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Prof. Dr. H. Scholler: Hilfe für Blinde in Tigray und Eritrea Ende April 1993 flog ich von Addis Abeba eine Stunde und 15 Minuten nach Norden, um in Mekele auf einer Sandpi

Im Norden grenzt sie an Eritrea, ein Land, das gerade in dieser Woche durch ein Referendum seine Unabhängigkeit mit 99% der abgegebenen Stimmen erlangte. Im Osten grenzt Tigray an das Land der Afar, ein moslemisches Nomadenvolk, und im Süden des Tigray-Landes liegt Wollo, das 1974 durch die große verheerende Hungersnot in aller Welt bekannt wurde.

Während Eritrea sich von Äthiopien löste, ist Tigray weiterhin ein fester Bestandteil des sich neu organisierenden und neu orientierenden Äthiopiens geblieben. Es ist Region I und möchte in einem dezentralisierten Gesamtstaat leben, in dem die Besonderheiten der Sprache und Kultur und der einzelnen Völker Berücksichtigung finden.

Die Sprache, die man in Tigray und Eritrea spricht, ist Tigrinia, eine der äthiopischen Staatssprache, dem Amharischen sehr verwandte, sehr nahestehende Sprache.

Während von den 50 Millionen Äthiopiern ungefähr 15 Millionen Amharas sind, gibt es nur 5 Millionen Tigrays und ungefähr 2 Millionen Eritreer.

Im Unterschied zu Tigray war Eritrea 100 Jahre lang eine italienische Kolonie, ehe es nach dem 2. Weltkrieg in Äthiopien in ein bundesstaatliches System zusammengeschlossen wurde. Diese Föderation wurde von der Zentralregierung unter entscheidender Mitwirkung des Kaisers Haile Selassie zerschlagen und Eritrea in einen zentralistischen Gesamtstaat inkorporiert. Das war der Auslöser für den 30jährigen Unabhängigkeitskrieg, der mit dem Referendum vom April 1993 zur endgültigen Abtrennung Eritreas führte.

Auch Tigray nahm an diesem Krieg teil, wenn es sich auch sehr viel später dem Aufstand anschloß. Die heutige Zentralregierung ist aus Anhängern der tigrayischen Befreiungsfront gebildet. Ihr gelang es, im Mai 1991 das verhaßte Megisto-Regim zu stürzen.

Die Probleme eines 30jährigen Bürgerkrieges, der verstärkt wurde durch die Waffenlieferungen von außen und durch den Umstand, daß die beiden Weltmächte - die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika - den Konflikt in Eritrea als Stellvertreterkrieg benutzten, sind immens.

Auf seiten der ehemaligen Sowjetunion kämpften auch bis zu 50.000 Kubaner gegen den abtrünnigen Norden. Die Städte und Dörfer Eritreas und Tigrays wurden von der Luft aus mit Napalm angegriffen und die Bevölkerung, nicht nur die Kombatanten, erlitten große Verluste. Überall in Äthiopien, aber vor allem in Tigray und Eritrea sieht man die Spuren des Krieges, die zerstörten Häuser und die vielen Kriegsverletzten.

Erstaunlich viel hat man in Tigray bereits wieder aufgebaut, und die Straßen werden von neu gepflanzten Eukalyptusbäumen gesäumt, die den Ankommenden sofort auffallen.

In Tigray selbst liegt die alte Königs- und Kaiserstadt Aksum. Von hier aus verbreitete sich im 4. Jahrhundert - einige Jahre vor der Erhebung des Christentums in Rom zur Staatsreligion - der christliche Glaube nach Süden, Osten und Westen.

In der angrenzenden Provinz Wollo, wenig entfernt von Aksum, liegen die berühmten Felsenkirchen Lalibellas, von denen man sagt, daß viele noch gar nicht entdeckt sind.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts hat in Aksum der deutsche Forscher Littmann eine große Ausgrabungskampagne durchgeführt, die in unseren Tagen wieder eine Fortsetzung finden soll.

In Asmara, der neuen Hauptstadt Eritreas, in Mekele, und vor allem in der unweit gelegenen Stadt Agigrad gibt es viele Blinde, die als Opfer des Krieges oder aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung während des 30jährigen Krieges ihr Augenlicht verloren haben.

Zwar versucht der äthiopische Blindenverband (ENAB) den Blinden in Tigray zu helfen. Auch hat die äthiopische neue Zentralregierung einen Kommissar für alle Kriegsopfer berufen und es ist ein Zentrum der Rehabilitation in Agigrad geplant. Dort sind 1.200 Schwerst-Kriegsverletzte, wozu auch 60 Kriegsblinde zählen. 20 blinde Mädchen besuchen dort ein Gymnasium, und viele von ihnen haben als zivile Kriegsopfer das Augenlicht verloren. Bei meinen Gesprächen mit Mitgliedern der Selbsthilfeorganisation und der staatlichen Träger wurde mir immer wieder gesagt, daß nicht einmal die einfachsten Hilfsmittel, wie Tafel und Griffel, oder Hilfsmittel für die Mobilität, wie Stöcke, zur Verfügung stehen.

So möchte ich die Leser dieser Zeilen und ihre Freunde bitten, bei den Verbänden der Blindenselbsthilfe in der Bundesrepublik Geldbeträge zu spenden, die dann dazu dienen sollen, diesen Kriegs- und Zivilblinden mit den einfachsten Hilfsmittel zu versorgen, die ihnen entweder Mobilität verschaffen, oder bei der Umschulung das Erlernen der Blindenschrift erlauben.

Ich würde gerne diese Geräte bei einem meiner nächsten Besuche in Äthiopien dorthin mitnehmen und möchte allen Spendern herzlich danken.

Auch gebrauchte Geräte, gebrauchte Blindenuhren oder Tafeln, werde ich gerne in Empfang nehmen.

Professor Dr. Heinrich Scholler, Zwengauerweg 5, 81479 München

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