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E. Hahn: Blindenschrift und Computertechnik Teil 1

Zusammenfassung

Angeregt durch den Aufsatz "Neue Wege mit neuen Unterrichtstechnologien" von J. Fischer (MB 2/94 S. 140 ff.), wird im ersten Teil auf die Brailleschrift und deren Varianten eingegangen und insbesondere ein Plädoyer für die Kurzschrift versucht. Im zweiten Teil werden die Probleme behandelt, die durch Graphik und Visualisierung auf blinde Computerbenutzer zukommen und die Bedeutung des "Computerbraille" als modernes Hilfsmittel relativieren.



Vorbemerkung

Wenn ich mich zum Thema "Blindenschrift und Computertechnik" äußere, so mag es wohl angebracht sein, einige Sätze über meinen persönlichen Bezug zu diesem Problemkreis vorauszuschicken.

Die Brailleschrift benutze ich seit nunmehr 45 Jahren. Schon bald nach der "Vollschrift" lernte ich auch die damals gebräuchliche, inzwischen "alte" Kurzschrift. Mein großes Interesse an Sprache und Schrift ließ mich die Neugestaltung insbesondere der Kurzschrift während der letzten Jahrzehnte aufmerksam verfolgen.

An der Entwicklung des "Computerbraille" - einer Variante der Brailleschrift, die auf die Anforderungen der Datenverarbeitung zugeschnitten ist - war ich anfangs selbst beteiligt, als nämlich das Berufsförderungswerk Heidelberg damit begann, blinde Programmierer auszubilden. Ich hatte sodann das Glück, bei der Konzeption des ersten, von Herrn Schönherr Mitte der 70er Jahre hergestellten Prototyps einer elektromagnetischen Braillezeile mitwirken zu dürfen. Dieses Gerät befand sich dann auch einige Jahre an meinem Arbeitsplatz im Einsatz (es könnte also sein, daß ich unter den Braillezeilenbenutzern den Langzeitrekord halte). Zur Zeichendarstellung benutzten wir bereits bei diesem Modell acht statt sechs Punkte, wenn sich auch der Code aus technischen Gründen etwas von dem unterschied, der dann später als Normentwurf fixiert wurde.

Mit Sprachausgabe habe ich noch wenig Erfahrung gesammelt, weshalb ich sie in meinem Beitrag nur am Rande erwähne.

Zur sinnvollen Nutzung von Großschrift schließlich reicht mein Sehrest nicht aus. Wenn ich also auf die speziellen Belange Sehbehinderter hier nicht eingehe, so steckt dahinter keine Mißachtung, sondern nur das Wissen um meine Inkompetenz in dieser Sache.



Einleitung

Soll"s ihr nun endgültig an den Kragen gehen, unserer guten, alten Kurzschrift-

In seinem Aufsatz "Neue Wege mit neuen Unterrichtstechnologien" ("Marburger Beiträge" Nr. 2/94 Seite 140 ff.) präsentiert Jürgen Fischer eine geradezu herzerfrischende Zukunftsvision: Unbelastet von Spezialwissen über Schriftsysteme, setzen sich blinde ABC-Schützen an den Computer, lernen rasch ein paar Punktkombinationen auswendig und stürzen sich sodann hinein in die unbekannte Welt der Sehenden mit all ihrer faszinierenden Vielfalt. Und diese Sehenden merken schon gar nicht mehr, daß sie es mit Blinden zu tun haben, denn auch sie sitzen ja am Computer und ...

So einfach also könnten wir"s haben, wenn wir nur endlich den Mut aufbrächten, uns von einem ebenso altertümlichen wie exotischen Vehikel zu trennen: "Blindenkurzschrift" heißt das Teufelszeug! Mag früher eine solche Extrawurst vielleicht sogar geschmeckt haben; inzwischen ist sie hoffnungslos vergammelt und dient allenfalls noch dazu, kommenden Schülergenerationen von vornherein die Lust am Lernen zu nehmen, sie zu kommunikationsunfähigen Sonderlingen zu erziehen und ihnen wertvolles Gegenwartswissen vorzuenthalten. - Einmal ehrlich: Hätten Sie gedacht, daß wir so verantwortungslos sind, wir von der älteren Blindengeneration-

Dabei haben wir doch längst das Wundermittel in der Hand: "Computerbraille"! Noch ein PC mit Scanner und Braillezeile, und der Blinde steht mitten drin im realen Leben, hat freien Zugang zu allen Informationsquellen der Sehenden und kann nun endlich auch von diesen als vollwertiges Mitglied ihrer Gesellschaft anerkannt werden.

