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K. Hahn: 3000 Kilometer Audiodeskription

Mit "Audiodeskription" ist - wie wohl die meisten wissen - die ergänzende Erläuterung eines Filmes gemeint, um uns Sehgeschädigte der vollen Wahrnehmung näherzubringen. Der Film lief dreidimensional vor den Fenstern eines Busses, die Bildbeschreibung war life, und wo immer möglich wurde sie durch unmittelbare Wahrnehmung dessen, was sich draußen abspielte, bekräftigt.

Der Film hieß "Island" und dauerte vom 6.-16.8.1995. Publikum waren 20 Sehbehinderte, Blinde und ihre Begleitungen unter der souveränen Leitung von Carla M. Arning. Die Hauptrolle hatte aber - und das war das Herausragende - die Bildbeschreiberin. Eleonore ist eine junge Frau aus Wien, der Island zur zweiten Heimat geworden ist. Vom ersten bis zum letzten Augenblick der Reise hat sie keine Gelegenheit ausgelassen, uns ihre Liebe zu diesem Land zu vermitteln und alle unsere Sinne für die Wahrnehmung einer phantastisch vielseitigen und gegensätzlichen Umwelt zu öffnen. In einem Land, in dem es im Winter kaum hell und im Sommer nicht dunkel wird, spielt das Licht eine große Rolle. Und man möchte

meinen, daß das Licht des Sommers die Menschen für die Dunkelheit des Winters entschädigt. Die Sonne versteht es, durch direkte Beleuchtung, mit Licht- und Schattenspielen, oder gefiltert durch unterschiedlich dicke und geformte Wolken auch in der Öde einer Sandwüste und in den schwarzen Schründen nackter Basaltfelsen faszinierende Schauspiele zu inszenieren. "Das Licht interpretiert die Landschaft immer wieder neu", sagte Eleonore, und sie wurde nicht müde, uns unentwegt und mit viel Phantasie alles das anschaulich zu beschreiben, was sich außerhalb des Busses abspielte. Und wenn es draußen mal wirklich nichts neues zu beschreiben gab, erfuhren wir viel über das Land und das Leben seiner Bewohner, das mehr als in jedem anderen europäischen Land von der Natur bestimmt ist.

Die zweitgrößte Insel Europas liegt an der Nahtstelle der eurasischen zur amerikanischen Kontinentalplatte, die beide stetig auseinanderdriften und so unterirdische Spalten öffnen, die unmittelbar zum heißen Inneren unserer Erde führen. Die Erdkruste ist hier nicht - wie sonst - mehrere hundert, sondern nur vier Kilometer und weniger dick, kurzum, die ganze Gegend ist ein einziges Pulverfaß. Wir können es vielleicht noch nachvollziehen, daß sich die Isländer durch die häufigen Erdbeben nicht mehr aus der Ruhe bringen lassen, sie haben die Bauweise ihrer Häuser und die Infrastruktur darauf abgestimmt. Aber es ist beeindruckend, wie gefaßt sie dem nächstfälligen Vulkanausbruch entgegensehen, der harmlos im unbewohnbaren Hochland verlaufen, aber auch die bewohnten Gebiete zerstören kann. Island ist durch vulkanische Tätigkeit entstanden, und seine Entstehung ist noch nicht abgeschlossen. Einen kleinen Vorgeschmack bekamen wir an den Sulfataren, wo die Erde heißen schwefelsauren giftigen Dampf und Schlamm aus ihrem Innneren fauchend, zischend und glucksend, aber allemal stinkend, an ihre Oberfläche bringt. Wir erkletterten einen mächtigen Wasserfall, der völlig ausgetrocknet ist, weil ein Erdbeben den Fluß kurzerhand umgeleitet hat.

Überhaupt sind Wasserfälle ein Markenzeichen der Insel, das uns täglich aufs neue in seinen Bann geschlagen hat. Unendliche Wassermassen stürzen aus den Hochländern durch Schluchten und über Felsen in die sanften, grünen Küstenregionen, unendliche Geröllmassen transportieren die Gletscherflüsse ins Meer. Doch nur wenige Kilometer weiter auf der nächsten Hochebene konnte uns ein Sandsturm mit seinen schwarzgrauen oder gelben Wolken umhüllen, unsere Gesichter mit feinem Sand panieren und uns eine Handvoll in den Jackentaschen als Andenken mitgeben.

