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Dr. K. Jernigan: Ist die Literatur gegen uns- Aus dem Englischen übersetzt von Dr. P. Baumeister

Vorbemerkung der Übersetzerin

Kenneth Jernigan, ehemaliger Präsident der National Federation Of The Blind in den USA, hielt den nachstehend wiedergegebenen Vortrag bei der jährlichen Tagung der National Federation am 3. Juli 1974 in Chicago. Nachgedruckt wurde er in der Zeitschrift: "The Braille Monitor", Januar 1990. Dieser Artikel schien mir auch für uns, die deutschen Blinden, wichtig. Hier befaßt sich Dr. Jernigan mit der gleichen Thematik wie meine Dissertation: "Die literarische Gestalt des Blinden im 19. und 20. Jahrhundert, Klischees, Vorurteile und realistische Darstellungen des Blindenschicksals.

Wir wissen, daß die Geschichte der Bericht davon ist, was die Menschen getan haben; die Literatur ihrerseits ist die Nacherzählung dessen, was sie gedacht haben. Eine Untersuchung über den Blinden in der Geschichte wurde schon voriges Jahr von mir durchgeführt. Diesmal möchte ich die Stellung der Blinden in der Literatur behandeln.

Wie werden wir beschrieben-

Welche Rolle spielen wir-

Wie haben Dichter, Dramatiker, Aufsatz- und Romanautoren uns gesehen- Haben sie uns so gesehen, wie es in Wirklichkeit ist, oder bloß, wie sie es gerne hätten-

In der Geschichte gibt es wenigstens eine sogenannte faktische Ebene. Egal wie weit die Weglassung oder Tatsachenverdrehung oder Fehlinterpretation des Geschehenen geht, bleibt der grundlegende Kern vermutlich immer bestehen wie ein Leitfaden oder Grundstein, der immer die Möglichkeit zur weiteren Überprüfung und zu einer neuen Beweisführung offen läßt. Mit der Literatur dagegen ist es ganz anders: der Autor ist frei, die Wirklichkeit zu ignorieren, zu träumen, sich zu erheben und Hypothesen aufzustellen. Indem die Literatur tiefer als die Geschichte greift, beinhaltet sie die Mythen und Gefühle der Menschheit. Die literarische Kultur in all ihren Formen stellt möglicherweise den Hauptübertragungsmechanismus für die Glaubensbekenntnisse und die Werte unserer Gesellschaft dar. Sie ist wichtiger noch als die Institutionen Schule, Kirche, Familie oder Medien. Wie ist es uns denn in der Literatur ergangen-

Die literarischen Belege ergeben viele Themen und keine einheitliche Sicht über das Leben der Blinden. Es zeigt sich eine verwirrende Vielfalt von Gestalten, die oft miteinander in Konflikt geraten und einander widersprechen. Dies ist nicht nur das Ergebnis verschiedener Zeiten und Kulturen oder der unterschiedlichsten Arbeiten mehrerer Schriftsteller, sondern man kann diese Uneinigkeit auch innerhalb ein und desselben Werkes feststellen.

Jedoch können wir bei näherer Überprüfung neun grundlegende Kategorien der Hauptthemen und Motive unterscheiden, welche folgendermaßen zusammengefaßt werden können:

1. die Blindheit als ausgleichende und einem Wunder ähnliche Macht,

2. die Blindheit als furchtbare Katastrophe,

3. die Blindheit als Dummheit und Hilflosigkeit,

4. die Blindheit als das Böse,

5. die Blindheit als vollkommene Tugend,

6. die Blindheit als Strafe für begangene Sünden,

7. die Blindheit als Abnormität und Entmenschlichung,

8. die Blindheit als reinigende Kraft,

9. die Blindheit als Symbol oder Parabel.

Gesetzt den Fall, jemand würde mich fragen, welche Vorteile die Blindheit mit sich bringt. Ich würde dann vielleicht antworten: "Sie bringt keine Vorteile mit sich, jedoch ergibt sich ein gewisser Ausgleich, an den man nicht denken würde: eine neue Welt zu beobachten, neue Erfahrungen, neue Kräfte, die wach werden, seltsame und neue Wahrnehmungen, das Leben in der vierten Dimension."

Wie würden Sie darauf reagieren-

Ich vermute, daß Sie mich auslachen würden. Ich bezweifle, daß irgendein Mensch mir diesen klischeehaften Blödsinn abkaufen würde. Sie und ich, wir wissen aus eigener Erfahrung, daß es keine vierte Dimension zur Blindheit gibt, kein wundertätiges Erwachen von Kräften, keine besonderen neuen Wahrnehmungen und keine glückliche, neue zu erforschende Welt. Und trotzdem sind die Worte, die ich gerade zitiert habe, aus dem Mund einer blinden Person in einem älteren, sehr populären Roman. Die Darstellung Blinder als Privatdetektive wurde immer häufiger. (Ernst Bramah: "Best Max Carrados Detective Stories", Seite 6). Die Verbindung zwischen Blindheit und ausgleichenden Fähigkeiten, so wie sie vom blinden Detektiv illustriert werden, den ich erwähnt habe, rührt von einer alten Tradition her. Sie findet sich bereits in der klassischen Mythologie. Die Lieblingsmethode der Strafe unter den Göttern des alten Griechenlands war nämlich die Blendung, welche für das schlimmste aller Schicksale, noch schlimmer als der Tod, gehalten wurde. Demzufolge waren die Götter meistens so voller Mitleid mit dem erblindeten Opfer, daß sie ihre Tat bereuten und dem Unglücklichen besondere Gaben, gewöhnlich die der Voraussage oder andere übersinnliche Fähigkeiten schenkten. So wurde die Blindheit Homers durch die Gabe der Dichtung ausgeglichen, und so wurde auch Theresias, der durch Sophokles" Tragödien bekannt wurde, zum Propheten.

Das Thema der göttlichen ausgleichenden Gerechtigkeit überlebte die Jahrhunderte und auch das Ende der heidnischen Religionen. Sir Arthur Conan Doyle (einer der bekanntesten Romanautoren des vorigen Jahrhunderts und der Schöpfer von Sherlock Holmes) erfand eine blinde Figur, die ähnliche Begabungen wie Holmes aufweist. Das Buch trug den Titel: "Sir Nigel". Bei der Einführung dieser Figur wird geschildert, wie er die sonderbare Fähigkeit besitzt, einen verborgenen, durch das belagerte Schloß laufenden Tunnel mittels des Gehörs entdecken zu können. Seine ausgleichenden Fähigkeiten werden in einem Gespräch zwischen zwei Menschen im Roman hervorgehoben:

"Dieser Mann war einmal reich und stand in einem sehr guten Ruf", sagte einer. "Aber er wurde von diesem Dieb zum Bettler gemacht, der ihm auch später die Augen ausriß. Er lebte viele Jahre in Dunkelheit und der Wohltätigkeit anderer Menschen ausgeliefert."

"Wie kann er uns bei unserem Unternehmen helfen, wenn er blind ist-" fragt sein Begleiter.

"Es ist gerade aus diesem Grund, mein guter Herr, daß er uns einen größeren Dienst als jeder andere erweisen kann. Es geschieht nämlich oft, wenn ein Mensch eines seiner Sinne beraubt wird, daß der gute Gott ihm dann die ihm verbliebenen Sinne schärft, und so ist es bei Andreas, der ein so gutes Gehör besitzt, daß er den Saft in den Bäumen und das Piepsen der Mäuse im Mauseloch hören kann."

Der große Romancier des 19. Jahrhunderts Victor Hugo vertritt in seinem Buch: "Der Mann, der lacht" den Glauben vieler moderner Schriftsteller, daß die Blindheit eine reinigende, ekstatische Kraft mit sich bringt, welche den Sehverlust kompensiert. Seine blinde Heldin Dea wird folgendermaßen beschrieben: "Sie war von dieser Art Ekstase durchdrungen, die die Blinden charakterisiert, als ob diese manchmal in ihrer Seele ein Lied zu hören bekämen und so für den Mangel an Licht durch diese ideelle Musik entschädigt würden." "Die Blindheit" sagt Hugo, "ist wie eine Höhle, in die die tiefe Harmonie des Ewigen eindringt."

Auf dieser mystischen Idee des sechsten Sinnes bei den Blinden ist wahrscheinlich die große Zahl der blinden Detektive und Forscher in der Populärliteratur zurückzuführen.

Max Carrados ist der Mann, der davon sprach, daß er in einer "vierten Dimension" lebe: er erschien 1914 und überstand allerlei übermenschliche Abenteuer in den zwanziger Jahren. 1915 erschien ein anderer blinder Detektiv, der bemerkenswerte Damon Gaunt, der "nie hinters Licht geführt wurde". Dasselbe gilt für Thomley Colton, den blinden Detektiv, die Erfindung von Clinton H. Stagg. Und genauso steht es mit dem bekanntesten aller Augenmenschen ohne Augen, dem Hauptmann Duncan Maclain: "Er konnte, durch akustische Laute geleitet, vortrefflich schießen, mit unglaublicher Präzision Schach spielen und natürlich die Herzen der Frauen erschüttern. Der Hauptmann Maclain hat die uneingeschränkte Bewunderung aller Rezensenten für sich gewonnen. Der Verfasser selbst sei bewegt und erstaunt über den Genius seiner Figur." "Es gab Augenblicke", schreibt Baynard Kendrick, "in denen Duncan Maclain mit größeren Kräften als die der normalen Sterblichen ausgerüstet zu sein schien. Diese Augenblicke machten ihm Sorgen."

