horus

Startseite > horus & Broschüren > 4/1994

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


M. Rauch: 40 Jahre Deutsche Blinden-Hörbücherei - ein denkwürdiges Jubiläum der Deutschen Blindenstudienanstalt

"Als junges blindes Mädchen habe ich mir immer gewünscht, einmal einen Menschen zu finden, der mir solange vorliest, bis ich ermüde und sage "hör auf!". Diesen Menschen habe ich nie gefunden, die Technik hat mir Ersatz gestellt: das Hörbuch!" sagte die blinde Philologin Dr. Friedel Heister einmal so eindringlich, daß es Helmut Kahler in Erinnerung blieb. Er sprach eines der Grußworte an diesem festlichen Abend des 16. September 1994 im Marburger Rathaus. Viele von den älteren Gästen hat dieses Zitat über den Abend hinaus beschäftigt, vielleicht weil sie sich an ihre eigene Kindheit erinnert fühlten. Zu einer Zeit, als man noch nicht im Überangebot von elektronischen Medien zu ersticken drohte, konnte das Vorlesen von Geschichten für uns eigentlich nie lange genug dauern, vor allem, wenn der Vorlesende sich darauf verstand... Frau Heister jedenfalls kann die DBH heute nicht mehr überbeanspruchen. Der Jahresversand an die 6.500 Hörerinnen und Hörer würde ihr "non stop lesen bzw. hören" für 137 Jahre ermöglichen, eine der vielen imposanten Zahlen, die Herr Dr. Koch für die einführenden Worte seinem Computer entlockt hatte; kein Wunder bei derzeit 8.000 Büchern, die in mehreren Exemplaren zur Verfügung stehen, und über 100 kommen jährlich hinzu, sofern den 20 freiberuflichen Sprechern und Sprecherinnen nicht die Stimme versagt...

Von diesen gaben im zweiten Teil des Abends Beate Braus, Joachim Domschat, Manfred Fenner, Heinz Hofmann, Christine Klimas, Daniela Kuhn, Ruth Priemer und Martin Maria Schwarz eine Probe ihres Könnens - Hans Eckardt hatte das gesamte Programm einstudiert. Sie bilden mit ihrer Arbeit das Herzstück der DBH, ihre Stimmen werden Tag für Tag tausendfach in alle Welt versandt, sie waren an dem Abend die Hauptpersonen, und nicht wenige ihrer sorgfältig ausgesuchten Geschichten haben uns erreicht, so daß wir sie noch lange behalten werden. Für Besinnliches und Heiteres stehen Namen wie Wolfgang Borchert und Heinrich Böll, Christian Morgenstern und Kurt Tucholsky, Ursula Wölfel und Hellmut Holthaus, Hans-Christian Andersen und Martin Walser.

Viel Prominenz hatte sich eingefunden, um die Jubilarin am Abend mit ihrer Anwesenheit zu ehren, und viele zollten ihr auch verbal Anerkennung und Bewunderung. Herr Dr. Koch, Vorsitzender der Deutschen Blindenstudienanstalt, hat sie alle genannt, und da seine Rede auf einem Mitschnitt des Festaktes jedem Interessenten zur Verfügung steht, brauchen hier nicht noch einmal alle Namen genannt zu werden. In seiner Begrüßung hieß Dr. Koch nicht nur den Marburger Oberbürgermeister Dietrich Möller willkommen, sondern bedankte sich zugleich dafür, daß dieser als Gastgeber für die Feierstunde ein würdiges Ambiente im Rathaus zur Verfügung gestellt hatte.

Der Oberbürgermeister selbst verwies in seinem Grußwort launig darauf, daß man sich unter guten Freunden auch kurz fassen könne, daß die Bürger Marburgs mit "ihren Blinden" in einem besonders innigen Verhältnis lebten; dies gelte auch und in vielfältiger Beziehung für die Universität, deren Vizepräsidentin, Frau Prof. Dr. Ingrid Langer, den "zugespielten Ball" aufnahm. Sie ging ein auf die Bemühungen der "Alma Mater Philippina", die ca. 150 sehgeschädigten Studenten in ihrem Studium zu unterstützen: "So hat die Philipps-Universität 1987 in der Zentralen Arbeitsstelle für Studienorientierung und Beratung... das Arbeitsgebiet "Beratung und Studienunterstützung Sehgeschädigter" eingerichtet und ... mit einer hauptamtlichen Stelle ausgestattet, deren Leiter, Herr Franz Josef Visse, ebenfalls zu den Ehrengästen zählte. Die vielfältigen Bemühungen der Universität bedürften indes der Unterstützung der DBH, deren Aktivitäten auch im Bereich wissenschaftlicher Literatur noch ausgeweitet werden sollten.

