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Zunächst einige allgemeine Anmerkungen zu der Einrichtung, in der ich als Hauptbereichsleiter für die berufsorientierte blindentechnische Grundrehabilitation und für den Bereich der beruflichen Fortbildung Blinder und Sehbehinderter tätig bin.
Veitshöchheim, eine knapp 10.000 Einwohner zählende Gemeinde, sieben Kilometer von Würzburg gelegen, bietet dem BFW und damit den über 200 Rehabilitanden einen nahezu idealen Rahmen für ihre Ausbildung und Umschulung. Würzburg und Veitshöchheim sind verkehrsgünstig zu erreichen, die Bürger dieser Fremdenverkehrsgemeinde sind sehr aufgeschlossen und die Größe unserer Einrichtung ist noch überschaubar. Die Rehabilitanden und Fortbildungswilligen sind fast alle in Einzelzimmern untergebracht, die mit Sanitärzellen ausgestattet sind. Neben den Ausbildungsräumen stehen auch Freizeiteinrichtungen (Schwimmbad, Kegelbahnen, Sporthalle, Sauna) zur Verfügung.
Das Lehrer- und Ausbilderkollegium umfaßt über 60 blinde und sehende Mitarbeiter, hinzu kommen im Rahmen des begleitenden Dienstes Sozialpädagogen, Psychologen, Fachkräfte für Sehhilfenerprobungen und andere Mitarbeiter, die für den Betrieb einer solchen Einrichtung notwendig sind.
Zur Vorbereitung der beruflichen Ausbildung bzw. Umschulung besuchen Blinde, hochgradig Sehbehinderte und von Erblindung bedrohte Sehbehinderte die berufsorientierte blindentechnische Grundrehabilitation. Während dieser in der Regel zwölf Monate dauernden Grundrehabilitation werden die blindenspezifischen Kulturtechniken in den Schwerpunktfächern Blindenschrift, Maschinenschreiben, Deutsch, Mobilitäts- und Low-Vision-Training sowie lebenspraktische Fertigkeiten vermittelt. Rehabilitanden mit fremdsprachlicher Schulbildung werden in diesem Rahmen in eigenen Kursen gefördert.
Nach der Grundrehabilitation bestehen Umschulungsmöglichkeiten zum Telefonisten, zur Fachkraft für Textverarbeitung - seit wenigen Wochen ist dieses Ausbildungskonzept neu eingeführt, die Unterrichtsplätze sind mit PCs, Braillezeilen und Druckern ausgestattet -, zum Masseur und medizinischen Bademeister (in unserem Hause ein spezifischer Vorbereitungskurs) und zum Teilezurichter und Metallwerker im gewerblichen Bereich.
Sehbehinderte, die der Blindentechniken nicht bedürfen, besuchen zunächst meist einen sechsmonatigen Rehabilitationsvorbereitungslehrgang (RVL). Hier erhalten sehbehinderte Rehabilitanden mit schulischen Defiziten die Chance, diese aufzuarbeiten und ihre Sozialkompetenz zu verbessern. Dieser Personenkreis hat in unserem Hause im büroberuflichen Bereich die Möglichkeit einer Umschulung zum Bürokaufmann, Verwaltungsfachangestellten im kommunalen Dienst oder Sozialversicherungsfachangestellten (Schwerpunkt Krankenversicherung), und im gewerblichen Bereich die schon erwähnten Ausbildungsgänge zum Metallwerker sowie zum Teilezurichter mit anschließender CNC-Qualifikation.
Alle Ausbildungsgänge schließen mit einer Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer, der bayerischen Verwaltungsschule bzw. dem Landesverband der Ortskrankenkassen.
Rehabilitanden kehren zu ihrem Arbeitsplatz zurück
Dank der EDV ist es uns in den letzten Jahren mehr und mehr gelungen, Rehabilitanden während oder unmittelbar nach der blindentechnischen Grundrehabilitation so zu qualifizieren, daß sie in ihr früheres Berufsfeld oder sogar wieder zu ihrem früheren Arbeitgeber zurückkehren konnten. Zu nennen sind hier nur beispielhaft die Tätigkeiten als Sachbearbeiter, EDV-Kaufmann, Lehrer, Jurist, leitender Masseur usw.
Für diese Qualifikationen bewilligen die Träger der Rehabilitationsmaßnahmen die technischen Arbeitshilfen, die für das jeweilige Arbeitsgebiet erforderlich sind. Unsere EDV-Fachlehrer haben die Aufgabe, diesen Rehabilitanden die Kenntnisse und Fertigkeiten im Hard- und Softwarebereich zu vermitteln, die sie am entsprechenden Arbeitsplatz benötigen. Solche Schulungen dauern je nach dem Stand der blindentechnischen Fertigkeiten einige Wochen bis hin zu mehreren Monaten. Wir betrachten diese Wege, die wir seit einigen Jahren verstärkt einschlagen, als die beste Form beruflicher Rehabilitation. Leider wurden vor Entwicklung der EDV-technischen Hilfsmittel Blinde und Sehbehinderte allzu rasch in die Rente geschickt, weil keine adäquaten Umschulungsberufe mehr angeboten werden konnten.
Berufliche Fortbildung Blinder und Sehbehinderter
Zwei- bis dreitägige Einweisungen am Arbeitsplatz, die durch die Hersteller bzw. Vertreiber elektronischer Hilfsmittel vorgenommen werden, bewähren sich nach unseren Erkenntnissen nur in den Fällen einer reinen Hardwareeinweisung. Deshalb hat das Berufsförderungswerk Veitshöchheim schon seit 1984 über das "normale" Ausbildungsprogramm hinaus individuelle Maßnahmen in sein Konzept aufgenommen, um erwerbstätige Blinde und Sehbehinderte, deren Arbeitsplätze durch die Einführung moderner Bürotechnologien gekennzeichnet sind, mit Computern, mit arbeitsplatzrelevanter Software und Peripheriegeräten so vertraut zu machen, daß sie den neuen Anforderungen ihres Arbeitsplatzes gerecht werden.
Auch auf konventionelle Tätigkeiten wirken sich elektronische Arbeitshilfen positiv aus, z.B.: - Ein Telefonist ist bei seiner Vermittlungsarbeit nicht mehr auf das umständliche und zeitraubende Suchen in einer Punktschriftkartei angewiesen; das komfortable Speichermedium Computer gestattet ihm einen sehr schnellen Informationszugriff auch innerhalb umfangreicher Dateien. Sehr große Telefonzentralen sind damit überhaupt erst von Blinden zu besetzen gewesen. Ein elektronisches Telefonbuch kann gleichzeitig auch von sehenden Arbeitskollegen benutzt werden. Durch unsere SNI-8818-Lehranlagen, die jeweils über einen Lehrer- und acht Schülerplätze verfügen und deren Abfrageterminals mit 80stelligen Braille-Zeilen ausgestattet sind, wird eine qualifizierte Telefonistenausbildung auch für die Zukunft sichergestellt. Ich erwähne diese Anlagen, weil letztlich auch hier eine recht umfangreiche EDV dahintersteckt, die alle im Telefonverkehr heute üblichen Verbindungen zu simulieren vermag.
- Schreibkräfte benötigen nicht mehr eine sehende Hilfe zum Korrekturlesen. Textbe- und -verarbeitung ist Blinden möglich geworden.
- Ein Sachbearbeiter kann mit Hilfe von marktüblichen Programmen Texte erstellen und verwalten sowie auf bereits digital gespeicherte Aktenunterlagen zurückgreifen. Darüber hinaus können Informationen von allgemein zugänglichen Datenbanken gewonnen werden. Scanner ermöglichen den Zugriff auf gedruckte Texte, die Blinden und hochgradig Sehbehinderten somit in Brailleschrift, mittels synthetischer Sprachausgabe oder auf vergrößerndem Bildschirm zugänglich sind.
Bis März 1992 wurden in ein- bis etwa sechswöchigen Lehrgängen jeweils zwei schon im Beruf stehende Blinde und Sehbehinderte individuell von einem Fachlehrer mit den am jeweiligen Arbeitsplatz verwendeten Software-Programmen geschult. Bot schon dieses 2:1-Konzept eine beachtliche Individualisierung, so können wir nun seit April 1992 in Form des Individual-Unterrichts eine noch effizientere Ausbildungsmethode anbieten. Diese besondere Berücksichtigung der jeweiligen Arbeitsplatzbedürfnisse setzt bei unseren fünf EDV-Lehrkräften, die wir heute in diesem Bereich einsetzen können, hinsichtlich neuer Programme oder Programmversionen hohe Fachkompetenz und Flexibilität voraus. Denn obwohl sie über umfangreiche Spezialkenntnisse verfügen und unser Haus auch einen großen Bestand an Text-, Datenbank- und Tabellenkalkulationsprogrammen aufweist, werden immer wieder neue Schulungswünsche an uns herangetragen.
Die Kosten dieser 1:1-Beschulung werden in der Regel von den Stellen übernommen, die auch die EDV-technischen Hilfsmittel finanzieren. Die Arbeitgeber gewähren meist für die Dauer der Schulung, die infolge unseres neuen Konzeptes auf durchschnittlich zwei Wochen verkürzt werden konnte, Dienstbefreiung und Gehaltsfortzahlung.
