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Als Begegnungsstätte in "Sachen Literatur", als "Jahrmarkt (literarischer) Eitelkeit" mit schöner Regelmäßigkeit "totgesagt", ist die Frankfurter Buchmesse jedes Jahr auf"s Neue der Anziehungspunkt für Tausende.
246.000 Medien-Interessierte waren es in diesem Jahr, die dem Flair dieser Bücherschau nicht widerstanden und zu deren quirliger Aktivität an insgesamt sechs Messetagen beigetragen haben. Und es sind nicht zuletzt wohl jene Zeitgenossen, die ein waches Verhältnis zu den Problemen ihrer Zeit haben und die bereit sind, sich mit ihnen auseinander zu setzen, so, wie die Produktion der 8.236 Aussteller sie in 350.000 Titeln widerspiegelt. Dieser weitgefächerte Personenkreis ist es, den die DBSTA mit ihrer Informationsarbeit erreichen möchte.
Information worüber- - Natürlich in erster Linie über die eigene Medienarbeit für Blinde und Sehbehinderte, deren Ziel es ist, einen direkten Zugang zur Literatur für die Betroffenen zu schaffen. - Traditionell sind es die in Punktschrift übertragenen Bücher und die als Hörbuch aufgesprochene Literatur; hinzu kommt zunehmend die Vermittlung bzw. der Zugang zu digital gespeicherten Texten (sei es in Datenbanken, auf Disketten oder CD ROM). - Kurz, Informationen darüber, was verfügbar und Blinden zugänglich ist, welche technischen Möglichkeiten Gegenwart und Zukunft bereithalten und welche speziellen Probleme die Lesebehinderten bewältigen müssen.
Aus der (in jeder Hinsicht umfangreichen) Produktion der Braille-Druckerei waren einige aktuelle Titel ausgestellt: so z.B. - zum Länderschwerpunkt "Mexiko"; - zu Umweltfragen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion; zur AIDS-Problematik. Spanischsprachige Literatur war ebenso vertreten wie ein Werk des mexikanischen Literatur-Nobelpreisträgers Octavio Paz; auch erschien zum Jakobsjahr 1992 ein Reisebericht.
Aus Platzmangel konnten die weiteren Bücher nur mündlich vorgestellt werden. Im Katalog-Nachtrag (in Schwarzschrift) jedoch, wie in den kostenlos versendeten Marburger Bücherlisten (in Braille), werden die angebotenen Titel durch knappe Annotationen beschrieben.
Nebenbei dienten die Bände als Anschauungsmaterial für die sehenden Standbesucher, die noch nie ein Braille-Buch in der Hand hatten, vor allem bei den zahlreichen Buchhändlern, die gerne blinde Kunden betreuen und rasch beliefern wollten. Das - für sie - übergroße Format der Bücher rückte bei manchem den ursprünglichen Idealismus näher an die Realität:
welcher Buchhändler kann die voluminösen Titel auf Lager halten- Die Anregung, die Bestellungen an die DBSTA zur direkten Belieferung weiterzugeben wurde daher gern aufgegriffen.
Das Platzproblem kann der Punktschriftleser privat nicht so einfach lösen; diese Schwierigkeit bildete so manches Mal den Ausgangspunkt für eine Diskussion über die Aufgaben der Blindenbibliotheken und ihre bestrittene Notwendigkeit. Immer wieder geäußerte Meinung war, daß die öffentliche Hand hier eine Versorgungsaufgabe finanzieren müsse, der sie sich auch in Zeiten des "knappen Geldes" nicht entziehen dürfe. Solchen Forderungen in der politischen Auseinandersetzung Nachdruck zu verleihen, könne man der Solidarität und aktiven Unterstützung sicher sein (wobei Betroffene selbst ihre Bereitschaft bekundeten, ggf. Ausleihgebühren zu entrichten).
Die mit der Brailleschrift zusammenhängenden Fragen leiteten oft zu den Hörbüchern über. Diese waren in all" den Jahren bewußt nicht von der DBSTA auf den Buchmessen ausgestellt, aber - natürlich mit entsprechenden Abspielgeräten - am Stand vorhanden. Der Grund für diese Zurückhaltung liegt in der Problematik des Urheberrechts sowie der steigenden Zahl von Anbietern kommerzieller Hörbücher. Während letztere für die Herausgabe und den Verkauf gesprochener Literatur Lizenzgebühren an den Schwarzschriftverleger zahlen, bekommen Blindenhörbüchereien die Aufsprache-Erlaubnis und das Recht für die beschränkte kostenlose Ausleihe an nachweislich Lesebehinderte (bisher noch weitgehend) unentgeltlich. Aber schon fangen einzelne Originalverlage an, Lizenzgebühren auch von Blindeneinrichtungen zu verlangen.
