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"Blinder Indrick" - so die baltendeutsche Übersetzung von Neredzigais Indrikis - wurde am 15.10.1783 in der Pfarrei Appricken, Gemeinde Masdzerve Elkaleji, geboren. "Indrikis" ist nur ein Vorname. Einen Hausnamen hatte er nicht, weil seine Eltern Leibeigene waren. Mit fünf Jahren erblindete er an den Pocken, die damals auch das Baltikum heimsuchten.
Indrick hatte einen scharfen Verstand. Er wollte seinen Angehörigen nicht zur Last fallen. Darum half er, soweit es ihm möglich war, indem er Vieh hütete, Geräte aus Holz fertigte, Schuhe machte und schneiderte.
Die Familie war gläubig. Jeder Tag begann und endete mit Gebet.
Der ältere Bruder las Indrick viel vor. Dieser hatte ein gutes Gedächtnis und merkte sich alles. Das regte seine Phantasie an. Karl Gotthard Elverfeld (1756-1819), Pfarrer in Appricken, vielseitig begabt und gebildet, wurde auf Indrick aufmerksam und förderte ihn. Er schrieb Indricks Lieder auf und verbreitete sie. Durch die in Mitau, Kurland, herausgegebene "Neue Wöchentliche Unterhaltung" machte er im Jahre 1806 auch deutsche Leser mit Indrick bekannt. Dabei nannte er ihn den "Lettischen Homer".
Ebenfalls im Jahre 1806 wurden bei Steffenhagen & Sohn, Jelgawa, "Die Lieder des Blinden Indrick" (in lettischer Sprache) verlegt. Seitdem wurde der Leibeigene zum Dichter. Von dem Honorar verwendete er die Hälfte für die Anschaffung von Hausrat und behielt die andere Hälfte für seine Zukunft. In den Liedern erzählt er von seinem Schicksal und besingt die Schönheit der Natur. Die Sammlung enthält aber auch Liebes- und religiöse Lieder. Eines davon fand im Jahre 1809 Eingang in ein lettisches Gesangbuch. In deutscher Übersetzung lautet es:
"In meiner dunklen Kammer
Hab" ich der Not genug;
Der kennt nicht meinen Jammer,
Den nie das Elend schlug.
Wie mühsam, nicht zu irren,
Sich meine Pfade wirren!
In Freude und in Schmerz
Mich leitet nur mein Herz.
Zur Schule hinzugehen,
Des Unterrichtes Licht
In Büchern klug verstehen,
Vermag ich Armer nicht:
Doch will in andern Dingen
Es besser mir gelingen,
Und diese kenne ich.
Und das beruhigt mich.
Mein Buch lebt mir im Herzen,
In meinem Geist allein,
In meines Dunkels Schmerzen,
Nur lesbar mir allein.
So bin ich nicht verlassen:
Kann Freude noch umfassen;
Und was mein Geist ersah,
Ist freudig mir so nah."
Ein anderes, das "Winterlied", lautet:
"Schon ist das Liebliche vergangen,
Mit weisser Deck" die Erde überhangen,
Man sieht die Felder öde liegen,
Wo nicht mehr volle Ähren wiegen.
Kein Baum mit vollen Blätter-Quästen,
Und nirgends Knospen auf den Ästen,
Das alles ist dahin geflogen,
Ein Winterkleid hat"s angezogen.
Wo sind die Bienen süsse Blüten,
Die Blumen, die am Hügel glühten-
Wohin sind ihre holden Düfte-
Wohin die stillen lauen Lüfte-
Die grünen Wiesen sind entkleidet,
Wo unsre Herden wir geweidet;
Das Schöne alles ist nicht mehr,
Der Kampf wird mit dem Froste schwer.
Ja, hätten nie die Winter wir gesehen,
Zum Tode traurig würden wir dann stehen;
Wir klagen jetzt, wo Jammer überwunden,
Dass nun des Sommers Pracht verschwunden.
Doch: Gott gebeut, so wie wir wissen,
Dass Jahreszeiten wechseln müssen;
Wir sehen es mit ruh"ger Stille,
Denn alles ist ja Gottes Wille.
Drum lerne, Mensch! den Blick erheben,
Nicht bless auf niedrer Erde schweben!
Wir bauen Häuser unsern Herden,
Damit sie drin gepfleget werden."
Über Indrick schrieb auch der kurländische Dichter Ulrich Frhr. v. Schlippenbach (1774-1826), in seinen Büchern "Wega - ein poetisches Taschenbuch für den Norden", Mitau 1809, und "Malerische Wanderungen durch Kurland", Riga und Leipzig 1809. Er erzählt, daß Indrick nicht nur dichte, sondern - nach selbst komponierten Melodien - auch singe. Er könne lange Predigten auswendig nachsprechen und sei überhaupt ein genialer Mensch. Von Schlippenbach übersetzte gleichfalls Lieder von Indrick - so auch die beiden vorstehend wiedergegebenen. Er publizierte Indrick"s Lieder in baltischen Antologien und schickte einige auch nach Berlin, wo sie in der Zeitschrift "Der Freimütige" veröffentlicht wurden. Auf seine Veranlassung malte Johann Samuel Benedictus Grune (1783-1848) im Jahre 1806 das Portrait "Blinder Indrick". Es befindet sich jetzt im Fundus des Rainis Museums der Literatur und Kunst in Riga. Das Museum des Lettischen Blinden- und Sehbehindertenvereins besitzt eine Kopie.
Im Jahre 1807 führte Indrick seine Braut Anna heim, nicht ohne daß sie vorher hätte lesen lernen müssen, um ihm vorlesen zu können. Vier Kinder wurden ihnen geboren, über deren späteres Schicksal man jedoch nichts weiß.
Im selben Jahr schrieb Indrick eine "Ode zum Friedensvertrag in Tilsite" und im Jahre 1808 publizierte die "Neue Wöchentliche Unterhaltung" von ihm ein Lied "Zum Tode von Elisabeth - Tochter des russischen Kaisers Alexander I."
Indrick setzte seine Dichtungen fort. Doch das Interesse der Gesellschaft nahm allmählich ab. Im Jahre 1819 starb Karl Gotthard Elverfeld. Mit ihm verschwand auch sein Archiv und das bis dahin noch unveröffentlichte Liedgut Indricks.
Indrick selbst starb am 24.01.1828 an einer Lungenentzündung. Die letzten Worte an seine Frau sollen gewesen sein: "Ich sehe - ich sehe die Sterne!". Er wurde auf dem Friedhof Giberti beigesetzt. Dort steht noch heute sein Denkmal. Ein anderes befindet sich bei dem Lehr- und Produktionsbetrieb des Lettischen Blindenvereins in Riga.
Seine Lieder wurden im Jahre 1862 noch einmal gedruckt. Sein 200. Geburtstag wurde im Jahre 1983 festlich begangen. Zum Andenken an ihn schuf der Künstler Jänis Strupulis im Auftrag des Lettischen Blindenvereins eine Gedenkmedaille zur Auszeichnung territorialer und ausländischer Blindenorganisationen.
Indricks Leben ist von Vermutungen und Legenden umrankt. Vieles wurde nur geraten, nicht erraten, gesucht und nicht gefunden, verstanden und nicht verstanden. Verschiedenartig ist auch seine Bewertung durch unsere Literaturwissenschaftler. Doch ist "Blinder Indrick" der erste Lette, dessen Liederbuch gedruckt wurde. Er ist untrennbarer Bestandteil der Geschichte der Blinden in Lettland. Heute können wir nur den blinden Leibeigenen bewundern, der mehrere Berufe erlernte, so sehr nach Kenntnissen strebte und seine Gefühle in Liedern äußerte.
(Aus dem Lettischen übersetzt von Elga Rusmane und für diese Zeitschrift initiiert und bearbeitet von Dr. Hans-Eugen Schulze, Karlsruhe, der den Dichter auch in Deutschland damit wieder aus dem Vergessen heben möchte)
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