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Die nachstehenden Ausführungen sind das Ergebnis von Thesen und deren Diskussion anläßlich des 5. Seminars der Fachgruppe Ruhestand vom 18. bis 25. Oktober 1993 in Timmendorfer/Strand.
Bei der Planung des 5. Seminars der Fachgruppe Ruhestand erschien es uns sehr nützlich, über die Beschaffenheit, die Möglichkeiten des Tastsinns im Dasein von blinden und sehbehinderten Menschen gründlich nachzudenken. Für uns als Betroffene steht neben dem Hören der Tastsinn im Mittelpunkt unseres Wahrnehmens, etwas, das für sehende Menschen nicht gilt. Wir unterscheiden zwar im allgemeinen visuelle und akustische Typen. Allein der haptische Typus scheint dabei am Rande zu stehen. Es dürfte daher lohnend sein, den Tastsinn eingehender zu untersuchen.
Der Tastsinn unterscheidet sich von den übrigen Sinnen darin, daß der Mensch auf Objekte direkt zugehen muß, während die Licht- und Schallwellen Auge und Ohr von außen anrühren und unmittelbar aufgenommen werden, sei es unbewußt, sei es mit besonderer Achtsamkeit.
Ferner gibt es für den Tastsinn keine Hilfsmittel, welche die spezifische Sinnesenergie unterstützen, verstärken und ihre Leistungsfähigkeit steigern, wie Brillen oder Hörgeräte. Der Mensch kann also seinen Tastsinn, sein Tastvermögen nur durch besondere Pflege und systematisches Üben entwickeln, erhalten und die Leistungsfähigkeit steigern.
In unseren Darlegungen wurde auf ein Eingehen hinsichtlich der Verwurzelung des Tastsinns im menschlichen Nervensystem bewußt verzichtet. Zur Erläuterung dieses Bereiches wäre die Mitwirkung von Physiologen erforderlich gewesen, was unsere Möglichkeiten überschritten hätte. Wir beschränkten uns auf eigene Beobachtungen, auf Erfahrungen, sowie auf Hinweise in entsprechender Fachliteratur.
Im allgemeinen Gebrauch erscheint uns der Tastsinn primär mit den Händen gegeben zu sein, und da besonders mit den Fingerspitzen. In den Fingerkuppen liegen die Tastsensoren am dichtesten nebeneinander, so daß jede Wahrnehmung zur größtmöglichen Deutlichkeit gelangen kann. Die höchste Empfindlichkeit ist im Zeigefinger und auch noch dem Mittelfinger gegeben, während Ringfinger und Kleiner Finger nicht ganz so ausgezeichnet sind. Der Daumen dient primär zur Abstützung, hat aber dabei gleichzeitig die Unterseite an Gegenständen abzutasten. Das Handinnere erfaßt Oberflächen und Formen, wohingegen der Handrücken in seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten etwas weniger ausgestattet ist. Bei allem Tasten ist wesentlich, daß beide Hände gleichermaßen zusammenwirken. Auf diesem Wege wird nicht nur das Erkennen erleichtert oder auch vervollständigt, sondern beide Hände werden gleichmäßig geschult.
Die Arme erweitern den Tastraum beträchtlich bei gleichbleibender Leistung der Hände. Eine Verlängerung der Arme durch Stöcke bis hin zum Langstock erweitern zwar den Tastraum über das eigene Körpermaß hinaus, vergröbern aber die Wahrnehmung. Trotzdem sind solche Erweiterungen für die Erkenntnis der Umwelt unerläßlich und unersetzbar.