Prima! Aber wenn"s denn wirklich so ist, warum dann eigentlich noch normales "Vollbraille" und hinterher doch wieder etwas anderes, nämlich "Computerbraille"- Fangen wir doch gleich mit acht Punkten an, dann lernen die lieben Kleinen ohne Umschweife, die Großschreibung richtig anzuwenden. Und den Schwachsinn mit dem Zahlenzeichen brauchen wir ihnen erst gar nicht zu erzählen. - Oder noch besser: Der Computer kann ja auch sprechen; wozu also überhaupt noch eine Blindenschrift- Bald wird er außerdem gesprochene Sprache verstehen (die Forschung auf diesem Gebiet kann bereits erstaunliche Resultate vorzeigen); dann können Blinde sogar darauf verzichten, das Eintippen auf der Schwarzschrifttastatur zu erlernen, denn die Umsetzung von Sprache in Schrift kann ja im Bedarfsfall die Elektronik besorgen. - Auch die große Bücherverbrennung kann bis dahin längst über die Bühne sein, so daß sich die frei gewordenen Bibliotheksräume zu Mietwohnungen umfunktionieren lassen, über die die Reproduktion der Blindenliteratur auf CD-ROM finanziert werden kann. - Man sieht"s, da gibt es noch manches Ei des Kolumbus zu finden. Der alte Herr hätte eben doch lieber Osterhase werden sollen, als über den großen Teich zu segeln.

Aber sagen Sie: Hatten wir derlei nicht schon öfter- Etwa zu Louis Brailles Zeiten, wo umsichtige Zeitgenossen warnten: "Um Himmels Willen, bloß keine extra Blindenschrift! Dann ist ja die letzte Lücke in der Mauer ums Blindenghetto vollends geschlossen. Zwar mag die aus normalen Druckbuchstaben bestehende Reliefschrift etwas langsamer zu lesen sein, aber dafür kann sie auch von Sehenden entziffert werden. Und geeignete Schreibgeräte werden wir schon noch erfinden." - Gut argumentiert, nicht wahr- Nur: Was ist aus dem Ghetto einerseits und der Ghettoschrift andererseits geworden-

Wissen Sie, ich habe einfach meine Probleme mit Leuten, die es doch so gut mit uns meinen. Können wir denn nicht selber beurteilen, was Kurzschrift und Computerbraille für uns bedeuten- Herr Fischer mag ja durchaus Recht haben, wenn er gewisse Mängel im Lehrplan der Blindenschulen anprangert; ein Urteil hierüber steht mir nicht zu, weil ich mich im Schulbetrieb viel zu wenig auskenne. Wenn es aber stimmt, daß wir fürs Leben und nicht für die Schule lernen, dann sollten die Lerninhalte wohl doch besser von denen beurteilt werden, die schon während vieler Jahre das Vergnügen hatten, auf sie angewiesen zu sein.

Um es einmal überspitzt zu sagen: Herr Fischer scheint mir mit seiner Empfehlung, die Kurzschrift fallen zu lassen und dafür das Computerbraille entsprechend aufzuwerten, nicht etwa "neue Wege" mit "neuen (Unterrichts)Technologien", sondern alte Irrwege mit (leider!) bereits altersschwachen Techniken zu propagieren. Das wäre ja nicht weiter aufregend, wenn er uns damit nur seine persönliche Meinung vortragen wollte. Seine programmatische Forderung jedoch läßt aufhorchen, weil sie, sollte sie denn umgesetzt werden, das Leben blinder Menschen künftig wesentlich mitprägen würde. Herr Fischer ist auch keineswegs der Erste, der sich in dieser Richtung äußert. Es scheint mir daher an der Zeit zu sein, einige Aspekte der Brailleschrift und ihrer Varianten hervorzukehren, die anscheinend Gefahr laufen, unter die Räder einer reichlich unkritischen Technikeuphorie zu geraten.

Mein Beitrag zu diesem Themenkomplex soll sich im ersten Teil mit der Punktschrift und ihren verschiedenen Spielarten beschäftigen, wobei es mir insbesondere auf eine Bewertung von Kurzschrift und Computerbraille aus Benutzersicht ankommt. Im zweiten Teil möchte ich auf die Problematik eingehen, die mit den nun wirklich "neuen Technologien" auf uns zukommt, nämlich dem Siegeszug der Graphik, die uns in der Tat zwingen wird, nach "neuen Wegen" zu suchen.

