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E. Hahn: Blindenschrift und Computertechnik, Teil 2

II. Die Graphik auf dem Vormarsch

Lassen Sie mich zu einem anderen Aspekt der Zukunftsvision von Herrn Fischer kommen. Er geht nämlich offenbar von einem Entwicklungsstand im Computerwesen aus, der - dem Himmel sei"s geklagt - bereits als überholt gelten muß. Sein Ruf nach Aufwertung des Computerbraille erschallt just zu einer Zeit, da die Sehenden sich vehement von der Textmaschine weg und in Richtung Bildmaschine bewegen.

Schon heute könnte man sich folgende Szene vorstellen: Ein blinder Grundschüler versucht"s mit integrierter Beschulung. "Mensch, der Blinde hat einen Computer, da müssen wir hin!", jubeln seine sehenden Klassenkameraden. Sie treffen ihren Mitschüler, wie er einen eingescannten Schulbuchtext herunterstottert. "Ist ja langweilig", sagen die Besucher, "wir dachten, bei Dir könnten wir Mondlandung spielen oder Schiffe versenken. Kommt, wir gehen Fußball spielen!" Da sitzt er nun, unser blinder Schüler, klammert sich an seine Braillezeile und fühlt sich wieder einmal so richtig "integriert". - Ein Glück, daß Integration eben nicht vom Computer gemacht wird, sondern von Menschen getragen werden muß!

Nun, ohne Computerspiele werden wir leben können. Aber auch ohne Graphik- Braillezeile und Sprachausgabe haben den Computer für uns Blinde zu einem Instrument gemacht, mit dem wir plötzlich in ganz neue Arbeitsbereiche vordringen konnten. Wenn auch unsere Ausgabegeräte dem Textbildschirm erheblich unterlegen sind, so können wir uns doch in dem, was sie uns ermöglichen, durchaus mit Sehenden messen. Aber das konnte bislang nur deshalb so gut funktionieren, weil die Computerprogramme so hoffnungslos dumm waren, daß sie normalerweise nur im Textmodus arbeiten konnten, und eben damit ist"s inzwischen vorbei.

1. Ein paar technische Erläuterungen Vielleicht ist es für manche Leser, die nicht so tief in der Materie drinstecken, nicht ganz einsichtig, was eigentlich das Problem ist, das sich für Blinde beim Übergang vom Text- zum Graphikmodus auftut. "Wir wollen ja gar keine Graphik machen, und Text müßte doch Text bleiben", mögen sie sagen. Nun, wenn Sie Lust haben, lassen Sie sich mit mir auf ein kleines Abenteuer ein: Ich will versuchen, die Problematik in - wie ich hoffe - halbwegs allgemeinverständlicher Form zu umreißen.

Was heißt denn "Text-" bzw. "Graphikmodus"- Machen wir uns hierzu kurz klar, wie die Ansteuerung des Bildschirms im Computer vor sich geht: Die Bildaufbereitung übernimmt ein besonderer Prozessor, der "Graphikadapter", auf den das Benutzerprogramm keinen unmittelbaren Einfluß hat. Dieser Bildschirmprozessor befindet sich auf der "Graphikkarte", also einer auswechselbaren Platine (Sie wissen vielleicht, daß es ganz verschiedene Graphikadapter wie Hercules, CGA, EGA, VGA usw. gibt).

