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K. Dahesch

Behindert und in doppelter Hinsicht Verliererinnen - Körperliche Beeinträchtigungen bei Frauen halten Männer von sexuellen Zugriffen nicht ab "Frauen, deren Männer durch Krankheit oder Unfall schwerbehindert werden, bleiben in 95 Prozent der Fälle bei ihnen und versuchen - so gut es nur geht - ihnen das Leben im neuen Zustand zu erleichtern. Im umgekehrten Fall verlassen die meisten Männer ihre Frauen. Und unter denen, die bei ihrer behinderten Gefährtin bleiben, versuchen viele, damit Eindruck zu schinden oder Mitleid zu erheischen"



Frankfurt, Anfang April - Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation leben 500 bis 600 Millionen behinderter Menschen, darunter etwa 250 Millionen Frauen, in der Welt. Allein in der Bundesrepublik sind mehr als vier Millionen Frauen schwer- und schwerstbehindert. Ihre Schwierigkeiten beginnen mit der Unmöglichkeit für die Behinderte, sich von einer Person nach eigener Wahl pflegen zu lassen. Wenn hier die Alternative die Pflege durch Männer oder gar keine Pflege lautet, so fühlen sich verständlicherweise die Frauen in ihrer Würde beeinträchtigt. Die körperlich mehrfach behinderte Schülerin hätte das Problem schwerstbehinderter Mädchen anschaulicher nicht schildern können: "Ich brauche eine Pflege rund um die Uhr. Meine Eltern können das nicht, einen Partner werde ich wohl nicht finden. Und wenn doch, kann ich von ihm das auch nicht verlangen. Pflegerinnen kann ich nicht bezahlen. Und von Zivildienstleistenden, die in solchen Fällen die Pflege leisten, mag ich mich nicht ausziehen."

Die Veranstaltung in Bad Vilbel, zu der Hessens Frauenministerin Heide Pfarr und der Sozialverband Reichsbund eingeladen hatten, beschäftigte sich mit den besonderen Schwierigkeiten behinderter Frauen. Zivieldienstleistende sind - von Ausnahmen abgesehen - noch die, die auch Frauen korrekt behandeln und ihnen nicht zu nahe treten. Schlimm wird es, wenn sich schwerstbehinderte Frauen im Alltag helfen lassen müssen. "Da gibt es Männer, ob Kollegen, Passanten, Busfahrer usw., die nicht selten bei gewissen Handreichungen auch ihre Gelüste an uns ausleben", erzählt eine 38jährige Frau, die wegen Kinderlähmung im Rollstuhl sitzt und besonders auf "Zupacken" angewiesen ist: "Ob und wie lange jemand seine Hände auf meine Brust legt, mich statt an der Taille weiter unten anpackt, sich heftig an mich drückt und wie nahe er mit seinem Kopf an mich herankommt, sind Indizien, die jede empfindsame Frau genau zu deuten weiß."

Als junges Mädchen war sie schüchtern, traute sich nichts zu sagen, fraß den Ärger in sich hinein, um die Hilfen ja nicht zu verlieren. Heute aber - als eine der wenigen Ausnahmen in ihrer Situation - mit dem Wunschpartner verheiratet und Mutter einer dreizehnjährigen Tochter, ist sie selbstbewußt und weist zudringliche Männer in die Schranken. "Wenn abweisende Bewegungen, Abschütteln und erboste Blicke nichts nützen, dann sage ich denen klipp und klar, daß ich selbst die Männer für derlei "Zärtlichkeiten" aussuchen möchte", erklärt sie.

Doch so ausgeprägt ist das Selbstbewußtsein bei den meisten Frauen, die tagtäglich durch die Behinderung auf die Grenzen ihrer Möglichkeiten in Familie, Umwelt, Beruf und Gesellschaft stoßen, noch nicht. Bei der Tagung berichtete eine spastisch gelähmte Frau aus Süddeutschland zitternd und mit Tränen in den Augen, daß in den Heimen Klagen schwerstbehinderter Bewohnerinnen über die sexuelle Belästigung durch den Heimleiter und das Personal als unglaubwürdig oder sogar Wunschvorstellung hingestellt würden: "Wer wird sich an der schon vergreifen- - Das hätte sie wohl gerne! - Sie soll die Kirche im Dorf lassen usw.", bekommen sie zu hören.

Genau das erlebte vor Jahren eine blinde Stenotypistin, die sich über Zutraulichkeiten zweier Kollegen im Betrieb beschwert hatte. Doch sie hatte das Glück, sehr gut auszusehen und einen attraktiven Freund zu haben, der sich mit ihr beim Firmenchef gegen die Belästigungen verwahrte. "Nur deshalb fand ich Glauben", stellte sie empört fest.

