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P. Brass

Bericht über zwei Konferenzen des Internationalen Blinden- und Sehbehindertenlehrerverbandes (ICEVH) in Thailand In der Zeit vom 26. bis 31. Juli des Jahres fand die 9. internationale Konferenz des ICEVH in Bangkok, Thailand, statt. Um Kosten und Organisationsaufwand zu sparen, hatte der Verband gleich im Anschluß an seine im Abstand von fünf Jahren durchgeführte Gesamttagung noch eine weitere Konferenz (2. bis 5. August) zum Thema "Förderung sehgeschädigter Kinder im Vorschulalter" organisiert.

Beide Konferenzen standen unter dem Motto: "Zusammenarbeiten in den 90er Jahren, Strategien auf dem Weg zur Chancengleichheit sehgeschädigter Kinder und Jugendlicher".

Unter dieser Zielsetzung waren ca. 750 Fachleute aus nahezu 80 Ländern in Bangkok zusammengekommen. Die Mehrzahl der Anwesenden waren praktizierende Sehgeschädigtenpädagogen - sei es im Sonderschul- oder im Integrationsbereich -, aber auch die Fachrichtungen Psychologie, Frühförderung, Lehreraus- und -weiterbildung, Medienversorgung und Programmadministration waren vertreten. Eine großzügig angelegte und ausgestattete Universität im Norden Bangkoks bot den organisatorischen Rahmen für die gemeinsame Arbeit, die durch eine offene und kollegiale Atmosphäre bestimmt war.

Die Konferenztage waren so organisiert, daß am Vormittag ein Hauptreferat im Vordergrund stand, es folgten drei Kurzreferate, die als Reaktion auf das Hauptreferat gedacht waren, und im Anschluß hieran hatte das Plenum Gelegenheit, sich zu äußern. Die Nachmittage waren in zwei Blöcke aufgeteilt, in denen jeweils bis zu 16 Arbeitsgruppen, Workshops, Diskussionsforen, Demonstrationen und Projektdarstellungen parallel stattfanden. Diese Vorgehensweise war sehr bedauerlich, da meist mehrere interessante Veranstaltungen abliefen, aber aufgrund der angebotenen Themenvielfalt war wohl kein anderer Weg gangbar.

Im Rahmen dieses Berichts können selbstverständlich nicht alle Veranstaltungen beschrieben werden, nicht einmal die, die ich besuchen konnte, ich will aber versuchen, die wichtigsten Themen hier zu skizzieren.

Drei übergeordnete Themenbereiche strukturierten die ICEVH-Konferenz:

- Zugang zu Schrift und damit eng verbunden die Forderung, den Zugriff auf Texte aller Art zu gewährleisten.

- Zugang zur, Einfluß auf und damit Einbindung in die jeweilige soziale Gemeinschaft.

- Der Wunsch nach einem Recht auf Arbeit und - wo erforderlich - nach Hilfen zum Erlangen von Arbeit und bei ihrer Ausübung.

Besonders in den Ländern der dritten Welt ist der Zugang zu Schrift noch immer eine vielfach uneingelöste Forderung. Alphabetisierung ist unter den Sehenden dort schon schwierig, aber besonders für Sehgeschädigte, die auf Brailleschrift angewiesen sind, stellen sich große Probleme. Hier sind vorrangig ein Mangel an qualifizierten Lehrkräften, große Entfernungen und das Fehlen geeigneter Materialien zu nennen. Die in vielen Entwicklungsländern gegründeten Blindenschulen konnten nur sehr bedingt Abhilfe schaffen, daher wird auch hier inzwischen die Realisierung von Integrationsprogrammen verstärkt betrieben. Im Bereich der Lehrerfortbildung werden auch neuartige Unterrichtsmethoden - wie z. B. die Verwendung von Fernunterricht in unterschiedlichen Formen erwogen.

Bei der Produktion von Unterrichtsmaterialien und Lesetexten hat der Computer große Dienste geleistet. Allerdings lassen sich Wünsche nach Computern für die individuelle Arbeit nur selten verwirklichen, da einerseits die notwendigen Ressourcen fehlen, andererseits treten auch häufig Schwierigkeiten auf, sobald technische Probleme entstehen oder Ersatzteile benötigt werden.

In den entwickelten Staaten hat die neue Technologie große Fortschritte gebracht, die hier aber keiner weiteren Erläuterung bedürfen. Allerdings gibt es auch hier immer noch unnötige Barrieren, so z. B. die nicht befriedigend gelösten Fragen des Urheberrechts für Materialien auf Datenträgern. Mit diesem Problem haben nicht nur wir in Deutschland zu kämpfen.

Um die beachtliche Spannweite der dargebotenen Themenbereiche zu dokumentieren, seien hier nur einige besonders interessante genannt:

- Programme zur Förderung der Akzeptanz der Brailleschrift. In diesem Zusammenhang wurde auch ein interessantes australisches Projekt zur möglichen Reform der englischen Kurzschrift vorgestellt, das Rezeptionsstrategien der rechten Hirnhemisphäre in den Lernprozeß einbezieht.

- Entwicklung von Kriterien für die Gestaltung von Büchern und anderen Publikationen auf Datenträgern.

- Die Bedeutung des Lernens taktiler Darstellungen schon in frühem Kindesalter. - Die wichtige Rolle von Sehgeschädigten und ihren Organisationen im schulischen Kontext und in der Rehabilitation.

- Neue Wege in der Rehabilitation Sehgeschädigter unter Einbeziehung des sozialen Umfelds (Großfamilie, Dorfgemeinschaft usw.) in der dritten Welt.