Die Kommunikation zwischen der zentralen Prozessoreinheit (CPU), in der die Benutzerprogramme abgearbeitet werden, und dem Graphikadapter können Sie sich nun folgendermaßen vorstellen: Das Benutzerprogramm (etwa Ihr Textverarbeitungsprogramm) schreibt alles, was auf dem Bildschirm erscheinen soll, in einen speziell für diesen Zweck reservierten Bereich des Arbeitsspeichers - und kümmert sich nicht weiter darum. Unabhängig davon liest der Graphikadapter in regelmäßigen, kurzen Zeitabständen (z.B. 70 Mal pro Sekunde) den Inhalt dieses Speicherbereichs aus und formt daraus die entsprechende Punktgraphik, die er dann zum Bildschirm weiterleitet. Solange das Benutzerprogramm die hinterlegte Information nicht ändert (z.B. während einer "Denkpause" des Anwenders), wird auf diese Weise immer und immer wieder dasselbe ("stehende") Bild auf dem Monitor erzeugt; daher auch der Name "Bildwiederholspeicher" für den Kommunikationsbereich zwischen CPU und Graphikadapter. Erst, wenn Ihr Programm in diesem Speicherbereich eine Änderung vornimmt (sagen wir, Sie schlagen eine Taste an, was das Programm zur Anzeige des eingetippten Zeichens veranlaßt), wird der Graphikadapter ab seinem nächsten Zyklus ein entsprechend verändertes Bild aufbauen. Halten wir also fest, daß zu praktisch jedem beliebigen Zeitpunkt im Bildwiederholspeicher die Information zu finden ist, die zu eben diesem Zeitpunkt in optischer Gestalt auf dem Bildschirm angezeigt wird.

Nun gibt es allerdings verschiedene Möglichkeiten, den Inhalt des Bildwiederholspeichers zu interpretieren. Entsprechende Angaben macht das ablaufende Programm wiederum auf bestimmten Speicherplätzen (man spricht von "Bildschirmregistern"). So muß es z.B. sagen, ob es die darzustellende Information als Text oder als Graphik verstanden wissen will, ob also im Text- oder im Graphikmodus gearbeitet wird.

1.1 Textmodus

Im Textmodus stehen die anzuzeigenden Schriftzeichen in ihrer maschineninternen Verschlüsselung im Bildwiederholspeicher (in der Regel im ASCII-Code, also einer ganz bestimmten Numerierung im Bereich von 0 bis 255). Es gibt 256 verschiedene Zeichennummern, also verfügt der Textmodus über 256 verschiedene darstellbare Schriftzeichen.

Die Position eines Zeichens auf dem Bildschirm ergibt sich einfach daraus, an welcher Stelle des Bildwiederholspeichers sein Code abgelegt ist. Bei 25 Zeilen zu je 80 Schreibstellen muß der Bildwiederholspeicher also Platz für 2000 Zeichencodes bieten. Das Zeichen an seiner hundertsten Stelle erscheint dann beispielsweise in Zeile 2 und Spalte 20 auf dem Bildschirm. Insbesondere müssen Leerzeichen vorhanden sein, wo auf dem Monitor "nichts" angezeigt werden soll.

Übrigens wird zu jedem Zeichen eine Zusatzinformation gleichen Umfangs mitgegeben, nämlich die zu verwendenden "Bildschirmattribute", mit denen z.B. Vorder- und Hintergrundfarbe festgelegt werden können (die Anzeigeform kann demnach von Zeichen zu Zeichen variieren).

Auf dem Bildschirm selbst erscheinen die Zeichen als Punktkombinationen innerhalb von jeweils gleich großen Rechteckchen, aber diese Darstellung hat nichts mit der maschineninternen Codierung zu tun, sondern sie orientiert sich allein an der optischen Gestalt, die das lesende Auge erwartet (die Darstellung kann z.B. in Feldern von acht mal acht Punkten erfolgen, die aber nicht nur 256, sondern 18.446.744.073.709.551.616 verschiedene Muster wiedergeben könnten - ein recht bescheidener Wirkungsgrad, nicht wahr-). Die "gerasterten" Bilder nimmt der Sehende, wenn er nicht so genau hinschaut, als kontinuierliche Liniengebilde wahr, eben gerade so, als hätte man mit einem Zeichenstift den dargestellten Text auf den Bildschirm gekritzelt.

