich einem Stand gegenübersehen, der bis dahin ihrer Aufmerksamkeit entgangen war

Die Anliegen des Fach- wie des allgemeinen Publikums sind -jenseits der Expertenfragen - ähnlich; es handelt sich um die durch Blindheit bedingten menschlichen Sorgen und Probleme. Auffallend war das verstärkte Ansprechen der ungenügenden medialen Versorgung im Zusammenhang mit der integrierten Beschulung. Die Hilflosigkeit betroffener Eltern und Pädagogen steht im direkten Verhältnis zu der Unmöglichkeit des Verlages, auf Grund regressiver Finanzpolitik der Zu- wender, diesen nur zu berechtigten Forderungen zu entsprechen. Gerade auf dem Sektor der Versorgung mit Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien sind die Hersteller blindengerechter Medien generell noch weit davon entfernt, ihre Produkte im gewünschten Umfang, früher und rascher in die Hand der Betroffenen zu ge- ben, als dies bei der allgemeinen Literatur möglich ist. Es wird noch ein weiter Weg sein, bis die eingangs zitier- te Anekdote von der Wirklichkeit eingeholt wird. Das für alle Beteiligte Befriedigende bei der Teilnahme an der Buchmesse ist in jedem Jahr die Freude, die man darüber empfinden kann, mit der Beratung direkte Un- terstützung zu geben oder indirekt zu veranlassen. Da- neben ist es natürlich auch wichtig für eine Braille- Druckerei, anläßlich der Messe Kontakt zu den Verle- gern zu halten, als Ergänzung zur Lektüre der Fachlite- ratur Entwicklungslinien aufzusparen, neue Verlagspro- dukte kennenzulernen und im Gespräch möglicherwei- se strittige Fragen im Zusammenhang mit der Übertra- gung von Büchern in Braille zu klären. Wo im "offiziellen Schriftwechsel" Probleme sich zu unüberwindbar scheinenden Hürden entwickeln können, klärt ein per- sönliches Gespräch rasch die Situation und in aller Re- gel zugunsten der Verlagsarbeit für die Blinden. Die Messe ist weiter das Forum, auf dem die Original- verleger für die technischen Probleme, gerade im Hin- blick auf den vermehrten Einsatz von elektronischen Medien, für die Belange der Blinden sensibilisiert wer- den können; aber auch die Hersteller von kommerziel- len Hörbüchern, deren Zahl wächst, haben in Kontak- ten ein offenes Ohr für bestimmte Bedingungen und Voraussetzungen bewiesen, die aus einem akustischen Medium erst ein für Blinde problemlos zu handhaben- des Hörbuch werden lassen. Schließlich bleibe nicht unerwähnt, daß die Buchmesse Gelegenheit gibt, ge- meinsame Projekte zu planen und längerfristige Ko- operationen aufzubauen, die in den vor uns liegenden Jahren Schritt für Schritt dazu f ühren werden, das Infor- mationswesen (im weitesten Sinne) der Blinden in das der Sehenden zu integrieren. Durch das Zusammen- spiel der Selbsthilfeverbände mit dem Verlag der Deut- schen Blindenstudienanstalt sind auf diesem Gebiet bereits spürbare Erfolge erzielt worden, und es wird lohnend sein, auf dem einmal begonnenen Weg zügig weiter fortzuschreiten. R. F. V. Witte

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