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Zum Kurzbericht des Reha-Zentrums Bad Lippspringe: "Das Ultraschall-Leitsystem ..." und der Anmerkung von G. Scheithauer (MB 1/93 S. 38 ff./horus 2/93, S. 69 f.) mit Bezug auf einen Vortrag von V. König: "über die Grundsätze des GFUV ..." (MB 3/92 S. 263 ff./horus 3/92, S. 92 ff.)
Das Reha-Zentrum Bad Lippspringe hat uns in, wie ich meine, durchaus beeindruckender Weise wieder einmal die Möglichkeiten seines längst bekannten "Ultraschall-Leitsystems" in Erinnerung gerufen. Von den zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten (und weitere lassen sich mit etwas Phantasie durchaus erahnen) soll es mir hier hauptsächlich um den Einsatz an Ampelanlagen gehen. Daß gerade hierbei einige attraktive Gesichtspunkte aufgezeigt wurden, wird sich schwerlich bestreiten lassen, und angesichts der täglich zunehmenden Belastung, die der Straßenverkehr speziell für uns blinde "Alleingänger" darstellt, ist auch unstrittig, daß wir die technischen Möglichkeiten zur Risiko- und Streßminderung möglichst erschöpfend nutzen sollten.
Ja, und dann kam diese "Anmerkung" des "Gemeinsamen Fachausschusses Umwelt und Verkehr" (GFUV), hier vertreten durch Herrn Scheithauer: Nix da! Die Fachleute haben sich auf einen einheitlich mit "800 Hertz" piepsenden Signalton mit "sinusförmiger Amplitude" festgelegt, der rund um die Uhr nebst einem Orientierungsticken am Ampelmast zu hören sein muß, denn es gibt ja Blinde, die kein "spannungsabhängiges Gerät" mit sich herumschleppen wollen. Fummelkästchen dürfen allenfalls zusätzlich angebracht werden. Wachsende Belastung auf den Straßen hin, technischer Fortschritt her: So ist"s nun einmal beschlossen, basta! - Sagen Sie selbst: Ist das nicht ein bißchen zu viel des Unguten-
Fachkompetenz zeigt sich bekanntlich schon an der Wahl der richtigen Begriffe. Wie darf man"s denn beispielsweise mißverstehen, wenn sich ein Fachausschußmitglied in der Öffentlichkeit über eine "sinusförmige Amplitude" ausläßt- So was muß man sich doch auf der Zunge zergehen lassen. Oder wie wär"s damit: "Tomaten sind Früchte von roter Größe" ... Können Sie mir folgen-
Also: "Amplitude" bedeutet Schwingungsweite, bezeichnet demnach - in der grafischen Darstellung - die Höhe der einzelnen Wellenberge. Im Fall von Schallwellen bestimmt sie die Lautstärke eines Signals.
"Sinusförmig" hingegen beschreibt einen ganz bestimmten Schwingungsverlauf, bezieht sich also auf die Gestalt der Wellenberge und -täler. In der Akustik legt die Schwingungsform die Klangfarbe eines Tones fest. Wie Fourier gezeigt hat, läßt sich jede beliebige Schwingungsform als "harmonische Reihe" auffassen, also eine Mixtur aus einer (nun sinusförmigen) Grundschwingung und deren Obertönen. Eine Sinusschwingung zeichnet sich einfach dadurch aus, daß nur der Grundton vorhanden ist, sämtliche Obertöne also fehlen. Ihr Klang wird als "dumpf" oder "stumpf" empfunden (hören Sie sich einmal eine historische Traversflöte an).
Daß man sich gerade auf die Sinusschwingung festgelegt hat, finde ich übrigens etwas verwunderlich. Bekanntlich lassen sich höhere Frequenzen leichter orten (Fledermaus-Effekt). Zur Orientierung müßte daher ein obertonreiches Signal (z. B. eine Rechteck- oder Sägezahnschwingung) besser geeignet sein.
Vielleicht weniger gewichtig, aber doch irgendwie kennzeichnend ist doch auch, daß Herr Scheithauer von "800 Hz" spricht, während wir bei Herrn König "880 Hz" finden. Nicht wahr, meine Herrn von der Vereinheitlichungskommission: "Zahlen sind Schall und Rauch" (Schiller oder so) ...
Daß es zum einheitlich piepsenden zweigestrichenen A brauchbare Alternativen gibt, hoffe ich, in der letzten "Intern" durch die Vorführung der "sprechenden Ampel" gezeigt zu haben, die in Tübingen seit zwei Jahren in Betrieb ist. Besuchen Sie uns doch einmal, und überzeugen Sie sich selbst, daß es gar nicht so schlecht ist, wenn man deutlich gesagt bekommt, welche Straße man wo überqueren darf! Daß wir im Zeitalter des rapiden technischen Wandels gezwungen sein sollen, ausgerechnet da wieder anzuknüpfen, wo Sputnik 1 in den fünfziger Jahren aufgehört hat, ist schlichtweg unerfindlich, und wenn jetzt einer behauptet: "Bei euch Blinden piept"s ja", so können wir dem nicht einmal ernsthaft widersprechen.
Trotz aller Polemik, die wir etwa bei Herrn König dagegen finden, ist ebenso einsichtig, daß an schmalen Straßen und einfach gestalteten Kreuzungen ein ausschließlich taktiles Signal mitunter durchaus genügen kann. Wer dies unter Hinweis auf unser mangelndes Orientierungsvermögen ablehnt, müßte uns konsequenterweise ganz generell verbieten, je eine Straße zu überqueren, auf der uns unterwegs keine zusätzliche Orientierungshilfe zur Verfügung steht, insbesondere also da, wo es keine Ampel gibt. Wäre das in unserem Sinne-
Die Dauertöner mit dem Argument durchdrücken zu wollen, daß nicht jeder ein elektrisches Gerät mit sich herumtragen möchte, halte ich persönlich für witzblattreif. Die Handsender - auch da ist natürlich die Technik nicht stehengeblieben - sind heute bereits so klein, daß sie mühelos am Gürtel, am Tragriemen der Handtasche oder wohl auch am Griff des Blindenstocks befestigt werden können. Überhaupt: wer wäre jemals so nachsichtig mit jenen nichtsehenden Zeitgenossen umgegangen, die es lästig finden, einen Blindenstock durch die Straßen zu tragen - und der ist ja weiß Gott mitunter wirklich unbequem. Und zum Stichwort "spannungsabhängig": Wer hat heute noch eine Uhr zum Aufziehen-
Schließlich: wer jemals auf einer Verkehrsinsel in Panik geraten oder von einem Abbieger beim legalen Überqueren einer Straße beinahe über den Haufen gefahren worden ist, der wird die zusätzlichen Möglichkeiten, die ein anzuforderndes Blindensignal bietet, nicht als verzichtbare Spielerei abtun können. Die Stadtverwaltungen scheinen da auch kooperativ zu sein (Tübingen beispielsweise hat uns die Schaltung einer speziellen Grünphase mit verlängerter Räumzeit und blockiertem Abbiegerverkehr von sich aus angeboten). Nun aber sollen wir ja diese Segnungen alle gar nicht nutzen können, weil sich ein allgewaltiger Ausschuß in unser aller Namen schon vor Jahren definitiv gegen Anforderungssender ausgesprochen hat ...
Unter uns Schwaben kursiert da ein schönes geflügeltes Wort: "Herr, schmeiß Hirn ra!" (Herr, wirf Hirn herunter) ... Schada tät"s nix!
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