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Vortrag von Dipl.-Psych. Ricardo Küpfer, gehalten in Santiago de Chile am 29. März 1990 vor Ärzten und Gästen der "Fundación Ophthalmológica Los Andes".
Die freie Übersetzung aus dem Spanischen erfolgte durch den Vortragenden.
Der Vortrag wurde mit Einverständnis des Autors um den Teil "Kritische Gedanken über die sozialpolitische Gegenwart des Blindenwesens in Chile" und die Literatur gekürzt. Der Autor ist gerne bereit, den vollständigen Artikel Interessierten zur Verfügung zu stellen.
I. Vorbemerkungen
1. Grundsätzlich gehe ich davon aus, daß jeder Mensch ständig die Grenzen seiner Sinne dort erfährt, wo es ihm darum geht, das unmittelbar auf primärem Wege Beobachtete auch jenseits des so Erfaßten auf sekundärem Wege zu ergründen. Das heißt, daß er als neugieriges Wesen genötigt sein wird, jene ihm genetisch angelegten Grenzen in dem Maße zu überschreiten, als es ihm gelingt, entsprechende Hilfsmittel und Technologien zu entwickeln. Auf diese Weise ist es dem Menschen gelungen, zu äußerst komplizierten Werkzeugsystemen zu kommen, die es ihm ermöglichen, über sein eigentliches Sensorium hinaus immer größere Ausschnitte aus einer Realität wahrzunehmen, die ihm bis dahin verborgen blieb.
Gleichsam kreativ zeigt sich der Mensch auch hinsichtlich seines Bedürfnisses nach einer wirkungsvolleren Motorik und einem operational expansiveren Verhalten. Hier ist er ebenso in der Lage, die natürlichen Grenzen seiner Kraft und Arbeit zu durchbrechen, um jedwedes räumlich-gegenständliche Hindernis auf seinen Wegen zu meistern.
Im Laufe der menschlichen Evolution werden sowohl sensorisch als auch motorisch immer ausgeklügeltere Ergänzungen und Substitute erreicht, die uns auf vielfältige Weise gestatten, biologisch gegebene und stets zu relativierende Einschränkungen zu überwinden. Ich bin auf diese allgemein gesellschaftlich honorierte Entwicklung eingegangen, um das Bewältigungspotential deutlich zu machen, welches dem blinden Menschen (ich bin es auch) ohne den Rückhalt jener sozialen Bestätigung dennoch zur Verfügung steht.
2. Auch möchte ich in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen, daß der existentiell tiefgreifende Umstand, auf die Funktion der Augen endgültig verzichten zu müssen, keineswegs mit einem "Leben in Finsternis" gleichzusetzen ist. Blindgeborene nämlich entbehren die Erfahrung bzw. Begrifflichkeit von "dunkel", ein optisches Phänomen par excellence, und zu einem späteren Zeitpunkt Erblindete setzen an Stelle der Lichtempfindungen subjektive Vorstellungen ein, welche, wie später auszuführen sein wird, den Charakter visueller Eindrücke anzunehmen pflegen, somit auch den von "dunkel". Die Unbeholfenheit und Aufregung, welche Sehende für gewöhnlich im Zusammenhang mit dem physikalischen Ausfall von Licht erleben, sollten bei einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der anstehenden Problematik nie als Erlebensäquivalent für "Blindheit" ins Feld geführt werden.
3. Mein Anliegen ist nicht, wie bisher vermutet werden könnte, die extrem gravierende Bedeutung des irreparabel gewordenen Sehverlustes in Frage zu stellen, sondern sie vor Ihnen in ein realistischeres Licht zu rücken. Durch die folgende Darstellung einiger der für mich wichtigen und von fachlicher Seite wenig beachteten Aspekte des Blindseins hoffe ich, Ihr Interesse für diese Variante menschlichen Lebens überhaupt zu wecken und besseres Wissen über sie zu fördern. In diesem Sinne möchte ich, wie zu Beginn bereits angesprochen, auf humanbiologische Potentiale oder Entwicklungsmöglichkeiten hinlenken, die nunmehr in spezifischer Weise zur persönlichen Kontrolle gegenüber der durch Blindheit aufgestellten Grenzen nützlich sind.
