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U. Beckmann: Einschätzung der Studiensituation Sehgeschädigter an der Fakultät Informatik der Technischen Universität Dresden (TUD) Vorbemerkung

Die Einschätzung einer Studiensituation an einer Bildungseinrichtung ist ein sehr komplexes Thema. Ich möchte darauf hinweisen, daß ich hier nur meine persönlichen Eindrücke wiedergeben kann, und daß diese natürlich subjektiv und von meinen Eigenschaften und Einstellungen abhängig sind. Zunächst seien mir ein paar Worte zu meiner Person gestattet. Das Studium der Informatik an der TUD begann ich mit dem Wintersemester 1990. Zuvor hatte ich ein Fachschulstudium und eine Berufsausbildung absolviert. Seit Ende 1983 bin ich "praktisch blind" (Blindenstufe II). Neben Punktschrift kann ich mit Hilfsmitteln und sehr langsam, Schwarzschrift lesen.

1. Bereitstellung technischer Hilfsmittel

1.1 NOTEX 40

Um am Studienprozeß teilnehmen zu können sind Aufzeichnungen und Mitschriften notwendig. Für Punktschriftnutzer ergibt sich das Problem, eine effiziente Lösung zu finden. Neben dem großen Papierbedarf und dem Gewicht der Punktschriftmaschine stellen besonders die Schreibgeräusche eine Belastung dar.

Das Angebot der Fakultät, zur Lösung dieser Schwierigkeiten elektronische Schreibgeräte vom Typ "NOTEX 40" bereitzustellen, wurde gern angenommen. Auch wenn ich nicht alle Möglichkeiten dieses Gerätes nutze, ist es zu einem fast unentbehrlichen Hilfsmittel geworden. Gedacht ist, mit diesem Gerät die Zeit zu überbrücken, bis eine persönliche Ausstattung von einem Kostenträger (Krankenkasse, Sozialamt ...) bereitgestellt worden ist. Natürlich wirft Punktschrift, noch dazu auf einer 40er Zeile, Schwierigkeiten bei Diagrammen, Tabellen oder mathematischen Gleichungen auf. In diesen Fällen greife ich dann lieber zum Faserschreiber und meiner Lupe. Das NOTEX nutze ich also fast nur für reine Texte.

1.2 Rechnerkabinett

In zwei Räumen der Fakultät Informatik wurde für die Arbeitsgruppe ein Rechnerkabinett eingerichtet. Dieses Kabinett wurde mit spezifischen Hilfsmitteln, wie Braillezeilen, Großschriftsystemen und Punktschriftdruckern ausgestattet. Durch ein Rechnernetz sind die Computer praktisch mit der ganzen Welt verbunden. Nicht nur die Rechner mit ihren Hilfsmitteln, sondern auch die Möglichkeiten der Kommunikation stellen ein wichtiges Merkmal dieser Arbeitsräume dar. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sich dieses Kabinett zu einer modernen Arbeitsstätte entwickelt, zu der ich eigentlich nur sagen kann: "Besser kann ich es mir kaum vorstellen!".

1.3 Bibliothek

Da zu einem Studium auch die Lektüre von Fachliteratur gehört, wurde in der Bibliothek der Fakultät ebenfalls ein Rechnerarbeitsplatz eingerichtet. Durch diesen ist zwar nicht das vollständige Durcharbeiten von Büchern möglich, aber es können grundsätzliche Informationen, wie z.B. Inhaltsverzeichnisse gelesen werden. Bisher habe ich diesen Arbeitsplatz nicht genutzt. Dies liegt vor allem daran, daß ich mit Lupe oder Großschrift entschieden schneller bin als mit einem Scannersystem. Bei einer gezielten Suche stehen mir auch die Mitarbeiter der Bibliothek hilfreich zur Seite.

