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Gedanken über die "tastbare Schrift". Von einem, der sie zu lernen bemüht ist Die Blinden sprechen von der Braille-Schrift oder Punktschrift, die Sehenden nennen sie "die Blindenschrift", die sie lediglich als Hilfsmittel, als eine ihnen primitiv erscheinende Kommunikationsmöglichkeit für blinde Menschen werten - "ganz interessant", meinen sie, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen, geschweige denn, sich näher mit ihr zu befassen. Wahrscheinlich muß man zu den Blinden gehören oder, wie ich, auf dem Weg zu ihnen sein, um die Braille-Schrift nicht nur in der Einzigartigkeit ihrer Struktur zu erleben, sondern durch die Beschäftigung mit ihr auch die universelle Bedeutung dieser Schrift erkennen zu können.
Alle Schriftgestaltungen früherer Zeiten sind bildlich zu verstehen, von Sehenden für die Sehenden geschaffen. Zwar bemüht sich der italienische Physiker Pater Lana im 17. Jahrhundert, ein schriftliches Mitteilungssystem für Blinde zu schaffen, doch mußten die Blinden bis ins 19. Jahrhundert warten, bis wirklich ernsthafte Versuche unternommen wurden, ihnen eine brauchbare schriftliche Verständigungsmöglichkeit zu bieten, tastbare Systeme zwar, doch auch sie meist schon in den Ansätzen praktisch kaum verwertbar. Erst durch die geniale Schöpfung des Louis Braille wurden die Mauern eingerissen, durch die die Blinden allzu lange ins Abseits gedrängt waren. Nach ihrem Schöpfer "Braille-Schrift" genannt (die Blinden sprechen einfach von der "Punktschrift"), ist sie, ideell gesehen, zwar nur eine Schrift für blinde Menschen, kulturell gewertet jedoch ein unverzichtbares Element unserer heutigen Zivilisation, gleichrangig neben den vielen Schriftsystemen, die es auf unserer Erde gibt. Für mich liegt in dieser Schrift aber noch eine Bedeutung, die über den simplen Begriff "Schrift" transzendent hinausgeht: ich verstehe sie als eine humanitäre Vermittlerin, als eine Brücke, über welche blinde und sehende Menschen sich begegnen und zueinander finden können.
Schon seit langem habe ich mich für die Punktschrift interessiert. Es gab nichts, das mich zunächst dazu gezwungen hätte, ich war einfach von dem so genial durchdachten System dieser Schrift fasziniert. Jetzt allerdings, im Alter und bei rapid abnehmendem Sehvermögen, ist aus dem bloßen Interesse die Notwendigkeit geworden, mich gründlich mit ihr befassen zu müssen. Und so habe ich mich denn daran gemacht, die Punktschrift systematisch zu erlernen.
Dem Späterblindeten geht es beim Erarbeiten der Punktschrift wie beim Erlernen einer fremden Sprache: man muß "pauken", man muß "büffeln" bis man alles im Kopf hat - all diese Sigel (Kürzel), die in scheinbar zahlloser Menge einem auswendig zu lernen zugemutet werden, ganz abgesehen von den vielen Regeln, die sich der Schüler "einhämmern" muß! Die gemeinhin verbreitete Meinung der Sehenden ist ja, daß, wer das Punktschrift-Alphabet beherrscht, die Punktschrift "kann" - weit, weit gefehlt! Geht es doch um die souveräne Beherrschung der sogenannten Kurzschrift - das heißt, es geht um die sinnvolle Anwendung jener oben erwähnten Siegel und Kürzel, durch die jegliche Art von Publikation und Korrespondenz überhaupt erst praktisch möglich wird. Vom Diktat, mittels der Punktschrift-Stenographie aufgenommen, ganz zu schweigen!
