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U. Zeun: Aufbereitung hochschulinterner Materialien für Sehgeschädigte

1. Kurzdarstellung des Projekts

Sehbehinderte und Blinde haben aufgrund ihrer Sehschädigung einen erschwerten oder keinen Zugang zu gedruckten Informationen. In der Regel müssen sie sich deswegen Bücher und Mitteilungen etc. vorlesen oder auf Kassette sprechen lassen. Dies gilt nicht nur - wie bekannt - für wissenschaftliche Studienliteratur, sondern auch für an der Hochschule intern kursierende Informationen, wie Zeitschriften, Flugblätter etc. Um ein chancengleiches und selbständiges Studienleben ohne Abhängigkeit von Hilfspersonen zu gewährleisten, müssen schriftliche Materialien in eine für sehgeschädigte lesbare Form umgesetzt werden. Das sind Großdruck, Hörbuch, Punktschrift und tastbare Grafiken sowie Diskettentexte. Die EDV eröffnet auch im Bereich der Umsetzung von Normaldruckmaterialien in Großdruck oder Braille bzw. von Grafiken in tastbare Formen ein Aufbauen auf bereits entwickelte Hard- und Software.

In dem Projekt "Aufbereitung hochschulinterner Materialien" wurde im Fachbereich Sonderpädagogik der Universität Dortmund zwischen Herbst 1990 und 1992 erprobt, welche Möglichkeiten und Grenzen exemplarisch an einer Hochschule bestehen, um mit vorhandenen technischen Ressourcen und ggf. Ergänzungen, diese wichtigen Informationen sehgeschädigten Studierenden zugänglich zu machen.

Dafür wurden Geräte und Arbeitsmöglichkeiten ausfindig gemacht, erprobt und den örtlichen Gegebenheiten angepaßt. Einige Materialien, wie Hochschulzeitung(en), Speiseplan und Vorlesungs- und Hochschulsportverzeichnis, außerdem eine Broschüre wurden umgesetzt. Die erforderliche Kooperation mit Hochschuleinrichtungen, d.h. entweder die Mitbenutzung von Geräten (z. B. im Rechenzentrum) oder Abgabe digitalisierter Textvorlagen (z. B. Pressestelle) stellte sich als praktikabel heraus. Gewisse Absprachen bezüglich der zukünftigen Vereinfachung von Arbeitsprozessen durch Vorarbeiten der herstellenden Stelle des Originalmaterials konnten bereits in der kurzen Projektzeit getroffen werden.

2. Durchführung

Personell konnte der Versuch durch Zeitanteile eines wissenschaftlichen Mitarbeiters (Projektkoordination) sowie einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin als Braille-Korrekturleserin und durchschnittlich ca. zehn Wochenstunden studentischer Hilfskräfte getragen werden. Ungefähr acht wechselnde sehgeschädigte Benutzer nahmen an der Erprobung teil.

EDV-Konfigurationen standen an den Arbeitsplätzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung. Zu Beginn wurde eine Kurzweil-Lesemaschine (Scanner) des Rechenzentrums genutzt, später ergab sich die Gelegenheit, die Geräte (Scanner, Brailledrucker) im Arbeitsraum für Sehgeschädigte mit einzubeziehen. Das Hagener-Zürcher-Blindenschriftkonvertierungsprogramm stand ebenfalls bereit. Die Textverarbeitung erfolgte mit MS-Word bzw. Ami Pro unter Windows.

Großdruck wurde anfangs mittels einer Großdrucksoftware (PostScript-Emulationssoftware), nach Beschaffung eines großdruckfähigen Druckers auf einem Laserdrucker ausgegeben.

Für den schnellen Zugriff auf die Geräte stellte es sich als zweckmäßig heraus, Computerperipherie zu besitzen, um ad hoc bei Bedarf arbeiten zu können. Dementsprechend wurden auch Stiftungsmittel für ein leistungsstarkes Texterkennungssystem "Omnipage" mit 600 dpi Scanner eingeworben. Nichtsdestotrotz zeigte die Anfangsphase des Projektes, daß eine Aufbereitung mit vorhandenen Ressourcen einer modern ausgestatteten Hochschule möglich ist.

Das probeweise Angebot eines Materialversorgungsservices wurde addressatengerecht durchgeführt, d.h. nach entsprechendem Bedarf der uns bekannten Sehgeschädigten wurden Teile des Vorlesungsverzeichnisses, der Mensaspeiseplan, das Hochschulsportprogramm, zwei Uni-Zeitschriften, eine Broschüre u. a. in einer für sie geeigneten Medienform (Braille, Großdruck, Diskette) umgesetzt. Da das Auflesen durch den Vorlesedienst der UB Dortmund bereits mehrere Semester erfolgreich praktiziert wird, wurde auf die Erprobung dieser Medienerstellung verzichtet.

3. Organisation / Qualitätskontrolle

Durch Rückmeldungen der Benutzer (Kurzinterviews) konnte die Qualität des produzierten Materials evaluiert und bei späteren Produktionen verbessert werden. Die Produkte wurden von den Benutzern sehr positiv aufgenommen und im großen und ganzen als qualitativ gut bewertet.