Wir können uns jedoch gleichfalls beunruhigen, denn dieser ganze Schwindel über abnorme und übernatürliche Kräfte vermindert nicht im geringsten das Stereotyp des Blinden als des Fremden Sonderlings: es macht ihn noch schlimmer.

Es ist nicht nur unwahr, sondern es heißt, gegen die Blinden arbeiten, bedeutet dies doch, einerlei welche Leistungen ein Blinder erbringen muß, daß diese sich nicht aus seinen Fähigkeiten ergeben, sondern aus einer magischen Kraft, die in der Blindheit selbst verankert ist. Eine solche Unterstellung reißt den Blinden mit einem Federstrich aus dem Bereich des Normalen, der alltäglichen Welt der übrigen Menschen, stellt ihn in den Bereich des Außerordentlichen. In beiden Fällen, ob der Blinde zu hoch eingestuft oder als geistig zurückgeblieben dargestellt wird, bleibt er ohne Verantwortung, ohne Rechte und ohne gesellschaftliche Integration: schon zu lange sind wir in die Kategorie Menschen zweiter Klasse gedrängt worden ...

Die Hypothese übermenschliche Fähigkeiten seien ein Ausgleich für das Erleiden der Blindheit ist kein Lob, sondern eine Beleidigung. Sie nimmt jede Anerkennung für unsere Leistungen und jede Verantwortung für unser eigenes Versagen von uns weg, und sie befreit die Gesellschaft all zu einfach von ihren Verpflichtungen, Bedingungen der Gleichstellung für uns zu schaffen und uns Chancen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben; sie verweigert uns letztenendes die Fähigkeit, eine normale, voll konkurrenzfähige und am Leben der Gemeinschaft teilnehmende Existenz zu führen. Wir sind Menschen genauso wie die anderen, weder mit einem Segen Gottes noch mit einem Fluch behaftet, und es ist höchste Zeit, daß all diese Unwahrheiten anulliert werden sollten. Wir möchten keine magischen Kräfte, sondern unsere Rechte als freie Individuen, unsere Verantwortung als Bürger und unsere Menschenwürde.

Aber so negativ, wie dieses Bild der übertrieben großen oder gar übersinnlichen Begabungen sein mag, so ist es doch weniger zerstörerisch als andere Klischees, die in der Literatur aufgebaut wurden. Das Schrecklichste von allen ist auch das älteste und hartnäckigste, nämlich die Blindheit als Tragödie, das Bild, welches eine alte hebräische Sage wie folgt zusammenfaßt: "Ein blinder Mensch ist, wie einer, der gestorben ist". Die Tragödien des Ödipus brachte das Stereotyp des lebenden Toten zum Höhepunkt. So finden wir in "Ödipus Rex", wo der König seine eigenen Augen ausreißt, die Feststellung: "Du wärest besser dran, tot zu sein als blind." Es blieb aber noch einem Engländer, der selbst blind wurde, vorbehalten, das letzte Wort über die Blindheit als erschreckende Katastrophe zu schreiben: John Milton sagt in "Samson Agonistes": "Blind unter Feinden, oh schlimmer ist das als Fesseln, Gefängnis, Bettelei oder das Alter des Zerfalls! Den Niedrigsten bin ich unterlegen, ein Nachfolger von Mensch oder Wurm! Die Niedrigsten hier übertreffen mich noch, sie schleppen sich durch, aber können noch sehen; im Licht ich der Dunkelheit ausgeliefert, dem täglichen Betrug, der Verachtung, dem Zorn und der Ungerechtigkeit; in verschlossenen Räumen oder draußen wie ein Dummer, nicht mein eigener Herr der Macht der anderen verfallen. Kaum scheine ich halb am Leben, gestorben mehr, bin ich ein marschierendes Grab."

Das auffälligste an diesem epischen Gedicht ist nicht die Idee der Katastrophe, die an sich zu erwarten wäre, sondern die Tatsache, daß Milton der Verfasser ist. Seine besten Werke, "Das verlorene Paradies" einbegriffen, schrieb er nach seiner Erblindung. Warum dann sagte er das- Die Antwort ist einfach: Die Blinden tendieren dazu, sich selber so zu sehen, wie die anderen sie sehen. Auch wenn wir das Gegenteil beweisen können, akzeptieren wir die allgemein verbreitete Meinung unserer Beschränkungen. So tragen wir dazu bei, unsere Beschränkungen zu einer Realität werden zu lassen. Tatsächlich verstärkte Milton dieses Stereotyp, der zum Nachteil aller Blinden wird, und er tat es trotz seiner eigenen persönlichen Erfahrung, die das Gegenteil lehrte.