Die Zuordnung der einzelnen Rasterbilder zu den ankommenden Zeichennummern geschieht jedoch vollständig innerhalb des Graphikadapters, d.h. das Benutzerprogramm ist von diesem Teil der Arbeit entbunden. Das ist etwa so, wie wenn Sie auf Ihrer Schreibmaschinentastatur tippen: Sie müssen nur wissen, mit welcher Taste Sie welchen Buchstaben erzeugen können; wie das "Bildchen", das dann letztlich aufs Papier gelangt, tatsächlich aussieht, braucht Sie im Prinzip nicht zu interessieren.

1.2 Graphikmodus

Im Graphikmodus hingegen beansprucht das Benutzerprogramm die volle Kontrolle über die einzelnen Leuchtpunkte auf dem Bildschirm, auch "Pixel" genannt. Der Bildwiederholspeicher enthält in diesem Fall schon die graphisch aufbereitete Information, zeigt also an, welche Pixel aufleuchten sollen und welche nicht. Der Graphikadapter hat"s jetzt natürlich einfacher: Er nimmt keine Umcodierung mehr vor, sondern gibt die Pixel positionsgerecht an den Monitor weiter.

Wenn ein Programm unter dieser Betriebsart Text darstellen will, muß es selbst - natürlich vorwiegend über Systemunterprogramme - das Erscheinungsbild der Schriftzeichen festlegen. Das bedeutet einerseits einen wesentlich höheren Arbeitsaufwand für die CPU, weshalb diese Technik erst durch die modernen, extrem schnellen Prozessoren interessant geworden ist. Andererseits werden dadurch aber auch Möglichkeiten eröffnet, die dem starren Textmodus völlig fremd sind. So kann die Gestaltung von Schrift viel flexibler gehandhabt werden, und es lassen sich auch andere graphische Elemente einstreuen. Wiederum zur Verdeutlichung: Der Sehende kann mit dem Kugelschreiber prinzipiell genau solche Buchstaben schreiben, wie sie auch die Schreibmaschine liefern würde, aber er wird das kaum jemals tun; vielmehr benutzt er seine ureigenste Handschrift, wählt die für ihn angenehmste Schriftgröße und malt bei Bedarf noch so manches aufs Papier, was sich mit der Schreibmaschine gar nicht hervorbringen ließe.

2. Anschluß einer Braillezeile

Was tun wir nun, wenn wir an unseren Computer eine Braillezeile anschließen wollen- Solange unser Anwendungsprogramm sich auf den Textmodus der Bildschirmanzeige beschränkt, ist das im Prinzip kinderleicht (natürlich erfordert die praktische Ausführung das Fachwissen des Elektronikers): Die Computer sind ja so gebaut, daß sie neben der Graphikkarte noch weitere Steckkarten aufnehmen können. Man braucht also nur eine Karte zu konstruieren, die ebenfalls die verschlüsselten Ausgabezeichen aus dem Bildwiederholspeicher ausliest, sie aber nun zur Braillezeile schickt, wo sie - in Blindenschrift umcodiert - mechanisch angezeigt werden können (nach diesem Prinzip arbeiten die "Hardwarelösungen" der Braillezeilen; die "Softwarelösungen" verwenden statt der Steckkarte ein "Hintergrundprogramm", das aber im Grunde dasselbe tut).

Im Graphikmodus hingegen kann der Bildwiederholspeicher unserer Braillezeile nur eine riesige Ansammlung von Pixeln anbieten (z.B. 640 Stück in der Breite mal 480 in der Höhe), die zur mehr oder weniger direkten Weitergabe durch den Graphikadapter an den Bildschirm bestimmt sind. Daß der sehende Betrachter möglicherweise Teile des entstehenden Bildes als Schriftzeichen erkennt, ist eine ganz andere Sache; die Braillezeile verfügt zunächst einmal nicht über so viel Intelligenz.