I. Blindenschrift oder Blindenschriften- 1. Die Brailleschrift und ihre Varianten Schon bald, nachdem die Brailleschrift als offizielle Blindenschrift anerkannt worden war, begann sich diese neue "exotische Spielerei unter Behinderten" mit ihren lumpigen 64 Zeichen zu beachtlicher Vielfalt aufzufächern: Da entstanden Alphabete und Kurzschriften für unterschiedliche Sprachen, Steno, Notenschrift, Mathematikschrift, Schaltungsschrift, Strickmustercodes und weiß der Himmel was noch alles. Selbst Internatsschüler ließen sich nicht lumpen, indem sie immer neue Geheimschriften ersannen. Bekannt ist auch die Neigung blinder "Geistesarbeiter", sich ihre eigene Sammlung von Fachwortkürzungen anzulegen (wenn ich heute in den Exzerpten aus meiner Studienzeit blättere, die mittlerweile etwa 30 Jahre alt sind, muß ich manchmal schon angestrengt nachdenken, was diese oder jene Kürzung seinerzeit hatte bedeuten sollen). Nicht einmal die Tatsache, daß die Blinden jahrzehntelang ihre Ergüsse spiegelverkehrt ins Papier sticheln mußten, ohne gleichzeitig mitlesen zu können, hat sie davon abgehalten, sich neue Varianten ihrer Punktschrift auszudenken. Und man mag"s glauben oder nicht: Vieles von dem, was auf diese Weise hinzuerfunden wurde, hat sich in der Praxis sogar bewährt.

Was den Blinden beim Ausbau ihrer Schrift zustatten kam, war die Tatsache, daß sie dabei auf keinerlei technische Weiterentwicklung ihrer Schreibgeräte angewiesen waren. Was immer sie sich einfallen ließen, sie konnten es mit den bereits vorhandenen Hilfsmitteln realisieren, solange sie nur den eng gesteckten Rahmen der sechs Punkte nicht verließen.

Daß dieser enge Rahmen eine Reihe von Problemen aufwerfen würde, hat offenbar Braille selbst bereits erkannt, und er hat auch gezeigt, wie man damit umzugehen hat: Nicht etwa das ängstliche Vermeiden von Schwierigkeiten, sondern geeignete Ideen zu ihrer Bewältigung sind der geistige Hintergrund seines Schriftsystems. Wer die Brailleschrift demnach richtig verstehen will, darf nicht nur die 64 oder - bei acht Punkten - 256 Punktkombinationen und deren starre Zuordnung zu einigen Schwarzschriftzeichen betrachten. Zu dieser Schrift gehören ebenso die Techniken, die es ermöglicht haben, ihren Zeichenvorrat logisch auf ein Vielfaches auszudehnen und sie zugleich durch Informationsverdichtung den Bedürfnissen des Tastsinns anzupassen. Erst wenn wir bereit sind, die Symbole der Brailleschrift ggf. kontextabhängig zu deuten, kann dieses Hilfsmittel auch höheren geistigen Ansprüchen gerecht werden. Die bewußte Abkehr von der Schrift der Sehenden war der entscheidende Schritt, mit dem es Louis Braille gelang, eine praktisch verwertbare Blindenschrift zu schaffen. Warum sollten denn nicht mehrere solcher Schritte erlaubt sein-

Es ist äußerst reizvoll, sich einmal die Verfahren näher anzusehen, die bei der logischen Aufstockung der Brailleschrift zum Einsatz gekommen sind. Dabei kann man nämlich mit Erstaunen feststellen, daß sich ganz ähnliche Vorgehensweisen in recht modernen Bereichen wiederfinden. Wer also die Blinden ob ihrer "exotischen" Einfälle belächeln zu müssen glaubt, möge doch z.B. auch die Informatiker nicht vergessen, die zwar erst nach uns mit solchem Unfug angefangen, uns aber darin längst den Rang abgelaufen haben.

