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1. Vorbemerkungen
Bekanntlich hat sich mit der rasant zunehmenden Verbreitung von EDV-Technologien in nahezu allen Bereichen des modernen gesellschaftlichen Lebens die Versorgung blinder und hochgradig sehbehinderter Menschen mit Informationen jeglicher Art wesentlich verbessert. Nicht nur durch die Entwicklung brauchbarer Texterkennungssysteme (Scanner/Lesegeräte), sondern zunehmend auch durch die direkte Verbreitung von Informationen mittels Dateien (digitaler Daten) ist ein uralter Traum blinder Menschen inzwischen Wirklichkeit geworden: Sie können heute auch Schwarzschrift lesen.
Der folgende Beitrag beschäftigt sich nicht mit den gelösten, noch zu lösenden oder unlösbaren Problemen der Scanner-Technologie für Blinde und Sehbehinderte, sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf die Technik des direkten Lesens elektronischer Dokumente. Der erste Teil befaßt sich mit Fragen der grundsätzlichen Rezeptionsproblematik unter besonderer Berücksichtigung der Probleme, die sich beim Lesen von Textdateien mit Hilfe sehgeschädigtenspezifischer Peripheriegeräte (Braillezeilen, synthetische Sprachausgaben oder Bildschirmvergrößerungssysteme) aus mediendidaktischer Perspektive ergeben. Im zweiten Teil wird anschließend eine Software-Neuentwicklung vorgestellt, mit deren Hilfe versucht werden soll, die auftauchenden Probleme zu lösen. Aus platztechnischen Gründen beschränkt sich die Darstellung der Software-Entwicklung dabei auf die System-Komponente, die dem Anwender zur Verfügung gestellt wird. Die System-Komponenten, mit denen die erforderlichen Spezial-Dateiformate erzeugt werden, können hier nicht beschrieben werden (1).
Die vorgestellte neue Software wird - in Orientierung an ihre Zweckbestimmung - als "Lesesoftware" bezeichnet, weil sie dazu dient, das Lesen von Textdaten zu optimieren. Sicherlich wäre die Charakterisierung und Eingruppierung dieses Programmsystems als "Hypertext-" oder "Retrieval-Software" nicht falsch; eine solche Kategorisierung würde jedoch die Erwartungshaltung in eine ungewollte Richtung drängen, ohne zur Begriffsklärung beizutragen. Im Gegenteil, statt den Gegenstand präzis zu beschreiben, würde das Augenmerk eher vom Kern des Anliegens abgelenkt.
2. Problemdarstellung
Die Probleme beim Austauschen und Rezipieren von Daten beginnen mit der Auswahl des geeigneten Dateiformats. Nahezu jedes der verbreiteten Textverarbeitungssysteme verwendet beim Speichern von Daten ein eigenes, spezielles Dateiformat. Dies ist solange unproblematisch, wie der gespeicherte Text mit demselben Textverarbeitungssystem wieder geladen und damit gelesen wird. In der Regel erfährt der Anwender überhaupt nichts über die Art der Codierung beim Speichern und Decodierung beim Laden der von ihm erfaßten Texte. In der Tat muß er es auch gar nicht wissen und braucht sich über solche Dinge keine Gedanken zu machen, wenn und solange er mit ein und demselben Progamm Texte schreibt und liest (speichert und lädt). Soll der Text jedoch mit einem anderen als dem beim Erfassen benutzten Programm gelesen werden, beginnt der Katzenjammer. Unentwirrbarer "Datenschrott" erscheint am Bildschirm und infolgedessen auch auf der Braillezeile, auf dem Bildschirmvergrößerungssystem, und der Sprachausgabe verschlägt es buchstäblich die Sprache.
Da beim Austausch von Textdaten nicht davon ausgegangen werden kann, daß der Rezipient das gleiche Textverarbeitungsprogramm wie
der Erfasser verwendet, scheidet der Weg über die Einigung auf ein bestimmtes Programmsystem in der Regel aus.
2.1 Die ASCII-Datei als Ausweg-
Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen, werden textuelle Informationen als Dateien häufig nicht im Format eines speziellen Textverarbeitungsprogramms ausgetauscht, sondern als sog. ASCII-Datei (ASCII = "American Standard Code for Information Interchange"), einer international anerkannten Codierungsform für die Zuordnung von 256 Schriftzeichen zu festgelegten Bit-Mustern.
