horus

Startseite > horus & Broschüren > 4/1995

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


U. Boysen, A. Wohnig: Der Hörtip

Vorbemerkung

Bislang waren die Hörtips in den "Marburger Beiträgen" immer sehr kurz. Ich möchte diese Tradition ändern, da ich es für lohnend halte, bisweilen detaillierter auf einzelne Veröffentlichungen aus unserem ADW einzugehen. So können wir gemeinsam Bücher besser kennenlernen, uns mit Ideen vertraut machen, die uns bisher fremd waren, und im privaten wie im öffentlichen Raum diskussionsfähiger werden.

Ich würde mich freuen, wenn auch andere Nutzerinnen und Nutzer des ADW meinem Beispiel folgen und uns alle an ihren Lesefrüchten teilhaben lassen.

Das Recht als Familie

Fünf Jahre nach der deutschen Vereinigung spielen Begriffe wie "Unrechtsstaat" oder "Unrechtsherrschaft" immer noch eine große Rolle bei der Bewertung des sozialistischen Rechts der DDR. Die Diskussion um das DDR-Strafrecht mit seinem Republikflucht-Paragraphen 213 und um die Praxis der Rechtsverweigerung für diejenigen, die Ausreiseanträge gestellt hatten, um nur zwei Beispiele herauszugreifen, läßt - wie auf vielen anderen Gebieten - den Rest vom Schützenfest verblassen.

Gerade deshalb ist die Geschichte, die Inga Markovits in ihrem Buch "Die Abwicklung" in Form eines Tagebuches erzählt, so wichtig und lesenswert. Sie betrachtet die DDR und ihr Rechtssystem mit den scharfen Augen einer Ethnologin, die verstehen will, warum etwas so gewesen ist, wie es wirklich war und warum es vielleicht nicht hat funktionieren können. Aber nicht nur die Dinge sind es, die sie interessieren, nicht nur beispielsweise die offensichtlich erheblich detailliertere Justizstatistik der DDR, die jedoch nie veröffentlicht wurde (vgl. S. 54), sondern auch die Menschen, konkreter die Richterinnen und Richter, die in Ostberlin bis zum 2. Oktober 1990 arbeiteten. Ihren großen und kleinen Schwächen, den Einschätzungen über ihre Fehler, aber auch ihren Möglichkeiten geht dieses Buch in einfühlsamer Weise und klarer Sprache nach. Da lernen wir Frau Fischer kennen, eine junge Arbeitsrichterin aus der Berufungsinstanz, oder Frau Schomburg, die schon knapp vor der Pensionierung stehende Familienrichterin. Wir lernen verstehen, mit welchen Hoffnungen sie die DDR betrachteten und fragen uns immer wieder unwillkürlich, was nach den fünf Jahren, die ihre Begegnungen mit der Autorin zurückliegen, jetzt wohl aus diesen Menschen geworden ist.

Auch theoretisch ist das Buch nicht ohne Anspruch. So zeigt Markovits treffend die Widersprüche zwischen "einer tönenden und hohlen öffentlichen Moral und den alltäglichen Überzeugungen privater Männer und Frauen" auf (S. 95).

Auch wenn sich Inga Markovits, die inzwischen in Wismar dabei ist, die kompletten Akten eines DDR-Kreisgerichtes zu rekonstruieren, in erster Linie an Juristinnen und Juristen wendet, können auch juristische Laien bei der Lektüre dieser acht Kassetten viel über sozialistisches Recht, aber auch über das Recht der westlichen Demokratien lernen.

Aber warum habe ich in der Überschrift dieser Rezension Recht und Familie verglichen- Die Antwort ist recht einfach: Nach westlichem Verständnis ist Recht dazu da, anonyme Beziehungen, häufig Marktbeziehungen, zu regulieren oder - wie im Familienrecht - familiäre Beziehungen in rechtliche Regelungen

umzuwandeln. Genau diese Rolle spielte das Recht in der DDR, folgt man der Verfasserin, nicht. Hier war Recht nicht anonym, sondern greifbar, nicht kalt, sondern eher warm, versehen mit einem erzieherischen Auftrag, eingebettet in ein einheitliches Menschenbild. Warum diese Konzeption scheiterte und wohl auch scheitern mußte, erfährt, wer dieses hervorragend aufgelesene Buch bestellt.

Inga Markovits: Die Abwicklung: Ein Tagebuch zum Ende der DDR-Justiz. München: Beck, 1993. Best.-Nr. des ADW 3874, 8 Kassetten.

Täppas Fogelberg: Bevor es dunkel wird; Arche Verlag, Zürich/Hamburg 1995

Der Bericht des schwedischen Fernseh- und Rundfunkjournalisten über die Erfahrungen im Umgang mit seiner unheilbaren Netzhauterkrankung und den Reaktionen seiner Umwelt (siehe Buchbesprechung von Jutta Fürst in den Marburger Beiträgen Nr. 4/1995 und im horus Nr. 3/1995) ist nun auf Kassette beim Aufsprachedienst des DVBS erhältlich. Sie können es unter der Bestellnummer 4370 zu den üblichen Bedingungen im ADW zum Preis von DM 48,- für Berufstätige und DM 24,- für Studierende bestellen. Andreas Wohnig

Zurück zum Inhalt von 4/1995 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe