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Ein 1936 in England in Braille gedrucktes Blindenschrift-Buch, 1991 auf dem Frankfurter Flohmarkt am Main erstanden, gab den Anstoß zu einer bemerkenswerten künstlerischen Produktion. Bemerkenswert deswegen, weil sie die Blindenschrift einbezieht und dies weniger als taktiles, denn als gestalterisches Element.
Man kann es nur als glückliche Fügung betrachten, daß eine Muse dem Frankfurter Künstler Klaus Schneider dies Buch, wenn auch eigentlich nur als Rarität und Kuriosum, in die Hand legte. - War es doch das erste Mal, daß dieser die tastbare Braille-Schrift begriff - ohne daß es damals noch diese geheimnisvollen Zeichen begreifen konnte. Es erging ihm jedoch wie vielen Sehenden: Das Zeichensystem der sinnvoll strukturierten, in Karton geprägten Erhebungen faszinierte ihn als ein Phänomen möglichen menschlichen Informationsaustausches.
Und menschliche Kommunikation in ihrem weitesten und allgemeinsten Sinne hatte Klaus Schneider schon seit jeher in ihren Bann gezogen, besonders in ihren zeichenhaften Erscheinungsformen, in ihrem Übergang vom Bild zum Zeichen und vom Zeichen zum Bild. Später trat dann zum "unbegreifbaren Zeichen" die schwer faßliche Form japanischer Lyrik, des HAIKU. Dichterische Aussage, zeichenhafte Verhüllung und künstlerische optische Umsetzung verschmelzen bei Schneider zu Bildern einer neuen faszinierenden Einheit ganz charakteristischer Prägung.
Klaus Schneider wurde 1951 in der hessischen Wetterau geboren. Er studierte in Frankfurt am Main Philosophie, Germanistik, Geschichte und Kunstpädagogik.
An das Studium schloß sich eine dreijährige Tätigkeit an der internationalen Sommer-Akademie für Bildende Kunst in Salzburg an, wo er zuletzt als Assistent tätig war (1985-1988). Nach zwei Jahren als Dozent an der Wiesbadener Freien Kunstschule (1989-90) bezog Klaus Schneider als freischaffender Künstler und freier Dozent ein Förderatelier der Stadt Frankfurt am Main. Hier fand 1991 dann auch die erste Ausstellung mit seinen HAIKU-Gemälden statt, deren eigentümlicher Reiz den Schreiber dieser Zeilen spontan faszinierte.
Der Punktschrift seit Jahren beruflich verbunden, entdeckte er hier eine vollkommen neue Dimension des alltäglichen Gegenstandes und sieht sich immer wieder mit neuen Sensationen (im eigentlichen Wortsinn) konfrontiert.
Drei auf die Punktschrift bezogene Schritte lassen sich bisher im Werk Klaus Schneiders ausmachen:
Zunächst sind da die eingangs erwähnten, aus einem Braille-Buch gelösten Seiten, bei denen auf die einzelnen bräunlichen Blätter des Blindendruckes mit gelblichem Klarlack archaische "organische Zeichen" aufgetragen sind, die in seltsamem, herausfordernden Gegensatz zum starren Rhythmus der Braille-Zeichen stehen.
War bei diesen Buchseiten die Blindenschrift der Malgrund, wurden bei den HAIKU-Bildern die Braille-Zeichen der 17silbigen Dreizeiler mit Acryl erhaben auf die (un-)bemalte Leinwand aufgesetzt. Dadurch sind sie zwar als einzelne halbrunde Kugeln ertastbar, jedoch machen sie in ihrem weiten Punktabstand, auf einer für den einzelnen Finger viel zu großen Matrix des Braille-Codes nur zu deutlich klar, daß sie sich an Sehende wenden, - ebenso geheimnisvoll wie die Texte der Gedichte und die Farbaussage der abstrakten Malerei.
In einem konsequenten weiteren Schritt hat Klaus Schneider schließlich den sechs Punkten jeweils einen Farbwert zugeordnet: Die Primärtrias gelb, rot, blau entspricht dabei den Punkten 1 bis 3, während eine Dreiheit der Nichtfarben weiß, grau, schwarz den Punkten 4 bis 6 entspricht. "Die Zuordnung dieser sechs Farben zu den sechs Punkten des Braille-Rasters und ihre Mischung analog der für die Worte angewendeten Punkte, ergeben die immanente Wort-Farbe, die sozusagen als Farbe sich spiegelnde Essenz des Wortes ..." (Klaus Schneider).
Eine über Erwarten stark besuchte Ausstellung solcher Werke ("Farbwort- Wortfarbe") in Frankfurt am Main im Januar dieses Jahres beweist, daß hinter der scheinbar ästhetischen Spielerei ein beeindruckender Grund liegt, der den Betrachter zu einer intensiven Kommunikation mit dem Bild anregt. - Es hat seinen besonderen Reiz, sich von einem Sehenden die Zeichen der Braille-Schrift in neuen Dimensionen und auf neue Weise einmal ganz anders begreiflich machen zu lassen ...
Nach Ausstellung in Luxemburg, in zahlreichen Orten Österreichs, in Italien, Frankreich und in vielen Städten Deutschlands war es gelungen, einen Querschnitt des Schaffens von Klaus Schneider nach Marburg/Lahn zu holen. Vom 21. Juli bis 28. August 1993 zeigte die Deutsche Blindenstudienanstalt (in Zusammenarbeit mit den Kunsthistorischen Museum der Philipps-Universität) einen Ausschnitt der Werke Klaus Schneiders. Die Kabinett-Ausstellung trug den Titel "Sprachbilder - Versuche zu Verständigung".
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