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Zum Artikel Hahn
Es drängt mich, zu dem Artikel von Herrn Hahn in Marburger Beiträge, Nr. 5 - 1994, ein paar Worte zu schreiben.
Zunächst einmal danke ich Herrn Hahn dafür, daß er sich so ausführlich und so gründlich mit dem Problem "Blindenkurzschrift und Computer" beschäftigt. Obwohl erst der erste Teil seiner Ausführungen zu lesen war, so spürt man doch, daß es Herrn Hahn ein Herzensanliegen ist, die Blindenkurzschrift zu retten. Das freut mich außerordentlich.- Auch für mich ist die Blindenkurzschrift eine "Heilige Kuh", die auf keinen Fall geschlachtet werden darf.- Nichts gegen Hörbücher und nichts gegen Computer. Diese Hilfsmittel haben ihren Platz und wir Blinde sind dankbar, daß es auch sie gibt.- Doch wie kann man auf den Gedanken kommen, die Blindenkurzschrift in ihren Grundzügen zu ändern oder gar aus der Welt zu schaffen-
Vor meiner Erblindung vor etwa 50 Jahren war ich eine richtige Leseratte.- Und als ich dann mit etwa 21 Jahren erblindete im Krieg, war es für mich besonders schmerzlich, neben der Abhängigkeit von fremder Hilfe, daß ich nicht mehr lesen konnte.- Sicher, es gab damals gleich freundliche Menschen, die uns Blinden vorlasen.- Und es gab auch das Radio mit literarischen Beiträgen. Um so größer war meine Freude, als ich dann nach Erlernen der Blindenkurzschrift wieder in der Lage war, ohne fremde Hilfe zu lesen.- Mit großem Eifer stürzte ich mich auf die Novellen bekannter Schriftsteller. Ich denke an "Der Schleier", "Der Opfergang" und an "Die Kreutzersonate".- Ich empfand die Erfindung von Louis Braille als eine großartige Sache.-
Die Blindenkurzschrift macht es mir möglich, in aller Stille und Ruhe zu lesen. Ich bestimme das Tempo des Lesens. Wiederhole was ich nicht verstehe.- Bin also ganz unabhängig. Auch erkenne ich die Schreibweise von Fremdwörtern oder von seltenen Namen.- Alles in allem, beim Lesen der Brailleschrift fühle ich mich als Blinder als ein ganz normaler Mensch.- Ganz besonders gern benutze ich die Brailleschrift, wenn ich Bücher lese, die man sehr aufmerksam und konzentriert lesen muß, so zum Beispiel die Heilige Schrift oder "Faust" von Goethe.- Auf einem Tonband läuft alles monoton ab und ich kann den Ablauf nicht beeinflussen. Ich kann höchstens den Rücklauf betätigen und noch einmal hören.- Bei der Blindenschrift kann ich verweilen an jeder Stelle, um nachzudenken, um eine Pause zu machen.- Alles in allem: Gäbe es diese Blindenkurzschrift nicht, ich käme mir amputiert vor als blinder Mensch.- Hans Wenclawiak
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