3. Die Braillezeile im Graphikmodus

Zur Lösung des Problems "Texterkennung im Graphikmodus" bieten sich zwei Wege an, die meines Wissens auch beide bereits von Hilfsmittelherstellern beschritten werden:

1) Man analysiert das Punktmuster im Bildwiederholspeicher so, als hätte man es mit dem durch einen Scanner gelieferten Rasterbild zu tun. Diese Methode erfordert keine speziellen Kenntnisse über das ablaufende Programm, weil sie die Information an einer Stelle abgreift, wo sie, wie bereits ausgeführt, zuverlässig zu finden ist. Nachteilig hierbei ist, daß - wie ja auch beim Scanner - Erkennungsfehler nicht ausgeschlossen werden können, was bei der Exaktheit, mit der die Arbeit am Computer zu erfolgen hat, eigentlich nicht akzeptiert werden dürfte. Auch der Zeitaufwand ist möglicherweise nicht zu vernachlässigen. Dafür entfällt hier die "Launenhaftigkeit" des Scanners (wenn Sie dieselbe Vorlage zweimal einscannen, erhalten Sie i.a. etwas differierende Ergebnisse).

2) Wenn ein Programm sich auch noch so viel Mühe gibt, einen Ausgabetext graphisch aufzubereiten, so dürfte doch dieser Text irgendwo im Arbeitsspeicher noch in seiner "ursprünglichen" Form zu finden sein, d.h. als Folge maschineninterner Zeichencodes (wo und wie genau, das ist freilich erst einmal das Geheimnis des Anwendungsprogramms bzw. des Betriebssystems). Wenn nun die Softwareentwickler so freundlich sind und sich in die Karten gucken lassen, kann u.U. auch die Braillezeile an Informationen gelangen, die sie im Prinzip so verarbeiten kann, als befände man sich noch im Textmodus. Die Fehlerquote kann bei genügend guter Kommunikation zwischen den Herstellern gewiß recht klein gehalten werden. Von Nachteil ist, daß dieses Verfahren genaue Kenntnisse des Hilfsmittelherstellers über die verwendete Software voraussetzt. Der blinde Benutzer wird somit kaum davon ausgehen können, daß er ein ganz beliebiges Programm, das er im Laden kauft, mit einer so konzipierten Braillezeile verwenden kann. Ein Problem könnte auch der Übergang von einer Programm- oder Betriebssystemversion zur nächsten sein, der sich neuerdings in ziemlich kurzen Zeitabständen vollzieht.



4. Textverarbeitung im Graphikmodus

Warum aber müssen wir uns mit unseren Braillezeilen überhaupt auf den Graphikmodus einlassen- Anders gefragt: Wie ist es zu verstehen, daß Sehende selbst im Bereich der Textverarbeitung immer mehr zu graphischen Benutzeroberflächen tendieren-

Ein Grund hierfür ist wohl in der Entwicklung moderner Drucker zu sehen. Früher hatten die Drucker, ähnlich wie die klassische Schreibmaschine, fest eingebaute Typen für die einzelnen druckbaren Zeichen. Ketten-, Walzen- und Typenraddrucker sind Beispiele hierfür. Neuere Geräte arbeiten hingegen nach dem "Matrixdruckerprinzip", stellen also die Zeichen als Muster von Bildpunkten dar, wie wir es beim Bildschirm bereits angesprochen haben. Nach dieser Methode arbeiten etwa Nadel-, Tintenstrahl- und Laserdrucker (der Name "Matrixdrucker" wird auch oft synonym zu "Nadeldrucker" verwendet).