Eine Methode zur Codeerweiterung ist die Verwendung von "Schlüsselzeichen". Das Braillesche System verfügt z.B. nur über eine einzige Art von Buchstaben, die man i.a. den Kleinbuchstaben der Schwarzschrift zuordnet. Durch Hinzunahme eines einzigen Zeichens, nämlich des "Großschreibzeichens", kann man aber sämtliche Buchstabensymbole mit einer weiteren Bedeutung belegen, eben den entsprechenden Großbuchstaben (im Deutschen hat es sich eingebürgert, auf das Großschreibzeichen in der Regel zu verzichten). Ein weiteres Beispiel ist die Zahlendarstellung der Brailleschrift, bei der aus den ersten zehn Buchstaben des Alphabets mit Hilfe des "Zahlenzeichens" die zehn Ziffern gemacht werden. Der "Aufhebungspunkt" in der Kurzschrift gehört ebenfalls hierher. Weitere Beispiele aus anderen Schriftvarianten ließen sich anfügen.

Aber war Ihnen bekannt, daß die Verwendung von Schlüsselzeichen auch in ganz anderen Codes üblich geworden ist- Bei den Fernschreibern z.B., die seinerzeit den Fünf-Kanal-Lochstreifen (d.h. nur 32 verschiedene Muster) benutzten, waren die meisten Kombinationen doppelt belegt. Mit zwei speziellen "Zeichen", für die auch die zugehörigen Eingabetasten vorhanden waren, schaltete man dann auf "Buchstaben" bzw. "Ziffern" um. - Ein Beispiel aus der heutigen Computertechnik sind die "Escape-Sequenzen", die zur Steuerung von Druckern und anderen Peripheriegeräten benutzt werden. "Escape" (zu deutsch: "Fluchtsymbol") ist ein spezielles "Zeichen" (Nr. 27 im ASCII-Code), das etwa dem Drucker ankündigt, daß jetzt einige Zeichen folgen, die er nicht drucken, sondern als Steuerbefehl interpretieren soll. Ähnliche Fluchtsymboltechniken sind in modernen Programmier- und anderen formalen Sprachen sogar fast schon zur Manie geworden.

Eine weitere Methode, der man in der Punktschrift häufig begegnet, ist die Buchstabenkontraktion. Es ist doch eine recht vernünftige Idee, Buchstabengruppen wie "SCH" oder "IE", die ja eigentlich selbständige Laute repräsentieren, auf einzelne Zeichen abzubilden und somit in der deutschen Blindenschrift neue Sonderbuchstaben einzuführen, die in der Schrift der Sehenden "fehlen". So ist man zu den "Basiskürzungen" gekommen, die auch in der "Vollschrift" verwendet werden.

Die Möglichkeit der kontextabhängigen Interpretation von Schriftzeichen führte schließlich zur Entwicklung einer Kurzschrift. Bei ihren ein- und zweiformigen Kürzungen nutzt man u.a. die Tatsache, daß im Deutschen einzelne Buchstaben so gut wie nie als vollständige Wörter auftreten und auch gewisse Buchstabenkombinationen üblicherweise nicht zu erwarten sind. Man kann es also riskieren, einzelne Zeichen bzw. Zeichenpaare als Abkürzungen von Wörtern oder Silben zu verwenden. Freilich entsteht dadurch eine gewisse Mehrdeutigkeit der Schrift, die etwa eine rein mechanische Rückübersetzung in die ungekürzte Form nicht zuläßt. Aber wir gehen ja davon aus, daß wir es mit "intelligenten" Lesern zu tun haben, die nicht Zeichenfolgen, sondern Sinnzusammenhänge erfassen wollen, und sie verkraften schon einiges an Mehrdeutigkeit (kaum je wird die Frage aufkommen, ob "Sprach-Rudel" oder "Sprudel" gelesen werden muß). - Übrigens nutzt man auch in anderen Punktschriftsystemen, etwa der Notenschrift, die Tatsache aus, daß gewisse Symbole, für sich betrachtet, nicht aufeinanderfolgen können, man also ihre Kombination mit einer eigenen Bedeutung belegen kann.

Und hier ist die Parallele in der Informatik: In den letzten Jahren hat man viel Mühe darauf verwandt, effiziente Algorithmen zur Datenkompression zu entwickeln, die inzwischen längst zum alltäglichen Handwerkszeug in der Computerei gehören. Einerseits ist man bei der Datenfernübertragung an möglichst kleinen Datenmengen interessiert, denn die Übermittlung kostet Zeit und Geld. Andererseits ist - ganz im Gegensatz zu der Vorstellung, die so im Umlauf zu sein scheint - auch bei den modernen Speichermedien der Platz nicht unbedingt im Überfluß vorhanden. - Im Unterschied zur Punktschrift braucht allerdings der Datenverarbeiter die "Kurzschrift" des Computers nicht zu verstehen, weil hier die Kompressionsverfahren umkehrbar sein müssen, das Expandieren also ebenfalls per Programm geschehen kann.

