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M. Michaelis: "Blinde und Sehbehinderte im dritten Lebensabschnitt"

Marburger Schriftenreihe zur Rehabilitation Blinder und Sehbehinderter, Band 10

"Blinde und Sehbehinderte im dritten Lebensabschnitt" zusammengestellt von Dr. Annelise Liebe, Marburg 1994

Angst vor dem Ruhestand-

Angst hatte ich zwar nicht, aber ich freute mich auch nicht darauf, wie ich es immer wieder von anderen höre, die Monate und Tage zählen bis, ja, bis es endlich soweit ist. Zu denen gehöre ich nicht. Ich habe mein Berufsleben voll ausgeschöpft und kannte den Zeitpunkt der Verabschiedung. Es gibt Abschiede auf die Du Dich vorbereiten kannst wie auf einen Ortswechsel sie haben ihren Platz in Deinem Bewußtsein.

So war das bei mir. Wie jemand aus dem Arbeitsleben aussteigt und in den Ruhestand überwechselt, ist eine Frage der Persönlichkeit und hängt im besonderen mit der Art und den Umständen der Berufstätigkeit zusammen. Natürlich spielt die Gesundheit eine große Rolle. Wer sich nur noch quält, um seine Aufgaben zu erfüllen, wird den Zeitpunkt herbeisehnen - mit Recht. Für diese Menschen stellt sich dann der Ruhestand anders dar. Viele, die vorzeitig aus dem Beruf ausscheiden, hatten nicht gerade ihren Traumberuf - sie sind möglicherweise in eine Berufstätigkeit hineingekommen, weil es sich anbot und vernünftig war. Außerdem ändern sich im Laufe der Jahre die äußeren Arbeitsbedingungen, wechseln Vorgesetzte, Kollegen und Kolleginnen, verschiebt sich das Arbeitsklima insgesamt. Das alles kann dazu führen, sich auf den Ruhestand zu freuen. - Bei mir war es ganz anders. Ich hatte trotz einiger Umwege schließlich den Beruf, den ich mir seit meinem 4. Lebenjahr wünschte: Lehrerin - Und sich von Kindern und dem ganzen Umfeld Schule zu lösen, ist schwer. In dieser Zeit sagte ich einmal: Jetzt habe ich endlich gelernt zu unterrichten und muß jetzt aufhören. Wie bin ich nun damit umgegangen- Die letzten Monate in der Schule habe ich sehr bewußt erlebt und intensiv Abschied genommen. Danach - ging es weiter. Genau das, was ich geplant und für den Ruhestand vorbereitet hatte, zerschlug sich. Aber anderes, vieles kam auf mich zu. Fast ohne mein Zutun.

Ich war Presbyterin in der Gemeinde geworden und erhielt viele Aufgaben. Mit meinem Mann zusammen hatte ich den Besuchsdienst in mehreren Altenheimen übernommen. Meine schriftstellerische Tätigkeit weitete sich so aus, daß eine echte Arbeit daraus wurde. Das alles erlebe ich mit Staunen und Dankbarkeit. Mein Ruhestand ist mit Leben gefüllt. Ich möchte anderen Mut machen.

Nicht krampfhaft Hobbys ausdenken, abwarten, kommen lassen! Ich hörte einmal, wie eine Frau sagte: Ich schenke meinem Mann ein Tonbandgerät zum Geburtstag, er soll sich schon damit beschäftigen, weil er nächstes Jahr pensioniert wird. Hobbies für den Ruhestand - dagegen ist nichts zu sagen. Endlich Zeit haben, alles mit "Ruhe" machen, alles, was einem Spaß macht. Ich halte es aber für bedenklich, alles darauf zu setzen und zu meinen, das könnte genügen. Daneben oder dagegen halte ich: Offen sein für das, was einem begegnet - sich nicht zurückziehen, auch nicht mit seinem Hobby. Das Leben hält immer noch "Überraschungen" bereit. Signale wahrnehmen - sich ansprechen lassen. Viele sehende Menschen fürchten sich vor dem Ruhestand - vor dem "Loch" - in das sie abstürzen könnten. Dabei hat es doch den Anschein, als stände ihnen weiterhin alles offen. Und sehbehinderte und blinde Menschen- Sind sie nicht viel mehr und stärker betroffen-

Viele erfahren durch ihren Beruf Anerkennung und Bestätigung - haben Erfolg. Und wenn das aufhört, was dann-

Darüber gibt die Broschüre "Blinde und Sehbehinderte im dritten Lebensabschnitt" in lebendiger und geradezu "farbiger" Weise Auskunft. Bearbeitet und zusammengestellt von Dr. Annelise Liebe, Universitätsoberrätin i. R. - sie schrieb auch das Vorwort. In 37 Beiträgen, die teilweise recht persönlich gehalten sind, schildern blinde und sehbehinderte Autorinnen und Autoren "ihren" Ruhestand. Darunter sind Kriegs- und Zivilblinde. Zeitpunkt und Verlauf des Blindwerdens sind unterschiedlich. Die Leistungen im Berufsleben und die Einstellung zum Ruhestand werden eindrucksvoll und überzeugend dargestellt. Das Buch läßt nachdenken und macht Mut - allen Menschen, die auf den Ruhestand zugehen, nicht nur blinden und sehbehinderten.

Die Schwarzschriftausgabe der Broschüre kostet DM 15,-, die Kassettenversion (4 C 90-Kassetten) DM 25,-.

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