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U. und J. Ernst

"Ich hab" überhaupt keine Probleme - wirklich nicht!" - Frühjahrstagung der AG "Integration" im VBS Die AG "Integration" im VBS war Gast der Schule für Sehbehinderte in Unterschleißheim (München). Das Thema der Tagung lautete: "Integration sehgeschädigter Schüler in Regelschulen - soziale Integration als gemeinsame Aufgabe von Eltern und Betreuungslehrern".

Eingeleitet wurde die Tagung mit einem Erfahrungsbericht und Schlußfolgerungen daraus von Frau Gudrun Badde, Mutter eines sehgeschädigten Kindes; ihr Thema: "Wie Eltern die psychosoziale Entwicklung ihres Kindes unterstützen können".

Ein Film mit dem Titel "Geierrolli" des Münchner "Krüppel-Kabaretts" hatte die erste Begegnung Nichtbehinderter mit Rollstuhlfahrern während eines Urlaubsaufenthaltes zum Thema. Gelegentlich witzig, mit scharfem Sarkasmus, stark überzeichnend, versuchte die Gruppe, sich dem Thema zu nähern. Der Film, aus den achtziger Jahren stammend, wirkte inzwischen doch etwas verstaubt und überholt, manchmal peinlich in seiner Art, wie Nicht-Behinderte als die letzten ... dargestellt wurden, denen man zeigen muß, wo es lang geht.

Anschließend sorgte ein Referat von Frau Renat Scharbert aus München für lebhafte Diskussionen. Selbst Rollstuhlfahrerin, arbeitet sie beim VdK und betreut dort Projekte mit Behinderten und Nicht-Behinderten. Sie sprach von Bedienungshaltung bei Behinderten, von Ratlosigkeit und Aggressivität bei Nicht-Behinderten.

Bei den wenigen blinden Tagungsteilnehmern rief ihre Schwarz-Weiß-Malerei über Begegnungen von Behinderten und Nicht-Behinderten Erstaunen hervor. Sie konnten von Erfahrungen berichten, die zeigen, daß sich - zumindest im Miteinander von Sehgeschädigten und Sehenden - in letzter Zeit einiges zum Positiven verändert hat. Der Ansicht der Referentin, daß es prinzipiell keine Unterschiede zwischen Behinderungsarten gäbe, kann man also nicht folgen.

Kontrovers diskutiert wurden auch die unterschiedlich hohen Ansprüche an Kinder im Frühschulalter, ihre Selbständigkeit betreffend. Es konnte der Eindruck entstehen, daß Betroffene, also blinde Menschen, eine größere Erwartungshaltung haben als Sehende.

Schwerpunkte der Tagung waren sechs Workshops, von denen die Berichterstatter drei wahrnehmen konnten. Die Themen:

1. Erziehung zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit

2. Soziales Lernen - ein Unterrichtsfach, ein Unterrichtsprinzip und ein Förderprogramm sozialer Kompetenz

3. Spannungsfeld: Erwartungen der Eltern - Möglichkeiten des Betreuungslehrers (bezogen auf Kinder)

4. Anerkennung der Selbstbestimmung des Kindes

5. Komm, wir finden einen Weg - wie Eltern die psychosoziale Entwicklung ihres Kindes unterstützen können

6. Sehbehinderte Schüler - Außenseiter in der Klasse-

Mit Herbert Pielage, Betreuungslehrer in Bielefeld, versuchte der Workshop "... Möglichkeiten der Betreuungslehrer und die Erwartungen der Eltern - meist Mütter - an sie darzustellen. Dies wurde durch Rollenspiele in hervorragender Weise umgesetzt und deutlich gemacht. Eine vorangestellte Diskussion basierte auf folgenden Thesen und Fragestellungen:

- Es gibt leistungsbezogene Integration.

- Viele Nicht-Behinderte sind sozial nicht integriert.

- Soziale Integration kann man nicht erzwingen, sie erfolgt nicht über den Kopf.

- Integration auf Mitleidsbasis währt nicht lange.

- Von welchen Faktoren hängt dann soziale Integration ab-

- Welche Möglichkeiten haben Regelschule, Betreuungslehrer, Eltern-

- Welche Möglichkeiten hat das sehgeschädigte Kind-

"Sehbehinderte Schüler - Außenseiter in der Klasse-"

Dieser Frage widmete sich ein Workshop, den Frau Burger aus Würzburg präsentierte. Eine Umfrage bei Betreuungslehrern wollte herausfinden, was typisch für integrierte und nicht-integrierte sehbehinderte Schüler in ihrer Klasse ist. Dabei ist interessant, daß die Kollegen sich schwertaten, Kriterien für gelungene Integration zu benennen.