Doch die Einsatzmöglichkeiten einer ASCII-Datei sind hinsichtlich Strukturierung und Gestaltung von Textdokumenten sehr beschränkt; denn im Kern regelt das ASCII-Format lediglich die Zuordnung von Schriftzeichen zu Bit-Folgen, damit den Inhalt eines Textes, nicht jedoch dessen Form (Struktur und Layout). Die Darstellungsformen von ASCII-Texten beschränken sich auf die Möglichkeiten mechanischer Schreibmaschinen, und diese sind bekanntlich sehr bescheiden. Die ASCII-Datei kennt weder strukturspezifische noch layoutspezifische Codierungsvorschriften. So ist beispielsweise die Unterscheidbarkeit von "Überschrift" und "ausführendem Text" oder die zwischen unterschiedlichen Kapitelhierarchiestufen codierungstechnisch nicht vorgegeben. Auch die Frage der äußeren Gestaltung eines Dokuments ist völlig ungeregelt. Deshalb eignet sich der ASCII-Code im Grunde nur zur Darstellung einfach strukturierter und möglichst kurzer Texte. Das gilt sowohl für den Fall, daß diese Informationen von einem vollsichtigen Menschen mittels Standard-Bildschirm als auch für den Fall, daß die Informationen von einem blinden oder sehbehinderten Menschen mittels Braillezeile, synthetischer Sprachausgabe oder Vergrößerungssystem gelesen werden sollen. Komplizierter strukturierte und layout-technisch anspruchsvoller gestaltete Informationen lassen sich auf Basis des ASCII-Standards kaum vermitteln.
Die eingeschränkten Einsatzmöglichkeiten sind spätestens dann nicht mehr zu übersehen, wenn es darum geht, wissenschaftliche Literatur in Form elektronischer Dokumente zu verbreiten. Beim Lesen längerer, u.U. minutiös strukturierter Texte als ASCII-Datei verliert jeder Leser den Überblick, und er sehnt sich verständlicherweise nach seinem gedruckten Buch zurück (ungeachtet, ob Punkt- oder Schwarzschrift), das ihm auf vielfältige Weise Orientierungshilfen anbietet: - Jedes Buch hat ein Inhaltsverzeichnis, das durch die bloße Aufführung der Kapitelüberschriften rasch einen Überblick über die behandelten Themen verschafft, mittels spontan interpretierbarer Darstellungstechniken den Rang innerhalb der Kapitelhierarchie anzeigt und über die Angabe der Seitenzahlen schnell zu erkennen gibt, in welchem quantitativen Ausmaß die Themen besprochen werden.
- Durch die grobe Aufteilung einer Buchseite ist unmißverständlich und unmittelbar erkennbar, welche Textelemente eigentlicher Lehrtext und welche Fußnotentext (durch eine horizontal verlaufende Linie vom Lehrtext abgetrennt, unten auf einer Druckseite untergebracht) oder Marginalien (seitlich neben dem Text angebrachte Schlagworte oder Zusammenfassungen) sind.
- Zumindest bei wissenschaftlicher Literatur enthält jede Buchdruckseite als Orientierungshilfe neben der Seitenzahlangabe noch einen Kolumnentitel, eine beim Durchblättern nicht nur nützliche, sondern geradezu unentbehrliche Suchhilfe.
- Durch layout-technische Gestaltungsmittel (Darstellung von unterschiedlich großen Leerräumen, Wahl von Schriftgraden und Schriftarten bei Schwarzschriftdruck, Einfügen von Hervorhebungszeichen bei Punktschriftdruck) werden wichtige Strukturinformationen weitergegeben, ohne daß durch Hinzufügen weiterer textueller Informationen der Lesefluß unnötig behindert werden muß.
2.2 Aneignung von Bildschirmdaten mittels Standard-Bildschirm
Zumindest bei umfangreichen Textdokumenten werden grundsätzlich nicht nur reine Informationsinhalte vermittelt, sondern stets Struktur- und Layout-Informationen als "Transporthelfer" eingesetzt, ohne die die inhaltliche Information den Empfänger kaum erreicht. Es werden beim Lesen von Dokumenten nicht nur Textinformationen inhaltlich aufgenommen, sondern mit den Mitteln der Strukturierung und Layout-technischer Bearbeitung des Textes zusätzliche Informationen weitergereicht.
Aus gutem Grund enthalten deshalb viele elektronische Druckdokumente nicht nur inhalts-, sondern auch formbezogene Daten. Bei den formbezogenen Daten kann sinnvollerweise zwischen struktur- und layout-orientierten (2) Spezifikationen und Realisierungsansätzen unterschieden werden. Ein typischer Vertreter für strukturorientierte Dokumentencharakterisierung ist beispielsweise SGML (3).
Der wohl bekannteste Vertreter für eine ausschließlich layout-orientierte Dateiformatierung ist die Seitenbeschreibungssprache POSTSCRIPT (4), deren Formatierungsanweisungen von speziellen Drucker- oder Bildschirmtreibern direkt ausgewertet werden. Das ursprünglich an der Stanford University in den USA entwickelte Satzprogramm TEX (5), insbesondere das von L. Lamport entwickelte TEX Style File LATEX (6) stellen Mischformen der beiden Grundtypen dar und enthalten sowohl struktur- wie auch layout-orientierte Steueranweisungen.