2. Studienmaterialien

2.1 Zentrale Arbeitsgruppe

Studienmaterialien wie Skripte, Lehrbriefe oder Arbeitsblätter stellen neben den eigenen Mitschriften und der Fachliteratur eine wichtige Säule im Studium dar. Mit großem personellen und finanziellen Aufwand wurden und werden die benötigten Materialien als Textdateien erfaßt und auf einem zentralen Server zur Verfügung gestellt. Nach meiner Einschätzung befindet sich auf diesem Server mehr Literatur als ein "nichtbehinderter" Studierender für sein Studium nutzt. Somit kann ich sagen, daß mir dadurch ein selbständiges Studium ermöglicht ist. Die Auswahl der Werke, welche aufgelesen werden sollen, ist oft eine schwierige Aufgabe. Weiß man doch meist erst kurz vor einem Abschluß, was man eigentlich noch lesen wollte. Die Auflesearbeit wird von studentischen Hilfskräften durchgeführt und dauert natürlich einige Zeit. Solange es sich bei zu erfassender Literatur um Text handelt, gibt es kaum Probleme - anders bei Bildern und Grafiken. Zu Beginn dachten wir, daß diese einfach mit einem Grafikprogramm umgesetzt werden können. Dies hat sich jedoch als Trugschluß erwiesen. Es hat sich gezeigt, daß eine verbale Beschreibung einer Grafik meist einen größeren Aussagewert als die Grafik selbst hat. Dabei muß auch bedacht werden, daß ein Text zum Beispiel auch auf dem NOTEX gelesen werden kann - für eine Grafik wird deren Ausdruck benötigt.

2.2 Seminarleiter/Professoren

Um in den Vorlesungen bzw. Seminaren als Sehgeschädigter die gleichen Informationen zu erhalten, ist es wünschenswert, daß die Professoren/Seminarleiter etwas auf unsere Bedürfnisse eingehen. An dieser Stelle herrscht Unwissenheit, aber dennoch wird uns Verständnis entgegengebracht. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich bis jetzt immer ein für beide Seiten annehmbarer Weg der Darstellung gefunden. Gleiches gilt auch für Testate bzw. Prüfungen. Obwohl die Prüfungsordnung eindeutige Regelungen trifft, ist eine vorherige Absprache mit den Verantwortlichen sinnvoll. Die Seminarleiter waren bis jetzt sehr zuvorkommend. So konnten Sonderkonsultationen durchgeführt oder zusätzliche Arbeitsmittel in Anspruch genommen werden. Natürlich ist ein Lehrender auch nur ein Mensch und muß immer wieder daran erinnert werden zu sagen, was er gerade an die Tafel schreibt.

3. Kultur/Sport

Die Möglichkeiten auf diesem Gebiet sind vom Engagement jedes Einzelnen abhängig. Das studentische Leben beschränkt sich in Dresden nicht nur auf einige Studentenclubs. Es gibt zahlreiche von ihnen, in denen viele Veranstaltungen vom Studienalltag ablenken können. In fast allen kulturellen Einrichtungen der Stadt gibt es auch heute noch ermäßigte Eintrittspreise für Studierende. In der Dresdner Neustadt findet man heute eine Vielzahl von preisgünstigen und gemütlichen Studentenkneipen, in denen ich schon viele gemütliche Abende verbrachte. Wer gehobenere Ansprüche stellt, hat in Dresden natürlich auch eine große Auswahl an Lokalitäten. Eigentlich braucht nicht erwähnt zu werden, daß die Umgebung Dresdens auch etwas für Naturfreunde bietet.

Leider hat die Marktwirtschaft beim Studentensport negativ zugeschlagen. Zwar können die Sportstätten weiterhin genutzt werden, jedoch stehen zur Zeit nicht mehr genug Übungsleiter zur Verfügung. In dieser Hinsicht bin ich aber optimistisch.

Auch die Stadt bietet einige Sportstätten, wie Schwimmhallen oder Kegelbahnen. So gehe ich ein bis zweimal die Woche schwimmen. Der Eintritt von 1,50 DM pro Stunde kann, so glaube ich, nur als symbolischer Beitrag angesehen werden. Im Rahmen des Behindertensports besteht auch die Möglichkeit, am Reha-Schwimmen teilzunehmen. Leider ist dies auf Grund der Lage der Schwimmhalle mit zu großem Zeitaufwand verbunden.

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