Genannt wurden: Ausgeglichenheit; Bereitschaft, auf andere zuzugehen; kein Behinderungsbewußtsein.

Sehbehinderte, die sich mit der Integration schwertun, charakterisierten die Befragten als introvertiert, hilfsbedürftig, mißgestimmt, verschlossen, "eine gläserne Wand um sich". Familiäre Bedingungen sind selbstverständliche Komponenten, bei negativer Integration ist die Überversorgung durch die Eltern ein maßgeblicher Faktor. Bezogen auf die Klasse haben häufige Lehrerwechsel und Cliquenbildung negative Auswirkungen. Bezogen auf die Leistungen gilt offenbar: Gute Integration, gute Leistungen. Diese These wurde allerdings beim Workshop "... Betreuungslehrer ..." durch Beispiele eher widerlegt.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß sehbehinderte Schüler Hilfsmittel wie auffällige Lupen, Brillen oder gar Lesegeräte umgehen, weil sie dadurch Stigmatisierung erfahren.

Aufschlußreich aber waren auch die Kriterien, die die Workshop-Teilnehmer für beliebte Schüler zusammentrugen: Frustrationstoleranz, freundlich, hört zu, stellt Fragen, steckt ein - wehrt sich, äußerliche Erscheinung.

Der von John Helmers und Gerard Koning geleitete Workshop "Anerkennung und Selbstbestimmung des Kindes" versetzte uns in eine montägliche Beratungsrunde, die es sich zum Ziel gemacht hatte, Einzelvorschläge mit Begründungen für die Eltern auszuarbeiten. Wir beschäftigten uns mit drei Fallbeispielen.

Zur Situationsbeschreibung lagen uns folgende Fakten vor:

- ärztliche Überprüfung der Sehschädigung

- Einstufung der Fähigkeiten aus heilpädagogischer Sicht

- soziales Umfeld

- pädagogische Fördermöglichkeiten.

Beratungsgespräche nach der Balint-Methode führten in kurzer Zeit zu effektiven Ergebnissen. Nach diesem Schema gingen wir wie folgt vor:

Der Situationsbeschreibung folgte reihum eine auf zehn Minuten begrenzte Fragerunde. Danach arbeitete jeder für sich schriftlich Vorschläge mit Begründungen aus, wiederum nur zehn Minuten lang, welche dann reihum vorgetragen wurden. Die Schlußdiskussion beschäftigte sich mit den Umsetzungsmöglichkeiten.

Diese Beratungsmethode ließ jeden - Eltern, Pädagogen, Partner - zu Wort kommen.

Die schriftlichen Aufzeichnungen führten zu exakt formulierten Beiträgen, so war eine konzentrierte Diskussion ohne Ausschweifungen möglich. Es kam dabei heraus, daß eine Einzelmeinung - und die auch noch von Nicht-Berufspädagogen - von anderen Diskutanten geteilt wurde.

Inhaltlich erschien es manchmal wie ein Tauziehen zwischen Müttern und Pädagogen, Berufsblindheit war erkennbar.

Schade, daß wir nicht auch an den anderen Workshops teilnehmen konnten. Ein Plenum, das Ergebnisse zusammentrug, gab es bedauerlicherweise nicht. Dennoch hatte es einen erfreulichen, bedenkenswerten Aspekt: Eine Kollegin aus Chemnitz äußerte ihre Zufriedenheit über den Verlauf der Tagung, weil "herüberkam", daß im Westen nicht alles gelöst ist, daß auch dort Fragen offen sind, ein Aspekt, der besonders beachtenswert ist, wenn man bedenkt, daß bei allen berechtigten Bedenken gegen die DDR gerade im pädagogischen Bereich dort positive Ansätze zu erkennen waren.

Insgesamt eine wirklich gelungene Veranstaltung:

Die Vielfalt der Beiträge durch aktive Mitarbeit von "Experten" und "Laien" ist lobenswert. Das Interesse von Pädagogen, Eltern und Partnern, die Teilnahme eines Schülers, der als Sehbehinderter die zwölfte Klasse eines Gymnasiums besucht. Sein Resümee: "Ich hab" überhaupt keine Probleme - wirklich nicht!"

Kompliment an das Leitungsteam und die Workshop-Initiatoren!

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