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Hauptereignisse der Tagung waren die Besprechung unserer Texte zum Thema: "Zuhören" und die Konstituierung unserer Gruppe zu einem Verein unter dem Namen: "Gemeinschaft blinder und sehbehinderter Schriftsteller und ihrer Freunde e. V.".
Darüber hinaus trug uns Herr Alfred Stemmler, Redakteur der Kassettenzeitschrift "Kreis-Echo" in Recklinghausen, Gedichte von Wilhelm Busch vor; unser dänischer Kollege Svend Petersen berichtete über das Anfang November in Hamburg stattgefundene Seminar zu dem blinden Autor Oskar Baum; und wir besprachen weitere Angelegenheiten, wie die geplante Anthologie, die Aufgabenverteilung innerhalb unserer Mitglieder, und den Brief einer Studentin, die eine Examensarbeit über zur Zeit in Deutschland lebende sehgeschädigte Schriftsteller zu schreiben beabsichtigt.
Es lasen die Autoren, die im Bericht über das dritte Treffen bereits vorgestellt wurden. Hinzu kamen Robert Huber aus München und Manuela Veit aus Olbernau. Ihr Text: "Berufsfindungsseminar" und Stefan Wilhelms Gedichte wurden in der Weihnachtsnummer von "Kreis-Echo" gesendet. Ausführlich besprochen wurden unter anderem Texte wie "Endstation", "Eintauchen", "Die Delphine hörten meinen Sprung im Büro" und die Lyrik von Svend Petersen, seine sehr intensiven Bilder wie zum Beispiel: "Die wirkungslose Medizin innerer Monologe", "Wohnungssuchend in das Haus der Entsinnbildlichung".
Nach der Entscheidung für unsere Vereinsgründung erfolgte die Wahl des Vorstandes am 21.11.1992. Für die nächsten zwei Jahre wurden gewählt: Pilar Baumeister aus Köln, Elke Schweisfurth aus Siegen, Stefan Wilhelm aus Einhausen und Dieter Rietz aus Pirna.
Die Arbeitsgebiete, die unser Verein in praktischer Hinsicht abdecken kann, sind folgende:
a) Wenn jemand es mit dem Schreiben ernst meint und bereits Versuche in der Richtung unternommen hat, kann er sich schriftlich oder per Kassette mit seinen Texten an uns wenden oder an unseren Tagungen teilnehmen. Der Betroffene kann sich auch gleichzeitig von den entsprechenden Literaturbüros und Literaturwerkstätten zusammen mit den sehenden Kollegen beraten laßen. Wir sind an sich kein Ersatz für schon bestehende Institutionen, nur als Verstärkung und ausführliche Beratung zu verstehen. Wir können, abgesehen von der literarischen Diskussion der Texte, einige Hilfen und Tips in bezug auf die durch die Blindheit bedingten Probleme anbieten, wie zum Beispiel wie verfasse ich meinen Text (Blindenschrift, Schreibmaschine, Kassette, Computer)- Wie überarbeite ich ihn, und wie trage ich ihn bei Lesungen vor, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, normale Schrift zu lesen-
b) Da wir eine sehr kleine Minderheit sind (von den 150.000 in Deutschland lebenden Blinden sind die zum jetzigen Zeitpunkt oder potentiell literarisch interessierten Blinden vielleicht nur ein paar Hunderte, denn die Musik hat bisher immer im Mittelpunkt der Blindenbildung gestanden), müssen wir versuchen, auf unsere Belange und Bedürfnisse an geeigneten Stellen aufmerksam zu machen, damit sie nicht weiterhin unbekannt und für eventuelle Helfer schwer zu ermitteln sind. Deshalb müssen wir besonders in der ersten Zeit eine sehr intensive Öffentlichkeitsarbeit betreiben.
Wir werden kompetente Adressaten des Literaturbetriebs ansprechen und unsere Bitte vortragen, daß ein Informationsdienst für blinde und sehbehinderte Autoren vielleicht in Zukunft ins Leben gerufen wird. Sehenden Autoren ist es viel leichter zu Informationen über Verlage, Literaturzeitschriften und literarischen Ankündigungen in den Zeitungen zu gelangen. Es wäre sehr zu wünschen, daß eine Gleichstellung in dieser Hinsicht erreicht werden könnte. Die gängigsten Bücher für Autoren, Verlagsadressen, Beschreibung der Veröffentlichungskriterien, Wettbewerbsbedingungen, könnten mit der Zeit für uns auf Kassette gesprochen werden; auch die aktuellsten Informationen sollten uns durch persönliche oder telefonische Beratung verfügbar gemacht werden. Über den Erfolg eines Autors entscheidet letzten Endes die Qualität der Texte; was wir aber machen können, ist, den Informationsstand für uns alle einheitlich zu verbessern und dafür zu sorgen, daß viele über unsere Möglichkeiten als Autoren erfahren, damit wir später auch in der Lage sind, Kontakte zu wichtigen Ansprechpartnern zu vermitteln, die unsere Lesungen und Publikationen fördern können.
c) Durch die weitere literarische Arbeit jedes einzelnen von uns zu der Blindheitssituation oder zu den verschiedensten Themen hoffen wir, viele unserer Texte in unserem Archiv sammeln zu können, damit wir auch für die sehenden Freunde informativ sein, insofern als wir besonders zur Aufklärung über Blinde und behinderte Menschen im allgemeinen beitragen können. Wer uns liest, kann vieles über die Problematik des Nicht-sehens, über allgemeinmenschliche Verbindungspunkte, über Literaturversuche und gelungene Werke erfahren.
d) Vielleicht ist es uns gegeben, dadurch indirekt ebenfalls zu einer Aufwertung nicht mehr lebender blinder Autoren beizutragen, welche viel zu schnell in Vergessenheit geraten sind, wie z. B. Oskar Baum, Ernst Haun, Wilhelm Steinberg, Jacques Lusseyran, Karl Bjarnhof. Wir könnten Veranstaltungen darüber organisieren und diejenigen unter uns, die fundierte Literaturkenntnisse haben, darüber berichten.
e) Wir wollen Kontakte zu ausländischen blinden Autoren anknüpfen besonders mit deutschsprachigen, aber auch mit anderen Literaturvereinen wie z. B. "The writers" division of the national federation of the blind" in den USA.
f) Wir wollen das Interesse am Literaturunterricht überhaupt durch unsere Schreiberfahrungen und kreative Übungen in den Blindenschulen beleben. Dafür müssen wir uns mit Schulleitern und Deutschlehrern in Verbindung setzen.
Unser nächstes Treffen in Kall, Eifel, findet vom 9. bis zum 13. Juni 1993 statt. Geplant ist unsere erste Mitgliederversammlung, zwei Lesungen, die wir in den Gemeinden der nahen Umgebung halten werden, und die Besprechung unserer Texte, diesmal zum Thema "Signale".
Wir appellieren an alle Freunde, mit uns zusammenzuarbeiten und unsere Projekte zu unterstützen.
Dr. Pilar Baumeister, Gründungsvorsitzende der "Gemeinschaft blinder und sehbehinderter Schriftsteller und ihrer Freunde"
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