Auch der moderne Drucker erhält im Normalfall den zu druckenden Text als Folge von ASCII-Codes - häufig mit Steueranweisungen durchsetzt - über die Leitung zugesandt. Er muß daher, wie der Bildschirmadapter im Textmodus, den einzelnen Zeichennummern die zugehörigen Rasterbilder zuordnen, was eine eingebaute Elektronik besorgt. Freilich haben sich die Hersteller nicht mit einer einzigen Schriftart begnügt; vielmehr hat man der Elektronik beigebracht, unterschiedliche Schrifttypen ("Fonts") in verschiedenen Größen darzustellen; neben der Wiedergabe mit konstanter Zeichenbreite beherrschen solche Drucker meist auch die viel "schönere" Proportionalschrift; Zeichen können nahezu beliebig auf dem Blatt positioniert werden, was das Drucken im "Blocksatz" (d.h. mit ausgeglichenem rechtem Rand) ermöglicht; auch Graphiken können wiedergegeben und mit Text gemischt werden usw. Beschreibungssprachen wie PostScript erlauben es dem Benutzer inzwischen, Parameter wie Höhe, Breite, Neigung, Strichdicke und Schreibrichtung von Textzeichen praktisch beliebig festzulegen, feinste Abstufungen von Farbschattierungen vorzunehmen, sogar neue Fonts zu definieren und vieles mehr.

Von einem ordentlichen Textverarbeitungsprogramm verlangt man natürlich, daß es all diese Fähigkeiten moderner Drucker ausnutzen kann. Wie aber soll es diese Vielfalt mit Hilfe des Textbildschirms einfangen-

Eine Zeitlang hat man sich mit "Preview-Funktionen" beholfen. Bei dieser Arbeitsweise erstellt man sein Dokument zunächst im Textmodus, wobei sich das Programm bemüht, die endgültige Gestaltung zu approximieren, so gut es eben geht (bis hierher können wir mit der herkömmlichen Braillezeile noch mithalten). Interessiert man sich zwischendurch für das wirkliche Aussehen seines Produkts, so druckt man es nicht etwa aus (das wäre Zeit- und Materialverschwendung), sondern man läßt es sich vom Programm im Graphikmodus anzeigen, wo ja der Matrixdruck mit ausreichender Genauigkeit simuliert werden kann. Gedruckt wird erst, wenn diese Graphik "anständig" aussieht.

Begreiflicherweise haben die Sehenden inzwischen keine Lust mehr, sich mit dieser mehrstufigen Arbeitsweise herumzuschlagen. Sie wollen sofort das endgültige Bild vor Augen haben, d.h. von vornherein im Graphikmodus arbeiten können (Schlagwort: "wysiwyg" = "what you see is what you get"). So erkennen sie z.B. unmittelbar, ob sie auch wirklich auf Kursivdruck umgeschaltet, ein bestimmtes Zeichen hochgestellt oder die beabsichtigte Großschrift gewählt haben.

Zugleich tun sich mit dem direkten Arbeiten im Graphikmodus ganz neue Möglichkeiten auf, bei deren Erschließung man wahrscheinlich noch ziemlich am Anfang steht. Setzt man z.B. eine mehrspaltige Tabelle, so nimmt man erst einmal mit provisorischem Spaltenabstand alle Eintragungen vor. Hinterher "greift" man sich die einzelnen Spalten mit der Maus und schiebt sie nach Augenmaß hin und her, bis ein überzeugendes Schriftbild entsteht.

Man kann sich denken, daß die Arbeitsweise mit dem Graphikbildschirm für sehende Anwender ein Maximum an Bequemlichkeit darstellt. Deshalb beschränkt man sich damit neuerdings nicht mehr auf einzelne Anwendungsprogramme, sondern verwendet sie ganz generell, also auch schon auf Betriebssystemebene. Das textorientierte MS-DOS wird daher mehr und mehr vom graphisch orientierten MS-Windows abgelöst. Mitunter wird bereits behauptet, gute Programme unter MS-Windows seien praktisch selbsterklärend, was die kostspielige Schulung des Personals beim Umstieg eines Betriebes auf ein solches Programm weitgehend überflüssig machen könnte. Kein Wunder also, daß sich die Softwarehersteller allmählich ganz auf den Graphikmodus konzentrieren, was in absehbarer Zeit dazu führen kann, daß man keine vernünftigen Programme mehr angeboten bekommt, die sich auch noch im Textmodus betreiben lassen.

