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RiBGH i. R. Dr. H.-E. Schulze: Über den Wert des Hörbuchs für blinde Menschen und die Wichtigkeit von Blindenhörbüchereien.

Vortrag, gehalten zum 40jährigen Bestehen der Deutschen Blinden-Hörbücherei in Marburg, am 16.09.1994



Sehr geehrte Damen und Herren,

Über den Wert des Lesens - und des Hörens - an sich ist schon viel geschrieben worden. Dem will ich nichts hinzufügen. Zur Geschichte unserer Jubilarin und zu dem imposanten Umfang ihrer Dienste brauche ich mich gleichfalls nicht zu äußern. Darüber lesen Sie sehr eindrucksvoll in dem Beitrag von Herrn Witte. Ich möchte mit Ihnen vielmehr über den Wert des Hörbuches für blinde Menschen und über die noch immer weiter zunehmende Wichtigkeit von Blindenhörbüchereien sprechen.

Dabei meine ich mit Hörbüchern natürlich auch Zeitschriften und meine mit Blinden alle, die nicht mehr genügend sehen, um ausdauernd und angemessen schnell mit den Augen zu lesen. Mit Hilfe moderner Technologien kann man zwar schon bei einem verhältnismäßig geringen Sehrest wenigstens kurze Texte langsam aufnehmen. Schöne Literatur läßt sich aber nur genießen und Sachbücher lassen sich nur dann mit Erfolg auswerten, wenn man noch einigermaßen schnell und ausdauernd liest. Darum sind auch viele Sehhilfenbenutzer zusätzlich und sogar in erster Linie auf die Hörbücherei angewiesen. Diese bezeichnet sie zutreffend als "lesebehindert" und beliefert sie konsequenterweise ebenfalls.

Wer mich als langjährigen Blindenschriftleser und eifrigen Befürworter der Blindenschrift kennt, muß sich fragen, warum gerade ich mich bereit erklärt habe, zu Ihnen zu sprechen. Das hat zunächst einen persönlichen Grund. Ich bin zwar nicht einer der ersten Benutzer dieser Bücherei gewesen, habe - außer vielleicht durch die gelegentliche Werbung von Hörern im Ausland - auch nie aktiv zu ihrem Aufbau beigetragen. Aber die Hörbücherei war immerhin noch jung, als ich mein erstes Tonband-Gerät erwarb. Und vor allem: Ich fühle mich ihrem Gründer, Herrn Prof. Strehl, in großer Dankbarkeit und Ehrerbietung verbunden. Darum nehme ich, obwohl ein relativ Außenstehender, gern an dieser Feier teil.

Ein anderer Grund wiegt indes schwerer: Meine Überzeugung, daß die Zahl der potentiellen Benutzer weiter zunimmt, die Hörbücherei darum immer wichtiger wird und man alles tun muß, sie auch künftig zu fördern. Lassen Sie mich das im einzelnen darlegen! Grob gesagt, können wir die Benutzer in drei Gruppen einteilen: die Blindenschriftleser, ferner diejenigen, die in mittleren Jahren erblinden und aus besonderen Gründen die Blindenschrift nicht mehr erlernen oder sie wegen ihres Sehrests nicht nötig haben, und schließlich die, die erst im höheren Alter - sagen wir nach der Vollendung des sechzigsten Lebensjahres - erblinden. Es gibt auch Jugendblinde, die - wegen zusätzlicher Behinderungen - die Blindenschrift nicht lesen können. Gewiß haben auch sie besondere Bedürfnisse, die ich mir aber noch nicht vergegenwärtigen konnte. Zur Gruppe der Altersblinden müssen Sie wissen, daß nach einer Schätzung des Deutschen Blindenverbandes jährlich 23.000 bis 24.000 Menschen bei uns blind werden und davon etwa 72 %, also fast drei Viertel, über sechzig Jahre alt sind. Das legt es nahe, uns heute abend besonders mit dieser Gruppe zu befassen, zumal sie ihre Bedürfnisse nicht selbst artikulieren kann, weil ihre Vertreter nur selten noch in Führungspositionen des Blindenwesens gelangen.