Oft ist es für die Rechtsabteilung eines Verlages nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wer da welche Rechte für wen erbittet. Messebesucher, vor allem das Fachpublikum, können nur schwer zwischen käuflichen kommerziellen und lediglich an Blinde ausleihbaren sprechenden Büchern unterscheiden. Um hier der Verwirrung keinen Vorschub zu leisten, wurde die Hörbucharbeit der DBSTA nicht plakativ in das Bewußtsein der Standbesucher gebracht - denn sich zusätzlich einem Kostendruck von Seiten der Verlage auszusetzen besteht keinerlei Notwendigkeit. Denn jeder Besucher - auch ein Verlegerkollege - geht bewußt oder unbewußt davon aus, daß alles Messegeschehen mit "Kommerz" zu tun hat und daß es für jeden um seinen Teil am großen "Kuchen" geht. Im Einzelgespräch mit den Verlegern trifft man zwar in der Regel auf wohlwollendes Verständnis und es wird durchaus ein gewisser Werbeeffekt durch sprechende Bücher für die Schwarzschrift zugestanden; kommt es aber zu einer prinzipiellen Erörterung der Frage in irgendwelchen Gremien, verschwindet das Entgegenkommen rasch vor den vermeintlich beeinträchtigten wirtschaftlichen Eigeninteressen. - Die Verhältnisse zwischen kommerziellen Hörbuchproduzenten, Blindenbibliotheken und öffentlichen Büchereien (die zunehmend Literatur-Cassetten ausleihen) werden noch reichlich Stoff für künftige Diskussionen abgeben, bis jede Einrichtung ihren Platz bei der Literaturversorgung neu definiert hat.
Mit wem nun werden solche Diskussionen geführt-
Genannt wurden bereits Buchhändler und Verleger. Da an den sechs Messetagen vier dem Fachpublikum vorbehalten waren, war dieser Kreis auf der 44. Buchmesse besonders stark vertreten. Hinzu kamen Bibliothekare, die wissen wollten, wie sie blinde und sehbehinderte Student(inn)en und Hochschüler besser mit Literatur versorgen könnten. Hier wies die Standbesetzung nicht auf die Möglichkeiten der DBSTA hin, sondern auf alle Dienste die es in Deutschland gibt und zu welchen Bedingungen diese zur Verfügung stehen. In manchen Fällen wurde nach konkreten Titeln gefragt, über die anhand einer Datenbank der Dokumentation (aidos) der DBSTA Auskunft gegeben werden konnte ("Zentralkatalog der Braille-Bücher").
Welch" große Fortschritte die Integration im Bewußtsein medienbezogener Berufe gemacht hat, bewiesen (neben den Buchhändlern und Bibliothekaren), die vielen Fragen von Pädagogen nach blindengerechtem Unterrichtsmaterial. Hier hat sich die Situation gegenüber dem Vorjahr praktisch kaum geändert und die Verzweiflung manch eines engagierten Lehrers konnte, durch die Auskünfte nur im Ansatz (mit dem Hinweis auf eine hoffentlich bessere Zukunft) gemildert, aber nicht beseitigt werden. Kultur- und Bildungspolitik haben für die Praxis noch nicht die Voraussetzungen geschaffen deren Notwendigkeit unbestritten ist und die schon lange gefordert wurden - so die einhellige Meinung.
Einen Gegenstand verstärkter Aufmerksamkeit bot die eigentliche Verlagsarbeit der DBSTA als Herausgeber eigener Werke vor allem die bekannte Reihe "Das andere Buch", ediert von Siegfried Schröder. An zwei Tagen war der Autor am Stand anwesend und stellte sich den neugierigen Fragen zahlreicher Benutzer, erteilte Ratschläge zur eigenen Erstellung tastbaren Spiel- und Lesematerials, vermittelte und erhielt Anregungen von zahlreichen Besuchern: die Blinden- und Schwarzschrift vereinigenden Ausgaben werden weit über das Blindenwesen hinaus eingesetzt. Sie sind ein greifbarer Erfolg der bisherigen Verlagspolitik. Bedauerlich ist jedoch der Mangel an umsetzbaren Manuskripten: potentielle Autoren (meist Studenten) verläßt oft genug der Mut, wenn sie in Diskussionen erkennen müssen, das "tastbar" nicht gleichzusetzen ist mit "blindengerecht" und daß die meisten Reliefs Ergebnis genauer aufwendiger Überlegung sind.
Der Integration dienen auch die Fachpublikationen zum Blinden-(schrift-)wesen. Rechtzeitig zur Buchmesse erschien die "Internationale Mathematikschrift für Blinde" (Teil 6 der Marburger Systematiken), die schon lange von sehenden Pädagogen erwartet wurde. - Weitere Titel zur Braille-Schrift werden folgen. Das typographisch aufwendige Werk findet auch im Ausland großes Interesse: in Kürze wird eine englische Übersetzung in Kooperation mit der Royal Blind Society von New South Wales (Australien) erscheinen.