Nach einer notwendigen Einarbeitungszeit reduzierte sich während der Laufzeit die benötigte Zeit zur Aufbereitung verschiedener Medienformen. Die Arbeitszeit wurde per "Laufzettel", in dem die Arbeitsschritte, Schwierigkeiten etc. notiert wurden, registriert. Zeitverluste bei der Einweisung neuer studentischer Hilfskräfte während der Projektphase zeigen, daß eine Kontinuität durch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegeben sein muß. Ein Anleitungsheft für die Hilfskräfte zu den auftretenden Arbeitsschritten, Soft- und Hardware sowie didaktischen Umsetzungkriterien ist hilfreich. Eine gute Punktschriftleserin bzw. ein guter Punktschriftleser zum Korrekturlesen ist unabdingbar.

Das Copyright brauchte nur einmal für das Veranstaltungsverzeichnis der Universität beim herausgebenden Verlag eingeholt zu werden. Aber auch hier zeigte sich, daß erhebliche Barrieren für eine schnelle Umsetzung errichtet werden; denn das Copyright für eine Großdruckversion wurde ausdrücklich nicht gegeben.

In den anderen Fällen mußte über Kontakte zu den universitätsinternen Erzeugern die digitalen Vorlagen (Diskettentexte), in einem Fall (Speiseplan) die gedruckte Textvorlage besorgt werden. Die Kooperationsbereitschaft war jedoch überraschend positiv.

4. Auswertung und Ergebnisse

Eine zeitgleiche Herausgabe der Materialien, hier der Hochschulzeitschriften scheiterte anfangs an technischen Schwierigkeiten oder an zu wenig Spielraum für das Projekt zwischen der Endredaktion der Zeitschrift und dem Herausgabetermin. Nachdem die Arbeitsprozesse jedoch Routine wurden, war es auch möglich bei der zweiten Hochschulzeitschrift eine Herausgabe des Disketten- oder Punktschrifttextes zeitgleich zu ermöglichen. Bereits die Produktion der vierseitigen großformatigen Hochschulzeitung mit ca. 40 kleingedruckten Artikeln braucht um die 20 Stunden und ergibt einen Ordner mit ca. 50 Braille-Seiten (einseitig bedruckt).

So muß festgestellt werden, daß zwar mit den vorhandenen Personalkapazitäten ein Minimalbetrieb bzw. Probebetrieb, wie dies für das Projekt vorgesehen war, durchgeführt werden kann, daß aber für einen andauernden Versorgungsdienst für hochschulinterne Materialien eine weitaus höhere Stundenzahl als gegeben zur Verfügung stehen müßte, zumal wenn man bedenkt, daß bei einem kontinuierlichen Angebot die Nachfrage auch steigen wird.

Im Laufe des Projektes stellte sich heraus, daß Diskettenausgaben nicht nur leichter und schneller produzierbar waren als sog. Hardcopys (Ausdrucke), sondern auch von den Benutzern gewünscht wurden, soweit diese Computerbenutzerinnen oder -benutzer waren oder im Arbeitsraum für Sehgeschädigte arbeiteten. Dies wird zukünftig immer mehr der Fall sein.

5. Aspekte der Weiterarbeit

Da das Pilotprojekt erstens von betroffenen Sehgeschädigten als sinnvoll angesehen und gerne angenommen wurde, zweitens sich das Vorhaben als praktikabel - auch bereits mit den bescheidenen Ressourcen und Mitteln - herausstellte, sollte es weitergeführt werden.

Dies soll in einem der weniger bearbeiteten Teilbereiche, nämlich bei der Großdruckproduktion, geschehen (Zusammenarbeit mit Sehbehindertenschulen in Nordrhein-Westfalen und Betroffenen an der Universität Dortmund).

Als weiteres Ziel bleibt der Transfer der gemachten Erfahrungen bezüglich Praktikabilität und Kooperation bei den universitätsinternen Erzeugern von gedruckten Materialien. Das heißt es sollte weitmöglichst versucht werden, daß die Hersteller hochschulinterner Materialien, wie Pressestelle, Studentenwerk etc., bereits vorbereitende Arbeitsprozesse zur Aufbereitung in eine sehgeschädigtengerechte Medienform ihrer Produkte selbst übernehmen können. Dies wird aufgrund der notwendigen Kenntnisse und Einarbeitung prinzipiell bei der Herstellung von Großdruck leichter realisierbar sein als bei Punktschriftübertragungen.

Als Gesamtresümee läßt sich feststellen, daß das Pilotprojekt als erfolgreich angesehen werden kann. Es bildet einen guten Ausgangspunkt für einen schon lange geforderten Literaturumsetzungsdienst für Studienliteratur.

Dank sei für gute Zusammenarbeit allen AhM-Teamern, Birgit Drolshagen, Ulrich Ogon und Knut Streffing, Heike Schulenberg sowie den betroffenen Benutzerinnen und Benutzern gesagt. Ein Dank auch an die Ernst und Berta Grimmke-Stiftung, die die Beschaffung von Geräten ermöglichte.

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