2. Blindenkurzschrift - Versuch einer Bewertung

Wenn wir nun dargelegt haben, daß vielleicht doch ein bißchen Intelligenz in die "Spielerei" eingeflossen ist, die Blinde mit ihrer Schrift angestellt haben, so sollten wir nun nach deren praktischem Nutzen fragen. Was etwa soll uns eine Kurzschrift bringen, wo sie doch anscheinend so schwer zu erlernen ist, daß die Blindenschulen ihretwegen ihren eigentlichen Aufgaben schon gar nicht mehr gerecht werden können-

Da scheint mir vor allem die erhöhte Lesegeschwindigkeit von Bedeutung zu sein. Gerade Menschen, die viel lesen (etwa Zeitschriften oder ganze Bücher), werden diesen Vorteil kaum missen wollen. Sehende lesen bekanntlich völlig anders als Blinde: Sie erkennen das Geschriebene nicht buchstabenweise, sondern erfassen ganze Worte oder Wortteile "mit einem Blick". Diese Art zu lesen ist dem tastenden Finger nicht möglich, es sei denn, man kommt ihm vonseiten der Schrift ein Stückchen entgegen, indem man es ihm erspart, redundante Information erfassen zu müssen. Dennoch bleiben die allermeisten Blinden merklich hinter der Lesegeschwindigkeit der Sehenden zurück, können ihr Defizit also auch durch Verwendung einer Kurzschrift nur abschwächen, aber bei weitem nicht beseitigen. Hinzu kommt die mechanische Arbeit, die beim Lesen mit den Händen geleistet werden muß und natürlich ermüdet. Welchen Bärendienst man uns folglich erweisen würde, wenn man uns das Wenige, was sich hier an Verbesserung erreichen ließ, wieder wegnehmen wollte, ist doch wohl evident.

Daß sich Kurzschrift auch schneller schreiben läßt, ist zumindest für diejenigen interessant, die nach wie vor mit der Punktschriftmaschine arbeiten - womöglich mit einer mechanischen. Das "Hacken" mit sechs Fingern geht nämlich ganz schön in die Gelenke. Und bis sich jeder Blinde einen Computer mit Braillezeile und Punktschriftdrucker leisten kann, dürften schon noch einige Jährchen ins Land gehen.

Apropos Drucker: Natürlich ist das Argument der Platzersparnis hauptsächlich dann von Bedeutung, wenn das gute, alte Papier als Informationsträger verwendet wird. Die Vorstellung allerdings, daß dieses Medium samt seiner sprichwörtlichen Geduld demnächst von Schreibtischen und aus Regalen verschwunden sein könnte, hat für mein Gefühl etwas arg Kindliches an sich. Dann wird also nächstens ein Schüler seiner Klassenkameradin heimlich eine Diskette zustecken, diese schiebt den Datenträger neugierig in den Schulcomputer, vergißt in der Eile, die Sprachausgabe abzuschalten, und schon quakt"s verräterisch durch den Saal: "Ich liebe Dich, Du mich auch-" Oder ich stelle mir den blinden Kirchgänger vor, der während der Orgelintonation rasch sein Notebook startklar macht, um den Text des angesagten Chorals auf seiner Braillezeile mitlesen zu können. - Nein, nein, Herrschaften, ganz so mühelos werden wir das Punktschriftpapier nicht in Pension schicken können.