II. Spezielle Wahrnehmungs- und Gedächtnisphänomene im Dienste eines subjektiven Ausgleichs
Diesbezüglich werde ich mich mit Residualfähigkeiten bzw. Ressourcen befassen, über die jeder Blinde zur Untermauerung seines relativ eigenständigen Handelns verfügt oder verfügen sollte und die uns daher nicht gleichgültig bleiben können. Dafür erscheint mir ein paradigmatischer Weg brauchbar, und so greife ich nur vier der vielen Aspekte oder Ansätze auf, weil mir gerade diese zur Verdeutlichung meines angekündigten Themas relevant erscheinen. Sie sind psychophysische Vorgänge, die einem aufmerksamen Blinden äußerst wertvolle Hilfen in der Erlebens- und Verhaltensverarbeitung bieten.
1. Das Phantomsehen
Getreu meiner Aussage, daß die Dunkelheit kein Gleichnis für das Blindsein ist, möchte ich zunächst ein visuelles Phänomen aus den zur Diskussion stehenden hervorheben. Seine Bezeichnung kann als eine aus der Traumatologie, Orthopädie und Neurochirugie entlehnte betrachtet werden, da in diesen angewandten Disziplinen das "Phantomglied" seit langem Gegenstand klinischer Erfahrung ist. Ebenso wie beispielsweise ein amputiertes Bein propriozeptiv vom Subjekt weiterhin als zu ihm gehörend wahrgenommen wird, äußerst günstige Voraussetzungen übrigens für die sensomotorische Anpassung einer Prothese, geschieht es in unserem Bereich mit der "amputierten" Optik.
Schon relativ früh (um das fünfte Lebensjahr) Erblindete verfügen über verhältnismäßig realistische Lichterfahrungen, die sich normalerweise einer persönlichen Wahrnehmungsverarbeitung unbehelligt gebliebener Sinnesbereiche begünstigend hinzugesellen. Sowohl das Phantomglied als auch das Phantomsehen wurden jedoch im allgemeinen von Experten als Fiktion, Anpassungsstörung oder Pathologie eines mit seinem Schicksal hadernden Invaliden verkannt. Äußerungen wie: "Du bildest Dir das nur ein", "Du mußt lernen, die Realität zu nehmen, wie sie ist" oder "Es handelt sich um eine Reizung im Bereich des zentralen Nervensystems, die mit der Zeit abklingen wird" sind Beispiele für eine solche Einstellung. Klinikern mit dieser Mentalität ging es eigentlich nur darum, den Phantomerscheinungen wie auch immer entgegenzuwirken, weil sie als Ausdruck des Abnormen galten.
Im Falle eines langsam fortschreitenden Sehdefizites, welches endgültig zur Amaurose führt (amauros = dunkel), erfahren Betroffene gegen Ende dieser Entwicklung unweigerlich die kritische Grenze, an der sie wirkliche Lichtverhältnisse und visuelle Phantome nicht mehr zu unterscheiden vermögen, ein mißlicher Umstand, aus dem das jähe Erwachen aus der Verleugnung bzw. die schmerzliche Ernüchterung folgt. Erlebnismäßig werden Phantombilder im Auge lokalisiert und entsprechen in ihrem Realismus den visuell früher gemachten und habituell gewordenen Erfahrungen, sind dennoch, ich betone es nochmals, eine wichtige Hilfe für die angemessene Einschätzung von Alltagssituationen, die der erblindete Mensch zu bewältigen hat.
Ich möchte kurz das Phantomsehen auch im Zusammenhang mit Fehldiagnosen, die dem Ophthalmologen gelegentlich unterlaufen, besprechen. Es kommt nämlich vor, was für dieses visuelle Phänomen charakteristisch ist, daß der Augenarzt Blindheit schon dort feststellt, wo noch ein minimaler Sehrest vorhanden ist, oder diesen zu registrieren glaubt, wo ein Phantom das Blickfeld ausmacht. Im ersten Fall wird die Nützlichkeit von Sinneseindruckreminiszenzen unterschätzt und im zweiten die Auswirkung intersensoriell-assoziativer Verknüpfungen, worunter der Einfluß von Reizkonstellationen funktionierender Sinnesorgane auf sowohl visuelle als auch beispielsweise auditive Phantome zu verstehen ist. Bei diesen diagnostisch scheinbar unwichtigen Nuancen eines Urteils handelt es sich um die ärztliche Antwort auf jene kritische, bereits besprochene Grenze, die nicht nur ein akut dramatisches Erleben auszulösen vermag, sondern auch zu einem sorgfältigen Überprüfen der Übereinstimmung zwischen Innenleben und Außenwelt, etwa anhand von täuschenden Kontrasteffekten, zwingt.