Grundsätzlich sind Darstellungsformen und antizipierte Lesetechniken bei jeder Art von Informationsvermittlung rezeptionsmedienspezifisch. Daran ändert sich nichts, wenn die Medienproduktion EDV-gestützt erfolgt. Ein und derselbe inhaltliche Sachverhalt erfordert je nach eingesetztem Ausgabemedium unterschiedliche Präsentationstechniken. Es wird niemand bestreiten, daß beispielsweise bei der Vermittlung lautsprachlicher Informationsgehalte, die mittels Druckmedien ihren Empfänger erreichen sollen, andere Darstellungstechniken angewandt werden müssen als bei der Vermittlung via auditiver Medien (Tonträger). Das gleiche gilt grundsätzlich auch für die Vermittlung von Textdokumenten. Das anvisierte Aneignungsmedium entscheidet über die Frage geeigneter Darstellungsformen. Deshalb können elektronische Daten, mit denen Druckmedien für Sehende in Schwarzschrift erzeugt werden sollen, nicht gleichzeitig in der Erwartung benutzt werden, optimale Bildschirmausgaben zu erzeugen.
Durch die Integration zusätzlicher Programm-Module in die Textverarbeitungssysteme oder durch das Bereitstellen spezieller Bildschirmtreiber werden für sehende Anwender ganzflächige Druckseiten ersatzweise bereits am Bildschirm simuliert (Druckvorschau). Von Orientierungsschwierigkeiten einmal abgesehen, stellt dieses Verfahren die Leser allein deshalb in der Regel nicht zufrieden, weil bei einer Ganzseitenpräsentation auf dem Bildschirm die einzelnen Schriftzeichen zu klein dargestellt werden. Bei vergrößerter Darstellung der Schriftzeichen durch Nutzung der häufig integrierten Zoom-Funktion geht der Überblick jedoch über die Druckseite verloren.
Komplexe elektronische Dokumente können auch von vollsichtigen PC-Anwendern nur dann komfortabel rezipiert werden, wenn die Daten für die Ausgabe auf einen Standard-Bildschirm manuell oder automatisiert speziell aufbereitet worden sind (beispielsweise durch Einsatz von ACROBAT). Intensive Datenaufbereitung ist unverzichtbar sowohl im Fall des Festhaltens an der Zielvorgabe der Orientierung der Bildschirmpräsentation an der Druckseite als auch für den Fall der Aufgabe dieser Zielbestimmung.
2.3 Aneignung von Bildschirmdaten durch Ausgabehilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte
Beim Rezipieren elektronischer Dokumente durch blinde und hochgradig sehbehinderte Computer-Anwender kommt als gravierender Orientierungsnachteil im Vergleich zu sehenden Menschen hinzu, daß ihr Ausgabegerät stets nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt des Originalbildschirms wiedergibt. Die von Punktschriftlesern beim Lesen gedruckter Punktschrift praktizierte Technik, durch Abtasten einer Druckseite mit der gesamten Handinnenfläche (und nicht nur mit den Fingerspitzen) sich einen Überblick zu verschaffen, funktioniert hier nicht. Die Bedeutung dieser Technik darf auf keinen Fall unterschätzt werden, wird sie doch von nahezu allen Punktschriftlesern angewandt, unabhängig davon, welche Lesegeschwindigkeit sie erzielen.
Bei den elektronischen Ausgabegeräten für Blinde gibt es kein Seiten-, sondern nur ein Zeilen-Display. Die Einführung vertikal und horizontal einsetzbarer Schieberegler, die über differenzierbare akustische Signale eine Groborientierung am Bildschirm vermitteln sollen oder die zusätzliche Anbringung von vertikalen Orientierungs-Braillemodulen mögen dazu beitragen, die Problematik zu entschärfen, die ganzflächig tastende Hand ersetzen sie auf keinen Fall. Beim Einsatz von Sprachausgaben und/oder Bildschirmvergrößerungssystemen tauchen Orientierungsprobleme nicht in gleicher, aber doch in ähnlicher Form auf.
Es soll im folgenden versucht werden, anhand eines Vergleichsbeispiels prinzipielle Unterschiede zwischen dem Lesen von Printmedien und dem elektronischer Textdaten durch Sehgeschädigte herauszuarbeiten. Als Demonstrationsbeispiel soll das gedruckte Punktschriftbuch dienen, dem das Lesen des gleichen Textes als Datei mit Kurzschrifttext auf ASCII-Basis auf der Braillezeile gegenübergestellt wird. Das Beispiel "Punktschriftbuch versus Braillezeile" ist willkürlich und könnte ohne Schwierigkeiten durch andere Gegenüberstellungen von konventionellen und elektronischen Medien (z.B. "Großdruckbuch versus Vergrößerungsmonitor" oder - mit Modifikationen - "Hörbuch versus Sprachausgabe") ersetzt werden.