Rein äußerlich genommen erweisen sich auch die Füße für ein weiteres Erfassen räumlicher Beschaffenheiten als äußerst nützlich. Sie vermitteln Bodengestaltungen aller Art, z.B. Unterschiede im Straßenpflaster, wie auch Wald- und Sandboden. Ebenso unentbehrlich ist die Mitarbeit der Füße innerhalb von Wohn- und Diensträumen. Gerade in unserer alltäglichen Umgebung sind uns die Füße verläßliche Wegweiser. Alles, was sich auf dem Fußboden etwas abhebt, ist bei der Orientierung behilflich, man denke an Teppichränder. Ferner sind unsere Füße bestens geeignet, heruntergefallene Gegenstände schnell aufzufinden und, wenn diese leicht genug sind, sie mit den Zehen aufzuheben. Auf diese Weise bleibt uns oftmals ein Herumkriechen auf dem Fußboden erspart. Weder Hände noch Füße bewahren ihre Leistungsfähigkeit ohne unser Zutun. Die Beweglichkeit der Hände muß bei zunehmendem Alter durch Pflege und Übungen gefördert werden. Heiße oder kalte Laugen stumpfen die Empfindlichkeit ab, und alles, was zur Bildung von Hornhaut führen könnte, ist zu vermeiden; rauhe und spröde Hände sind zum Tasten schlecht geeignet.
Unsere Füße dienen uns am besten ohne jede Bekleidung; allein das dürfte nicht ganz ungefährlich sein, denn der Fußboden ist nicht immer einwandfrei gesäubert. Unsere tägliche Fußbekleidung sollte wenigstens in groben Grenzen Wahrnehmungen erlauben. Gleich den Händen müssen auch die Füße regelmäßigen Übungen unterzogen werden. Hier sind Auf- und Abbewegungen, sowie Bewegungen zur Seite zu nennen. Die Zehen wollen besonders beachtet werden. Bewegungen wie spreizen, krümmen, nach oben strecken, entspannen nicht nur, sie erleichtern auf die Dauer ein bequemeres Laufen; überhaupt sollte Laufen bei abrollenden Füßen das tägliche Üben abschließen. Soweit unsere Extremitäten im Dienste des Tastsinns.
Unser Tastvermögen verfügt jedoch noch über eine weitere Fülle von Möglichkeiten. Zunächst zum Kopf:
Daß der Stirn Wahrnehmungszentren eigen sind, stellt man leicht fest, wenn man eine Kopfbedeckung tragen muß. Geht man auf eine Mauer zu, empfindet man auf der (freien) Stirn etwas wie Druck, der uns so manchesmal vor Schaden bewahrt. Weitere Tastorgane sind für uns auch Lippen und Zunge, die man oft einsetzen kann, wo die Fingerkuppen schon versagen. Und hat man etwa keinen Nadeleinfädler zur Hand, helfen die Zähne das Nadelöhr aufzufinden. Wir gehen noch einen Schritt weiter und erfahren, daß unsere Haut, wie auch unser ganzer Körper am Tastvorgang beteiligt ist; wie wäre es sonst möglich, taubblinden Menschen überhaupt noch etwas von ihrer Umwelt zu vermitteln. Wir spüren ja jeden Luftzug, jeden Wärmeunterschied, jede Berührung auf irgendeiner Körperstelle und bei großem Lärm empfinden wir ein Vibrieren. Begnügen wir uns zunächst mit diesen Beobachtungen und Erfahrungen.
Der zweite Schritt betrifft unsere unmittelbare Verarbeitung solcher Tastwahrnehmungen. Die bisher gegebene Übersicht erlaubt uns die Frage nach der geistigen Umsetzung und Verarbeitung des Ertasteten zu stellen. Zunächst ordnen wir das Wahrgenommene körperhaften Begriffen zu: spitz... stumpf, hart... weich, dick... dünn, rund... eckig, rauh... glatt, groß... klein, grob... fein, lang... kurz, warm... kalt, um nur einige Begriffspaare zu nennen. An diesen körperhaften Bezeichnungen wird deutlich, daß wir, um Körper erfassen zu können, praktisch beide Hände benötigen. Mit diesen Erkenntnissen aus unmittelbarer Wahrnehmung gehen wir im Alltag ganz spontan um; ja, werden uns dieser realen Wahrnehmungen gar nicht voll bewußt, obschon wir gut bzw. selbstverständlich mit ihnen umgehen und sie ichtig gebrauchen. Gegenstände unseres täglichen Umgangs brauchen wir eigentlich nur an einer Stelle punktuell zu berühren, so erscheinen sie uns sofort als ein Ganzes, das wir erkennen und uns daran orientieren, denn jede Anordnung von Gegenständen in unserer Umgebung ist uns gegenwärtig. Wir lernen zumeist sehr schnell, uns in wechselnder Umgebung sicher zu bewegen. Unsere ganz persönliche Umgebung erweckt bei Sehenden leicht den Eindruck pedantischer Ordnung. Allein ohne eine solche Ordnung wäre unsere Beweglichkeit stark eingeschränkt und das Wiederfinden von Gegenständen wäre unnötig erschwert. Hier müssen wir für uns das Bestmögliche auswählen.