2. Die Synästhesie
Eigenschaften dieses Phänomens kommen unter anderem dort zum Ausdruck, wo wir vom "runden Klang", "kalten Blick" oder "schweren Duft" sprechen. Damit will ich auf die Tatsache hinweisen, daß wir viel häufiger, als es uns bewußt ist, dank der Synästhesien in der Lage sind, verhältnismäßig einfache und unmittelbare Erfahrungen bzw. Wahrnehmungsinhalte subjektiv mit Merkmalen zu ergänzen, welche zwar für unsere Information wichtig, aber sinnlich nur mittelbar gegeben sind.
Auf die Blindheit bezogen kommen die Synästhesien auf eine Weise zur Geltung, daß zum Beispiel der Aufprall eines Gegenstandes uns nicht nur als rein auditiver Stimulus erreicht, sondern wir aus ihm annähernd auch Gewicht, Größe, Material und manch andere Merkmale des Gegenstandes erschließen können. Unter Umständen ist es uns ebenso möglich, Eigenschaften der Fläche zu bestimmen, auf der jener Gegenstand dumpf, hart oder krachend zum Stehen kommt.
Solche Vorgänge, die von einer Sinnesmodalität auf andere verweisen und schon bei Kleinkindern feststellbar sind, sind bemerkenswert, haben aber über die erste Hälfte unseres Jahrhunderts hinaus kaum das Interesse jener Wissenschaft geweckt, die sich mit Wahrnehmungsprozessen befaßt. Dennoch ist darüber insofern spekuliert worden, als die Synästhesien zum Beispiel auf ein phylogenetisch-archaisches, alle Sinnesmodalitäten umfassendes Organ zurückgeführt oder als genetische Codierung verstanden werden, deren Inhalt von der Universalität und Nützlichkeit gleichzeitig erfahrener Sinneseindrücke unterschiedlicher Modalitäten bestimmt sei. Welchen Ursprungs auch immer, es steht für mich außer Frage, daß die Synästhesie für uns Blinde eine äußerst bedeutsame, wenn auch subtile Aufgabe in jeglicher Wahrnehmungsverarbeitung erfüllt.
Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, Ihnen das Wesen und die Rolle synästhetischer Beziehungen verständlich zu machen, zumal sie ja, als endogen gegebene Sinnesvernetzung betrachtet auch in einem ganz gezielt erworbenen Maße imstande sind, die Wahrnehmung des Blinden zu versorgen. Wir alle tun gut daran, introspektiv mit den Synästhesien vertraut zu werden, nicht zuletzt, um gegenüber dem Primat des Auges, es relativierend, die außeroptischen Sinnesbeiträge zum Sehen deutlich zu machen.
3. Über die sensomotorische Dynamik, exzentrische Wahrnehmungslokalisation und das Körpererleben
Ich möchte jetzt die zur körperlichen Bewegung integrierte Beteiligung von Motorik und Information darstellen, da sie neuropsychologisch als Grundvoraussetzung für die propriozeptiv angemessene Erfassung unseres aktiven Körpers zu betrachten ist. Jedwede persönlich beherrschte Manipulation bzw. Kontrolle sowohl einfacher Werkzeuge und physischer Gegenstände als auch hochentwickelter Maschinen und Apparate führt nämlich zum wichtigen, wenn auch wenig diskutierten Ereignis, nämlich dem ihrer subjektiven Repräsentation. Die an einer vertrauten Tätigkeit beteiligte Verstrickung zwischen dem aktivierenden Organismus und dem aktivierten Mechanismus wird bereits nach einer kurzen Praxis vom handelnden Subjekt verinnerlicht und zu einem dynamischen Grundanteil seiner Körperwahrnehmung gemacht.