Was unterscheidet den Lesevorgang beim Lesen eines gedruckten Punktschriftbuchs vom Lesen des gleichen Buchs in Gestalt einer Kurzschrift-Datei (Druckausgabedatei) mit Hilfe einer Braillezeile nun im einzelnen-
Zunächst einmal ist bei einem Buch die kleinste sich präsentierende Einheit, die Druckseite, wesentlich umfangreicher und zudem aussagekräftiger als die Texteinheit, die auf einer Braillezeile mehr oder weniger zufällig dargestellt wird. Soll der Text komplett gelesen werden, muß in beiden Fällen die Anzahl dieser Präsentationseinheiten nacheinander gelesen werden. Haben wir es bei einem umfangreichen Punktschriftbuch schon mit einer recht beachtlichen Einheitenanzahl zu tun, (bis zu 200), so steigt sie im Fall der Braillezeile um ein Vielfaches (in der Regel um das 28fache, nämlich auf 5000 - 6000), auf eine Größenordnung also, bei der eine sich selbst regulierende Orientierung nicht mehr möglich ist.
Abgesehen davon, daß darüberhinaus das zweihändige Lesen beim Zeilenwechsel - eine Lesetechnik, die Dr. H.-E. Schulze in einem beachtenswerten Aufsatz 1984 (7) sehr anschaulich beschrieben hat - hier grundsätzlich nicht funktioniert, muß der Braillezeilenleser schließlich immer wieder mit drei Problemen kämpfen:
1. Das Erkennen von Überschriften ist nicht einfach.
a) Punktschriftbuch: Beim ganzhändigen Abtasten einer gedruckten Punktschriftseite auf Papier bereitet das Auffinden und
Identifizieren von Überschriften in der Regel keinerlei Schwierigkeiten.
Auch ein ungeübter Punktschriftleser weiß die angewandten Darstellungstechniken (Voranstellen einer oder mehrerer Leerzeilen, Zentrierung des Textes, ggf. abschließende Unterstreichung) im Bruchteil einer Sekunde richtig zu interpretieren. Beim Suchen von Überschrifttexten auf einer Punktschriftseite verfährt der Leser sinnvollerweise so, daß er zunächst die Seite ganzhändig vertikal abtastet, ohne dabei Text zu lesen, bis er zu einer Leerzeile oder gar einer größeren Anzahl von Leerzeilen gelangt. Damit ist die Überschrift bereits gefunden, und der eigentliche Lesevorgang braucht erst ab dieser Stelle einzusetzen.
b) Braillezeile: Beim Lesen des gleichen Textes als Datei mit einer Braillezeile ergibt sich eine völlig andere Lesesituation. Sind Leerzeilen bei gedruckten Punktschrifttexten sehr hilfreich, können sie beim Einsatz einer Braillezeile geradezu hinderlich sein. Spätestens dann, wenn mehrere Leerzeilen unmittelbar aufeinander folgen, kann von einem komfortablen Lesen auf der Braillezeile wohl nicht mehr gesprochen werden. Der lesende Mensch drückt wiederholt Tasten (auf der Braillezeile oder auf der PC-Tastatur) und erhält auf seinem Ausgabegerät immer wieder das gleiche Resultat: gähnende Leere, - kein Zeichen, - nichts. Das schnelle Suchen von Leerzeilen, um auf diese Weise rasch zur nächsten Überschrift zu gelangen, gestaltet sich in der Regel zu einem recht mühseligen Unterfangen. Die Technik des ganzhändigen Überfliegens kann nicht angewandt werden. Deshalb bleibt dem Leser oft nichts anderes übrig als den Text Zeile für Zeile zur Anzeige bringen zu lassen und diesen Vorgang so oft zu wiederholen, bis endlich auf der Zeile nichts erscheint.
2. Der Umgang mit Seitenzahlenangaben ist erschwert.
a) Punktschriftbuch: Möchte der Leser einer gedruckten Punktschriftseite herausfinden, auf welcher Schwarz- und/oder Punktschriftseite er aktuell liest, reicht die kurze Bewegung einer Hand, um die entsprechende Angabe zu lesen. Die Positionierung beider Paginierungsvariablen ist üblicherweise stets konstant. Daher sind beide Werte leicht zu finden: zu Beginn bzw. am Ende der untersten Zeile einer Druckseite. Da zur Durchführung der erforderlichen Schritte nur eine Hand benötigt wird, kann mit Hilfe der anderen Hand die aktuelle Leseposition gemerkt werden, so daß der Rücksprung zur Fortsetzung des Lesevorgangs überhaupt kein Problem darstellt. Alles in allem ist zur Lösung der gestellten Aufgabe ein Zeitaufwand in der Größenordnung von einer Sekunde erforderlich.
