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J. Nagel: Orientierungs- und Mobilitätsunterricht in Thüringen

Seit vielen Jahren werden an der Deutschen Blindenstudienanstalt in der Abteilung Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte (RES) Rehabilitationslehrer für Blinde und Sehbehinderte ausgebildet.

Auf Grund der guten Kontakte zwischen dem BSV Thüringen und der Rehabilitationseinrichtung der Deutschen Blindenstudienanstalt entstand die Idee, Orientierungs- und Mobilitätsunterricht (O & M) in Thüringen anzubieten, auch deshalb, weil es solche Rehabilitationsangebote in Thüringen kaum gibt. In Zusammenarbeit mit der Geschäftsführerin des BSV Thüringen, Frau Schirmer, wurde sie in eine konkrete Planung umgesetzt. Im Februar 1995 fanden erste Vorgespräche mit den Interessenten für einen Unterricht in O & M in Georgenthal statt. Die Anzahl der Interessenten war so groß, und deshalb mußte die Teilnehmerzahl für den in den Orten Sonneberg, Neuhaus am Rennsteig und in Hildburghausen stattfindenden Unterricht leider begrenzt werden. Nachdem alle erforderlichen Vorbereitungen, wie zum Beispiel Kostenbeantragung bei den Krankenkassen, die Unterbringung der Reha-Lehrer, abgeschlossen waren, begann am 12. Juni 1995 der Unterricht. Insgesamt konnten sechs Personen am 13. Juli 1995 ihren Unterricht erfolgreich abschließen, sehr zur Zufriedenheit auch der Rehabilitationslehrer.

Die unzureichende Versorgung mit Rehabilitationsangeboten bleibt in Thüringen leider nach wie vor bestehen. Als Ergänzung zu diesem Beitrag wird der nachfolgende Artikel aus der Zeitung "Freies Wort", Redaktion Hildburghausen, ausgewählt und abgedruckt, der im Juli 1995 erschienen ist.

Mit dem Stock "sehen" lernen

Mobilitätstraining für Blinde

Hildburghausen (rex). Bislang konnte Renate Krämer (55) aus Hildburghausen nur mit "sehender Begleitung" aus dem Haus gehen. Sie ist blind. - Schon seit ihrer Kindheit.

Früher habe sie als Telefonistin in einem Betrieb der Kreisstadt gearbeitet, wurde jeden Tag mit dem Betriebsauto zur Arbeit gebracht und wieder zurück, sagt sie. Jetzt gibt es diesen Betrieb nicht mehr. Renate Krämers Kontakte zu den Mitmenschen haben sich erheblich reduziert: Einkaufen, Stadtbummel, Ämtergänge - sind nur mit Begleitung möglich. Doch das wird sich jetzt ändern.

"Ich hätte nie im Leben geglaubt, die Strecke von der Luxemburg-Straße bis zu meiner Wohnung in der Neubauer-Straße alleine zu bewältigen," sagt Renate Krämer stolz. Daß sie das jetzt schafft, ist einem speziellen Unterricht für Blinde geschuldet, der seit fünf Wochen in der Kreisstadt läuft. Offenkundig mit Erfolg.

Unter fachkundiger Anleitung eines fünfköpfigen Teams der Deutschen Blindenstudienanstalt e. V. Marburg, einer Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte, erhalten derzeit drei Blinde in Hildburghausen individuellen Unterricht. "Das, was wir machen, nennt sich Training zur Orientierung und Mobilität", erläutert Christel Burghof, eine der Rehabilitationslehrerinnen. Die Idee mit dem Blockunterricht in jeweils einer Stadt sei in Zusammenarbeit mit dem Blindenverband Thüringen entstanden. Jeweils 80 Stunden Unterricht sind für jeden blinden Klienten vorgesehen. Die Krankenkassen beteiligten sich an der Finanzierung.

Der Unterricht, so Christel Burghof, sei individuell auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten. "Wir fangen da an, wo der jeweilige Klient steht," sagt die Lehrerin. Einer der Klienten erhalte beispielsweise Unterricht in praktischen häuslichen Fähigkeiten. Ein Schema gebe es allerdings nicht. Jeder Fall ist eine neue Herausforderung für den Rehabilitationslehrer, den jeder Blinde für die Dauer des Unterrichts an die Seite gestellt bekommt. Ziel des Trainings sei es, das selbständige Bewegen des Blinden - unter Zuhilfenahme des Stocks - in seiner unmittelbaren Umwelt zu erproben. Dabei lernt der Klient, sich in geschlossenen Räumen, z. B. öffentlichen Gebäuden, zurechtzufinden. Er lernt, sich unter Bewußtmachung seiner Sinne, die unmittelbare Umgebung zu erschließen, Treppen zu steigen, Türen zu finden und vieles mehr.

Renate Krämer hat auf diese Weise das Landratsamt kennengelernt. Das nächste Mal wird sie es ohne Scheu betreten, wird sich erinnern können, wo die Durchgänge sind und wie der Lauf der Treppen mündet. Für sie als Blinde war es "ein hartes Stück Arbeit".

Schließlich kommt das Außentraining. Der Reha-Lehrer probt mit dem Blinden, wie er die vermeintlichen täglichen Hürden umgehen und seinen Aktionsradius erweitern kann. - Auch für Renate Krämer ein Stück Eroberung der Umwelt. Jetzt hat sie Mut bekommen, Gehwege alleine entlangzugehen, Hauseingänge ohne fremde Hilfe zu finden, Treppen zu steigen, Hindernisse zu umgehen und sogar Straßen allein zu überqueren. "Nächste Woche werde ich es wieder probieren," sagt sie zuversichtlich. In ihrer Wohnung könne sie sich gut zurechtfinden, sagt sie. Hausarbeiten wie Waschen, Bügeln, Fensterputzen schafft sie ohne Hilfe. Durch das Mobilitätstraining sind nun auch Voraussetzungen geschaffen, daß Renate Krämer, sich ein weiteres Stück Bewegungsfreiheit, ein weiteres Quentchen Lebensqualität "selber erarbeiten kann".

Übermorgen schon könnte es sein, daß man der gepflegten Dame mit dem Blindenstock im Schloßpark begegnet. Dann darf auch Christel Burghof zufrieden sein mit ihrer Arbeit. In Ruhe zurücklehnen kann sie sich noch lange nicht. "Der Bedarf an Mobilitätstraining für Blinde und Sehschwache ist immens," versichert sie. (Aus "Freies Wort", Hildburghausen 7/95)

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