Wer sein Leben lang alles mit den Augen erfaßt hat, steht bei Erblindung im Alter vor großen Schwierigkeiten, sich in gewohnter Umgebung zurechtzufinden. Es gehört viel Energie dazu, sich im Alter eine solche feste Ordnung zu schaffen. Doch auch Jugendblinde vergessen mit zunehmendem Alter ihre einst selbstentwickelte Ordnung, allein das Vergessen im Alter hat mit Blindheit nichts zu tun. In jedem Fall sollte frühzeitiges Gedächtnistraining einsetzen, das hilft weiter. In der allgemeinen Vorstellung ist man zwar gewöhnt, mit dem Abnehmen des Hörvermögens an Abhilfe zu denken, und Brillen sind bei nachlassendem Sehen eine Selbstverständlichkeit. Einleitend bemerkten wir bereits, daß es für den Tastsinn nichts Entsprechendes gibt, also bleibt nur ständiges Training.
Eine harte Umstellung wird dem Menschen abverlangt, beim Übergang vom "Sehenkönnen" bis zur völligen Erblindung. Bedenkt man, daß die Menschen im allgemeinen visuelle oder akustische Wesen sind, so zeigt sich deutlich eine mit seelischer Erschütterung gegebene Problematik. Der Tastsinn bestimmt unser Dasein keineswegs vordergründig. Um so deutlicher wird spürbar, was der Betroffene leisten muß, wenn es heißt: "Es geht nicht mehr, von nun an ist die Welt auf immer dunkel für Dich!" Es ist in unserem Zusammenhang nicht die Aufgabe, die mit diesem Erlebnis verbundene menschliche Problematik zu analysieren. Schwierig genug ist es, das veränderte Wesen in der eigenen Umwelt zu beleuchten. Was bisher das Auge unmittelbar vermittelte, ist plötzlich ganz bewußt von Händen, Füßen und schließlich dem ganzen Körper zu leisten. Zunächst bedarf es der höchsten Energie und Anspannung, eine solche Umstellung zu vollziehen, um bisher unausgeschöpfte Kräfte in den Mittelpunkt des Wahrnehmens zu rücken. Rehabilitationskurse sind unvermeidlich, und daß diese dabei zugleich eine psychische Hilfe sind oder sein können, vermag auf den richtigen Weg zu führen.
Aus eigener Erfahrung, um nicht zu sagen, aus eigenem Erleben, möchte ich hier einen Hinweis geben. Im Übergang vom Sehen zum Nichtsehen unterliegt man leicht einer Selbsttäuschung. Man glaubt z.B., die Sonnenstrahlen noch irgendwie zu sehen; man hat sie gleichsam im Auge, denn man nimmt sie ja leibhaftig wahr! Neben dem Licht, der Helligkeit, spürt man die Wärme und die Hand greift unwillkürlich nach dem Niederschlag der Strahlen auf dem eigenen Körper. Licht schlägt um in Wärme, ohne daß man dieses bewußt registriert. Als Kind habe ich gern auf Gegenstände oder auch auf dem Fußboden malende Sonnenstrahlen beobachtet, und schließlich gingen meine Finger den verfließenden Konturen nach, welche die Wärme erzeugte. Nach und nach erschloß sich mir eine neue Welt. Ähnlich erging es mir auch auf anderen Ebenen. Farben, ich liebte sie besonders, schlugen mit ihren Gegenständen in das Erleben von Oberfläche und Form um. Die Oberflächen wechselten für mich von der Farbe zur Struktur, die meine Hände deutlich spürten. Diese Umwandlung vom Auge zur Hand war mehr als schmerzlich, aber ließ mich im Erleben nicht leer. Dennoch, wer jemals etwas gesehen hat, für den bleibt der Mangel stets bestehen!