b) Braillezeile: Möchte der Braillezeilen-Anwender beim Lesen seines elektonischen Buchs in Erfahrung bringen, auf welcher Punkt- oder Schwarzschriftseite er aktuell liest, stehen ihm in der Regel zwei Methoden zur Verfügung: Entweder er bewegt sich zeilenweise so lange in seinem Textdokument in eine Richtung, bis er auf eine Zeile stößt, deren flüchtiger taktiler Eindruck vermuten läßt, daß hier die gewünschten Angaben zu finden sind, oder er benutzt eine der Suchfunktionen seines Editors, wobei die für diesen Zweck optimale Suchoperation "Suche die nächste Zeile, deren absolute Zeilenzahl durch (voreingestellt) 28 teilbar ist" erst noch programmiert werden müßte und daher in der Regel nicht zur Verfügung steht. Das Problem des Rücksprungs zur Ausgangsleseposition im Text stellt sich ähnlich kompliziert dar und ist mit der einfachen Zweihand-Methode des Lesens bei gedruckten Punktschriftbüchern überhaupt nicht zu vergleichen.
3. Das Arbeiten mit Fußnotentexten ist kompliziert.
a) Punktschriftbuch: Trifft der Leser eines gedruckten Punktschriftbuches auf einen Fußnotenvermerk, so kann er den dazugehörigen Fußnotentext in der Regel schnell finden, indem er im unteren Bereich seiner Druckseite eine durchgehend gepunktete Linie ganzhändig sucht, unterhalb derer der Fußnotentext
abgedruckt wird. Verfügt das Punktschriftbuch über eine "Orientierungsspalte" (8), so bereitet nach dem Lesen des Fußnotentextes auch der Rücksprung an die Ausgangsleseposition im Text keine Probleme. b) Braillezeile: Der blinde Braillezeilen-Anwender hat es da schon etwas schwieriger. Trifft er auf einen Fußnotenhinweis, muß er zunächst entweder durch zeilenweises Scrollen durch den Text oder durch Verwendung der Suchfunktion seines Editors die durchgehend gepunktete Linie suchen - wobei nicht jede durchgehend gepunktete Linie das Ende des Lehrtextes ankündigt -, und kann ab jetzt erst den Fußnotentext lesen. Beim Rücksprung an die Ausgangsleseposition im Text tauchen die gleichen Probleme wie im Fall 2 auf.
Eine Gegenüberstellung der angewandten Techniken beim Lesen gedruckter Punktschriftmaterialien mit denen des Lesens von Dateien mittels Braillezeile darf einen weiteren, wichtigen Gesichtspunkt nicht unerwähnt lassen: Es gibt Darstellungstechniken, die ihren Sinn erst im Einsatz bestimmter Lesemedien gewinnen, die beim Einsatz anderer Medien deshalb keinen Sinn machen. In unserem Fall ist das beispielsweise die Verwendung von Trennstrichen am Zeilenende, mit deren Hilfe Wörter beim Zeilenübergang deshalb getrennt werden, um bei Druckerzeugnissen den rechten Flatterrand zu minimieren. Das spart Platz und wirkt layout-technisch ansprechend. Beim Einsatz elektronischer Ausgabegeräte, wie Braillezeilen, spielt das Platzersparnisargument keine Rolle, und der zu minimierende Flatterrand ist nahezu belanglos, da eine Ganzseitenwiedergabe gar nicht in Betracht kommt. Das Trennen von Wörtern beim Zeilenübergang ist hier nur ein Lesehemmnis, da die oben skizzierte Zweihand-Lesetechnik nicht angewandt werden kann. Beim Einsatz des Lesemediums Braillezeile verliert die Trenntechnik somit ihren Sinn.
2.4 Anpassung von Transportmedien an Rezeptionsmedien
Die geschilderte Rezeptionsproblematik wird in ihren Grundzügen nicht richtig erkannt, solange sie für ein Spezifikum blinden- und sehbehindertengerechter Ausgabegeräte angesehen wird. Die Rezeptionsproblematik ist vielmehr grundsätzlicher Natur und keinesfalls typisch für Braillezeilen und auch nicht typisch für synthetische Sprachausgaben oder Bildschirmvergrößerungssysteme für Sehbehinderte, sondern typisch für das Lesen am Bildschirm generell. Zu Lese- und Orientierungsschwierigkeiten kommt es nicht nur bei Menschen, die Bildschirmdaten über spezielle Hilfsmittel lesen, sondern bei allen Menschen, die den Bildschirm als Präsentations- und Lesemedium nutzen. Bildschirme sind keine Bücher und Bildschirmseiten etwas anderes als Druckseiten. Die Darstellungs- und Lesetechniken, die beim Arbeiten mit Bildschirmdaten zum Einsatz kommen, unterscheiden sich grundsätzlich von denen bei gedruckten Büchern.