Der soeben beschriebene Vorgang hat zur Folge, daß etwa die Injektionsnadel in Händen des Arztes, der Langstock in Händen des Blinden oder der Kraftwagen in Händen eines routinierten Fahrers bekanntlich unmittelbar von diesen jeweils aktiv beteiligten Personen als Teil ihrer physischen Organisation empfunden werden und sie nur deshalb subjektiv in die Lage kommen, dem distalen Ende der von ihnen benutzten Mechanik den Charakter einer neuronal peripheren Sensibilität zu verleihen. Merkwürdigerweise scheint es die Nadelspitze zu sein, welche Unterschiedlichkeiten des Gewebes empfindet, scheint das abgewandte Ende des Taststockes auf Charakteristika eines Hindernisses zu reagieren oder schließlich scheinen es die Reifen zu sein, die das Abtasten der Straße durchführen. Die objektiv unumstößlichen Grenzen unseres Körpers werden erlebnismäßig, wie in meinen Beispielen ausgeführt, dorthin verlagert, wo die sensomotorische Operation und das gegenständlich Implizierte an sie festlegt.
Die im Falle der Aneignung praktischer Fertigkeiten psychisch nicht oder nur mangelhaft vollzogene Integration von physikalischen und physischen Bewegungsabläufen zum entsprechenden Vorstellungsschema sollte uns Anlaß sein, die Verläßlichkeit einer solchen Kompetenz in Frage zu stellen. Ich glaube nicht, auf Einzelheiten eingehen zu müssen, wie derartige Defizite speziell die technische Geschicklichkeit eines Blinden vereiteln können.
4. Die psychische Vorstellung
Nachdem wir somatopsychische Gestaltungsprozesse zur Optimierung einer technischen Effizienz kennengelernt haben, finde ich es nun angebracht, über jene Fähigkeit zu sprechen, die es uns ermöglicht, Gedächtnisinhalte in einem falsch bezeichneten Sinne "an-schaulich" zu evozieren. Eine falsche Bezeichnung deshalb, weil Anschaulichkeit ebenso wie Imagination (Fremdwort für psychische Vorstellung) auf die bereits erwähnte Vorherrschaft des Sehens hinweisen und somit dem Sachverhalt, um den es hier geht, nicht gerecht werden. Es sei deshalb mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß es sich bei den Vorstellungen zum einen um die konkrete Vergegenwärtigung der über alle Sinnesmodalitäten gespeicherten Wahrnehmungsinhalte handelt (reproduktiver Aspekt), zum anderen um die mittels der Phantasie ebenso konkrete wie multisensorielle Verarbeitung jener Inhalte (produktiver Aspekt).
Aufgrund meiner beruflichen Erfahrung mit Geburtsblinden kann ich Ihnen versichern, daß diese in der Regel und nicht nur ausnahmsweise, wie Verfasser von wissenschaftlichen Veröffentlichungen glauben festgestellt zu haben, eine dem Sehenden ebenbürtige Prägnanz, Lebhaftigkeit und Differenziertheit in ihrem Vorstellungsgeschehen aufweisen. In anderen Worten, auch die, die über keine visuellen Erfahrungen verfügen, sind zweifellos in der Lage, psychische Repräsentationen intensiv zu erleben und für sich nutzbar zu machen. Bei denen, die nachträglich erblindet sind, die also, wie auch immer, solche Gedächtnisinhalte besitzen, werden diese mit individueller Qualität bzw. Bedeutung in jenen Erlebnisablauf einbezogen. Es sei an dieser Stelle die Beobachtung angefügt, daß die meisten der Späterblindeten ihre Tasteindrücke beim Lesen der Punktschrift in visuelle Vorstellungen umsetzen, um erst von hier aus das Ertastete zu entziffern.
Obwohl jedem normalbegabten Blinden die Fähigkeit zugestanden werden muß, innerseelische Repräsentationen mit gleicher Dynamik und Kreativität wie Sehende, wenn auch sicherlich unter anderen Vorzeichen, jederzeit verwenden zu können, finden diese weder im allgemeinen noch bei jenen Spezialisten, die es besser wissen müßten, die ihr gemäße Anerkennung. Deshalb sei der Hinweis auf diese Fähigkeit ausdrücklich mit der Behauptung ergänzt, daß das Evozieren und Verarbeiten psychischer Vorstellungen ebenso für uns Blinde als das "Vorzimmer zur Handlung" und "Probehandeln" gilt, in der ganzen Tragweite dieser Vergleiche für die Verdeutlichung adaptiven Verhaltens. Das heißt daß nicht nur Sehende imstande sind, Wahrnehmungs- und Phantasieinhalte subjektiv dort zu aktualisieren, wo die persönlichen Umstände eine reflexive, meditative, retrospektive oder prospektive Betrachtung fordern.