Die Darstellung der Blindheit als Katastrophe hört nicht bei Milton auf. Wilhelm Tell, das Schillersche Drama aus dem 18. Jahrhundert, zeigt uns einen Mann, der geblendet und gezwungen wurde, als Bettler zu leben. Sein Sohn sagt: "Oh, das Licht der Augen, von all den Geschenken des Himmels das Teuerste, das Beste! ... und er muß jetzt durch seine ganzen Tage hindurch in endloser Dunkelheit kriechen!" "Sterben ist nichts - doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück."

Ein Jahrhundert später ist dieses Bild so populär wie eh und je. In Kiplings Buch "Und das Licht erlosch", verpaßt der Autor keine Gelegenheit, uns zu sagen, daß die Blindheit schlimmer als der Tod sei. Der Held, Dick Heldar, sagt, als er erfährt, daß er blind wird: "Es ist ein lebender Tod. Wir werden in der Dunkelheit eingesperrt, und wir werden nie jemand sehen, und wir werden das nie bekommen, was wir wollen, auch wenn wir hundert Jahre alt werden." Später im Roman ist er zornig auf alle Menschen, "weil sie alle lebendig waren und sehen konnten, während er (Dick) tot war, gefangen im Tod der Blinden, die in den Besten aller Fälle nur eine Last für ihre Mitmenschen sind". Als es diesem Charakter voller Selbstmitleid am Ende gelingt, getötet zu werden, ist das einzige, was Kipling dazu sagen kann: "Er hatte bis zum Ende Glück, so daß eine mitleidige Kugel sein Herz traf."

In "The End of the Tether" tötet Joseph Conrad seine Hauptfigur, den Hauptmann Whalley durch Ertrinken, ein Schicksal, welches viel erträglicher sei als ohne den Gesichtssinn leben zu müssen. In D. H. Lawrences Geschichte "The Blind Man" kann der im Krieg erblindete Maurice von seiner großen Verzweiflung mit keiner Zukunftsperspektive getröstet werden, und im Roman "Invitation To The Waltz" übertrifft Rosamond Lehmann och Lawrence: ihr Held, der auch im Krieg erblindete, scheint das Leben eines ziemlich anständigen Bürgers zu führen, aber er wird wie eine Art spazierende Leiche beschrieben. Wir erfahren, daß er "nach seiner ermordeten Jugend ein verfälschtes Leben" führe, und als er es irgendwie fertig bringt, mit einer ehemaligen Freundin zu tanzen, wird uns eine traurige Inszenierung dargeboten: "Sie tanzte mit ihm", sagt die Autorin, "mit Liebe und Schmerz. Er hielt sie nahe an sich, aber er war sehr weit weg von ihr, weit von der Musik, begraben und gleichgültig. Sie tanzte mit seiner Jugend und seinem Tod."

Für Autoren wie diese ist die Tragödie der Blindheit so unerträglich, daß sie sich nur zwei mögliche Lösungen vorstellen können: entweder muß der Betroffene geheilt oder getötet werden.

Ein typisches Beispiel ist Susan Glaspells Buch "Die Herrlichkeit der Eroberten", darüber schrieb ein ironischer Kritiker: "Es war eine zu einfache Lösung des Problems, ihren Helden am Ende des Buches sterben zu lassen, aber wahrscheinlich wußte die Autorin nichts mehr mit ihm anzufangen."

Wenden wir uns jetzt der nächsten Gruppe zu, Blindheit als Dummheit und Hilflosigkeit. Der Blinde als eine komische Figur, als die Klimax des Lächerlichen, ist zweifellos so alt wie die Farcen und Possenspiele. Im Mittelalter übernahmen die Blinden diese Rolle regelmäßig anläßlich von Feierlichkeiten, in denen blinde Bettler mit Eselsohren ausgerüstet wurden, gestikulierten und Grimassen schneiden mußten, um das Volk zu erheitern. Eine Widerspiegelung dieser allgemeinen Verspottung der Blinden ist die junge Ehefrau in Chaucers "Das Märchen eines Händlers": diese war mit einem alten Blinden verheiratet und ging ihm fremd, indem sie während eines Spaziergangs mit dem Ehemann den Liebhaber an einem Baum traf. Die Pointe bei Chaucer liegt darin, daß der alte Mann plötzlich sein Sehvermögen wiedererlangt, als das Paar in Liebesspiele vertieft ist ... Daraufhin erklärt die sehr schlaue und schnelle Frau, daß sie das getan habe, gerade um ihm den Gesichtssinn wiederzugeben. Shakespeare ist nicht besser: Er stellt den erblindeten Gloucester in "König Lear" als so verwirrt und hilflos dar, daß er zu allem überredet werden kann und auf alle Tricks hereinfällt. Im alten Testament wird Isaac von seinem Sohn Jacob angelogen, der, in einem Ziegenfell verkleidet, sich für Esau ausgibt und anstelle des Rindfleisches, das der Vater haben wollte, ihm Lammfleisch vorsetzt. Und das alles geschieht, ohne daß der Alte etwas merkt, der wahrscheinlich von allen Sinnen, nicht nur von dem Gesichtssinn, verlassen war.

