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Eine lächerliche Orientierungshilfe- Antwort auf einen Leserbrief
Lieber Herr Schmohl!
Wir, die Leser unserer Zeitschriften, kennen Sie als einen Zeitgenossen, der den Mut hat, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten. So ist Ihre Kritik am Fehlen einer ordentlichen Braille-Biographie, die Sie in Ihrem Leserbrief in "Marburger Beiträge" Nr. 4/1994 äußern, fraglos berechtigt und vielleicht ein Anstoß, daß dieser Zustand sich ändert.
Mit Ihrer Meinung zum "Schrittezählen" befinden Sie sich zwar in renommierter Gesellschaft. Sehende Mobilitätslehrer (blinde gibt es ja nicht) haben für diese Idee zwar kein homerisches Gelächter, wohl aber ein müdes Lächeln. Doch beides ist abwegig.
Wenn es tatsächlich zutrifft, daß Louis Braille als sechsjähriger Knirps das "Schrittezählen" erfunden hat, so ist dies eine geistige Leistung, die mit der Erfindung der Sechspunkteschrift durch den Sechzehnjährigen vergleichbar ist. Handelt es sich dabei doch um eine unserer nützlichsten Orientierungshilfen, die obendrein nicht einmal etwas kostet.
Ich mochte wohl 12 Jahre alt gewesen sein (genau datieren kann ich es nicht mehr), als mein Vater (normalsehend) mich bei einem Spaziergang zum "Schrittezählen" animierte. Ich vermute, daß er es selbst nicht erdacht, sondern es beim Militär, wohl bei Nachtübungen, kennengelernt hat.
Wie bald ich es mir zu eigen gemacht habe, weiß ich auch nicht mehr. Ich darf aber heute feststellen, daß es seit Jahrzehnten ein wesentlicher Bestandteil meiner "Mobilität" ist.
Da unter den Lesern dieser Zeilen gewiß noch mehrere sind, die, wie Sie, an der Vernunft dieser Behauptung zweifeln, nachstehend einige Beispiele.
1. Da ist irgendwo zwischen zwei Straßenecken, die vielleicht 150 m voneinander entfernt sind, ein Geschäft, in dem ich etwas kaufen möchte. Beim erstenmal muß ich mir den Eingang zeigen lassen - vielleicht von einem Passanten, den ich danach frage. Da ich meine Erwerbung vielleicht umtauschen muß, liegt mir daran, den Eingang wiederzufinden, auch wenn die Straße menschenleer ist. Beim Verlassen des Geschäfts beginne ich also, meine Schritte zu zählen. Bis zur nächsten Ecke sind es 45. Wenn ich wieder dorthin gehen muß, beginne ich bei der Ecke zu zählen und bin sicher, daß ich nach 45 Schritten auf wenige (allenfalls zwei) Meter genau beim Eingang jenes Geschäftes bin.
2. Bei einem Weg durch den Wald, den ich des öfteren gehe, gibt es eine Abzweigung, die ich "erwischen" muß. Beim ersten Gang (mit Begleitung) zähle ich von einer markanten Stelle aus die Schritte bis zu der (im übrigen uncharakteristischen) Stelle, wo jener andere Weg abzweigt. Nach wenigen Gängen bin ich meiner Sache so sicher, daß ich an der fraglichen Stelle abbiege, ohne mein keineswegs geringes Gehtempo zu verlangsamen.
Möglich ist es, so zu verfahren, weil die Schrittlänge bei normalem Gehen eine "Individualkonstante" ist; d. h., wenn keine besonderen Umstände vorliegen (z. B. schlechte Bodensturktur oder schon etwas steiler Anstieg oder Abfall des Weges), macht man stets gleichlange Schritte. Wenn man diese Länge einmal "geeicht" hat, ist es möglich, durch Auszählen der notwendigen Schritte die Länge einer Strecke recht genau in Metern anzugeben.
Übrigens ist es zweckmäßig, nicht jeden Schritt zu zählen, sondern nur jeden zweiten, z. B. also nur das Aufsetzen des linken Fußes.
Eigentlich überflüssig zu erwähnen, daß sich das "Schrittezählen" nicht nur für Straßen und Waldwege empfiehlt, sondern auch in Gebäuden mit langen Korridoren und ggf. auch in D-Zug-Wagen.
Ein Hoch auf den sechsjährigen Louis Braille! Karl Britz
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