Dennoch ist im Sinne der "Ungläubigen" festzuhalten, daß es Fälle von Blinden geben wird, in denen eine unangemessene Betreuung dazu geführt hat, daß diese psychische Funktion vernachlässigt oder sogar, wie bereits erwähnt, zurückgewiesen wurde. Es steht außer Frage, daß wir gegenüber einem solchen Nachholbedarf den Betroffenen systematisch dazu verhelfen müssen, ihren Mikrokosmos neu zu erleben und an die von ihm gebotene konkrete Darstellung zu glauben.
III. Grundbedingungen zum sozialen Umgang mit blinden Menschen
Unter jenen, die hier zur Sprache kommen müßten, werde ich mich aus Zeitmangel nur auf drei beziehen, nach denen sich aber, als allgemein-zwischenmenschliche Prinzipien gedacht, besonders die Verständigung während der Rehabilitationsarbeit mit Blinden richten sollte. Mir kommt es nämlich ausdrücklich darauf an, diese Art der sozialen Beziehung zum Gegenstand meiner heutigen Ausführungen zu machen.
1. Der personale Selbstbezug
Jeder erwachsene, reife und im guten Sinne ausgeglichene Mensch hat eine begriffliche Charakterisierung von sich, die ihn als Wesenskonstante von Fremdem abgrenzt, sich zur persönlichen Identität entwickelt bzw. innerseelisch dazu führt, bei sich und "im eigenen Hause" zu sein. Dieser differenzierte Höhepunkt menschlich individuellen Erlebens und Wirkens, welcher den Blinden meistens abgesprochen oder erst gar nicht zugestanden wird, weshalb sie oft genötigt sind, fremden Leitbildern nachzustreben, ist Gegenstand dieser Bedingung.
Ebenso wie Sehende, die, sich ihres sozialen Status sowie des Ansehens eines erfolgreichen Nachbarn bewußt, gesellschaftlich Repräsentatives glauben erwerben zu müssen (Statussymbole) und nicht aus der eigenen Identität entsprungenen Motiven folgen, geschieht es auch mit blinden Menschen, wenn sie dazu neigen, sich entweder fremde Merkmale anzueignen (Identifikation) oder auf persönliche Bedürfnisse, Interessen und Meinungen zugunsten einer allgemein-gesellschaftlichen Erwartung bzw. scheinbar individuellen Willfährigkeit zu verzichten (Fixierung). Das Leitmotiv dieser Minderheit ist, gegenüber den Herrschenden (den Sehenden) Anstößiges, Ungewöhnliches sowie Zeitraubendes zu vermeiden, kurz, "guter Dinge" angepaßt zu sein.
Im Rahmen soziodynamischen Geschehens gibt es außerdem interpersonal auffällige Zweier-, Familien- und andere Gruppenarrangements, für die besonders Blinde Aufforderungscharakter besitzen. Es sind dies zwischenmenschliche Konstellationen, in denen sich gegenseitig bedingende Abhängigkeiten ergeben, aus deren Unfruchtbarkeit heraus der Schwerstsehgeschädigte, auf diese Weise tatsächlich behindert und in seiner Identität geschmälert, zum Hauptdarsteller einer irrationalen "Gemeinschaftsproduktion" gemacht wird. Es gehört fast zum Alltag eines Rehabilitationslehrers, sich mit Widerständen auseinandersetzen zu müssen, welche ihm von seiten des Klienten und/oder dessen Angehörigen entgegengebracht werden, seine Arbeit mit diesen Personen erschweren und nicht zuletzt darauf ausgerichtet sind, eine altvertraute Stabilität zu erhalten.
Von jener sozial gestörten Interaktion werden wir nicht nur beruflich gefordert, dem Rehabilitanden beizustehen, damit er auf diese Weise ein direktes Verhältnis zu sich selbst, zu den innerseelisch eigenen Instanzen und Werten herzustellen oder neu zu gewinnen vermag. Nur ein konsequentes Beobachten zum besseren Verstehen dieser zwischenmenschlich verstrickten Prozesse ermöglicht es uns, die erforderliche Bereitschaft zu finden, um gegen die Funktionalisierung und Entmündigung des Blinden zu handeln, seine Autorität über sich als Individuum anzuerkennen und das gemeinschaftliche Leben zwischen Sehenden und Blinden anzustreben oder wenigstens nicht zu scheuen.