Im übrigen hat das Papier gegenüber der Braillezeile einige ganz entscheidende Vorteile: Man kann sich wesentlich schneller in einem Text orientieren, zeitsparend über Zeilenwechsel hinweglesen, ein Buch oder Heft auch dorthin mitnehmen, wo ein Computer lästig oder gefährdet wäre usw. Wer davon ausgeht, daß wir mit der Braillezeile doch nun alles hätten, was das Herz begehrt, der stricke sich doch einmal ein Progrämmchen, das einen Text in Portionen von einzelnen Zeilen oder gar Halbzeilen auf dem Bildschirm anzeigt, und mit diesem "Hilfsmittel" lese er dann während eines geruhsamen Strandurlaubs Goethes "Faust". Wenn er hinterher schwört, so einen Blödsinn nie wieder zu machen, möge er dennoch beachten, daß er dem Blinden gegenüber zwei entscheidende Vorteile hatte: Erstens war ihm immer noch das ganzheitliche Lesen möglich, und zweitens brauchte er die Hände nur zum Weiterschalten und nicht auch noch zum Lesen. Diese Dinge muß man schon mitbedenken, wenn man die Punktschriftbücher am liebsten einstampfen würde. Und solange sie uns erhalten bleiben, kann auch die Platzersparnis nicht vernachlässigt werden, die die Kurzschrift mit sich bringt.

Vorteile hat sie also schon, diese Kurzschrift, so daß es sich auch in Zukunft lohnen könnte, sie zu lernen. Und wie steht"s denn nun eigentlich mit ihrem Schwierigkeitsgrad- Ich kann da nur erzählen, wie es mir auf meinem Leidensweg mit ihr erging: Es war wohl während der vierten oder fünften Klasse, da gab es einige recht spannende Wochen, denn alle paar Tage verriet uns unser Lehrer ein neues "Geheimnis", eine weitere Kürzung nämlich, die wir fortan in unseren schriftlichen Arbeiten benutzen durften. Richtig stolz waren wir, weil wir doch immer mehr so schreiben konnten wie die "Großen". Bald nahmen wir uns in Kurzschrift gedruckte Bücher vor und fanden aus dem Zusammenhang weitere Kürzungen heraus, die wir dann unsererseits dem Lehrer "verrieten". Ja, wir sollten nur eifrig lesen, sagte er, und so lernten wir ganz nebenbei die wichtigsten Kurzschriftregeln, die wir vielleicht nicht formulieren, aber bald gefühlsmäßig richtig anwenden konnten. Mit der Zeit entdeckten wir sogar, daß es noch eine "uralte" Kurzschrift gab, in der beispielsweise die Symbole für "EM" und "EN" noch vertauscht waren. Auch solche Entdeckungen durften wir dem Lehrer vortragen, ohne daß er uns ermahnt hätte, unsere geistigen Kräfte zu schonen und auf das Wesentliche zu konzentrieren. - Sie mögen ja gewesen sein, wie sie wollen, die Schulmeister alten Schlages; so manches haben sie halt doch intuitiv richtig gemacht, das muß man ihnen lassen! Der zeitliche und kräftemäßige Mehraufwand, den für mich das Erlernen der Kurzschrift bedeutete, hat sich jedenfalls in bescheidensten Grenzen gehalten.

Nun will ich freilich nicht verkennen, daß nicht jeder Blinde die Kurzschrift mühelos erlernen und anwenden kann. Tatsächlich scheint das fehlerlose Schreiben von Kurzschrift sogar vielen geübten Brailleschriftbenutzern schwer zu fallen, während sie beim Lesen weit weniger Probleme haben. Soweit diese Personen über einen Computer verfügen, brauchen sie sich mit dem Schreiben von Kurzschrift jedoch nicht mehr abzumühen. Sie können ihre Texte nach Schwarzschriftmanier auf der Computertastatur eintippen und sie hinterher per Programm in Kurzschrift übersetzen lassen. Das hat den weiteren Vorteil, daß sie zugleich über eine Textversion verfügen, die auch von Sehenden gelesen werden kann. Der Computer hindert uns also nicht etwa daran, Kurzschrift zu benutzen, sondern er kann uns sogar dabei helfen. - "Und die weniger Glücklichen, die keinen Computer haben-", werden Sie fragen. Gegenfrage: Sollen die mit ihrer Punktschriftmaschine vielleicht lieber Computerbraille als fehlerhafte Kurzschrift schreiben-

Schließlich möchte ich auch dieses noch sagen dürfen: Es mag für die Mitglieder der Kommission, die während der 60er Jahre die Kurzschrift zu reformieren hatte, nicht einfach gewesen sein, allen Vorstellungen gerecht zu werden, die da aufeinandertrafen. Einmal hatte man es ja mit einer bereits bestehenden Kurzschrift zu tun, die möglichst wenig modifiziert werden sollte. Dann kamen die Rufe aus der Computerecke, wo die ersten Versuche zur maschinellen Kurzschriftübersetzung gestartet worden waren: "Dieses und jenes kann der Computer einfach nicht, das müßt ihr ändern!" Endlich darf nicht vergessen werden, daß es sich um eine länderübergreifende Kooperation handelte, was mit Sicherheit zu manch harter Diskussion Anlaß gab.