Selbst wenn sich Blinde also auch in Zukunft darauf beschränken werden, den Computer hauptsächlich zur Textverarbeitung einzusetzen, ist es unumgänglich, ihnen zumindest ein eingeschränktes Arbeiten im Graphikmodus zu ermöglichen. Unsere Hilfsmittelhersteller stehen hier vor der absolut paradoxen Aufgabe, der neuen Technik mit respektablem Aufwand wenigstens wieder einen Teil von dem abzutrotzen, was die alte Technik mit vergleichsweise minimalen Anstrengungen doch längst möglich gemacht hatte. Gewisse Teilerfolge, das darf inzwischen wohl gesagt werden, sind bereits erzielt worden. Solange man nur bestimmte Programme benutzt und von diesen auch nur bestimmte Leistungen verlangt, kann man wohl schon mit der Braillezeile unter MS-Windows "arbeiten". Das heißt aber notwendigerweise, daß man die ganze Gestaltungsvielfalt, die der Graphikbildschirm ermöglicht, wieder auf die bescheidene Qualität des Textbildschirms herunterprojizieren muß. Die zusätzlichen Möglichkeiten der Graphik, wovon ich das Zurechtrücken von Tabulatoren als Beispiel angeführt habe, dürften nur unzureichend auf eine Braillezeile übertragbar sein. Und sagen Sie bitte nicht, daß wir so einen Firlefanz doch gar nicht brauchen! Ich höre heute schon die Chefs raunen: "Man sieht"s halt gleich, was der Blinde geschrieben hat; was nach draußen geht, sollte man ihm lieber nicht geben."

5. Graphik für Blinde-

Nun macht aber der Trend in Richtung Graphik und Visualisierung ja keineswegs am Bildschirm Halt. Eben weil es inzwischen so einfach geworden ist, anspruchsvolle Druckvorlagen am Schreibtisch zu erstellen ("desktop publishing"), wird diese Technik auch im Buchdruck nicht nur zunehmend eingesetzt, sondern auch erwartet. Insbesondere bei Unterrichtsmaterialien läßt sich diese Tendenz bereits deutlich beobachten. Zwei Beispiele aus meiner Tätigkeit mögen das illustrieren:

1) Ein blinder Theologiestudent ließ mir ein Lateinbuch zukommen mit der Bitte, einige Kapitel daraus für ihn einzuscannen. Latein, so dachte ich blauäugig, also keine Sonderbuchstaben, keine Diakritika, keine Ligaturen, kurz: für meine Texterkennungssoftware doch wie geschaffen. Bereits die erste Seite, an der ich mich versuchte (eine Übersichtstabelle über die Deklinationen), brachte dann die Ernüchterung: Lateinische und deutsche Textteile wurden durch unterschiedliche Druckarten gegeneinander abgegrenzt; die Aussprache wurde durch Sonderdruckformen angedeutet (Betonung durch Fettdruck, Dehnung durch Überstreichen usw.); die Struktur der Tabelle wurde durch senkrechte und waagerechte Striche "verdeutlicht", die teilweise gepunktet, teilweise dünn oder dick ausgezogen waren; zusammengehörige Zeilenblöcke wurden mit Marginalien versehen, also Oberbegriffen, die senkrecht an den linken Rand geschrieben waren. - Ich zeigte die Seite einem fachkundigen Kollegen. "Abschreiben", riet er mir, "alles andere können Sie vergessen."

2) Unlängst habe ich ein Fachbuch eingescannt. Beim Durcharbeiten stieß ich auf eine Stelle, wo für das beschriebene Verfahren einige Fallunterscheidungen zu treffen sind. Früher hätte sich ein Autor bemüht, die Einzelheiten sauber zu verbalisieren, und da hätte ich wohl auch folgen können. Das moderne Buch bringt stattdessen ein paar Bildchen, die alles aussagen - für den, der sie sehen kann. Mein Texterkennungsprogramm lieferte nur ein paar hilflose Hieroglyphen ab, aus denen ich wenigstens auf das Vorhandensein einer Graphik schließen konnte - ein bißchen mager, wenn man den Inhalt eines Lehrbuches begreifen will.