2. Die personale Eigenaktivität
Wir haben es hier mit einem Sachverhalt zu tun, der gar zu häufig sogar von Rehabilitationslehrern in ihrem direkten Umgang mit Blinden unberücksichtigt bleibt, obwohl er sich speziell auf die Vitalität des Rehabilitanden und seinen persönlichen Stil, diese umzusetzen, bezieht. Energie und Lebhaftigkeit gestalten sich bei jedem Individuum zu einer psychomotorisch ihn charakterisierenden Dynamik, die auch bei einer systematisch erstrebten Aneignung und Integration von Praxis bei seiner diesbezüglichen Einweisung unerläßlich ist.
Die einem Blinden beispielsweise während des Mobilitätsunterrichts aufgezwungenen Handhabungs- und Handlungsabfolgen eines Programms sind in jedem Fall, bei dem es sich nicht um eine neurologisch begründete Indikation handelt, als eklatanter, wenn auch sicherlich gut gemeinter Einbruch in seine psychomotorische Eigenart zu betrachten. Didaktische Vorgehensweisen, mittels derer versucht wird, körperlich fremdartige Schemata, wie Bewegungen und Haltungen, dem Blinden ohne Rücksicht auf seine Eigenaktivität beizubringen, nötigen ihn zur "selbst-losen" Übernahme von dementsprechend mechanisch anmutenden oder mangelhaft koordinierten Verhaltensabläufen.
Eingedenk der Wirksamkeit vom Lernen am Modell wird verständlich, wenn Rehabilitationslehrer bei der Trainingsarbeit mit Blinden dazu neigen, den normalerweise optischen Vermittlungsweg von einzuübenden Bewegungssequenzen durch einen taktilen und/oder kinästhetischen zu ersetzen, den Handgriff an Stelle des Vorführens zu verwenden. Wenn auch in sozialpsychologischer Hinsicht die pädagogischen Vorteile der Imitation durchaus auf Schwerstsehgeschädigte und Blinde übertragbar sind, werden sie in motologischer Hinsicht, wie beschrieben, zum Nachteil.
Der Rehabilitand allein kann hier "erfühlen", welches für ihn das angemessene Vorgehen ist, mit bewährten Praktiken vertraut zu werden, um sie dann in psychomotorische Verläßlichkeit umzusetzen. Äußerer Zwang im Erwerb von noch dazu motorisch rigiden Entwürfen läuft im allgemeinen der Rehabilitationsabsicht zuwider. Ich mache bewußt diese Einschränkung, da es sicherlich in Einzelfällen, wie bereits angedeutet, fachärztlich indiziert sein wird, wenigstens kurzfristig auf die von mir beanstandete Weise vorzugehen.
Ausschließlich unter Beachtung autochthoner Entfaltungstendenzen des Blinden werden wir mit seiner aktiven und schöpferischen Mitarbeit in der Befolgung von praktischen Trainingsprogrammen alltäglicher, freizeitlicher oder beruflicher Art rechnen können. Rehabilitations-Fachleute sollten vor allem zur inneren Haltung finden, daß ihr sachkundiger "Beistand" als "Katalysator" zwischen Individualität und praktischen Lehrinhalten der persönlich beste Beitrag zur Entwicklung des Rehabilitanden ist.
3. Die personale Selbstbestimmung
Jedem mündigen Menschen, sei er schwerstgeschädigt oder nicht, steht das für ihn existentielle Recht zu, mit allem, was seine Identität ausmacht und trifft, eigenständig und eigenmächtig umzugehen. Es unterliegt ganz seiner Verantwortung, sich mit Realismus sowohl der eigenen Kompetenzen als auch der Risiken und der Schwierigkeiten, die vom körperlichen Funktionsverlust herrühren, schlüssig zu werden und anschließend dementsprechend vorzugehen.
Guter Wille, freundschaftliche Zuwendung, aufrichtige Nächstenliebe und/oder Überlegenheit verleiten als überzeugende Motivation zur Hilfestellung unwillkürlich dazu, sich zur bestimmenden Instanz oder zum Vormund des Hilfsbedürftigen zu machen. Anders ausgedrückt: Jene, die in das Handeln eines Dritten unbedacht seiner souveränen Individualität "eigen-sinnig" zu intervenieren versuchen, laufen Gefahr, persönlichen Irrationalismen gehorchend, das Verhältnis zum anderen, wie gesagt, zu mißbrauchen. In einem solchen Falle verfehlen sie nicht nur das wahrhaft Nützliche ihres Ansatzes, sondern gewiß auch das gegenseitig Bereichernde einer sozial rücksichtsvollen Beziehung.