Trotz allem konnte das Werk glücklich vollendet werden, und die Entwicklungsarbeit von Prof. Werner und seinen Mitarbeitern an der vollautomatischen Kurzschriftübersetzung konnte in vollem Umfang anlaufen. Während dreier Jahrzehnte wurden daraus hervorragende Programme, die die in sie gesetzten Erwartungen zu allgemeiner Zufriedenheit erfüllen und außerdem auf jedem bescheidenen PC ablaufen können.

Es ist schwer zu sagen, wieviele Blinde in welchem Ausmaß von diesen Entwicklungen profitiert haben und noch profitieren; aber allein schon die "Stern/Zeit-Blindenzeitschrift", die sich inzwischen im 27. Jahrgang befindet und bis vor Kurzem Dank der großzügigen Förderung durch den Verlag Gruner & Jahr kostenlos erscheinen konnte, dokumentiert auf eindrucksvolle Weise, daß ein großer Kreis von blinden Lesern durch die reformierte Kurzschrift und deren automatische Erzeugung erreicht worden ist.

Die Ergebnisse derart vorbildlicher und hochqualifizierter Arbeit nun kurzerhand als "Ballast" zu titulieren, den es jetzt mutig abzuwerfen gelte, halte ich persönlich für eine Respektlosigkeit. Wer sich zu so vollmundiger Rede berufen fühlt, möge doch erst einmal mit vergleichbaren Leistungen aufwarten. Anderen zu erzählen, daß sie nur Mist machen, ist kein Kunststück.

Ist es denn eigentlich purer Zufall, daß so massive Kritik an der Kurzschrift ausgerechnet aus dem Lager der Blindenpädagogen zu vernehmen ist- Zugegeben: Es geht hier schon um zusätzlichen Lernstoff, dessen Vermittlung natürlich mit Arbeit verbunden ist. Insbesondere sehende Blindenlehrer, die die Vorzüge einer Kurzschrift nicht am eigenen Leibe erleben, tun sich möglicherweise schwer mit der Einsicht, daß sie so etwas ihren Zöglingen beibringen sollen. Könnte nicht bei der Findung gewichtiger - und selbstverständlich völlig objektiver - Argumente wider unsere Kurzschrift mitunter auch ein Quentchen "Null Bock" mit im Spiel sein-

3. Computerbraille

Nun noch ein paar Worte zum "Computerbraille", das möglicherweise nicht allen Lesern dieser Zeitschrift so recht geläufig ist, und für das ich mich persönlich ein bißchen mitverantwortlich fühle: Als der Computer für blinde Programmierer zugänglich gemacht werden konnte, ergaben sich hinsichtlich der Textdarstellung einige Schwierigkeiten, die wir mit den herkömmlichen Punktschrifttechniken nicht mehr bewältigen zu können glaubten. Zum einen arbeitet der Computer mit einem Achtbitcode, also gewissermaßen einer "Acht-Punkte-Schrift", zum andern waren formatgebundene Anwendungen (Programmiersprachen wie FORTRAN oder COBOL) zu berücksichtigen, was eine Eins-zu-Eins-Darstellung der Zeichen erforderte. Sie erwies sich erst recht als notwendig, als die interaktive Textbearbeitung am Bildschirm bzw. mit der Braillezeile möglich wurde, denn nun galt es auch noch, die Cursorposition zu kontrollieren.

