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Einleitung

Mit dem folgenden Artikel beginnt eine Reihe, in der Persönlichkeiten vorgestellt werden, die sich um die Deutsche Blindenstudienanstalt verdient gemacht haben. Damit soll die Erinnerung wachgehalten werden an Zeiten, in denen die Arbeitsbedingungen ganz anders waren als heute. Geschichtliches Bewußtsein dient oft dem Verständnis der Gegenwart.

M. Rauch

Portrait von Frau Toni Dern

Welcher Passant auf der Wettergasse in der Marburger Oberstadt hat nicht schon einmal versonnen vor dem Haus Nr. 18 gestanden oder eine Ansichtskarte mit diesem wohl meist photographierten Haus als Marburger Motiv verschickt- (Vgl. auch das Titelbild von Horus 2/94) Doch manche Fassade trügt, wie mag es also drinnen aussehen, wird der eine oder andere wissen wollen-

Frau Toni Dern, der das Schmuckstück gehört, ist eine freundliche alte Dame von 88 Jahren, die in diesem Haus seit ihrer Geburt wohnt und dafür Sorge trägt, daß es seinen Glanz behält. Mit 36 Jahren trat sie in die Dienste der Deutschen Blindenstudienanstalt ein, wo sie 38 Jahre lang als zuverlässige Kraft im Verlag schier unersetzlich war. Zunächst war sie ab 1942 (sie begann somit im selben Jahr wie der junge Studienassessor Hans Heinrich Schenk) tagtäglich mit Korrekturlesen beschäftigt. Nach ca. 15 Jahren erlernte sie dann die Brailleschrift und übertrug fortan bis zu ihrem Ausscheiden 1980 (weit jenseits der üblichen Altersgrenze) Schwarzdruck in Punktschrift. Mithin hat Frau Dern alle Direktoren der Blista kennengelernt: ihren Gründer, Herrn Prof. Strehl, seinen Nachfolger, Herrn Dr. Geissler, Herrn Schenk und Herrn Hertlein. An alle hat sie nur gute Erinnerungen, kein Wunder, denn mit einer so freundlichen und umsichtigen Dame muß man einfach gut auskommen. Aber auch andere Namen sind ihrem guten Gedächtnis zu entlocken: Die Damen Strehl, Süße, Constantin, Reinhardt und Runkel prägten neben anderen ihre Eindrücke; auch an die Zusammenarbeit mit Herrn Katz denkt sie gerne zurück.

Was macht eine ältere Dame nach einem so ausgefüllten Arbeitsleben- Von Langeweile kann jedenfalls keine Rede sein, auch ohne Fernsehapparat, den man in ihrer Wohnung vergebens sucht. Stattdessen vom Lehnstuhl aus durch das schmucke Erkerfenster das bunte Treiben in der Fußgängerpassage beobachten- Keineswegs! So ist sie inzwischen auf Lebenszeit eine der Kirchenältesten der Lutherischen Pfarrkirche, die im Kirchenvorstand auf ihren allmonatlichen Sitzungen so allerlei zu bedenken und zu beschließen haben.

Ebenso verweist sie gerne auf ihre über 40jährige Mitgliedschaft im Oberhessischen Gebirgsverein, auch wenn sie an den weiten Wanderungen natürlich nicht mehr teilnehmen kann; da ist der Gang in den eigenen Garten weniger beschwerlich, zumal ihr hier und bei anderen Besorgungen ihre Nichte zur Hand geht. Schon 1937 hat sie die Führerscheinprüfung bestanden, was für Frauen in Marburg vor fast 60 Jahren noch nicht so selbstverständlich war. Doch die bald danach einsetzenden Kriegswirren haben ihr eine langjährige Fahrpraxis verwehrt.

In dieser Zeit wurde auch hin und wieder ein geheimer Tunnel genutzt, der die meisten Häuser der Wettergasse unterirdisch miteinander verbindet - wer weiß das schon-

Den größten Zeitraum aber nehmen ihre täglichen Reisen in die Vergangenheit in Anspruch: "Ich krame halt gern...", sagt sie verschmitzt, und Hobbyarchivarin wäre vielleicht die richtige Berufsbezeichnung für sie; es ist schon erstaunlich, was sie da an einem Nachmittag alles zutage fördert. Bei einem kleinen "Museumsbesuch" unter kundiger Führung wähnt man sich als Gast von Frau Dern. Aber auch einige strenge Prüfungsfragen gilt es für die Besucher zu beantworten, und wer weiß, ob ich mich für den amüsanten und lehrreichen Nachmittag qualifiziert hätte, wenn ich nicht die drei Stufen auf einem älteren Bild als Eingang zur Aula der Alten Universität hätte identifizieren können - wenigstens im zweiten Anlauf...

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