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Wer den pensionierten Oberstudienrat Walter Hietel wie ich einmal besuchen darf, kann sich auf eine höchst unterhaltsame Begegnung freuen. Der freundliche Empfang am Eingang des herrlich gelegenen Anwesens in der Haustatt überzeugt auch seine Eurasierhündin Benta, daß Herrchen sich offensichtlich in guter Gesellschaft befindet, und so schreitet sie alsbald majestätisch von dannen. Auf der großen Terrasse genießt man einen weiten Blick in die Marbach, wobei die Sonnenuhr lautlos die astronomische Zeit anzeigt. Der Hausherr hat bereits alle Vorbereitungen getroffen, um eine Tasse Tee zu servieren, eine eigene Mischung nach allen Regeln der Teezubereitungskunst, köstlich ...
Walter Hietel wurde 1921 in Görkau bei Komotau (heute Tschechien) am Südhang des Erzgebirges geboren; mit 13 Jahren büßte er bei einem unglücklich verlaufenen Experiment seine Sehkraft beinahe völlig ein. Gleichwohl erwartete sein Vater baldige Mithilfe des einzigen Sohnes in der gut gehenden Stahlsandfabrik, also keine Höhere Schule, sondern der Erwerb praktischer Fähigkeiten war als Bildungsgang des sprachbegabten Jünglings vorgesehen: Volksschule (fünf Jahre), Bürgerschule (drei Jahre, vergleichbar der heutigen Realschule) und ein Jahr Handelsschule in Prag.
Fremdsprachenbeherrschung sollte den Export des väterlichen Unternehmens in 28 Länder fördern helfen. Dann stand natürlich auch eine blindentechnische Grundausbildung an, für den nunmehr 18jährigen Walter Beginn eines Intermezzos in Marburg. Dort vermittelte ihm Dr. Emil Freund in einem halben Jahr vor allem solide Punktschriftkenntnisse, Prof. Carl Strehl räumte ihm sogar noch ein Jahr Handelsschule bei Franz Ruhl ein; er mußte dann allerdings zurück, weil der Platz für einen bildungswilligen Kriegsblinden vorgesehen war.
So ging Walter Hietel 1942 nach Leipzig, wo er nur drei Jahre später das Dolmetscherexamen für Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch ablegte. Mit Deutsch und Tschechisch beherrschte der junge Mann nun sechs Sprachen fließend, eine ungewöhnliche Leistung, mit der endgültig die außergewöhnliche Sprachbegabung Walter Hietels erwiesen war.
Die Wirren des zu Ende gehenden Krieges veränderten jedoch seinen angebahnten Berufsweg, so holte er in der schwierigen Nachkriegszeit die höhere Schulbildung in Form des Begabtenabiturs nach, studierte Englisch und Philosophie in Erlangen, und später in Marburg noch Romanistik dazu. 1958 schloß er in Fulda sein zweijähriges Referendariat erfolgreich ab.
Dr. Mittelsten Scheid hätte ihn gerne im damals noch kleinen Kollegium der Carl-Strehl-Schule gesehen. Prof. Strehl konnte dem jungen Neuphilologen angesichts gleichbleibender Schülerzahlen für längere Zeit keinen Platz einräumen. So begann seine Lehrerkarriere in Fulda an einem Gymnasium und war damit, ohne daß er darum viel Aufhebens gemacht hätte, einer der ersten blinden Lehrer an der Regelschule, insgesamt sieben Jahre lang ...
Lautlos, aber mit strenger Miene tappt unverwandt Benta in fuchsrotem Gewand herbei, es ist auf die Minute genau 16.30 Uhr, der Zeitpunkt, den Herr Hietel mir schon zuvor als Ende unseres Gespräches avisiert hatte; eine Verschiebung des alltäglichen Nachmittagsspaziergangs würde die ältere Dame gewiß verstimmen, und das wollen wir ja nun vermeiden! Die Zeit war wie im Fluge vergangen, so viele interessante Ereignisse aus dem Leben Walter Hietels waren nur angetippt, viele Probleme gar nicht erst angesprochen. Ich wünsche mir eine Fortsetzung des Gesprächs, aber in den nächsten Tagen steht erst einmal eine Flugreise nach Fuerteventura an, um den Sommer zu verlängern, spanische Konversation ist dabei selbstverständlich. Danach jedoch darf ich wiederkommen ...
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