Ein ungewöhnlich hartes Beispiel für den Betrug blinder Menschen findet sich in einem Schwank des 18. Jahrhunderts. "Der Eulenspiegel mit den Blinden". Der Held trifft drei blinde Bettler und verspricht ihnen eine wertvolle Münze, um Unterkunft und Verpflegung für sie in einem nahegelegenen Wirtshaus bezahlen zu können. Aber als alle die Hand ausstrecken, gibt er das Geld keinem, und jeder glaubt, daß die anderen es schon bekommen haben. Sie können sich das lustige Ende zusammenreimen. Nachdem sie ins Wirtshaus gegangen sind und ausgiebig gegessen haben, erscheint der Wirt mit der Rechnung, und jeder der drei Bettler beschuldigt die anderen der Lüge und des Diebstahls. Der Wirt schreit: "Ihr Leute, ihr belügt jeden!" Er bringt die drei in den Schweinestall, sperrt sie ein, während er jammert und zu seiner Frau sagt: "Was sollen wir mit denen tun, sie gehen lassen ohne Strafe, nachdem sie so viel umsonst gegessen und getrunken haben- Aber wenn wir sie behalten, dann werden wir nur Läuse und Kakerlaken haben und wir werden sie noch füttern müssen. Ich wünsche, sie wären in den Galeeren." Das Spiel hat ein Happy End. Aber was für ein Bild von dem Charakter dieser Blinden bleibt in dem Leser! Kriminell, bestechlich, ansteckend und beschmutzt, verwirrt, belogen, obdachlos und hilflos in einer ihnen fremden Landschaft.

Der hilflose Blinde ist ein weltweites Stereotyp. In Maeterlincks Stück: "Die Blinden" macht der Autor all seine Charaktere absichtlich blind, um ein philosophisches Argument zu illustrieren: Was die Bühne aber zeigt, ist ein lächerliches Gemälde von herumtastenden und stöhnenden Gestalten, die in die Luft greifen.

Einer der wichtigsten Wahrheitsfälscher über die Blindheit ist der bekannte französische Autor André Gide in "La Symphonie Pastorale". Eine blinde Kritikerin beschreibt es so: "Das Mädchen Gertrude zeigt mit 15, bevor der Pastor beginnt, sie zu erziehen, alle Anzeichen eines geistig vollkommen zurückgebliebenen Geschöpfs, und das wird nur durch die Tatsache ihrer Blindheit begründet ... Gide behauptet, daß ein Mensch ohne den Gesichtssinn keinen Zugang zur Wahrheit hat. Gertrude lebt glücklich in der geistigen Welt, die der Pastor für sie geschaffen hat. Gertrude weiß so gut wie nichts von dem Schmerz auf der Ebene der Wirklichkeit. So wie sie blind ist, kann sie keine bewußte Vorstellung von der Sünde haben. Sie ist engelhaft unwissend, wie Adam und Eva, bevor sie von der verbotenen Frucht aßen. Aber sobald sie sehend gemacht wird, weiß sie plötzlich von dem Übel in seiner vollen Bedeutung, und gerade weil sie eine Sünde mit dem Pastor begangen hatte, ohne es zu wissen, begeht sie dann Selbstmord."

Andererseits wird die Blindheit in der Literatur nicht nur als Dummheit, sondern als das Böse par excellence dargestellt. Das bekannteste Vorbild ist der alte blinde Seeräuber Pew in Stevensons Roman "Die Schatzinsel". Als der junge Held Jim Hawkins Pew zum ersten Mal begegnet, fühlt er, daß er noch nie eine furchtbarere Gestalt gesehen hatte als "diese entsetzliche, süß sprechende, augenlose Kreatur". Und als Pew den jungen Mann gefangen nimmt, äußert Jim, daß er "noch nie eine solche grausame, kalte und häßliche Stimme als die des blinden Mannes je gehört hatte."