Ganz allgemein ist daran gedacht, die integrative Beschulung durch Vermittlung des bei der DBSTA vorhandenen Fachwissens nachhaltig zu unterstützen. Der Wissenstransfer von einer leistungsfähigen zentralen Einrichtung zu den einzelnen, geographisch gestreuten Instituten bedarf natürlich auch im Bereich der Produktion von Fachliteratur einer finanziellen Basis, die noch nicht in jedem Fall gesichert ist.
Um einem deutschen Publikum englischsprachige Fachliteratur näher zu bringen, waren am Stand der DBSTA die Titel der "American Foundation for the Blind / AFB" ausgestellt, dem weltweit führenden Publikationshaus auf dem Gebiet des Blindenwesens. Das Personal, normalerweise im Erschließungs- und Auskunftsdienst der Dokumentation (aidos) tätig, konnte bestens Auskunft geben und die Titel ihrer Bedeutung entsprechend präsentieren; auch hier waren es besonders die Vertreter pädagogisch orientierter Berufe, welche die einmalige Gelegenheit zur Information nutzten. Die Verlage der DBSTA und die AFB streben einen Ausbau ihrer Kooperation an, denn wer auf unserem Gebiet arbeitet, wird immer auf englische Fachliteratur angewiesen sein, die der reguläre Buchhandel nur ungenügend vermittelt.
Im Zusammenhang mit der Integration - im weitesten Sinne - zu sehen, ist die Zusammenarbeit mit einem Standnachbarn, dem Marburger Verlag und Satzbüro "Blaue Hörner".
In enger Kooperation mit der DBSTA wurde dort ein Spezialprogramm für die Braille-Darstellung in Flachschrift erarbeitet, das es künftig erlaubt, PC-gestützt, Punktschriftwerke für Sehende in ansprechendem Schwarzdruck herauszubringen (etwa für Lehrer an Regelschulen, die Blinde unterrichten; Blindenschrift-Systematiken).
Die immer wieder gestellte Frage, ob Betroffene den Messestand besuchten kann für 1992 wiederum bejaht werden. Durch eine Ankündigung in dieser Zeitschrift kamen mehr Blinde gezielt an den Stand als in den vergangenen Jahren. Aber nicht nur die Bücher waren für sie interessant. Sie stellten allgemeine Fragen - besonders zu Hilfsmitteln im Rahmen textgebundener Information. Einige gaben Anregung für zu produzierende Bücher oder hätten gerne eigene Werke in Braille drucken lassen, was die DBSTA jedoch nicht leisten kann. Bei der Suche nach einem Verleger konnten jedoch durchaus aussichtsreiche Hinweise gegeben werden.
Realistischer waren dann schon Vorschläge von erfolgreichen Autoren, die anboten, eines ihrer Bücher selbst aufzulesen, was in dem einen oder anderen Fall (bei Erfüllung bestimmter Bedingungen) geschehen kann.
Viel gefragt waren Bücher- (und Hilfsmittel-) Kataloge. Die aktuelle Braille-Produktion der DBSTA ist auf einer Diskette nachgewiesen, die häufig bestellt wurde.
Für die Hörbücher der DBH konnte auf den im Erscheinen begriffenen "Hörbuch-Katalog 1989 - 1992" hingewiesen, Ausdrucke aus der Titeldatenbank der Dokumentation in Schwarz- und Punktschrift an Ort und Stelle generiert werden. Das Verzeichnis aller bekannt gewordenen Braillebücher deutschsprachiger Punktschriftbüchereien (von der Dokumentation/aidos erarbeitet) steht auf Diskette zur Verfügung.
Den beteiligten DBSTA-Angehörigen sei für ihre Mitarbeit ebenso gedankt, wie den Blindenverbänden, deren finanzielle Unterstützung die Messeteilnahme erst ermöglichte. Als Schatten liegt über der wieder erfreulich erfolgreichen Arbeit, die angekündigte Einstellung auch der restlichen Hilfe der Spitzenverbände der Blindenselbsthilfe für 1993. Sollte dies das "Aus" für eine gewachsene und notwendige Verständnis-Werbung für die Belange des Blindenwesens sein ...- Vielleicht lassen sich die Verantwortlichen noch einmal überzeugen, daß die Mittel sinnvoll zu Gunsten der Integration und Betreuung Blinder und Sehbehinderter eingesetzt wurden. Nehmen wir den Abschiedsgruß der Besucher als gutes Omen, daß ihr "Auf wiederseh"n 1993" wahr werden möge, wenn vom 6. bis 11. Oktober die 45. Frankfurter Buchmesse am Main stattfindet - dann mit dem Schwerpunkt-Thema "Flandern und die Niederlande" ... und hoffentlich wieder mit einem Stand der Blindenselbsthilfe.
R.F.V. Witte, Medienversorgung
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