Gleichgültigkeit gegenüber dieser Bedingung führt außerdem unweigerlich zum psychosozialen Umstand, daß chronisch Schwerstgeschädigte (nicht nur Blinde) im allgemeinen unbedacht oder durch Überbehütung daran gehindert werden, sich experimentierfreudig der persönlichen Entdeckung praktischer Fertigkeiten zu widmen, die, aus dem eigenen und bis dahin ungeahnten Verhaltenspotential entnommen, zur oft überraschenden Optimierung einer Ersatzgeschicklichkeit beitragen. Wenn ich, erwachsen, einigermaßen intelligent und verantwortungsvoll, als Blinder die Entscheidung treffe, mit Hilfe meines Langstockes am Rande dieses Podiums auf- und abzugehen, löse ich sicher auch bei Ihnen, überprüfen Sie es selbst, Unruhe und Besorgnis aus.
Es leuchtet durchaus ein, wenn Sie mir zunächst aufgrund des üblichen Verständnisses von Blindheit und somit auch der Befürchtung wie jetzt, "es könnte etwas passieren", jene Attribute, mit denen ich mich charakterisiert habe, absprechen. Ich möchte jedoch Ihr Vertrauen in die praktische Kompetenz anderer insofern wecken, als ich Sie von meiner Sicherheit überzeugen kann, hier und jetzt ohne Bedenken die Wahrscheinlichkeit eines etwa ein Meter tiefen Sturzes nicht zu riskieren. Diese Sicherheit ist das Ergebnis - nicht einmal das wichtigste - frei und spontan genutzter Gelegenheiten, sowohl ein funktionell verläßliches als auch differenziertes Verhaltensrepertoire zu entwickeln.
Meistens zeigen sich Sehende nicht bereit, ihre Verantwortung, von welcher Instanz auch immer übernommen, an einen mit noch so guten Fähigkeiten ausgestatteten Blinden freimütig zu delegieren. Naiv oder mit System unterwerfen sie ihn ihrer schützenden Kontrolle, bemerkenswerterweise darauf bedacht, in erster Linie Körper- und Sachschaden von ihm fernzuhalten.
Die Folgen einer eingeschränkten und hauptsächlich fremdbestimmten Expansivität mit all den psychomotorisch feinen Begleiterscheinungen lassen sich besonders deutlich dort beobachten, wo es zu den für Blinde typischen Bewegungs-, Reaktions- und Verhaltensstereotypien gekommen ist, die ich durchaus in einem provokant-stigmatisierenden Sinne als "Amaurismen" bezeichnen möchte. Kurz, sie sind bedauerliche Zeichen eines extrem mangelhaften Verhältnisses bzw. Gleichgewichts zwischen Propriozeptivem, Introspektivem und der Außenwelt, deren kausaler Hintergrund die psycho- und sensomotorisch gewiß vermeidbare Deprivation ist.
In diesem Zusammenhang sei jedoch abschließend wieder auf die tatsächlich gegebene Wahrnehmungseinbuße hingewiesen, mit der jeder Blinde wachsam umzugehen lernen muß und die die angemessene Mitwirkung Sehender unumgänglich macht. In dieser Hinsicht bedeutet "Selbstbestimmung", den nicht wegzuleugnenden Sinnesschaden jeweils streng situationsbezogen zu definieren, daraus den speziellen Funktionsbedarf zu erkennen, um so schlußfolgernd "in eigener Regie" die angebotene Assistenz des Sehenden in Anspruch zu nehmen. Sozial-interaktiv wichtige Merkmale dieses besonderen Einsatzes sind, wie ich meine, seine kontrollierbare Verfügbarkeit, Zurückhaltung, Sachlichkeit und bedarfsspezifische Kompetenz. Somit erweist sich auch hier, daß allein der Betroffene, der um die als Beistand verstandene Hilfe ersucht, ausführende Instanz fremder Hinweise bzw. Richtlinien und gleichzeitig Anweisungsbefugter in eigener Sache zu sein hat.
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