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Wer den ersten (und Haupt-) Teil meines Berichts gelesen hat, dem mußte sich wohl die Frage aufdrängen: "Und was machte er in all der Zeit, in der er nicht am EEG hing oder eine Mahlzeit einnahm-" - In der Tat setzte die interne Geometrie des riesigen Krankenhauses (16 über- und wohl zwei unterirdische Stockwerke und in den oberen 15 je vier Stationen) und seine Betriebsamkeit meiner selbständigen Beweglichkeit sehr enge Grenzen, und für eine Bewegung im Freien mußte ich mir eine ähnliche Beschränkung eingestehen. In jenem Stadtbezirk verlaufen die Straßen weder rechtwinklig noch geradlinig und führen Großstadtverkehr. Einen tastbaren Stadtplan von Boston gibt es nicht, und selbst einen normalen, dem man immerhin noch eine hinreichende Vorstellung vom Straßenverlauf hätte abgewinnen können, war weder in Reisebüros noch in Buchhandlungen erhältlich. Schließlich wurde von Spaziergängen in den mitteleuropäischen Vormittagsstunden wegen der Straßenkriminalität energisch abgeraten.
So war ich während meiner Vormittage fest an mein Zimmer gebunden, was mir jedoch keinen Kummer verursachte. Einen sprechenden Schachcomputer (ein sehr geduldiger Spielkamerad!) und etliche "Hausaufgaben" hatte ich mir mitgebracht. Für diese konnte das CCSDM bei Perkins eine Punktschriftschreibmaschine entleihen. Die örtliche Blindenorganisation (korrekt: Organisation für Blinde) lieh mir einen Kassettenspieler, und die DBH belieferte mich ausreichend mit zugehöriger "Software". Zwei Punktschriftbücher, die mich interessierten - eine (mittelprächtige) Übersetzung des "Faust" und ein Roman von Lem) - erhielt ich auch leihweise von Perkins. Eine überaus hilfsbereite Schwester borgte mir eine Normalschreibmaschine, und schließlich ermöglichte mir ein kleiner Reiseempfänger aus meinem Gepäck einen zwar mangelhaften, aber meist noch verständlichen Empfang der Deutschen Welle. (Der Betonbau besorgte eine wirkungsvolle Abschirmung, und die unzähligen elektrischen Geräte des Hauses legten einen kaum vorstellbaren "Störnebel" über den Kurzwellenbereich.)
Meine Abende waren zwangsläufig recht kurz. Da ich in Boston in meinem normalen Tagesrhythmus weiterleben sollte, war man sehr darauf bedacht, daß ich um 23 Uhr (MESZ) im Bett lag, also spätestens um 22 Uhr (wegen des Elektrodenklebens) an Ort und Stelle war.
Daß ich den Freiraum, den die Nachmittagsstunden boten, recht weitgehend nutzen konnte, verdanke ich den schon genannten deutschen Betreuern der Studie und einigen Studenten, die sie für Spaziergänge organisierten. Auf der Station 9a arbeitete eine Schwester, die aus Sachsen stammt und bereits seit über 30 Jahren in den USA lebt. Die Schwester, die mir die Schreibmaschine lieh, erbot sich gleichfalls für (in die fünf verfügbaren Stunden passende) Ausflüge. Schließlich existiert in den USA eine Einrichtung, der man hier allenfalls andeutungsweise begegnet: Ruheständler, die sich dazu körperlich und geistig in der Lage fühlen, gehen in die Krankenhäuser und kümmern sich um die Patienten; sie sprechen mit ihnen, lesen ihnen vor, machen für sie Besorgungen, gehen soweit möglich mit ihnen spazieren usw. Ein solcher "Volunteer" wurde auch mir zugesteuert. Wir verstanden uns auf Anhieb recht gut und machten zusammen viele große Spaziergänge (oder kleine Wanderungen) durch die prächtigen Parks, die sich nicht weit vom Brigham and Women"s Hospital durch die Stadt und am Black River entlang ziehen. Der bis in den Dezember schöne und trockene Herbst lud immer wieder zu solchen Unternehmungen ein. Der nette Mensch ging auch mit mir einkaufen, wenn es nötig war (z.B. Obst, technische Artikel, Schreibmaterial, kleine Geschenke für andere Gelegenheiten, Flugtickets für die Zeit um Weihnachten) und begleitete mich schließlich auch noch zum Flughafen. In geringem Umfang revangieren konnte ich mich nur, indem ich ihn hin und wieder zu einem (für mich Abend-, für ihn Mittag-)Essen einlud, wobei wir uns wiederum in der Vorliebe für exotische Küche fanden.