Am meisten beeindruckt hat mich der Besuch beim größten Gletscher Europas, der mit einigen seiner zahllosen Zungen bis dicht an den Atlantik, also auf Meereshöhe, herabreicht. Da war die Bootsfahrt auf der kristallklaren Lagune, in die er haushohe Eisberge hineinkalbt, dann der kurze Aufstieg an einem der Gletscherbäche bis ans Ende der Zunge, wo die meterdicke Eiskappe plötzlich beginnt. Oben bei 2.000 m Höhe wird sie dann über 700 m stark.

"Auf Island gibt es kein Wetter," besagt ein Sprichwort, "es gibt nur Beispiele für Wetter. Wenn es dir nicht gefällt, dann warte eine Viertelstunde, dann kommt ein neues." Wir konnten mit unserem Sortiment zufrieden sein. Eiskalter Regen setzte uns nur am Südkap zu, sonst erlebten wir das Spektrum von beinahe null bis plus 25 Grad fast nur trocken, mit strahlend blauem Himmel, aber auch faszinierend schönen Wolkenbildern und Nebel.

Für unsere Reiseleiterin und den isländischen Busfahrer Eynar war es eine Herausforderung, uns Sehbehinderten und Blinden ihre Heimat zu öffnen. Unsere Neugier, Begeisterung und Faszination machte sie glücklich und spornte sie zu einem unglaublichen Arbeitspensum an. Noch größer wurde dadurch die Herausforderung für unsere sehenden Begleiter. Sie mußten mit uns über Steilhänge und an Abgründen entlang kraxeln, von Felsblock zu Felsblock turnen und an der vordersten Kante entlang balancieren, damit wir das Hörerlebnis des Wasserfalls auskosten, eine besonders

charakteristische Form ertasten, die Hand in die Brandung oder den Stock in den sprudelnden Kaminschacht eines heiß dampfenden Geysirs halten konnten. Aber auch hier sprangen unsere isländischen Begleiter ein, sogar als Pferdeführer bis spät in eine von Wolken und Mondlicht verzauberte isländische Nacht.

Auch wenn die Natur diese Reise so maßgeblich bestimmt hat, gab es dennoch viel Kunst und Handwerk zum Anfassen, Historisches ebenso wie Zeitgenössisches. Mit den Menschen Islands kamen wir nur wenig in Berührung, das ist der Nachteil jeder Gruppenreise. In den Geschäften, Museen und Unterkünften ist uns jedenfalls nur Freundlichkeit begegnet.

Überhaupt: Die Unterkünfte - sie wären einen eigenen Beitrag wert. Island ist touristisch nur im Umkreis einer Tagesreise um Reykjavik erschlossen. Man merkt das am Ausbauzustand der Straßen ebenso wie an der Zuwegung zu den Naturschönheiten. Da die Touristensaison - dem Sommer entsprechend - nur kurz ist, gibt es nur wenige Hotels. Sie werden ergänzt durch ein gutes Netz von Internatsschulen, die den Reisenden während der Sommerferien als "Edda-Hotels" offenstehen. Sie bieten eine meist vorzügliche Verpflegung, die dem Preisniveau durchaus gerecht wird. Die Zimmer sind freundlich und einfach, doch bei den sanitären Anlagen gab es oft quälende Engpässe.

Ein Erlebnis ist uns leider fast völlig verschlossen geblieben: Die Stille des einsamen Landes. Die Versuche, die ganze Gruppe gelegentlich zum Stillsein zu bewegen, mußten scheitern. Das reichhaltige Tagesprogramm ließ keine Zeit für so extravagante Einzelgenüsse. Aber gemessen an den überwältigenden Schönheiten dieses Landes kann unsere Reise nur ein Schnupperkurs gewesen sein.

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