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A. Kals: Der blinde Religionslehrer und Philanthrop Alexander von Stryk (1831-1901)

Auf die estnische Bildungsgeschichte des 19. Jahrhunderts hat ein Felliner baltendeutscher Herkunft, Alexander Georg von Stryk, einen besonderen Einfluß ausgeübt. Dieser Familienname ist in der früheren Geschichte Estlands nicht ganz unbekannt. Er kommt in manchen biographischen Lexika und in den Katalogen der Bibliotheken vor.

Eine gewisse Aureole liegt über A. von Stryks Leben, weil er von Geburt an blind war. Er ist heute ungerechterweise kaum noch bekannt. Immerhin sind in der Personenkartothek der Bibliographieabteilung des Literaturmuseums "Friedrich Reinhold Kreutzwald" zehn estnischsprachige Zeitungsartikel über A. von Stryks Leben registriert. Unter den Handschriften im selben Museum finden sich die deutschsprachigen Briefe oder ihre Entwürfe aus den Jahren 1870 bis 1900, die er mit Carl Robert Jakobson, Friedrich Kuhlbas, Villem Reimann und anderen namhaften estnischen Zeitgenossen tauscht. Sie handeln von Fragen der Politik, Wirtschaft, Bildung, Religion usf., einschließlich des persönlichen Lebens.

Eine andere Quelle ist A. von Stryks Aktenheft aus der Universitätszeit in Dorpat. Zusammenfassungen über sein Leben finden wir in Zeitungen mit Würdigungen anläßlich seiner Amtsjubiläen in den Jahren 1882 und 1898, seiner Amtsniederlegung 1900 und seines Todes 1901.

Alexander Georg, der Sohn der Pollenhofer Gutsbesitzer Georg und Amalie, wurde am 26. (14.) April 1831 geboren. Als ein großes menschliches Unglück wurde bald klar, daß der Neugeborene blind war. Die Pflege, der Wohlstand und der Unternehmungsgeist der Eltern haben den Ausweg aus der hoffnungslosen Lage geschaffen.

Damals gab es in der Nähe keine deutschsprachige Blindenschule. Deshalb wurde in der Ferne nach Hilfe gesucht, und es wurde die Hannoversche Blindenschule ausgewählt. Da der Junge begabt war, bedurfte es einer ergänzenden Ausbildung in Fellin in den Jahren 1849-1852. Selbstverständlich wurde der Unterricht mit Hilfe eines Vorlesers durchgeführt. Alexander fiel durch ein glänzendes Gedächtnis auf und strebte das Hauslehreramt über ein Studium an der theologischen Fakultät der Dorpater Universität an. Es ist möglich, daß A. von Stryk an dieser Universität der einzige blinde Student war. Natürlich stand ihm sein Bruder Georg Philipp (1833-1893) zur Seite, der zur selben Zeit (1852- 1856) Jura studierte.

Im Mai 1857 bestand Alexander die Hauslehrerprüfung an der Dorpater Universität. Danach setzte er seinen Bildungsweg an einer Hamburger Hochschule mit einem Theologiestudium fort. Danach siedelte er sich in Fellin an.

Unter den Zeitgenossen als "Blinder Stryk" bekannt, wohnte er als Lediger und später als Ehemann (die Verlobung mit Henriette Lauenstein fand im Jahr 1891 statt) in seinem Haus. Er unterrichtete Religion und Deutsch unentgeltlich während 43 Jahren.

Im Alter von 69 Jahren legte er im Jahr 1900 die pädagogische Arbeit nieder. Nach kurzer Krankheit starb er am 21. (8.) Oktober 1901. Eine vergleichbare rührende und großartige Beerdigung wie die A. von Stryks hat man in Fellin wohl nie gesehen. Heute ist die Grabstätte geplündert und kein Grabmal trägt mehr einen Namen.

A. von Stryk war Lehrer in zwölf Felliner Schulen. Von Haus zu Haus, von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde haben ihm die Schüler geholfen. Es war ihnen eine Ehre, ihren geschätzten Lehrer behutsam am Arm zu führen.

1863 eröffnete er selbst eine Armenschule für Mädchen, die aber in den Jahren 1872 bis 1881 als eine gleichartige Lehranstalt für Knaben arbeitete. A. von Stryk zahlte für die Unterhaltung seiner Schule 400 Rubel pro Jahr, der Zuschuß der Stadt betrug bis zu 120 Rubel. Die Privatschule A. von Stryks war ohne pflichtiges Schulgeld und vor allem für die ärmeren Schichten der Stadt gedacht. Weil aber das Niveau der Schule hoch war, schickten auch die Reicheren ihre Kinder dorthin.

Im Jahr 1878 wurde in Fellin, sowie in vielen anderen Städten Nord-Livlands oder Süd-Estlands ein Tochterverein des Vereins zur Ausbildung Blinder und Schwachsichtiger gegründet. Aus irgendwelchen Gründen finden wir unter den Gründernamen nicht den von A. von Stryk. Zwar war er im Jahr 1895 unter denen, die in Fellin den Mitgliedsbeitrag des Vereins einsammelten, um die Bauarbeiten der Blindenschule zu Riga zu unterstützen. Ihm lag aber gewiß daran, die blinden Kinder aus der Umgebung Fellins in die deutschsprachige Blindenschule zu schicken, die im Jahr 1872 gegründet worden war.

Die pädagogische Arbeit A. von Stryks war unlösbar mit Philanthropie verbunden. Die Grundlage seiner Wohltätigkeit war das von den Eltern geerbte Kapital, dessen Erträge er für die Schulung und Fachbildung der armen Kinder ausgab. Seine besondere Fürsorge galt den Waisen. Einige von ihnen wurden Lehrlinge bei Kaufleuten oder Handwerkern, andere wurden zu Mittel- und Hochschulbildung geführt.

Seine Philanthropie begründete er damit, daß er ein Mittler zwischen seinem und dem estnischen Volk sein wollte. Alles Übel, das die Deutschen den Esten angetan hatten, versuchte er wiedergutzumachen. Er meinte, die schützen zu müssen, denen Unrecht angetan wurde. Er war "der Helfer der Leidenden, der Unglücklichen und der Vormünder der armen Kinder".

Trotz seines starken ständischen und nationalen Selbstbewußtseins war er Demokrat und seiner Zeit um einiges voraus. Er suchte nach einer Brücke zu anderen Ständen und Nationen. Diese Brücke war für ihn das Christentum. Er liebte seine Muttersprache, doch hielt er die estnische nicht für schlechter und gebrauchte sie beim Unterricht.

Wenn A. von Stryk für seine Wohltaten gedankt wurde, antwortete er zurückhaltend: "Ich habe noch nichts Gutes machen können; deshalb kann ich auch den Dank nicht annehmen; ich habe nur das getan, was die Pflicht eines Christenmenschen sein müßte, der über ein irdisches Vermögen verfügt." (Der vorstehende Beitrag wurde von Karl Britz bearbeitet und stark gekürzt. Die Originalversion befindet sich im Archiv der Deutschen Blindenstudienanstalt. Eine Schwarzschriftkopoie ist dort auf Wunsch erhältlich.)

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