Als Beauftragter für Blinden- und Sehbehindertendienst der Evangelischen Landeskirche in Baden habe ich viel mit dieser Gruppe zu tun. Sie besteht aus Menschen, die im allgemeinen nur ganz allmählich sehbehindert und schließlich mehr oder weniger blind werden oder geworden sind. Lernten wir sie früh genug kennen, so könnten sie sich auf unseren Rat hin noch als Sehrestler mit dem Rekorder vertraut machen. Das wäre ein nicht hoch genug zu veranschlagender Vorteil. Leider können nur wenige ihn nutzen, weil wir von den meisten erst erfahren, wenn ihre Erblindung schon weit fortgeschritten ist. Ich bin ein Freund des Datenschutzes. Aber hier wirkt er sich nachteilig aus. Öffentlichkeitsarbeit hilft kaum weiter, weil sie die eigentlich Betroffenen nur selten erreicht. Trotzdem sollten wir sie intensivieren, etwa durch Werbung und Berichte in Seniorenzeitschriften.

Die Zahl der alten Menschen, denen die Hörbücherei dienen kann, nimmt zu. Die durchschnittliche Lebenserwartung dürfte weiter steigen, und je älter der Mensch, desto größer sein Erblindungsrisiko. Ein weiterer Grund für den Zuwachs ist, daß der Prozentsatz derjenigen Senioren steigt, die vor ihrer Erblindung mehr als frühere Generationen mit technischen Geräten zu tun hatten und sich deshalb zutrauen, auch einen Rekorder zu bedienen. Noch gibt es zwar viele Erblindende, die meinen, das nicht mehr zu lernen. Aber ihr Anteil wird, wenn man generelle Vorhersagen der Gerontologen auf unseren Fall erstreckt, immer geringer werden. Die Hörbüchereien vermöchten ein übriges zu tun: Sie könnten den Markt nach besonders leicht bedienbaren Geräten absuchen oder sogar ein Gerät entwickeln lassen, das besonders große Tasten mit leicht ertastbaren Blockschriftbuchstaben hat. Ein bloßes Wiedergabegerät würde genügen - je einfacher, desto besser! Auch spastisch gelähmte Sehgeschädigte würden davon profitieren, ebenso solche mit Parkinson.

Alte Menschen lassen sich im allgemeinen nicht mehr motivieren, die Blindenschrift zu erlernen. Zwar mögen sie sich damit locken lassen, dann wenigstens Telefonnummern oder anderes notieren sowie Medikamente oder Eßwaren beschriften zu können. Die Übung, die sie auf diese Weise erlangen, reicht aber nicht aus, mit Gewinn ein Buch zu lesen - das um so weniger, als es ja viel bequemer ist, einer guten Vorleserin von der Cassette zuzuhören. Bequem ist dabei durchaus nicht geringschätzig gemeint! Wer ein langes Berufsleben hinter sich hat, darf es sich bequem machen! Das Erlernen und ständige Anwenden der Blindenschrift könnte zwar, wie jede andere geistige Betätigung, den Alternsprozeß verlangsamen, weit mehr als das bloße Zuhören, bei dem man nur allzu leicht "abschalten" kann. Aber wer ist schon bereit, aus diesem Grunde noch in vorgerücktem Alter ausgerechnet die Mühe des Blindenschriftlernens auf sich zu nehmen und bis zum angemessenen Lesetempo zu Üben! Zwar gibt es Ausnahmen. Ich selbst würde wahrscheinlich, wäre ich erst im Alter erblindet, nicht dazu gehören. Deshalb habe ich für die Bequemlichkeit der anderen viel Verständnis und bitte auch Sie darum!

Zwar haben wir andererseits heute - wovon Prof. Strehl nur träumen konnte - Maschinen, mit denen wir so gut wie alle gedruckten Texte selbst in Sprache umwandeln können. So gesehen, wären wir auf das Hörbuch nicht mehr unbedingt angewiesen. Aber erblindende alte Menschen sind jedenfalls nach dem heutigen Technikstand kaum in der Lage und auch nur schwer zu ermutigen, sich noch an eine solche Maschine, einen Scanner mit synthetischer Sprachausgabe, zu gewöhnen. Gerade für diesen Personenkreis hat das Hörbuch deshalb große Bedeutung.