In unserem EDV-Bereich bieten wir meist eintägige individuell vereinbarte Informationsbesuche an, um Blinden und Sehbehinderten und allen an Arbeitsplatzausstattungen beteiligten Stellen die Möglichkeit zu geben, sich bei uns firmenunabhängig beraten zu lassen, damit Arbeitsplätze behinderungsgerecht - man bedenke die oft sehr schwierigen Fragen bei der optimalen Nutzung des Sehrests - ausgestattet werden können. Auf Wunsch fassen wir die Ergebnisse eines solchen Beratungstages schriftlich zusammen und senden sie an alle erforderlichen Stellen, um den Entscheidungsprozeß gegebenenfalls zu erleichtern.
Der Fortbildungsinteressent, der mögliche Kostenträger und der Arbeitgeber erhalten auf Anforderung von uns ein detailliertes Kostenangebot über die jeweils durchzuführende Maßnahme. Dieses Angebot berücksichtigt insbesondere die nach unseren Erfahrungen anzusetzende Unterrichtsstundenzahl. So veranschlagen wir für die Schulung mit einem Textverarbeitungsprogramm etwa sechzig Unterrichtsstunden, die auf zwei Arbeitswochen zu verteilen sind. Kommen ferner besondere Peripheriegeräte oder andere Programmteile hinzu, so müssen dafür weitere Ausbildungsstunden veranschlagt werden. Bei internatsmäßiger Unterbringung sind außerdem die jeweils gültigen Vollpensionskostensätze in Rechnung zu stellen.
Zwar ist die nach unserem neuen, wesentlich effizienteren Konzept organisierte Schulung etwas teurer als eine vorher meist vierwöchige Maßnahme. Diese hohen Schulungskosten werden aber durch wesentlich kürzere Ausfallzeiten am Arbeitsplatz mehr als wettgemacht.
Kurs zur Vorbereitung auf den EDV-Kaufmann
Zur Vorbereitung der EDV-Kaufmann-Ausbildung, die im BFW Heidelberg für Blinde und Sehbehinderte durchgeführt wird, bieten wir einen etwa sechsmonatigen Bürokommunikationskurs, der folgende Lerninhalte vermittelt:
- Kenntnisse der informationstechnischen Grundlagen des Standardbetriebssystems für Personalcomputer und seiner klassischen Anwendungsgebiete: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbankverwaltung sowie der problemorientierten Programmierung.
- Das für die gesamte Informatik wichtige algorithmische Denken, Abstraktionsvermögen, logisches Denken und formale Präzision.
- Kenntnis unterschiedlicher Lösungen der verschiedenen Anbieter von Braille-Hilfsmitteln.
- Grundkenntnisse der Programmsprache PASCAL, die das Programmieren als systematische Disziplin unterstützt. Die spätere Ausbildung an größeren Rechnern mit höheren Programmiersprachen (etwa COBOL) wird dadurch erleichtert.
Die Rehabilitanden, die meist unmittelbar nach der blindentechnischen Grundrehabilitation an einem solchen Vorbereitungskurs teilnehmen, müssen während dieser Zeit auch ihre blindentechnischen Fertigkeiten weiter verbessern, um den umfangreichen Lernstoff der EDV-Kaufmann-Ausbildung bewältigen zu können.
EDV für Bürokaufleute
Für die Sehbehinderten, die praxisbezogen zum Bürokaufmann ausgebildet werden sollen, ist eine Übungsfirma eingerichtet. In ihr wird im EDV-Bereich mit einem Novell-Netzwerk, mit einem Lohn- und Gehalts- sowie einem FIBU-Programm gearbeitet. Die dort vorhandenen zwölf Arbeitsplätze sind mit PCs und 20"-Monitoren ausgestattet. Im übrigen legen wir bei unseren sehbehinderten Rehabilitanden besonderen Wert darauf, daß sie mit ihren individuellen Sehhilfen alle anfallenden kaufmännischen Arbeiten erledigen können.
Ich hoffe sehr, Ihnen mit diesen kurzen Ausführungen einen Einblick in unseren EDV-Standard vermittelt zu haben. Diese vielschichtigen Aufgaben sind in Berufsförderungswerken oft nicht mehr kursweise, sondern nur durch individuelle Ausbildungskonzeptionen didaktisch und methodisch zu lösen. Das bedeutet fraglos einen höheren Personaleinsatz, der auch mehr Kosten verursacht.
Solche Angebote sind aber unverzichtbar für unser gemeinsames Ziel, möglichst vielen blinden und sehbehinderten Menschen zu einer zukunftsorientierten beruflichen Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu verhelfen.
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