Bernhard Pfister sprach seine Glückwünsche nicht nur als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Blindenhörbüchereien, sondern auch im Namen der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte in Zürich aus. Die DBH leiste, so Pfister, einen wesentlichen Beitrag "zur soziokulturellen Integration des Blinden und Sehbehinderten".

Helmut Kahler sprach als nächster Redner für den Deutschen Blindenverband und seinen Vorsitzenden, Ministerialrat Armin Kappallo. Auch die übrigen Verbände der Blindenselbsthilfe, DVBS und Bund der Kriegsblinden Deutschlands, wisse er unter den Gratulanten. Neben dem bereits anfangs zitierten Gedanken erinnerte er an einen Ausspruch von Willi Riedel (Bund der Kriegsblinden): "Die Teilnahme der blinden Menschen am Kulturgut Literatur ist unverzichtbar!" Die ihm von Kappallo mitgegebenen Reminiszenzen an unbeschwerte Pennälerzeiten in der Carl-Strehl-Schule riefen auch bei anderen Ex-Blistanern wehmütige Erinnerungern wach: "Ruhe kehrte bei uns umtriebigen Schülern nur ein, wenn wir in atemloser Spannung Margret Schmidt-John lauschten, wie sie den "Kampf um Rom" von Felix Dahn (1876) vorlas..."

Kein geringerer als Bundesrichter a. D. Dr. Hans-Eugen Schulze war dafür gewonnen worden, den Festvortrag zu halten, dem er selbst die Überschrift "Über den Wert des Hörbuchs für blinde Menschen und die Wichtigkeit von Blindenhörbüchern" gegeben hatte. Da seine überaus aspektreichen Darlegungen den Zuhörer bereits in Schwarz- oder Braille-Schrift zur Verfügung standen, der gesamte Vortrag allen anderen Interessenten auf Kassette oder in dieser Zeitschrift zugänglich gemacht wird, soll er an dieser Stelle nicht in einer Zusammenfassung verkürzt werden. Schwerpunkte seiner Rede waren jedenfalls u. a. das Eingehen auf die spezifische Klientel der Hörbüchereien (Altersblinde) und der Hinweis darauf, daß "das Grundgesetz um den Satz ergänzt wird, daß niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf", so daß die Hörbüchereien auch in Zukunft auf eine öffentliche Unterstützung als Rechtsanspruch bauen dürfen.

Um die Jubiläumsveranstaltung möglichst vielen zugänglich zu machen, ist sie sinnvollerweise zweimal angeboten worden: Morgens Schülern und Mitarbeitern, abends Gästen aus Marburg und ganz Deutschland - Herr Pfister war sogar aus Zürich angereist...

Der Leiter der Deutschen Blindenstudienanstalt, Direktor Jürgen Hertlein, hatte bereits am Vormittag als Hausherr die Veranstaltung eröffnet: Unter dem Motto "access to information" verwies er auf die Wichtigkeit einer Hörbücherei als Tor zu Informationen aller Art und bot dabei einen kurzen geschichtlichen Abriß von der Gründungsphase 1954 unter Prof. Carl Strehl bis zu den Problemen der Gegenwart.

Eugen Anderer und Stefan Fuß umrahmten den Festakt mit eingängigen Melodien, wobei "Yesterday" und "Für immer jung" die zeitliche Dimension des Jubiläums ausleuchteten.

Das abschließende kalte Buffet, von Küchenchefin Frau Berghöfer - wie so oft schon - schmackhaft inszeniert, bot dann Gelegenheit, zu vielfältigen Begegnungen, manche hatten sich vor wenigen Stunden noch gesehen, andere feierten ein Wiedersehen nach Jahrzehnten. "Weißt du noch-" oder "Haben Sie schon gehört-" waren ebenso Themen wie die eine oder andere Anekdote, die man gerade vorgelesen bekommen hatte. Und wen noch weiteres über die DBH im Detail interessiert, der sei auf den hörenswerten Beitrag von Rainer Witte verwiesen, der die DBH im "Kopfhörer 26", einer Info-Kassette, gelungen portraitiert.

Zurück zum Inhalt von 4/1994 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe