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Die Allotria Jazzband aus München spielte in der Blista
Sozusagen auf der Durchreise von einer Riverboatshuffle auf dem Neckar und einem Konzert beim Biedenkopfer Jazzclub machten die sieben virtuosen "Allotrianer" in Marburg Station und zogen über 4 Stunden lang ein begeistert mitgehendes Publikum von fast 300 Zuhörern in ihren Bann. Ihre regionale Heimat ist München, wo sie seit langem die Musikszene des traditionellen Jazz beherrschen, ihre musikalischen Schwerpunkte liegen im Dixieland und Swing, aber auch Ragtime, Boogie und Blues blenden sie nach Bedarf ein. Wer sie schon länger kennt oder vor 4 Jahren im Bürgerhaus Cappel gehört hat, dem ist sicher aufgefallen, daß sich die vitalen Musiker ständig weiterentwickeln, jetzt eher zu fetzigem, dynamischem Swing tendieren und die heiter-lässigen Dixieland-Improvisationen seltener spielen. Ist der zweite Trompeter Pit Müller noch mit dabei, reklamiert die Band mit berechtigtem Stolz den kompakten Sound (4 "satte" Bläser) einer "Small Big-Band (freilich) ohne den Anspruch auf Jazzpurismus".
So spielt jetzt am Piano der baumlange Keith Little leichthändig swingend und immer gut drauf. Jürgen Hinz, früher unerschütterlich und mit ernster Miene am Baß zugange, zupft jetzt spielerisch einfallsreiche Soli auf der Gitarre, die statt des bisher dort plazierten Banjos den swingenden Rhythmus der Band forciert. Statt seiner reißt nun Peter Cischek konzentriert und unkonventionell an den langen Saiten des Kontrabasses. Das
Rückgrat der Rhythmusgruppe ist natürlich wie eh und je Gregor Beck, viel umworbener Drummer mit Soli, die bei jedem Fan ein seltsames Kribbeln auslösen, er ist dabei stets heiteren Gemüts und schier unbegrenzt belastbar. Bei Englishman Colin Dawson hört der Kenner sofort die "Patenschaft" von Roy Eldridge, während der Laie darüber grübelt, woher der zierliche, vornehme Herr in feinem Zwirn soviel Luft für seine Trompete hernimmt... Zwischendurch verdreht der urwüchsige Fritz Stewens bisweilen die Augen, um der Posaune herrliche Läufe zu entlocken, im traditionellen Stil an die subtile Phrasierung des jungen Chris Barber erinnernd. Bei Bandleader Rainer Sander, dem organisatorischen und musikalischen Motor der Band, gefiel dem Musikkritiker der Oberhessischen Presse, Ralf Rohmann, besonders sein "elegant perlendes Spiel auf Klarinette und Saxophon"; bei vielen Stücken verrät er unverkennbar die Strenge Zucht klassischer Klarinettenkultur, in der er natürlich auch seit eh und je zu Hause ist. Jan Morks, Star-Klarinettist der legendären niederländischen Formation "Dutch Swing College Band", dürfte stolz darauf sein, daß u.a. auch er musikalische Bezugsperson für "Knax" ist, wie ihn seine Freunde liebevoll nennen.
Dr. Rainer Sander, angesehener Oberarzt in einem Münchener Krankenhaus, findet immer leicht den Weg nach Marburg, hat er doch in den 60er Jahren hier studiert und der Studentenband "New College Six" rasch zu überregionaler Bekanntheit verholfen: Caveau, Club Voltaire. Club E waren die urigen Stammlokale dieser Band, wenn sie nicht gerade eine Tournee - bisweilen sogar über Europas Grenzen hinaus - unternahmen. Manfred "Koffie" Kaufmann, Mike Schneider, Chris Büttner, Till Schierer und Barthold Hornung waren dann natürlich mit von der Partie. Die typische Atmosphäre, der sogenannte Zeitgeist der 60er Jahre nistete besonders nachhaltig im Club Voltaire, den der unvergessene Barry Hyams zu einem stilvollen Treffpunkt nonkonventioneller Denker ausgestaltet hatte; keinen Kenner der Szene von damals beschleichen nicht wehmütige Erinnerungen an diese bewegte Zeit, die
längst Geschichte ist. Auch die genuien Marburger Jazzgrößen Pete Schmidt und "Mac" Mackowiak spielten zuweilen als Gäste, besonders stimmungsvoll natürlich an lauen Abenden in der Burgruine am Frauenberg unter dem Motto "Jazz an einem Sommerabend...".
Daran sollte am 24. Juni 1995 angeknüpft werden, und die Veranstaltung in der Blista geriet wohl durchaus zum Erfolg, obwohl es immer schwerer fällt, in dem dicht gedrängten Veranstaltungskalender der Universitätsstadt noch einen Termin einzupassen, der eine größere Resonanz verdient. So waren die drängendsten Sorgen der Veranstalter das Wetter - es reichte so gerade für ein Open-air-Konzert aus - und das Super-Pop-Festival im nahegelegenen Treysa, wo keine geringeren Größen als Elton John, Eros Ramazotti und Joe Cocker auftraten; trotzdem schlenderten letztendlich genügend Fans zur Blista und genossen die Weitläufigkeit des Geländes, das sich zur Durchführung der Veranstaltung als überaus geeignet erwies.
In der Loggia des Pausenhofes waren die Musiker auch vor ein paar Regentropfen geschützt gewesen, auf dem Hof selbst konnte man gemütlich sitzen, aber auch direkt vor den Akteuren stehen und "mitwippen". Für Essen und Trinken zu zivilen Preisen war gesorgt, Frau Berghöfers Mitarbeiterstab versah die Gastronomie wie immer perfekt, im nahen Speisesaal konnte man auch einmal in Ruhe etwas besprechen; derweil tollten die Kinder quer über das ganze Gelände, während nicht wenige Youngsters selbst erstaunt waren, daß sie trotz Techno im Ohr sich der Faszination dieser Musik nicht ganz entziehen konnten.
Die besondere Klasse dieser Band, in über 25jähriger Professionalität gereift, erschließt sich nach wenigen Takten auch dem musikalischen Laien, der nicht weiß, wem genau er da zuhört: einem außergewöhnlichen Orchester, das zu den
profiliertesten Bands des traditionellen Jazz in Europa gehört, aber auch auf zwei Dutzend Konzertreisen nach Nordamerika ins Ursprungsland des Jazz Fuß fassen konnte, so etwa als beste Band des Jazz Jubilee in Sacramento (California) ausgezeichnet wurde. Ob beim Galakonzert in der Münchener Philharmonie zusammen mit Dizzy Gillespie, ob im Convention Centre in Los Angeles, ob beim Abschlußkonzert des Internationalen Dixieland-Festivals in Dresden vor über 10.000 Zuhörern oder bei "Jazz an einem Sommerabend" auf dem Gelände der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg - die Allotria-Jazzband verströmt mit ihrem gewaltigen Sound und den sensiblen Soli aller Akteure nach meist eigenen Arrangements eine unnachahmliche Atmosphäre. Dieser Glanz bleibt natürlich erhalten, wenn gegen Ende des stimmungsvollen Abends auch musikalische Weggenossen von einst in einer Art Jam-Session einbezogen werden und das Lokalkolorit untermalen. Auch wenn Bandleader Rainer Sander für vergleichbare Veranstaltungen jederzeit offen ist (089 / 333310), so ganz leicht ist es für einen Privatmann nicht, einem solchen Konzert einen angemessenen Rahmen zu verschaffen: Ohne die großzügige Unterstützung des Direktors der Deutschen Blindenstudienanstalt, Jürgen Hertlein, ohne den stellvertretenden Schulleiter der Carl-Strehl-Schule, Jochen Lembke, der die Idee dazu hatte, ohne das organisatorische Rückgrat der stets freundlichen Mitarbeiterinnen in der Küche und des findigen Lösers aller Probleme, Karl-Heinz Wisker, und ohne die selbstlose Mithilfe vieler Kolleginnen und Kollegen hätte der Abend nicht so verlaufen können, daß die erfolgverwöhnte Band ein eigenes Dankeschreiben an uns alle schickt, es habe ihnen ausgesprochen gut gefallen in der Blista...
Vielleicht sind Sie wieder - und Sie dann auch einmal - dabei, wenn erneut angekündigt wird: "Jazz an einem Sommerabend mit der Allotria-Jazzband aus München".
Manfred Rauch
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