Im Unterschied zu Büchern lassen sich elektronische Dateien als Informationsmedien mit menschlichen Wahrnehmungssinnen (z.B. Sehen, Tasten, Hören) niemals direkt aneignen. Hierzu sind immer besondere Ausgabegeräte erforderlich, die ihrerseits mit unterschiedlichen Eigenschaften und Leistungsmerkmalen ausgestattet sind. Allein deshalb ist es sinnvoll, bei Dateien terminologisch zwischen Transport- bzw. Trägermedien einerseits und Rezeptionsmedien andererseits zu differenzieren. Hinzu kommt, daß es von der Art der Datei abhängt, ob und für welches Rezeptionsmedium sie sich eignet. Aufgabe von Software-Entwicklern und Informationsanbietern muß es sein, Dateien mit Eigenschaften zur Verfügung zu stellen, die die Möglichkeiten der unterschiedlichen Rezeptionsmedien optimal nutzen.
Die Rezeptionsprobleme bei Sehgeschädigten Computer-Anwendern lassen sich grundsätzlich nicht dadurch lösen, daß die Braillezeile durch ein anderes Hilfsmittel ersetzt oder ergänzt wird, wobei es sich von selbst versteht, daß beim Einsatz von synthetischen Sprachausgaben und/oder Bildschirmvergrößerungssystemen für Sehbehinderte das
Textdatenmaterial nicht in Blindenkurzschrift, sondern in Langschrift (9) vorliegen muß.
Was für den Einsatz von Daten für sehende Menschen gilt (vgl. Abschnitt 1.2), muß auch bei der Vermittlung von Daten für blinde und sehbehinderte Menschen berücksichtigt werden. Daten, mit denen Druckmedien erzeugt werden, eignen sich nicht automatisch gleichermaßen für die Wiedergabe mittels blinden- und sehbehindertenspezifischer Peripheriegeräte eines Computers. Hier wie dort ist eine spezielle Datenaufbereitung mit dem Ziel erforderlich, die Möglichkeiten des eingesetzten Lesemediums optimal zu nutzen.
Aus diesen Überlegungen heraus hat sich die Fernuniversität in Hagen entschlossen, den Versuch zu unternehmen, eine Spezial-Lesesoftware für Blinde und Sehbehinderte selbst zu entwickeln, zumal nicht zu erwarten ist, daß die kommerzielle Software-Branche sich diesem Gebiet zuwenden wird. Es war von vornherein klar, daß das Produkt der geplanten Aktivitäten keiner der beiden im Abschnitt 1.2 genannten Differenzierungskriterien - Struktur- oder Layout-Orientiertheit - zuzuordnen sein wird, sondern als Mischform angelegt werden muß. Der sehgeschädigte Studierende muß nämlich nicht nur wissen, ob er gerade ein Haupt- oder ein Unterkapitel, Fußnotentext oder Lehrtext, eine Marginalie oder einen Glossareintrag liest, sondern auch darüber informiert sein, auf welcher Schwarzschriftdruckseite der aktuell gelesene Text abgebildet ist, eine unter Strukturierungsgesichtspunkten zweifellos irrelevante Fragestellung.
Seit 1990 wird in der Redaktion "Fernstudium für Sehgeschädigte" des Zentrums für Fernstudienentwicklung an der Fernuniversität in Hagen an der Entwicklung spezieller Lesesoftware zum effizienten Rezipieren digitaler Textdaten mittels Braillezeile, synthetischer Sprachausgabe und/oder Bildschirmvergrößerungssystem gearbeitet.
Bekanntlich ist das Lesen umfangreicher Textdaten mittels Bildschirm in der Regel auch für vollsichtige PC-Anwender anstrengend und meist wenig komfortabel, weshalb, soweit die Möglichkeit besteht, alternativ lieber zum gedruckten Buch gegriffen wird. Abgesehen von der Angst vor einer zu starken Strahlenbelastung sind die Gründe für dieses Verhalten bei blinden und sehenden Menschen nicht nur in dem Umstand zu suchen, daß das Bildschirmlesen eine starre Körperhaltung voraussetzt, die wenig Dynamik zuläßt, sondern auch darin, daß die Daten oft unkomfortabel präsentiert werden: relativ kleiner Ausschnitt, unstrukturierte Textmasse, fehlende Orientierungshilfen wie Seitenangaben, Kolumnentitel usw.