Aber auch Bekannte traf ich in Boston an, die sich in geradezu rührender Weise um den fremden Gast kümmerten: eine frühere Schülerin, die einen Amerikaner geheiratet hat und mit ihm und zwei Kindern in einer Vorstadt Bostons lebt (beide, sie und ihr Gatte, im Entwicklungsbereich der EDV tätig). Dem anderen, ein Computerspezialist seit der Zeit, als dieses Instrument noch in den Kinderschuhen steckte, war ich vor etlichen Jahren auf einer Tagung in Münster begegnet; heute ist er mit einer aus Deutschland stammenden Frau befreundet. Mit der ersten Familie verlebte ich einige nette "Nachmittage", mit den beiden anderen Leuten gelangte ich auch in die etwas weitere Umgebung Bostons.
Kurz: Die Studie war nicht nur medizinisch interessant; in gewissem, zwangsläufig begrenztem Maße konnte ich auch Land und Leute erleben und kennenlernen.
Eine weitere Möglichkeit dazu ergab sich dann noch in der Zeit vom 22. Dezember bis 10. Januar. Die Weihnachtstage verbrachte ich bei einer Kusine nahe Washington. Dort trafen dann am 27. Dezember auch meine Tochter und meine Nichte ein. In einem Mietwagen fuhren dann wir drei südwärts und besuchten weitere Verwandte - darunter solche, die auch ich zum erstenmal traf. Aber dieser "Ausflug" steht mit der Studie nur in sehr mittelbarem Zusammenhang und gehört, soviel sich auch von ihm erzählen ließe, nur erwähnungsweise in diesen Bericht.
Andere Zeitaspekte Auf den Straßen der Großstadt riecht man kein schlecht verbranntes Benzin. Der Katalysator hat sich allgemein durchgesetzt und zeigt Wirkung. Lastkraftwagen hinterlassen - ebenso wie hier - auch in den USA - einen Nebel aus unvollständig verbranntem Dieselöl.
Auf den Überlandstraßen existiert eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die indes nur selten eingehalten wird. Immerhin fährt man insgesamt langsamer als hier.
Klimaanlagen sorgen in größeren Gebäuden für Frischluft und "pumpen" in der warmen Jahreszeit Wärme nach draußen (nicht selten in einem Maße, daß man sich in den Häusern erkältet) und sorgen in kühleren Zeiten mit elektrischer Heizung für die gewünschte Innentemperatur. Die Wärmepumpen hängen in einiger Höhe an den Außenwänden der Häuser und machen einen Lärm, der (allerdings ununterbrochen) sich mit dem von Lastwagen vergleichen läßt.
Das amerikanische Brot hat die Konsistenz eines nicht vollelastischen Schaumgummis, so daß man es eigentlich nur getoastet essen kann. Mit Überraschung entdeckten wir in einem Supermarkt "German Pumpernickel". Beim Auspacken kam normales amerikanisches Brot zum Vorschein, das man dunkelbraun eingefärbt hatte. - Im Hospital nahm man meinen Wunsch, europäisches Brot zu erhalten, ziemlich ernst. Eine der Küchenfeen der Station 9a entdeckte in der Nähe ihrer Behausung einen litauischen Bäcker und besorgte dort das Brot für mich: ein vorzügliches, festes Schwarzbrot. - Kurz vor Weihnachten geriet ich mit einem Begleiter in ein Spezialgeschäft, in dem man u.a. neben Schweizer Schokolade echtes Westfälisches Schwarzbrot und (zu recht stattlichen Preisen) Gebäck von Bahlzen bekommen konnte.
Vor etlichen Jahren wurde auch in den USA das metrische Maßsystem offiziell eingeführt. Indes werden Körper- und Raumtemperatur noch immer in Grad-Fahrenheit gemessen und Nahrungsmittel in "Pound" gewogen. Keiner weiß, was ein Zentimeter oder Kilometer ist, und selbst ein Wissenschaftler im technischen Bereich hatte Schwierigkeiten, eine Dickenangabe in Mikrometern in "Mils" umzusetzen. Eine Blutentnahme jedoch geschieht in Millilitern, und die Körpergewichtswaagen zeigen Kilogramm an (ob wohl wegen der kleineren Gewichtsangaben-).
Wer von hier nach Amerika reist, trifft auf vielerlei Zeitprobleme. Nicht nur die Armbanduhren gehen sechs (oder acht) Stunden nach; bei anderen (besonders auffällig auch im offiziellen Sozialwesen) mißt die Zeitdifferenz nach Jahrzehnten. Das schließt jedoch nicht aus, daß manche Uhren (wie beispielsweise am Anfang dieses Abschnittes angedeutet) auch um etliche Jahre vorgehen.
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