So begrüßenswert demnach die Bemühungen auch sein mögen, möglichst viel Text aus Graphiken aller Art herauszukitzeln: auf längere Sicht werden wir es damit allein nicht schaffen, uns Informationsquellen der Sehenden in ausreichendem Maße zugänglich zu machen. Wir dürfen es uns darum nicht mehr lange leisten, unser bescheidenes Computerbraille als "den Schlüssel schlechthin" anzusehen, der uns den Zugang zum Computer und damit zu jedweder Literatur der Sehenden garantiert. Vielmehr müssen verstärkt Anstrengungen unternommen werden, Blinden einen wie auch immer gearteten Zugang zu graphisch dargestellten Informationen zu ermöglichen.

Bescheidene Anfänge sind bereits gemacht worden. So hat man schon vor Jahren mit der Entwicklung eines tastbaren Graphikdisplays begonnen, das aber bis heute über wenige Prototypen nicht hinausgekommen zu sein scheint. Interessante Untersuchungen zur Tastbarmachung von Graphik, die auch diese "Stiftplatte" mit einbeziehen, werden seit längerer Zeit im Stuttgarter Institut für Informatik durchgeführt (Prof. Gunzenhäuser, Frau Dr. Schweikhardt u.a.).

Weitere interessante Möglichkeiten könnten sich durch Einbeziehen des Gehörs ergeben, woran auch bereits gearbeitet wird (Prof. Gorny, Oldenburg). Man denke sich den Graphikbildschirm auf eine imaginäre "Hörwand" abgebildet, auf der die Objekte durch Töne oder Geräusche repräsentiert werden. Die Kunstkopftechnik könnte es ermöglichen, diese Objekte akustisch zu Orten und ihre Bewegung zu kontrollieren.

Zum Abtasten von Graphiken könnte ich mir auch ein Anzeigefeld vorstellen, wie es das Optacon aufweist, das aber in die Braillezeile integriert sein sollte. Um eine größere Fläche abzudecken, wäre zu versuchen, die Information auf mehrere tastende Finger zu verteilen. Zur Bewegung des tastbaren Fensters auf dem Graphikbildschirm könnte im Prinzip die Maus benutzt werden; da wir aber schon alle Hände voll zu tun haben und mit dem ständigen Suchen nach dem bewegungsempfindlichen Tierchen wohl kaum glücklich werden dürften, hielte ich es für angebracht, die Füße mit der Bewegungssteuerung zu beauftragen (zwei Pedale für zwei Dimensionen, das sollte kein Problem sein).

Auf der Softwareseite drängt sich der Gedanke an ein "interaktives Scannen" auf, ein Verfahren also, mit dem sich der Blinde eine Graphik schrittweise erschließen kann. Er wird ja in den meisten Fällen schon gewisse Vorstellungen mitbringen, kann also gezielt nach einzelnen Objekten suchen und diese dann, nachdem er sie erkannt und klassifiziert hat, sukzessive aus der Graphik ausblenden, um weitere, noch unbekannte Objekte leichter auffinden zu können. Da Irrtümer möglich sind, müßten sich ausgeblendete Teile auch wieder einbinden lassen. Das Wissen des Benutzers würde somit in ein solches Dialogverfahren einbezogen, weshalb nicht gar zu viel Intelligenz in die Software hineingesteckt werden müßte. Mit dieser Methode sollte es auch gelingen, Texterkennungsprogramme auf neue Schriftzeichen hin zu "trainieren", eine Domäne, die man bislang nur Sehenden zugestanden hat.

So etwa, denke ich, müssen sie wohl aussehen, die "neuen Wege", die uns die wirklich "neuen Technologien" abverlangen. Nur mal eben einen vermeintlich alten Zopf abzuschneiden, um einen anderen, dem auch schon die Haare ausfallen, bequemer flechten zu können, das wird uns garantiert keinen Platz an der Sonne sichern.

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