So erzwang denn die Computertechnik die Konstruktion einer weiteren Brailleschriftvariante, die jedoch zu den bisher gebräuchlichen Formen nicht mehr ganz kompatibel gehalten werden konnte. Einerseits mußten zwei weitere Punkte hinzugenommen werden, um den gesamten Zeichenvorrat des Computers umkehrbar eindeutig abbilden zu können, andererseits waren blindenschriftspezifische Schreibweisen wie Buchstabenkontraktionen oder die Benutzung des Zahlenzeichens nicht verwendbar. Einige Teilprobleme ließen sich verhältnismäßig einfach lösen, etwa die Einführung von Großbuchstaben durch Hinzunahme des Punktes 7 (links unten). Größere Schwierigkeiten machten jedoch die Ziffern, für die nun wirklich eigenständige Symbole zu wählen waren. Da die Basiskürzungen ja ohnehin entfielen, die vierte Dekade im Braillesystem ("A" bis "J", jeweils um Punkt 6 erweitert) also fast frei wurde, bot es sich an, diese Zeichen als Ziffern zu verwenden. Die Umlaute "Ö" und "Ü", die noch im Wege standen, wurden willkürlich umdefiniert (wir gingen davon aus, daß Umlaute in der Datenverarbeitung kaum vorkommen würden; eine irrige Auffassung, wie sich mit der Einführung der Textverarbeitung herausstellen sollte). Auch noch den Buchstaben "W" umzubilden, der eigentlich zur Ziffer "0" hätte werden müssen, davor scheuten wir aber doch zurück und begnügten uns stattdessen mit einer aus dem System fallenden Null (IE-Zeichen = Punkte 3,4,6).

Daß wir mit unserer neuen Punktschriftversion genau das Gegenteil von dem praktizierten, was für andere Brailleschriftvarianten ausschlaggebend gewesen war, wurde von einigen Beteiligten als Gewaltakt empfunden, den sie kaum mittragen konnten. Während man bislang stets auf Informationsverdichtung bedacht war, mußten wir mit dem Computerbraille wieder zu völliger Kürzungsfreiheit zurückkehren und überdies weitere, anerkanntermaßen schwer lesbare Zeichen hinzufügen - wahrlich ein Frevel wider alles "Fingerspitzengefühl".

Der Deutlichkeit halber sei jedoch nochmals hervorgehoben, daß es bei dieser Schriftvariante zunächst darum ging, ein fachspezifisches Werkzeug herzustellen, das blinden Datenverarbeitern den Umgang mit dem Computer ermöglichen sollte. Eine neue Schrift für "jedermann" zu schaffen, hatte keiner von uns im Sinn, die wir damals mit diesem Problem befaßt waren. Es war zu jener Zeit auch noch nicht vorauszusehen, daß zwei Jahrzehnte später der PC bereits zur Standardausstattung eines Blindenarbeitsplatzes gehören und sogar in viele Privathaushalte eingezogen sein würde.

In dem Maße, in dem der Computer zum Allgemeingut avancierte, änderten sich auch seine Aufgaben. Wurde er früher hauptsächlich als Hochleistungsrechenmaschine gesehen, so hat er inzwischen vielfach die Bedeutung einer komfortablen Schreibmaschine erhalten. Entsprechend beschränkte sich seinerzeit die Ein- und Ausgabe von Text auf formale Sprachen mit standardisiertem und eng begrenztem Wortschatz, während neuerdings die Verarbeitung von "Klartext" weit in den Vordergrund gerückt ist.

Diese Entwicklung hat sich natürlich auch unter den blinden Computerbenutzern vollzogen. Ihr Instrumentarium allerdings - Braillezeile und Computerbraille - hat den Bedeutungswandel nicht mitgemacht (die Sprachausgabe mag hier als adäquateres Hilfsmittel gesehen werden). Es darf uns daher nicht verwundern, wenn nun bezüglich des Computerbraille einige Diskrepanzen auftreten, an die man bei seiner Festlegung noch nicht zu denken brauchte. Sein eigentlicher Wert ist wohl nach wie vor in der universellen Verwendbarkeit im Zusammenhang mit dem Computer zu sehen, wenigstens solange im "Textmodus" gearbeitet wird (näheres hierzu im zweiten Teil meines Beitrags). Dieser unschätzbare Vorteil darf aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, daß es sich hierbei um alles andere als eine "optimale" Blindenschrift handelt, die es ja auch nie hat sein sollen.

Die einzig vernünftige Konsequenz hieraus kann meines Erachtens nur lauten: Computerbraille dort, aber auch wirklich nur dort, wo es erforderlich ist. Lassen Sie uns ruhig den Pfennig ehren, aber manchmal sind Geldscheine halt doch das bequemere Zahlungsmittel. Eben gerade weil Schrift dazu bestimmt ist, Kommunikation zwischen intelligenzbegabten Wesen zu ermöglichen, sollten wir sie nicht zum reinen Sechs- oder Achtbitcode degradieren, wie ihn unsere Maschinen zur Verständigung gebrauchen.

Fortsetzung im nächsten Heft

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