Die Rezeptionsprobleme bleiben im Kern dieselben, vergrößern sich jedoch noch drastisch, wenn als Ausgabegerät kein gewöhnlicher Bildschirm verwendet wird, der im Textmodus immerhin 25 Zeilen zu je 80 Zeichen gleichzeitig darstellen kann, sondern spezielle Ausgabegeräte, wie Braillezeile, synthetische Sprachausgabe oder Vergrößerungssystem, die stets nur einen extrem kleinen Ausschnitt des aktuellen Bildschirminhalts präsentieren können. Zwar lassen sich prinzipiell mit diesen Ausgabegeräten auch längere Textdateien lesen; dies erfordert jedoch einen enorm hohen, durch die Entwicklung spezieller Lesesoftware in vielen Fällen aber vermeidbaren Mehraufwand. Es muß z.B. nicht sein, daß die Braillezeile nichts anzeigt, die Sprachausgabe schweigt und der Vergrößerungsbildschirm leer bleibt, nur weil diese Ausgabegeräte unabsichtlich auf einen Bildschirmausschnitt gelenkt wurden, der (zufällig) keinen Text enthält und als mehr oder wenig großer Leerraum lediglich dazu dient, die Textausgabe auf dem Originalbildschirm zu gestalten und damit zu strukturieren. Viele weitere Problemsituationen erschweren blinden und hochgradig sehbehinderten Computer-Anwendern das Aneignen von Textdaten, solange diese nicht speziell aufbereitet und speziell präsentiert werden.
Generelles Ziel der zu entwickelnden Lesesoftware muß es sein, elektronische Dokumente so aufzubereiten, daß sie wie gedruckte Bücher lesbar werden.
3. Lösungsansatz
Basierend auf den dargestellten theoretischen Überlegungen aus mediendidaktischer Perspektive ergeben sich für die Entwicklung spezieller Lesesoftware für Blinde und Sehbehinderte PC-Anwender bestimmte, praktische konzeptionelle Zielvorgaben, die im folgenden numerisch aufgelistet werden. Die Zahlenangaben sollten dabei vom Leser nicht als inhaltliche Gewichtung interpretiert werden. Die Auflistung der Zielvorgaben wird jeweils durch erklärende Ausführungen zur durchgeführten software-technischen Realisierung ergänzt.
Das entwickelte und im Rahmen einer Testphase seit einem Jahr mehreren Anwendern zur Verfügung gestellte Leseprogramm trägt den Namen HBSREAD. Nachstehend wird das Anforderungsprofil für diese Software punktuell wiedergegeben und die Realisierung der jeweiligen Zielsetzungen skizzenhaft beschrieben.
1. Die Textdateien müssen über eine nachvollziehbare Kapitelhierarchiestruktur verfügen.
Bei HBSREAD ist der gesamte Text streng in Kapitel und diese in Unter- und Unterunterkapitel eingeteilt. Erreicht der Leser das Ende eines Kapitels, wird dies durch einen Signalton über den PC-Lautsprecher zusätzlich akustisch angezeigt.
2. Ein vorangestelltes Inhaltsverzeichnis muß zum einen die Strukturierung des Textes anzeigen, zum anderen dazu dienen, den Text beliebiger Kapitel gezielt und schnell zu präsentieren.
Wird HBSREAD aufgefordert, den Inhalt einer bestimmten Datei anzuzeigen, so erscheint stets zunächst das vollständige Inhaltsverzeichnis des Textdokuments. Durch einfache Verschachtelung (Vergrößerung des Einzugs um je zwei Positionen nach rechts) wird der Rang innerhalb der Kapitelhierarchie angezeigt. Die Wiedergabe der Kapitelüberschriften im Inhaltsverzeichnis ist streng zeilenorientiert. Durch Auf- und Abwärtsbewegung des Cursors wird pro Tastendruck ein neues Kapitel angewählt, dessen Text nach Betätigen der Return-Taste angezeigt wird.
3. Um mit sehenden Printmedienlesern zusammenarbeiten, Querverweisen im Text nachgehen und nach Maßgabe der Originalseitenzählung zitieren zu können, muß die aktuelle Originalseitenangabe permanent präsent sein: entweder über Anzeige am Bildschirm oder über Abfrage mittels Tastatur.
Originalseitenwechsel werden in den Text fortlaufend eingebaut, so daß jeder Seitenwechsel beim kontinuierlichen Lesen automatisch zur Anzeige kommt. Außerdem wird bei jeder Kapitelüberschrift im Inhaltsverzeichnis zur Orientierung die entsprechende Originalseitenzahl zusätzlich mitgeteilt. Möchte der Leser an beliebiger Stelle im Text erfahren, auf welcher Originalseite er aktuell liest, kann er sich die entsprechende Angabe über Tastaturabfrage temporär einblenden lassen. Durch Betätigen der Return-Taste verschwindet die eingeblendete Anzeige wieder von seinem Display, und er kann das Lesen an der Ausgangsleseposition fortsetzen. Eine bestimmte Tastenkombination ermöglicht es, von jeder beliebigen Textstelle aus den Beginn der nächsten, der aktuellen oder der vorherigen Originalseite suchen zu lassen. Die Wiederholung der Tastenkombination simuliert das Vorwärts- und Rückwärtsblättern.
