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Als ich einmal eine bekannte hiesige Bibliotheksleiterin fragte, ob sie wisse, was Hörbücher sind, antwortete sie, daß sie solche in den Niederlanden gesehen habe. Daß in Estland schon seit 25 Jahren Hörbücher produziert werden, war für sie eine Neuigkeit. Leider ist dieses Beispiel für das hiesige Bibliothekswesen, soweit es die Blinden und Sehbehinderten betrifft, charakteristisch. Alle damit verbundene Arbeit muß von den Behinderten selbst geleistet werden.
Die Vergangenheit
Das erste estnischsprachige Buch in Braille-Schrift wurde 1922 hergestellt. Es wurde, wie alle weiteren in den 20er und 30er Jahren, mit einer Picht-Maschine geschrieben. Nach der Besetzung Estlands 1940 war die Mehrzahl dieser Bücher schon wieder vernichtet. Erst 1962 war wieder ein vergleichbarer Bücherbestand vorhanden. Ein staatlicher Verlag hatte diese Bücher verlegt, und gedruckt wurden sie in einer staatlichen Druckerei. Die Kosten dafür trug der estnische Blindenverband. Als erste waren Lehrbücher für die Blindenschule hergestellt worden. Später entstanden Wörterbücher, Gedichtsammlungen und populärwissenschaftliche Titel. Heute befinden sich 180 Werke in der Ausleihe - allerdings in der Mehrzahl russischsprachige Bücher, die in der Sowjetunion gekauft wurden. Jedoch gibt es auch nur 100 Blinde, die die Braille-Schrift lesen können.
Das erste Hörbuch auf Tonband entstand 1962, und 1968 gründete der Blindenverband ein Aufnahmestudio. Alljährlich hat dieses Studio etwa 25 Hörbücher produziert. Etwa 700 estnischsprachige Hörbücher können heute ausgeliehen werden. Benutzt wird das amerikanische System - Kassetten mit vier Spuren und einer Bandgeschwindigkeit von 2,38 cm pro Sekunde. Ein Drittel der Hörer ist russischsprachig. Deshalb hat der estnische Blindenverband etwa 800 Titel in der Sowjetunion gekauft. Den Arbeitern der vom Blindenverband unterhaltenen Betriebe wurde die Möglichkeit eingeräumt, während der Arbeit Hörbücher zu hören. Insgesamt gab es 700 bis 800 Hörer. In Estland gibt es keine zentrale Ausleihe für Hör- und Punktschriftbücher. Das Aufnahmestudio liefert seine Erzeugnisse an die Ausleihstellen der Unterorganisationen des Blindenverbandes. Diese befinden sich in den größeren Städten wie Tallin, Tartu, Pärnu und Narva. Insgesamt hat der Blindenverband etwa 2100 blinde und sehbehinderte Mitglieder. Mit der Post werden die Hörbücher nicht versandt. Im letzten Jahr hat die Mehrzahl der Blinden ihre Arbeit verloren. Begeisterte Amateure, die jetzt zu Hause bleiben müssen, haben damit begonnen, Hörzeitungen herzustellen. Leider hat der Blindenverband keine Möglichkeiten, die Literaturversorgung seiner Mitglieder zu finanzieren.
Staatlich unterstützt wird nur die Produktion der Hörbücher. Infolge des derzeitigen Geldmangels und der Abzahlung der Anlagen ist die Braille-Druckerei seit mehr als einem Jahr geschlossen, und russischsprachige Bücher können auch keine mehr gekauft werden. Es mangelt an Kassetten, an Kassetten-Schnellkopierern und an Geräten für die Braille-Druckerei.
Die Zukunft
Fast alle unsere Probleme sind vom Geldmangel verursacht. Bibliotheken, in denen man die Bücher per Telefon bestellt und die diese Bücher dann mit der Post versenden, sind Bibliotheken des reichen Staates. Unsere Aufgabe für die nächsten Jahre ist es, zu bewahren, was wir haben, und zwei Versorgungszweige einzurichten. Wir müssen unsere Ministerien überzeugen, daß die Versorgung der Sehgeschädigten mit Literatur vom Staat gewährleistet werden muß. Die Braille-Druckerei muß wieder aktiviert werden, es müssen wieder russischsprachige Hörbücher gekauft werden können. Wir müssen die lokalen Verwaltungen dazu bringen, daß sie die örtlichen Hörzeitungen herausbringen und deren Versand organisieren.
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