- Vorstellung eines speziell für Sehgeschädigte entwickelten Intelligenztests.

- Eine Langzeitstudie (über fünf Jahre) zur Effizienzkontrolle von Förderprogrammen für sehgeschädigte Kinder.

Diese Liste könnte noch erheblich verlängert werden, doch dies würde den vorgegebenen Rahmen sprengen. Es sei nur noch festgestellt, daß die Qualität der Darbietungen bemerkenswert war. Die Diskussionen, die Gespräche, die neuen Kontakte haben für viele von uns neue Anregungen gebracht, die unsere zukünftige Arbeit stimulieren werden.

Neben der Problematik der Vorschulzeit, der ja eine ganz eigene Konferenz gewidmet war, spielte immer auch der komplexe Bereich der Mehrfachbehinderungen eine wichtige Rolle. Schon vor fünf Jahren in Würzburg fand dieses Thema Beachtung, aber aufgrund der allgemeinen Entwicklung wurde ihm hier noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Von besonderem Interesse waren hier die Ausführungen von Frau Lilli Nielsen aus Dänemark. Es würde zu weit führen, ihre Herangehensweisen hier zu beschreiben, und zusätzlich würde meine unzureichende Kenntnis ihrer innovativen Methoden ihrer Arbeit sicherlich nicht gerecht werden. Es sei jedoch erwähnt, daß bei der Edition Bentheim in Würzburg einige ihrer Bücher in deutscher Sprache verlegt worden sind, und mindestens einer der Titel ist auch auf Datenträger zu haben, so daß er einer größeren Zahl von Sehgeschädigten leichter zugänglich sein dürfte.

Parallel zu den Kongressen fand eine Ausstellung statt, in der die unterschiedlichsten Hilfsmittel - von einfachsten Gebrauchsgegenständen des Alltags, über Spiele, Uhren und Schreibgeräte bis hin zu Computeranlagen -, das gesamte Spektrum an vorhandenen Hilfen zu sehen war. Zahlreiche nationale Organisationen und Institutionen standen mit Information und Rat gerne zur Verfügung.

Neben der fachlichen Arbeit war auch noch ein Stück Vereinsarbeit zu bewältigen. So trafen sich an mehreren Tagen die verschiedenen regionalen Gruppierungen des ICEVH, um die vergangenen fünf Jahre zu bewerten und die zukünftigen Projekte zu diskutieren. Außerdem mußten die regionalen Vorsitzenden neu gewählt werden. Frau Elizabeth Chapman aus England, die mit viel Elan während der vergangenen Wahlperiode die Region Europa zu einer der aktivsten Regionen des Verbandes gemacht hatte, kandidierte leider nicht mehr, zu ihrem Nachfolger wurde Herr Gresnikt aus Holland gewählt. Sein Vertreter ist Herr Stockholm aus Dänemark.

Aber auch im Gesamtverband standen zukunftsweisende Aufgaben an. So mußten zunächst die Vorsitzenden neu gewählt werden. Präsident William Brohier aus Malaysia, der gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Susan J. Spungin aus den USA, die Geschicke des Verbandes in den vergangenen fünf Jahren so erfolgreich gelenkt hatte, wurde erneut mit großer Mehrheit zum Präsidenten bestimmt. Frau Spungin kandidierte nicht mehr, an ihrer Stelle wurde Larry Campbell aus den USA zum Vizepräsidenten gewählt.

Aus den zahlreichen Resolutionen und Perspektivpapieren, die wir Delegierten als Leitlinie für die weitere Arbeit verabschiedeten, sollen nur fünf wichtige Ziele hier erwähnt werden:

- Weltweiter Einsatz für die Verbesserung der Ausbildungschancen sehgeschädigter Kinder und Jugendlicher.

- Engere Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie UNESCO, WBU usw. - Stärkere Berücksichtigung mehrfachbehinderter Sehgeschädigter in den Aktivitäten von ICEVH. - Das Hervorheben der Brailleschrift als wichtiges Kommunikationsmedium.

- Intensivierung der Lehreraus- und -weiterbildung. Die Resolutionen, Zielsetzungen des Verbandes, die Referate und Zusammenfassungen der Arbeitsgruppen und Workshops werden in den "proceedings" der Konferenzen im Laufe des kommenden Jahres veröffentlicht. Eine Fassung auf Datenträger wurde angeregt, und diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, so daß möglicherweise eine sehgeschädigtengerechtere Form der Dokumentation erscheinen wird. In diesem Zusammenhang sei als Detail am Rande noch erwähnt, daß das Organisationskomitee ein Braille-Zentrum eingerichtet hatte, das die Punktschriftleser immer aktuell mit den wichtigsten Papieren und Diskussionsvorlagen versorgte. Dies sei den Organisatoren des VBS- Kongresses im kommenden Jahr in Marburg wärmstens zur Nachahmung empfohlen.

Schließlich darf ein Lob und der Dank an die Organisatoren und Förderer der Kongresse nicht fehlen. Das stets offene Ohr des Organisationskomitees, die Gastfreundschaft der thailändischen Kolleginnen und Kollegen und die Bereitschaft zur schnellen Improvisation, wenn wirklich einmal nicht alles wunschgemäß klappte, trugen viel zum äußerst positiven Verlauf des Treffens, sowohl aus fachlicher als auch aus menschlicher Sicht, bei. Und nicht zuletzt möchte ich auch dem DVBS danken, der mir diese eindrucksvollen und interessanten zehn Tage in Bangkok ermöglichte.

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