Einer gehörlosen Frau wurde die Attraktivität zum Verhängnis. Nach erfolgreicher Lehre als Steuerfachgehilfin suchte sie sich bei einem Finanzamt in der Bundesrepublik eine Stelle, bekam sie, und arbeitete zur vollen Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten. Ihre Geschicklichkeit und ihre sportlichen Leistungen wurden allseits bewundert. Ein Beamter, der durch seine Eltern Kontakt mit gehörlosen Menschen gehabt hatte und die Gebärdensprache konnte, wurde oft als Dolmetscher herangezogen. Zwischen den beiden entstand ein Freundschaftsverhältnis, aus dem bald mehr wurde. Sie, die als Schwerstbehinderte keine Zuneigung und Liebe erfahren hatte, nahm die Bindung ernst. Für ihn dagegen, der schon lange verheiratet war, bedeutete das Verhältnis nur eine willkommene Abwechslung. Als sie dies bemerkte, brach sie seelisch zusammen, mußte längere Zeit in einer Klinik psychiatrisch behandelt werden und ging vorzeitig in Rente.

Ein stark sehbehindertes Mädchen, das von dem Mann ihrer Freundin heimgefahren wurde und sich gegen seine plötzlich ausgebrochene "Liebesbedürftigkeit" im Auto mit einer Ohrfeige wehrte, wurde von dem verschmähten Liebhaber mit einem Schwall von Beschimpfungen überschüttet. Was sie sich einbildete, wüßte sie denn nicht, wie schön er aussähe und wie viele Frauen sich die Finger nach ihm lecken würden. Als Behinderte könnte sie doch froh sein, daß sich ein Mann überhaupt ihr widme.

Die Problempalette der schwerbehinderten Frauen ist doppelt und dreifach so groß wie die der beeinträchtigten Männer. Schon nach den beiden Weltkriegen fanden die versehrten Männer, selbst wenn sie blind und taub, taub und amputiert, blind, taub und mehrfach amputiert waren, Partnerinnen, die sie liebevoll betreuten. Das kann man von behinderten Frauen nicht behaupten. Auch heute haben behinderte Männer in der Regel nichtbehinderte Partnerinnen. Umgekehrt ist das nach wie vor eine Ausnahme.

Frauen, deren Männer durch Krankheit oder Unfall schwerbehindert werden, bleiben in 95 Prozent der Fälle bei ihnen und versuchen - so gut es nur geht - ihnen das Leben im neuen Zustand zu erleichtern. Im umgekehrten Fall verlassen die meisten Männer ihre Frauen. Und unter denen, die bei ihrer behinderten Gefährtin bleiben, versuchen viele, damit Eindruck zu schinden oder Mitleid zu erheischen. Sie werben um die Gunst anderer Frauen: "Ich bin arm dran, meine Frau hat doch nur eine Brust ... keine Brüste mehr ... keine Gebärmutter ..."

Frauen in Kurkliniken und Badeorten können davon ein Lied singen.

Kommt ein blinder oder gelähmter Mann im Rollstuhl in Begleitung einer schönen Frau zu einer Veranstaltung und stellt sie gar als seine Lebensgefährtin oder Ehefrau vor, dann erntet er Bewunderung: "Toll, was der für eine Frau hat." Geschieht das bei einer Frau, so heißt es sofort: "Der Mann ist doch nicht normal. Der hat bestimmt eine Macke, sonst hätte er sich doch keine Behinderte genommen."

Da Frauen gewöhnlich in erster Linie nach Schönheit beurteilt werden, haben körperbehinderte Frauen in der Gesellschaft immer das Nachsehen, während bei Männern andere Maßstäbe angelegt werden, beklagte Ministerin Heide Pfarr bei der Tagung in Bad Vilbel. Sofort stimmt ihr eine kleinwüchsige Sozialarbeiterin zu, die mit einem nichtbehinderten Mann verheiratet ist: "Er macht sich nichts aus dem Geschwätz der anderen und nimmt mich zu Veranstaltungen jeglicher Art mit. Er hat sich aber oft sagen lassen müssen, daß er zum Beispiel in einer Führungsposition nicht mit einer so stark behinderten Frau repräsentieren könnte", erzählte sie.

Für Heide Pfarr, die sich um die Gleichstellung der Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft allgemein und die Lösung der Probleme Behinderte besonders intensiv bemüht, waren solche Schilderungen Anlaß genug, dem Thema "Sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen mit Behinderung" eine eigene Tagung zu widmen, deren Obertitel: "Vom erdrückenden Schweigen befreien", das erste Ziel andeutete. Betroffene Frauen sollten unter Ausschluß der Männer erzählen, was ihnen auf der Seele brannte.

Es stellte sich klar heraus: Behinderte Frauen werden - wie auch behinderte Männer - heute noch oft genug als Neutren angesehen, denen das Recht auf Liebe und Sexualität nicht zugestanden wird. Nicht selten müssen behinderte Frauen bei Vergewaltigung oder als der Helferwillkür ausgelieferte Opfer zur Befriedigung von Herrschaftsgelüsten oder der Entfaltung der Gefühle verklemmter Männer herhalten. So zog die Ministerin im Herbst in Gießen das Resümee: "Doppelte Verliererinnen sind behinderte Frauen auch im Bereich der Sexualität. Die körperliche Unvollkommenheit, die einerseits das Schubfach des Neutrums öffnet, hält Männer andererseits von sexueller Ausbeutung nicht ab. Der Anreiz - so scheint es - ist um so größer, je weniger die Frau in der Lage ist, sich körperlich zur Wehr zu setzen."

(aus: Süddeutsche Zeitung, Nr. 77, Seite 11)

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