Vielleicht halten Sie mir entgegen, die Zahl der älteren Sehenden, die Bücher oder Zeitschriften läsen, sei verhältnismäßig gering; die meisten begnügten sich mit der Bild-Zeitung und dem Fernsehen, und wer schon als Sehender kein Buch gelesen habe, werde es auch als Blinder nicht. Diese Schlußfolgerung wäre falsch! Erblindende Senioren müssen auf die Tageszeitung verzichten. Schon das lenkt sie auf das Hörbuch oder die Hörzeitschrift hin. Es kommt hinzu, daß sie - anders als sehende Senioren - kaum noch eine Möglichkeit haben, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, außer durch Radio- oder eben Bücherhören. Das Radio aber ist keine vollwertige Alternative zum Hörbuch: Nur mit diesem kann ich in gewissen Grenzen selbst wählen, was ich hören will. Außerdem läuft die Rundfunksendung weiter, wenn ich müde werde, meine Mahlzeiten richten muß oder Besuch bekomme. Besonders wichtig ist das Hörbuch für den, der allein lebt und darum nur wenig Gelegenheit hat, mit anderen zu sprechen, mit ihnen spazieren zu gehen, Besuche zu machen usw. Denken Sie nun nicht, das Hörbuch sollte uns bloß die Zeit vertreiben! Das in vielen Fällen sicher auch. Der Sehende liest ja gleichfalls zum Zeitvertreib. Aber das Hörbuch soll dem alten Menschen auch ermöglichen, sich wenigstens im dritten Lebensabschnitt mit den Schätzen der Literatur vertraut zu machen, sich praktische Ratschläge für seine Lebens- und Umweltgestaltung zu holen, sich auf Reisen vorzubereiten, wenn er noch rüstig genug dazu ist, sowie sich von guten Büchern helfen zu lassen, seine eigene Vergangenheit und Zukunft zu bedenken.

Außerdem: Sehende Senioren studieren wieder oder belegen Sprachkurse in Volkshochschulen. Auch wir sollten das können und dafür mit den nötigen Hörbüchern versorgt werden!

Sozialminister Armin Clauss hat in seinem Grußwort zum 25jährigen Bestehen der Deutschen Blinden-Hörbücherei, weil nach ihr auch andere gegründet worden waren, geschrieben, der Deutschen verblieben die mit dem anspruchsvollen Titel Deutsch verbundenen beiden zentralen Aufgaben, die Blinden mit wissenschaftlichen Werken zu versorgen und die Geschäfte der Arbeitsgemeinschaft aller Blindenhörbüchereien mit dem Ziel einer einverständlichen Programmgestaltung zu führen. Anders als damals werden wir uns heute immer mehr der Bedeutung der nachberuflichen Phase als eines echten dritten Lebensabschnitts bewußt, in dem viele von uns noch mehrere Jahrzehnte lang frei aller beruflichen Pflichten ihren privaten Interessen und Neigungen leben können. Damit ist der DBH eine dritte zentrale Aufgabe zugewachsen, Vorreiterin in der Buchproduktion gerade für diesen Personenkreis zu sein. Zu meiner großen Genugtuung und Freude hat sie diese Aufgabe bereits erkannt und in Angriff genommen. Im Auftrag der Ruheständler des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf möchte ich ihr dafür ausdrücklich danken.

Auch wer schon in mittleren Lebensjahren erblindet, hat vielfach Mühe, die Blindenschrift zu lernen, oder traut es sich nicht mehr zu oder sieht im Zeitalter von Hörbuch, Scanner, Telefon und Schreibmaschine ihren Nutzen nicht mehr ein. Erschwerend wirkt hier, daß nur der einen Anspruch auf Blindenschriftunterricht hat, der damit seine Erwerbsfähigkeit wiedererlangen will. Wer im mittleren Alter wollte das nicht-, werden Sie fragen. Aber kann man es bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage jemandem, der mit 45 oder 50 erblindet, verdenken, daß er keinen Mut mehr hat, sich beruflich rehabilitieren zu lassen- Für diesen Personenkreis gilt, was ich in Bezug auf Altersblinde gesagt habe, mehr oder weniger gleichermaßen. In diese Gruppe gehören auch die, die nicht blind, sondern nur "lesebehindert" sind. Sie brauchen allerdings zusätzlich auch berufsbezogene Literatur.