Es dauert lange, bis man sich zurechtgefunden hat, doch langsam wird man dankbar für das, was sich neu erschließt. Endlich siegt der Eifer, siegt die Welt, sie auf diese Weise täglich neu und immer weiter zu erobern. Das Ertastete ergänzt das Gehörte und mit der Zeit wird der Zugriff selbstverständlich und spontan. Es verliert sich die Scheu, etwas einfach anzufassen, um es in den Griff zu bekommen. Das Wort "begreifen" offenbart seinen doppelten Sinn: Es umschließt unmittelbares reales Wahrnehmen und geistiges Erfassen im gleichen Augenblick. Wir erweitern unseren Tastraum fast sprunghaft. Wir betasten nicht nur soweit unsere Arme reichen, unsere Vorstellungen werden bewußt und klarer. Wir umschreiten schließlich große Gegenstände, um diese mehr und mehr als ein Ganzes erfassen zu können; und wenn wir die Ausmaße mit unseren Händen nicht mehr umspannen können oder die Höhe nicht mehr erreichbar ist, nehmen wir einen Stuhl oder etwas ähnliches zur Hilfe und endlich lassen wir uns die genauen Maße sagen, dann vermag unsere Vorstellung das Einzelne zum Ganzen zu komplettieren.
Daß Bauwerke sich niemals ertasten lassen, bedarf keiner besonderen Erörterung. Wir können nur versuchen, diese als Großraumerlebnisse durch Abschreiten und Durchwandern zu begreifen. Anhand von Modellen, die leider in den wenigsten Fällen vorhanden sind, ist ein Begreifen am besten zu vollziehen. Die Kunst, darüberhinaus ein Bauwerk vergegenwärtigend zu beschreiben, ist allerdings keineswegs jedem, der Sehbehinderte führt, gegeben, obschon zu einem Teil erlernbar. Doch zurück zum unmittelbaren Ertasten.
Das Wort "begreifen", "in den Griff nehmen" bis hin zur letzten Abstraktheit, die mit dem Wort "Begriff" gegeben ist, charakterisiert den Weg, wenn der Taktil-geistige Vollzug erreicht werden soll. Es ist problematisch hier praktische Wege aufzeigen zu wollen. Ein solcher Vollzug hängt eng mit persönlicher Erfahrung, eigener Intelligenz, bildhaftem und plastischem Vorstellungsvermögen, Ausdauer und Schulung zusammen. Hinsichtlich Erfahrung aus der Erinnerung ist der Späterblindete dem Jugendblinden gegenüber weit überlegen. Dafür steht dem Früherblindeten ein weit besser geschultes Tastvermögen zur Verfügung.
Beim Erleben unserer Umwelt durch den Tastsinn geht es nicht nur um Erkennen, um geistige Verarbeitung unserer Vorstellungen. Zugleich drängt sich die Frage auf, wie steht es beim Tastsinn um ästhetisches Erleben schlechthin. Kann der Tastsinn uns soweit führen, daß wir ästhetische Zuordnungen gewinnen und anwenden können- Es zeigt sich, daß wir beim Abtasten Dinge angenehm oder unangenehm empfinden; bereits an uns selbst sind uns Stoffe unter den Händen nach ihrer Struktur oder sonstigen Beschaffenheit sympathisch oder nicht, je nach unserer Einstellung zu mehr rauhen oder glatten Oberflächen. Mit den Zuordnungen zu angenehm oder unangenehm ist eine subjektive Empfindung und erste Wertung gegeben. Ein weiterer Schritt führt zur Form; hier treten Wertungen wie schön oder häßlich hinzu, selbst der Begriff "charakteristisch" wird mit einbezogen. Unter solchen Blickrichtungen nehmen wir entschiedenen Anteil an der Gestaltung unserer persönlichen Umgebung. Im allgemeinen ist es uns nicht gleichgültig, in welcher Weise unsere Wohnräume gestaltet sind. Wir richten uns nicht nur nach der Forderung größtmöglicher Nützlichkeit für uns, wir erwarten, wir erstreben Behaglichkeit und eine unserem Empfinden entsprechende Atmosphäre, nennen wir es kurz Ästhetik des Alltags. Doch gewährt der Tastsinn auch Kunsterlebnisse im spezifischen