Eine noch viel ältere Fassung des Themas "Der bösartige Blinde" sehen wir in dem pikarischen Roman des 16. Jahrhunderts "Lazarillo De Tormes". Lazarillo arbeitet als Blindenführer für einen alten blinden Mann, welcher eine Verkörperung des Bösen an sich ist. Als der Blinde dem Jungen einmal sagte, er solle sein Ohr ganz nahe an ein Denkmal bringen und zuhören, ob ein besonderer Laut daraus käme, gehorchte Lazarillo. Dann schlug der alte Mann den Kopf des Jungen so hart gegen den Stein, daß dessen Ohren drei Tage lang wie Glocken läuteten.

Über Jahrhunderte war für die Autoren die Verbindung zwischen Blindheit und Übel unwiderstehlich, und sie fand auch immer gute Resonanz bei den Lesern, welche schon durch Folklore, Märchen und Fabeln konditioniert wurden, zu glauben, daß die Blindheit das schlechteste im Menschen zum Ausdruck bringt. Die Grausamkeit, mit der Blinde behandelt wurden, die krasse Zahl von karikaturistischen Darstellungen z.B., findet so gewissermaßen eine Entschuldigung: Schließlich, wenn die Blinden Spitzbuben und Bösewichte sind, dann sollen sie dementsprechend darunter leiden und kein Mitleid sollte man an sie verschwenden.

Abwechselnd mit dem Thema der Blindheit als das Böse, finden wir auch das Gegenteil davon, nämlich das Thema der Blindheit als unübertreffliche Jugend. Oberflächlich gesehen, scheinen diese zwei volkstümlichen Stereotypen widersprüchlich, aber es bedarf keiner großen psychologischen Kenntnisse, um zu erkennen, daß sie die zwei Seiten einer und derselben Münze sind. Was sie miteinander gemein haben, ist die Idee, daß die Blindheit ein Ereignis ist, welches den Betroffenen verwandelt und ihn von der alltäglichen Dimension des Lebens und der Menschlichkeit entfernt.

Entweder muß die Blindheit ein Produkt der Sünde oder der Engel sein. Ein Beispiel für das zweite ist Melody. In Laura Richards Roman "Das blinde Kind" erfahren wir, "sie (Melody) betastete das Leben mit ihrer Hand und wußte alles. Sie erkannte jeden Baum des Waldes an seinem Stamm; sie wußte, wann und wie er blüht ... keine Katzen oder Hunde gab es, die nicht ihre Herren verlassen hätten, hätte Melody ein einziges Mal nach ihnen gerufen." Sie ist nicht nur tugendhaft, sie hat Zauberkräfte. Sie rettet ein neugeborenes Kind aus einem in Flammen stehenden Gebäude, sie heilt die Kranken durch ihren Gesang und erlöst die Alkoholiker von dem Fluch des Trinkens.

Es ist sehr merkwürdig, aber was unser Befremden noch erhöht, ist, daß dieses seltsame Geschöpf die Erfindung von Laura Richards war, das heißt von der Tochter Samuel Gridley Howes, eines der großen Erzieher der Blinden. Wie Milton mußte Mrs. Richards es viel besser gewußt haben. Sie wurde durch die Kräfte der Tradition, der Gewohnheit, der Folklore und der Literatur verraten. Ihrerseits verriet sie dann sich selbst und die Blinden und unterstützte das Stereotyp. Das Schlimmste von allem ist, daß sie zweifellos nie gewußt hatte, was sie tat, und dachte, den Blinden eine Wohltat zu erweisen, und sah sich selbst als eine Vorkämpferin ihrer Ideen. Unwissenheit ist tatsächlich die schlimmste aller Tragödien.

Die Krankhafteste all der romantischen Illusionen über die Blindheit ist die fromme Ansicht, daß sie ein verkappter Segen sei. In G. Morris "Das blinde Mädchen von Wittenberg" sagt ein junger Mann zu der Heldin: "Gott läßt dich den Gesichtssinn entbehren, damit dein Herz um so mehr mit dem Glanz des Lichtes erfüllt sein kann." Jedes blinde Mädchen, weiß ich, hätte ihm eine Ohrfeige wegen dieser Beleidigung versetzt. Aber die Antwort dieses fiktiven Frauencharakters ist noch schlimmer als die erste Bemerkung des Mannes: "Denken sie nicht, Herr", sagt sie, "daß wir blinden Menschen eine Welt in uns tragen, die vielleicht noch schöner als Ihre ist und daß wir ein Licht tragen, welches noch viel kräftiger als Ihre Sonne scheint-"

So geht es weiter mit diesem gezuckerten Stoff, der uns der Menschlichkeit beraubt und eine Legende um uns gebildet hat, die uns nur schadet.

