



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
- Ein verzweifelter Hilferuf des Zentrums für die Bildung, Erziehung und Rehabilitation der blinden und sehschwachen Personen - Sarajevo
Einige Leser werden sich bei dem Stichwort Sarajevo vielleicht daran erinnern, daß seit den Olympischen Winterspielen 1984 zwischen der Blista und der Einrichtung in Sarajevo eine Partnerschaft besteht. Nahezu 100 Schüler, Betreuer und Lehrer aus Marburg lernten in den Jahren seit 1985 - wie wir meinten - jugoslawische Gastfreundschaft kennen.
Ebenso viele Lehrer und Schüler aus Sarajevo waren Jahr für Jahr Gäste der Blista.
So beherrschte die sorgenvolle Frage "Hat irgend jemand etwas aus Sarajevo gehört-" viele Gespräche seit April 1992, schriftliche und telefonische Kontaktversuche blieben ohne Antwort.
Die Bilder und Kommentare zu den Kampfhandlungen rund um den Flughafen von Sarajevo machten uns schnell klar, daß die Schule/Internat - in unmittelbarer Nähe des Flughafens und einer Kaserne - vermutlich zerstört sein würden.
Die Gewißheit und ein Appell, 60 Schüler und zehn Lehrer als Gäste der Blista zu empfangen, erreichte auf dem Weg über die deutsche Botschaft in Zagreb und das Auswärtige Amt schließlich Ende Oktober den Direktor der Blindenstudienanstalt.
Zentrum für die Bildung, Erziehung und Rehabilitation
der blinden und sehschwachen Personen - Sarajevo
Blindenschule Marburg
TEL. 9949-067053-21-606-124
Fax: 9949-6421-606229
Sehr geehrte Kollegen!
Wie Sie wissen, wir befinden uns in einer unerwünschten Situation schon einigen Monaten. Der Krieg plündert durch Bosnien und der Herzegowina. Unsere Schüler sind in den Luftschutzkellern. Unsere Schule ist auf dem Besatzungsgebiet. Sie ist zerstört. Wir sind nicht in der Lage, den Unterricht oder was für eine Hilfe unseren Schülern zu organiesieren.
Viele Professoren sind auch nicht da. Wir wenden uns mit einer Bitte, im Namen der langen Mitarbeit und Freundschaft uns zu helfen.
Wir bitten Sie, wenn Sie Möglichkeit haben, unsere Schüler mit den Professoren zu empfangen, wie wir einer Bildungs- und Erzielungsunterricht organisieren könnten. Wir möchten eine Arbeit mit den Vorschul-, Volks- und Fachschulkindern organisieren. Wir rechnen ungefähr mit sechzig Schülern und zehn Professoren.
Wenn Sie uns helfen können, sollen Sie uns einen Garantiebrief auf Fax 00871 11.22.352 schicken.
Wenn das alles klappt, bitte, schreiben Sie uns die Bedingung und Zeitpunkt des Empfangs.
Mit freundlichen Grüssen und viel Dankbarkeit
im Namen von Zentrum (Unterschrift dreier Professoren)
Die Nachricht vom Eingang des Schreibens aus Sarajevo breitete sich wie ein Lauffeuer aus:
- Herr Angermann berichtete über zahlreiche Spendeneingänge auf dem Spendenkonto des DVBS.
- Schüler diskutierten, ob man klassenweise Patenschaften übernehmen sollte, Spielsachen und Kleidung sammeln könnte
- über vierzig Mitarbeiter der Blista erörterten auf zwei Sitzungen denkbare Formen der Betreuung und Hilfe nach Ankunft der Gruppe.
Diverse Kontakte mit Politikern auf Kreis-, Landes- und Bundesebene führten - freilich erst nach vielen Wochen - dazu, daß die Finanzierung und Unterbringung einer Gruppe aus Sarajevo gesichert ist; selbst für eine Ankunft der Gruppe in den Weihnachtsferien wären wir vorbereitet gewesen.
Doch die Enttäuschung und Ratlosigkeit Anfang Januar "93 ist groß. Trotz der Initiativen des Kanzleramtes, des Auswärtigen Amtes, des Deutschen Sonderbotschafters bei der UN-Vertretung in Genf teilt die UN schriftlich mit, daß die UN gegen die geplante Evakuierung 60 blinder und sehbehinderter Kinder zwar keine Bedenken ("no objection") erheben werde, aber "nicht in der Lage sei, logistische und andere Unterstützung zu gewähren".
Im Klartext: Da die UN die Ausreise der Kinder und ihrer Betreuer per Luftbrücke nicht fördert, sitzen 60 blinde und sehbehinderte Kinder bei Hunger und Kälte in einer Stadt fest, die gerade für Blinde und Sehbehinderte zum Alptraum geworden sein muß.
Wir werden versuchen, über die öffentlichen Medien den Kolleg(inn)en der Schule die Nachricht zukommen zu lassen, daß sie die Möglichkeit eines Landtransportes erörtern und organisieren müssen.
Der erwünschte Garantiebrief für eine Aufnahme ist möglich - doch inzwischen frißt der Krieg die Menschen in Sarajevo.
Was kann man noch tun in dieser Situation- Herr Hertlein erfuhr im Gespräch mit Herrn Neudeck, der vor einigen Tagen gemeinsam mit dem Limburger Bischof Kamphaus in Sarajevo war und durch das Lazarett-Schiff Cap Anamur bekannt geworden ist, daß dieser 300 Schwerstkranke aus der Stadt bringen möchte. Er hat die gleichen Schwierigkeiten zu überwinden, wie die Deutsche Blindenstudienanstalt, die die Ausreise der blinden und sehbehinderten Kinder aus Sarajevo erreichen will.
Man kann hoffen, daß die Bemühungen des deutschen Sonderbotschafters bei der UN in Genf vielleicht doch noch zum Erfolg führen ...
Ich denke, wir müssen warten, ob der "großen Politik" bessere Rahmenbedingungen gelingen, wohl auch den Druck auf die UN erhöhen - vielleicht durch verstärkte Aktivitäten der Blindenselbsthilfe - und alles versuchen, den uns bekannten Menschen in Sarajevo den Lebensmut zu erhalten. Herr Regierungsdirektor Zahn aus dem Bundeskanzleramt, der in den vergangenen Monaten geduldiger und engagierter Ansprechpartner war, schrieb am 05.01.1993:
"Der Leiter des Arbeitsstabes Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Botschafter Eif, hat zugesagt, sich weiter für die blinden Kinder einzusetzen und zu versuchen, sie auf sicherem Wege aus Sarajevo herauszubekommen".
Ausdrücklich danken wir allen Spendern, die in den vergangenen Monaten dafür gesorgt haben, daß bereits jetzt für die "Zeit danach" ein Betrag zur Verfügung steht, der zum Wiederaufbau der Schule, und zur Verbesserung der Lebenssituation der Schülerinnen und Schüler genutzt werden soll.
Hertlein, Direktor Sparenberg, Stellvertr. Schulleiter
Zurück zum Inhalt von 1/1993 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe