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M. Rauch: "Geistige Höhenflüge als Ferienvergnügen"

lautete die Schlagzeile der Regionalausgabe des "Südkuriers" vom 9.8.91 über eine Ferienakademie für Schüler bei Überlingen; und weiter konnte man lesen: "Erstmals wurde in Spetzgart auch versucht, mit drei hochbegabten Blinden behinderte Schüler zu integrieren". Im Zentrum des umfangreichen Berichtes ist auf einem Foto inmitten von 15 "Computerfreaks" Oliver Nadig zu erkennen, der gerade virtuos einige Befehle seinem PC einzugeben scheint.

Weiter erfährt der inzwischen neugierig gewordene Leser: ""Programmieren im Team" hieß für diese Gruppe auch die Integration eines vollblinden Schülers, der hierbei selbstbewußt und ohne Probleme mitmischte. Über zwei Braille-Zeilen an seiner Computer-Tastatur ertastete Oliver in Sekundenschnelle, was andere auf seinem Monitor lesen konnten." Und Manon Liedermann und Sabriye Tenberken, die das Blista-Trio komplettierten, werden andernorts hervorgehoben. Wie ist es dazu gekommen-

In Bonn hat der Verein "Bildung und Begabung" seinen Sitz, gemeinnützig (für Spenden!) und überparteilich (gegen Klüngel!), wie sich das gehört; aber das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, die Kultusministerkonferenz und der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft haben auch etwas damit zu tun. Dieser Verein hat ein ungebrochenes Verhältnis zur strengen Leistungsauslese: "Um Talente im Schulalter zu wecken, anzuregen und herauszufordern, setzt der Verein insbesondere auf das Instrument der Wettbewerbe ..., um besonders begabte und leistungsfähige" Schüler zu fördern. So finden jährlich vier bundesweit ausgeschriebene Wettbewerbe statt: Mathematik, Auslese für die internationale Mathematikolympiade, Fremdsprachen, Zeitgeschichte. 103 solcher handverlesener "Hochbegabter" durften auch in diesem Jahr an einer Sommerakademie Ende Juli/Anfang August in der Schule Spetzgart am Bodensee teilnehmen, in der acht Kurse mit anspruchsvollen Themen angeboten wurden.

"Ob sich da auch einmal die Carl-Strehl-Schule einblenden sollte," regte der frühere Schulleiter Dr. Spiegelberg an, der auch eine Finanzierungshilfe für die Teilnehmer durch die "Stiftung zur Förderung körperbehinderter Hochbegabter" in Liechtenstein in Aussicht stellen konnte. "Eine glänzende Idee!" war Dr. Weström, der derzeitige Schulleiter, sofort begeistert. "Wohl kaum," war ich selbst skeptisch, als ich ein Jahr vor Beginn der Sommerakademie mit den organisatorischen Vorbereitungen betraut wurde. Wer von unseren total überlasteten, gestreßten und in Schule und Heim gegängelten Schülern sollte dafür in Frage kommen, die mißmutig nur deshalb zum Abitur trotten, weil ein dereinst arbeitsloser Akademiker etwas unterhaltsamer in der Randgruppe lebt als ein auch noch bildungsloser. Wer hätte wohl Interesse daran, mitten in den Sommerferien zwei Wochen lang im Wettstreit mit der intellektuellen Elite aus allen Teilen des Landes um Wittgensteins "Tractatus" zu ringen oder im Team neue Computer-Programme zu entwickeln oder von O. Wilde bzw. A. Ayckbourne zwei anspruchsvolle Theaterstücke in englischer Sprache zu erarbeiten und aufzuführen, "mal sechs Stunden am Tag, aber auch schon "mal zwölf, das war dem Enthusiasmus der Teilnehmer anheimgestellt.