Wir nehmen hier Caleb in "Die kleine blinde Seherin", "Deborah" aus dem schlechten Roman von James Ludlow, Bertha, die süße, und edle blinde Heldin in Dickens "The Cricket In The Hearth" (Das Heimchen am Herd), die am Ende beinahe idiotische Züge trägt, die opferbereite Nydia in "Die letzten Tage von Pompeji" und Naomi in Hall Caines Roman "Der Sündenbock". Aber es reicht schon! Das alles ist Süßstoff ohne Licht und Literatur ohne Aufklärung.

Eines der ältesten und grausamsten Themen in der Geschichte der Unterhaltungsliteratur ist das der Blindheit als Strafe für eine Sünde. So blendete sich Ödipus als Strafe für seine inzestuöse Beziehung, und Shakespeares Gloucester wurde wegen Ehebruchs geblendet. In diesem Bild ist oft mit dem Stereotyp der Blindheit ein Ritual der Reinigung verbunden: Blendung als eine Tat, die von der Schuld reinigt und den Mensch in ein Stadium der Güte und der Unschuld zurückversetzt. So geschieht es z. B. bei Amyas Leigh in Kingsleys Roman "Westward Ho!", der von einem Blitz geblendet und aus einem Verbrecher in einen Heiligen verwandelt wurde.

Ein häßlicher Fleck läuft all diesen Figuren und Handlungssträngen hinterher, und es ist vielleicht ihnen allen gemeinsam, in einigen der Werke nur hintergründig ausgedrückt, daß sie ein Bild der Blindheit als Entmenschlichung vermitteln, als Verbannung aus der Welt des normalen Lebens und der normalen Beziehungen. Weder die blinde Bertha von Dickens, noch Nydia von Bolwer-Lytton denken im geringsten daran, als sie selbst verliebt sind, daß jemand auch sie lieben könnte, und genauso wenig fällt es dem Leser oder den anderen Romanfiguren auf. Miss Florence ist eine reizende, offensichtlich sehr fleißige blinde Frau in einer Geschichte von Kipling unter dem Titel "sie" (Anmerkung des Übersetzers: "sie (they)" in der dritten Person Mehrzahl) Miss Florence liebt Kinder sehr, aber "natürlich" kann sie keine eigenen haben. Kipling erklärt nicht, warum sie es nicht kann, aber es ist klar, daß seine Phantasie überbeansprucht wurde, wenn er sich eine verheiratete blinde Frau vorstellen sollte, die noch dazu Kinder aufzieht. Eine magische Lösung wird hier als Ausgleich auch gefunden: Auf ihrem Anwesen genießt Miss Florence die Gesellschaft der Geister blinder Kinder, die in der Nachbarschaft gestorben waren. Wir werden nicht zu sagen wagen, daß sie nicht ganz richtig im Kopf sei: dadurch, daß sie blind ist, ist sie zu allen möglichen Phantasien berechtigt.

Noch eine letzte sehr populäre Anwendung der Blindheitsthematik sei hier genannt: Blindheit - nicht wortwörtlich genommen, sondern als Symbol zum Zweck der Satire oder Parabel. In der Folklore wie im Film erscheint die Blindheit immer wieder als Tod, Verfluchung oder Symbol alles möglichen, was nicht imstande ist, richtig zu sehen. So in dem Sprichwort: "Wenn keiner sieht, müssen alle in den Abgrund fallen". In diese Kategorie könnte man H. G. Wells klassische Geschichte "The Country Of The Blind" oder "The Planet Of The Blind" von Paul Corey, oder auch Maeterlincks Drama "Die Blinden" einordnen. In der Kurzgeschichte von Conrad Aiken "Der schweigsame Schnee, der geheimnisvolle Schnee" dient die Blindheit zu einer Metapher der Schizophrenie. In fast all diesen symbolischen Darstellungen steckt eine implizite akzeptierte Deutung der Blindheit als Unwissenheit, Verwirrung, die Umkehr aller normalen Wahrnehmungen und Werte, Blindheit als ein Zustand, der gleich oder noch schlimmer ist. Den Schaden, den solche literarischen Traditionen im Leben vieler blinder Menschen in der Vergangenheit angerichtet haben, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber die Zukunft bleibt noch zu bestimmen. Und diese Zukunft, die sich an der Wahrheit orientieren soll, wird auch von uns mitgestaltet.

Wir müssen unsere Herausforderung auf eine sachliche Ebene stellen, um unser eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Wir wissen, was wir sind und was wir tun können, und demgemäß müssen wir handeln.