Für uns Blindenschriftleser endlich ist die Hörbücherei gleichfalls von sehr viel größerem Wert, als der Sehende im allgemeinen denkt. Gern gestehe ich auch in diesem Kreis, daß sich mir Gelesenes nachhaltiger einprägt als nur Gehörtes, und daß ich nach einem Blindenschrifttext konzentrierter und erfolgreicher arbeiten kann als nach einem nur vorgelesenen. Aber viele von uns - auch ich - lesen die Blindenschrift langsamer, als die Vorleser der Hörbücherei sprechen. Von der Cassette hörend, kann ich also schneller aufnehmen, als mit den Fingern lesend. Das gilt zumal dann, wenn ich einen Rekorder verwende, dessen Wiedergabetempo ich bis an die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit steigern kann, ohne die Stimme zu verzerren. Und warum sollte ich das wohl nicht bei meinem großen, noch immer zunehmenden Informationsbedürfnis- Der geübte Sehende liest leise gleichfalls schneller, sehr viel schneller sogar, als er spricht. Hinzu kommt, daß sich mit Cassetten leichter hantieren läßt als mit voluminösen Blindenschriftbüchern, daß die Kosten für die Herstellung eines Hörbuchs nur einen Bruchteil derjenigen für ein Blindenschriftbuch ausmachen und daß dies schließlich auch für den Zeitaufwand gilt. Wie Sie wissen, gibt es Zeitschriften, die in relativ hoher Auflage auf Cassette zeitgleich mit der Schwarzschriftausgabe erscheinen, für eine Blindenschriftausgabe ganz unvorstellbar!

Das Hörbuch hat allerdings gegenüber allen anderen den Nachteil, daß ich nicht darin blättern kann. Die Hörbüchereien helfen uns großenteils wenigstens mit Tonmarkierungen bei Kapitelanfängen, die sich im schnellen Vor- und Rücklauf hören lassen. Für anspruchsvolle Hörer wünschte ich mir bei Gedichtsammlungen, Kirchengesangbüchern, Gesetzestexten, Wörterbüchern und Bibelteilen auch Sprachmarkierungen. Die Technik dazu ist längst vorhanden. Ob die DBH wohl auch hier die Vorreiterin wird-

Zu unserer großen Befriedigung erleben wir gerade, wie das Grundgesetz um den Satz ergänzt wird, daß niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Dieses Benachteiligungsverbot muß zwar noch in einzelne Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsrichtlinien umgesetzt werden. Aber wir können immerhin schon jetzt darauf hinweisen, daß es im Lichte der neuen Grundgesetzbestimmung eine verbotene Benachteiligung Blinder wäre, wollte die öffentliche Hand die Hörbüchereien in Zukunft nicht mehr unterstützen wie bisher; denn solange Sehende die Möglichkeit haben, mehr oder weniger unentgeltlich Stadtbüchereien, Landes-, Universitäts- und Spezialbibliotheken zu benutzen, dürfen auch wir auf Hilfe hoffen. Das kann uns eine gewisse Beruhigung sein in einer Zeit, in der grundsätzlich Sparsamkeit geboten ist. Aber das Grundgesetz gibt uns für sich allein noch keinen Rechts-, sondern nur einen moralischen Anspruch. Deshalb appelliere ich im Interesse aller Hörbüchereibenutzer, als deren Mund ich mich heute abend verstehen darf, an Politikerinnen und Politiker, die Hörbüchereien weiterhin nach besten Kräften zu unterstützen, wie ich andererseits die Benutzer bitte, auch in ihrer Spendenfreudigkeit nicht nachzulassen.

Lassen Sie mich, bevor ich schließe, noch einmal der Gründerpersönlichkeit dieser Bücherei gedenken. Professor Strehl war ein Blindenschriftleser wie ich. Aber er hatte die Vision, uns zusätzliche Medien zu erschließen, als wir anderen über solche Möglichkeiten nur den Kopf schütteln konnten. Für den Hörbüchereigedanken hat er sich derart engagiert, daß er scherzhaft "the walking talking book" genannt worden sein soll. Er hatte noch eine andere Vision: die einer Lesemaschine. Auch sie steht uns heute als Scanner mit synthetischer Sprachausgabe und sogar Braillezeile zur Verfügung. Aber es war wohl gut für uns alle, daß sich die Idee einer Hörbücherei als die erste hatte verwirklichen lassen. Der Scanner kann uns zwar alle Bücher erschließen, nicht nur die, die ein Programmausschuß für uns auswählt, aber von dem Hörbuch kann jeder profitieren, auch jemand, der nur über geringe Handgeschicklichkeit verfügt.

Darum schließe ich mit dem Dank an alle Mitarbeiter dieser Bücherei, die haupt- und die ehrenamtlichen. Ich hoffe, ich konnte überzeugend darlegen, wie wichtig und geradezu unverzichtbar Ihr Dienst für Blinde aller Altersgruppen ist. Ich danke Ihnen sehr und bitte Sie zugleich, nicht müde zu werden, uns weiterhin mit hochwertigen Cassettenaufnahmen aus allen Wissens- und Literaturgebieten zu versorgen.

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