Meine - natürlich auch nicht ganz so ernst gemeinte - Skepsis war unbegründet: 17 Interessenten meldeten sich spontan, und es hätte bei entsprechender Werbung noch eine größere Zahl sein können. Fünf schienen gleichermaßen geeignet wie entschlossen, und drei sind schließlich dort gewesen, eine Zahl, an die auch angesichts des Pilotcharakters ursprünglich gedacht war.

Und um es vorwegzunehmen, es war für alle Beteiligten eine rundum gelungene Veranstaltung: für die Marburger Teilnehmer, für die anderen Jungakademiker, für die ungemein bemühten und kompetenten Kursleiter und für die Organisatoren, die mit zunehmender Entspannung teils aus der Ferne, teils vor Ort die Unternehmung verfolgten. Damit könnte alles gesagt sein, wenn nicht bei genauerer Analyse und ungeschminkter Rückschau doch eine Reihe wichtiger Aspekte auftauchte, die über den unmittelbaren inhaltlichen Ertrag der Ferienakademie hinausreichen. Sie werden im folgenden stichwortartig zusammengefaßt, um den Bericht nicht ausufern zu lassen.

- Die Ermittlung von Bewerbern und die Auswahl einiger weniger, die für das vorgestellte Projekt vielleicht am ehesten geeignet sind, ist ungemein schwierig und kann nicht sehr gerecht sein, das gilt allerdings für jedes Auswahlverfahren. So hätte sicher der eine oder andere Bewerber ebenfalls reüssieren können - nun, vielleicht beim nächsten Mal.

- Die Rolle der tatsächlichen Teilnehmer war ungemein belastet: Sie mußten sich ihre Teilnahme selbstbewußt zutrauen; sie mußten diverse und z. T. auch verständliche Vorurteile bei den Organisatoren, Kursleitern und Teilnehmern auffangen und aushalten; sie mußten bei den Vorbereitungen behilflich sein, teils inhaltlich, teils blindentechnisch-methodisch; sie mußten psychisch und physisch die ungewohnte Situation in Spetzgart 14 Tage lang durchstehen; und schließlich sollten und wollten sie auch ganz gut abschneiden - ohne jeden "Blindenrabatt" natürlich, für sich selbst und evtl. auch für andere, denn auch unausgesprochen war jedem klar: Wenn das Experiment mißlungen wäre, würde die CSS nicht ein weiteres Mal zur Teilnahme aufgefordert werden. (Die Gesamtzahl war mit 106 Teilnehmern ohnehin viel zu groß.) Aber wir werden ...

- Vor diesem Hintergrund ist eine sicher nicht perfekte, aber doch sehr bemühte Vorbereitung erfolgt. Von seiten der Blista durch die Bereitstellung benötigter Arbeitsmaterialien, Sportgeräte und anderweitige Förderung, die die Schulleitung stets unterstützte. Aus Bonn durch die umsichtige und engagierte Planung von Volker Brandt, dem federführenden Leiter der Schülerakademie, der sich mit dem Geschäftsführer von "Bildung und Begabung", Dr. Harald Wagner, persönlich nach Marburg bemühte, um die Kandidaten in ihrer vertrauten Umgebung und insbesondere die Arbeitsweise in der CSS einmal einen ganzen Tag lang kennenzulernen. Von seiten der Stiftung in Liechtenstein, die durch großzügige finanzielle Unterstützung das insgesamt kostspielige Unternehmen erst ermöglichte, wobei Herr Dr. Spiegelberg die Wichtigkeit dieses Projekts für Schüler der CSS besonders kundig zur Geltung bringen konnte, und natürlich auch durch die Teilnehmer selbst, die viel Zeit zur Vorbereitung auch schon vor den Sommerferien aufgewandt haben.

- Es war den Marburger Teilnehmern Wahlfreiheit bei den acht Überlinger Kursen eingeräumt worden, ein bemerkenswert freundliches Entgegenkommen der Organisatoren! Als dann aber vier von fünf ursprünglichen Aspiranten über den Philosophen Wittgenstein forschen wollten, wurde es verständlicherweise schwierig. Schließlich aber ergab sich doch die von Bonn und Marburg gleichermaßen favorisierte Lösung: Sabriye philosophierte, Oliver programmierte und Manon spielte englisches Theater. Auch die Beteiligten waren im nachhinein zufrieden.

- Wenn künftig auch die vergleichbaren Angebote zu weiteren Themen in Braunschweig, dem eigentlichen Tagungszentrum der Akademie, zur Wahl stehen, wird es einfacher; Blinde oder hochgradig Sehbehinderte sind in manchen Kursen einfach schlecht plaziert.

- Bei allem Pioniergeist und aller bewundernswerten Unbefangenheit waren die drei Blistaner doch auch nicht frei von einer gewissen Spannung, wie die vielfältigen Unwägbarkeiten nun verlaufen würden: "Was wird uns erwarten in Überlingen- Lauter hochnäsige "Eierköpfe" und hyperintellektuelle Kursleiter, Tag und Nacht am selben Thema arbeiten bis zur völligen Erschöpfung, sich als lästig empfinden als Behinderter gegenüber den anderen, sei es durch gespürtes Desinteresse, sei es durch unablässiges neugieriges Ausgefragt-Werden, sei es durch ständiges Gestreichelt-Werden aus Mitleid-"

- Nichts davon ist eingetreten, die Marburger scheinen akzeptiert worden zu sein als Mitarbeiter, als Partner, als Freunde, Sympathie auf sich gezogen, aber auch "mal Antipathie ausgelöst zu haben; man stellte sich auf Hilfe ein, wo sie nötig war, und bemerkte die Selbständigkeit, wo sie möglich war, und manchmal ging man sich auch "auf den Geist", war unzufrieden oder ärgerlich ... beinahe "wie im richtigen Leben" - und das hatten wir uns schließlich alle gewünscht. Aber die positiven Erlebnisse überstrahlten bei weitem solche kleineren Unebenheiten.

- Die Rückmeldungen der anderen Teilnehmer sind sehr erfreulich. Manche äußern sich positiv über die Erfahrungen, die sie mit den Marburgern gemacht haben, keiner negativ, viele gar nicht, muß ja auch nicht sein, war vielleicht ganz selbstverständlich. ... Nicht wenige haben jedoch am Ende des Aufenthaltes zugegeben, daß sie schon sehr befangen waren am Anfang - aber eben auch nur am Anfang. Einige bekunden auch, daß sie es als Gewinn ansehen, etwas über Blinde erfahren zu haben, manchmal auch in lustiger Form, etwa wenn Oliver in einer satirischen Passage vorträgt: "So, Sie sehen hier, wie der blinde Hans-Dieter das erste selbstgeschmierte Butterbrot seines Lebens ohne fremde Hilfe ißt, noch bevor er volljährig wird!" Einer der Teilnehmer bilanziert: "Besonders beeindruckend war für mich der Umgang mit den sehbehinderten Teilnehmern, wobei das Wort "behindert" gerade dieser Erfahrung widerspricht."

- In der Schule ist einem schon manche Doppelstunde zu lang, wenn es sich immer um dasselbe Thema handelt. In Überlingen war jedem klar, daß ein und dasselbe Thema 14 Tage lang vertieft werden sollte, und manch einer konnte davon gar nicht genug kriegen, geriet in einen workaholic-artigen Rauschzustand.

- Die meisten "Mitlerner" waren nett, vielseitig begabt, hilfsbereit und vor allem offen für alles mögliche ... damit hatten wir nicht gerechnet! Einige wenige aber auch nicht - na und-

- "Es müssen keine Genies sein, die sich künftig vielleicht bewerben wollen, aber ein wenig mutig, aufgeschlossen, kontaktfreudig, lernfähig, lerneifrig, mobil, selbständig, aber auch Hilfe erbittend, mit einer Portion Frustrationstoleranz ausgestattet sollte man schon sein", fassen die drei ihre Erfahrungen zusammen.

- Ebenso weisen sie darauf hin, daß umfängliche Hilfestellung von Marburg aus bei der Planung und Vorbereitung notwendig ist, "aber dann müssen wir alleine bestehen. ohne "Eintänzer", "Adlatus" oder gar "ständigen Betreuer", sonst ist der Integrationsaspekt geschenkt." Auch einen ständigen Ansprechpartner von seiten des Vereins, so eine Art "Blindenwart", lehnen sie ab, allerdings weniger einhellig.

- Das inzwischen eingefahrene Verwöhnungsprinzip an der Blista wird von ehemaligen Schülern nicht selten kritisiert. Die drei "Überlinger" sind da schon während ihrer Schulzeit skeptisch geworden.

- "Warum nehmen wir eigentlich nicht an den Bundeswettbewerben teil-" fragt Manon. "Zu den Informatikwettbewerben sollen wir künftig eingeladen werden!" hat Oliver zu erreichen versucht.

- Zu dieser intellektuellen Schwerarbeit trat natürlich auch ein Freizeitprogramm, für das die Gegend am Bodensee viele Möglichkeiten bot. Die Marburger haben vor allem mit Tandems die Gegend erkundet und sind mit Kajaks "über den Bodensee geritten". Auch sonst kam man sich nicht nur bei der Arbeit näher, und manche geschlossene Freundschaft verspricht Bestand zu haben.

Hier muß der Auszug aus dem so aufschlußreichen Bericht der Schüler abgebrochen werden; vieles wäre noch zu ergänzen, etwa aus den Rückmeldungen der anderen Teilnehmer, die über 30 Seiten umfassen.

Das so positiv klingende Resümee muß indes um zwei kritische Anmerkungen ergänzt werden. Es soll hier nicht die "Leistung um jeden Preis", "Auslese der Elite" oder eine "Frühförderung von Spezialisten" favorisiert werden, auch wenn manches Ergebnis eines Kurses in Spetzgart schon an die Seminararbeit einer Universität heranreicht. Natürlich besteht der Schulalltag dagegen aus meist erzwungenem Lernen, Erklären, Einüben, Wiederholen, Pauken, Kompensieren, Benotet-Werden, Versetzt-Werden oder auch einmal "Sitzenbleiben". Aber es muß auch freien Bildungserwerb um der Sache willen geben dürfen, und wenn einer nun unbedingt will, auch einmal 14 Tage in den Sommerferien jeden Tag acht Stunden ... Eine Gefahr besteht jedoch in der Aufspaltung der Schüler in zwei Gruppen, die sich auseinanderleben könnten. Demgegenüber muß betont werden: Die einen sind keine Versager, die anderen sind keine Genies. Beide müssen sich akzeptieren und weiter zusammen leben und arbeiten. Gleichwohl, die Sache bleibt schwierig.

Bei so vielen auch schriftlich vorliegenden Erfolgsmeldungen klopfe ich mir mit Genugtuung auf die Schulter: Wir sind schon gut, unsere Schüler, unsere Lehrer, unsere Betreuer in Heim und RES ... so wird sich der glänzende Ruf unserer einzigartigen Bildungsanstalt weiter verbreiten! Doch meine Selbstzufriedenheit wird von meinen Schülern, die ich fünf Jahre unterrichtet habe, rasch relativiert: "Was wir brauchten in Spetzgart und was uns befähigt hat, uns als Behinderte Anerkennung zu verschaffen und durchzusetzen, haben wir nun gerade nicht an der Blista gelernt!" Zwei von ihnen waren bereits ein Jahr in Amerika, und der dritte ist seit jeher ein "Hans-Dampf-in-allen-Gassen". Das geht mir nahe und stimmt mich nachdenklich, aber ehe ich ausgerechnet diese Schüler für einfach nur undankbar erkläre, meine ich mich - ein für Lehrer gemeinhin ungewohntes Verfahren - erst einmal an meine eigene Nase fassen zu müssen: Vielleicht machen wir doch nicht alles ganz richtig-

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