Sinne- Ein Nein gilt der Malerei. Man muß sich auf plastische Werke begrenzen. Hier aber dürfen auch wir zum Kunsterleben durchdringen. Selten sind solche Kunstwerke auf den ersten Griff zugänglich. Ein solches Kunsterleben auf den ersten Griff ist vielleicht möglich, wenn wir das Kunstwerk mit beiden Händen umfassen können. Werden diese Ausmaße überschritten, ist nur ein sukzessives Erkennen und Begreifen möglich. Doch wir haben Erfahrung von der Musik her; denn die Musik verlangt von vornherein ein sukzessives Aufnehmen, das zu einer Erfassung einer Ganzheit führt. Bei größeren Werken betrachten wir diese von allen Seiten; wir treten hinter die Rückseite, denn ein Kopf, ein Gesicht ist nicht nur frontal aussagekräftig, man muß auch fühlen, wie es aus dem Kopf heraustritt. Dieses Beispiel muß hier genügen. Erwähnt sei hier doch, daß erst viel Erfahrung gewonnen werden muß, in welcher Weise man seinen persönlichen Zugang zu Kunstwerken finden kann. Viel Zeit gehört dazu um abzutasten; die Aussage des Künstlers läßt sich nicht einfach nachvollziehen; Kunstwerke wollen erobert sein. Kunstgeschichtliche Kenntnisse können eine große Hilfe sein. Immerhin sollten wir nicht vergessen, daß keineswegs jeder Mensch Zugang zu plastischen Kunstwerken hat, und dieses Bild gilt auch für sehende Menschen.
Versuchen wir unsere Beobachtungen und Erfahrungen zusammenzufassen:
Unser Körper verfügt mit seinen Händen, den Füßen, mit dem Kopf, überhaupt mit der Haut und dem ganzen Körper, über weit mehr tastbare Wahrnehmungsmöglichkeiten, als wir bei flüchtigem Betrachten glauben. Dabei sind wir uns bewußt, daß wir stets auf die Objekte zugehen müssen und daß es keine vergleichbaren Hilfsmittel gibt wie für Auge und Ohr. Zur Unterstützung, Erhaltung und Stärkung der spezifischen Sinnesenergie gelten für den Tastsinn nur Pflege und Training. Der Vergrößerung und Erweiterung unseres Tastraumes scheinen zunächst relativ enge Grenzen gesetzt zu sein. Wir müssen erfinderisch werden, Gegenstände unserer unmittelbaren Umgebung uns zum Gebrauch nutzbar zu machen.
Das tastend Wahrgenommene muß gleichzeitig verarbeitet werden. Es wird körperhaften Begriffen zugeordnet und als Ganzes vergegenwärtigt. Bei diesem Prozeß erweist sich das Wort begreifen in seiner Doppeldeutigkeit als charakterisierend und ausschlaggebend.
Als Höhepunkt unseres Tastvermögens darf letztlich unser, wenn auch begrenztes Kunsterleben gelten. Bei einer Zusammenarbeit mit einem Galerieleiter in Berlin hat sich gezeigt, daß unsere Hände an Kunstwerken Wesenszüge aufzufinden vermögen, die dem Auge in dieser Weise zunächst verborgen geblieben waren; so gab es Ergänzungen in der Betrachtung wie auch in der Interpretation. Das Sehen und Fühlen in ihren Ergebnissen nicht kongruent sind, überrascht nicht. Bezüglich Sehen und Hören gibt es gleiche Beobachtungen. In der Einleitung zu seiner "Farbenlehre" betont Goethe, daß Auge und Ohr zwei Seiten einer Welt wahrnehmen, die jeweils zu einem Ganzen verschmelzen. Es überraschte mich daher nicht, wiederum bei Goethe auf ein Verschmelzen von Auge und Hand zu stoßen. Diesmal formuliert er in dichterischer Schau. In der fünften seiner Römischen Elegien prägt er ein Wort, das für uns die Vollendung von Auge und Hand darstellen könnte. Im nächtlichen Dunkel erlebt er geistige und körperliche Schönheit im gleichen Griff. Es sei mir gestattet im Hinblick auf Vollendung von Sehen und Fühlen mit seinen Worten zu schließen: "Ich sehe mit fühlendem Aug" und fühle mit sehender Hand."
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