Seit zwei Jahren bemühe ich mich, die Zusammenziehungen und Kürzungen so in den Kopf zu bekommen, daß sie mir beim Schreiben automatisch aus der Hand fließen. Nun, mit dem Schreiben auf meiner Punktschriftmaschine, das ich täglich übe, ging es recht zufriedenstellend voran. Dagegen wage ich mich an das Schreiben mit Griffel und Tafel nur zögernd heran: das Einstechen jedes einzelnen Punktes und das Schreiben in Spiegelschrift bereiten einem Anfänger ziemliche Schwierigkeiten (meine Lehrerin belächelt diese Behauptung - natürlich, sie schreibt mit dem Griffel nicht nur lieber, sondern fast schneller als auf der Maschine ...). So schrieb ich also begeistert seitenlange Texte, stolz auf die richtig angewandten Kürzungen, versäumte jedoch, mich sofort im Lesen des Geschriebenen zu üben. Und so mußte ich plötzlich entsetzt feststellen, daß ich mit dem Lesen die allergrößten Schwierigkeiten hatte. Das Versäumnis, nicht von Anfang an das Lesen konsequent praktiziert zu haben, rächte sich bitter und es kostete viel Mühe und Zeit, das so sträflich Vernachlässigte aufzuholen.
Hatte ich zunächst noch versucht, die Punkte visuell zu erfassen, war mir bald klar geworden, daß dies nicht mehr lange möglich sein würde. Damit begann für mich ein weiterer Abschnitt in meinen Bemühungen, die Punktschrift perfekt zu beherrschen: ich mußte lernen, mit dem fühlenden Finger lesen zu können - ein völlig neuer Lernprozeß, der wieder beim Alphabet begann und über das sichere Fühlen der einzelnen Buchstaben und Buchstabenkombinationen bis hin zum Ertasten ganzer Sätze führte. War alles bis dahin Gelernte verhältnismäßig rasch zur Selbstverständlichkeit geworden, bereitet jedoch das Lesen durch Ertasten der Punktschriftzeichen mir noch immer große Mühe. Im Gegensatz zu den Beneidenswerten, die gewohnt sind, seit ihrer Kindheit mit dem tastenden Finger fließend zu lesen, lassen die im Alter etwas unsensibel gewordenen Fingerspitzen mich beim Üben leider immer mal wieder im Stich. Da muß man schon viel Enthusiasmus und Durchhaltevermögen aufbringen, um Gedanken an Resignation nicht aufkommen zu lassen! Noch bin ich weit vom Ziel entfernt, doch schon der kleinste Fortschritt gibt mir neuen Mut. Ich habe erkannt, daß der, der sich die Dinge durch den Einsatz eines eventuell noch vorhandenen Sehrests leicht zu machen versucht, sich betrügt. Auch ich war ja dieser Versuchung unterlegen, umso kompromißloser gehe ich jetzt den richtigen Weg.
Inge, meine Frau und meine Punktschriftlehrerin, gehört zu jenen Blinden, die die Punktschrift der besprochenen Kassette vorziehen. Sie bedauert, daß eine wirkliche Verbundenheit zur Punktschrift heutzutage manchem jungen Blinden fehlt, daß viele junge Leute sie leider nur praktizieren, um im Beruf bestehen zu können. Daß die Punktschrift zum faszinierenden Erlebnis werden kann, ist wohl nur denjenigen begreiflich, die sie erst als ältere Menschen erlernen. Den Späterblindeten, die in der Lage sind, sich die Punktschrift aneignen zu können, dies aber aus Unlust oder Desinteresse unterlassen oder es gar ablehnen, sei gesagt, daß sie sich damit abfinden, als "Punktschrift-Analphabeten" ein reiches Geschenk ausgeschlagen zu haben.
Man mag mich belächeln - ja, ich bin ein glühender Punktschrift-Fan! Die ständige Beschäftigung mit der Punktschrift ist für mich nicht nur aus praktischen Gründen unentbehrlich geworden - sie ist für mich ein wunderbares Erlebnis, das mein Leben in beglückender Weise bereichert.
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