Und was können wir aus dieser Analyse der Literatur lernen- ... Wir dürfen nie die Macht der Literatur vergessen: die Revolution beginnt nicht auf den Straßen, sondern in Bibliotheken und Schulen. Es ist immer so durch die ganze Geschichte hindurch gewesen. In den furchtbaren Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs z.B., kämpften die Schriftsteller und Dichter mit. Als die Armeen des Südens Bull Run erreichten, brachten sie Sir Walter Scott mit und den Glauben an dessen Lebensideale, die er sie gelehrt hatte. Ivanhoe und der mutige König Richard standen in der Kampflinie zusammen mit Jackson, um die Yankees zu besiegen. Der Krieg wäre viel früher zu Ende gegangen, hätten die Träume der Dichter nicht im Wege gestanden ...

Auf die Frage: "Ist die Literatur gegen uns-", dürfen wir keine oberflächliche Antwort geben. Wenn wir nur die Vergangenheit in Betracht ziehen, dann ist die Antwort gewiß "Ja", wir haben sehr schlechte Reklame gehabt. Die Literatur und die Geschichte haben es so dargestellt, wie es in der Wirklichkeit nicht ist.

Trotzdem gibt es einige bemerkenswerte Ausnahmen: ... es gibt nämlich eine zehnte Möglichkeit der Behandlung, welche sich manchmal in den Bücherregalen zeigt und ein flüchtiges, seltenes Bild anbietet, wie ein Licht am Ende eines Tunnels der literarischen Finsternis. Dieses Bild der Wahrheit ist mindestens so alt wie Charles Lambs Geschichte von "Rosamund Gray": darin wird eine ältere blinde Frau mit durchschnittlichen Leistungen und völlig normalen schlechten Launen dargestellt. Ähnliches finden wir auch in zwei von Walter Scotts Romanen: "Old Mortality", "The Bride Of Lammermoor". In beiden werden die Blinden realistisch und nicht rührselig beschrieben. Dies kann man z. B. bei Wilkie Collins" Roman "Poor Miss Finch" feststellen, wenn auch durch den Wissensstand und die Fähigkeiten des Autors sehr eingeschränkt; zumindest hatte Collins den Roman nach einer sehr gründlichen Analyse von Diderots "Brief über die Blinden" geschrieben. Dieser Brief war zwar nicht ohne Fehler, aber doch mit einem beträchtlichen Verständnis der Problematik verfaßt worden. Auch realitätsnahe ist Charles D. Stewarts "Valley Waters", wo ein wichtiger blinder Charakter erscheint, aber ohne die Ausstrahlungen des Wunders, des Rätselhaften, ohne Grübeleien, Boshaftigkeit und besondere Kräfte, alles an ihm natürlich und voller Normalität. Genauso verhält es sich mit dem Charakter, den H. Weir Mitchell in seinem Roman: "Far In The Forest" dargestellt hat und der aus dem realen Leben (so sagt er uns) entstanden ist. Dieser Held ist zwar etwas verherrlicht, aber noch erkennbar. "Philetus Richmond verlor den Gesichtssinn mit 50, aber er konnte genau so gut wie den besten der Holzfäller die Axt schwingen."

Wenn wir uns mit der Gegenwartsliteratur befassen, muß unsere Antwort sehr gemischt sein. Es gibt zwar Anzeichen der Veränderung, aber die alten Klischees und falschen Bilder sind noch vorhanden und werden verstärkt, womöglich gewinnen sie noch an Gewicht durch die Ansichten der sogenannten "Sachverständigen" auf dem Gebiet der Zusammenarbeit mit den Blinden.

Wenn wir uns der Zukunft zuwenden, lautet die Antwort folgendermaßen: die Zukunft sowohl in der Literatur wie auch im realen Leben ist nicht vorprogrammiert, sondern offen zur Selbstbestimmung. Genauso wie wir unser Leben, individuell oder kollektiv gesehen, selbst gestalten, werden wir auch unsere Literatur formen können. Die Blindheit wird nur dann eine Tragödie sein, wenn wir uns selber sehen, wie die Autoren uns gesehen haben ... es ist unsere Aufgabe, den Bewußtseinsstand unseres Zeitalters anzuheben und sein Gewissen zu verändern, indem wir die Literatur von irrtümlichen Phantasien befreien und ihr mehr Tatsachen zuführen. Dann werden wir eine Literatur haben, die sich mehr der Wirklichkeit angleicht. Dann werden sich die allgemein verbreiteten Meinungen über die Blindheit mehr det Wahrheit und unserem eigenen Selbstbildnis annähern können.

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