4. Der Umgang mit Fußnoten muß einfach und komfortabel sein. Fußnotennummern im Text müssen per Knopfdruck suchbar, der Fußnotentext wahlweise einblendbar und der Rücksprung zur Ausgangsposition im Lehrtext gesichert sein.
Trifft der Leser beim fortlaufenden Lesen im eigentlichen Lehrtext auf einen Fußnotenverweis, so braucht er nur den Cursor auf ein Zeichen dieses Verweises - meist eine natürliche Zahl, der zur Kennzeichnung ein F vorangestellt wird - zu positionieren und die Return-Taste zu drücken. Dadurch verschwindet der Lehrtext vom Bildschirm, und der Fußnotentext wird eingeblendet. Nachdem der Fußnotentext ganz oder teilweise gelesen wurde, kann die Lesesoftware durch einen bestimmten Tastendruck aufgefordert werden, den Fußnotentext verschwinden zu lassen und den zuletzt angezeigten Bildschirminhalt des Lehrtextes wieder zu präsentieren. Von jeder beliebigen Textstelle aus kann die Lesesoftware per Tastendruck aufgefordert werden, den nächsten oder den vorherigen Fußnotenvermerk im Text zu suchen und zur Anzeige zu bringen. Durch Wiederholung des Tastendrucks läßt sich der Cursor auf bequeme Weise und ganz schnell von einem Fußnotenvermerk zum nächsten bewegen.
5. Das Lese- und Lerninstrument Marginalie muß auch bei digitalen Textmaterialien nutzbar bleiben. Marginalientexte müssen per Knopfdruck vorwärts und rückwärts gesucht werden können.
Marginalien sind Randbemerkungen der Originalschwarzschriftvorlage, die üblicherweise seitlich neben dem eigentlichen Lehrtext abgedruckt werden. Sie dienen dem sehenden Leser zur schnelleren Orientierung. Hier werden schlagwortartig Begriffsdefinitionen, Lesehinweise, Kurzzusammenfassungen u.v.m. so angezeigt, daß das menschliche Auge sie bereits beim Durchblättern eines Buches erkennt und wiederfindet. Beim Arbeiten mit dem Leseprogramm HBSREAD findet der Leser die Marginalientexte als speziell gekennzeichnete Textelemente, die in den laufenden Lehrtext integriert sind. Beim kontinuierlichen Lesen werden sie automatisch mit angezeigt. Sie sind aber auch per Knopfdruck vorwärts und rückwärts suchbar. Durch Wiederholung des Tastendrucks kann auch von einer Marginalie zur nächsten gesprungen werden, so daß ein längerer Text anhand von Marginalien schnell überflogen werden kann. Auf diese Weise gewinnen Marginalien ihre ursprünglich auf Printmedien abzielende Funktion bei elektronischen Textdokumenten in geänderter Gestalt zurück.
6. Auch andere Lese- und Lernhilfen, wie Übungsaufgaben, Demonstrationsbeispiele, müssen einsetzbar bleiben und von der Software vorwärts und rückwärts im Text gesucht werden können.
Eine große Anzahl entsprechend markierter Textstellen läßt sich per Knopfdruck vorwärts und rückwärts suchen. Die Frage, welche Textstellen markiert werden sollen, kann mit Hilfe einer einfachen Zuordnungstabelle bei der Produktion von Lesesoftware-Dateien anwenderseitig definiert werden.
7. Der Text muß einfach, aber aussagekräftig am Bildschirm gestaltet sein.
Bei den von HBSREAD präsentierten Bildschirmausgaben wird das Mittel der Attribuierung von Textzeichen durch Farben und unterschiedliche Gestaltung von Vorder- und Hintergrund spärlich eingesetzt, da diese Instrumentarien nur bei visuellen Bildschirmmedien sinnvoll eingesetzt werden können. Unterschiedliche Varianten von Absatzformaten kommen hingegen sehr wohl zum Einsatz. So unterstützt HBSREAD sechs Abstufungen von Absätzen mit positivem und sechs Varianten von Absätzen mit negativem Erstzeileneinzug. Außerdem kommen auch Auflistungsabsätze zum Einsatz, bei denen das Auflistungselement - der Spiegelstrich oder ein alphanumerischer Bezeichner - links ausgerückt vom Text dargestellt wird.
8. Mit Hilfe sog. Lesezeichen müssen beliebige Textstellen anwenderseitig markiert und dadurch wieder auffindbar gemacht werden können.
Eine implementierte Lesezeichenfunktion im Programm HBSREAD ermöglicht es dem Anwender, an beliebigen Textstellen
elektronische Lesezeichen zu setzen. Der Anwender kann dabei selbst entscheiden, ob sich sein Lesezeichen auf eine konkrete Textzeile, auf die laufende Originalseite oder auf das aktuelle Kapitel beziehen soll. Beim "Anheften seiner Büroklammer" legt er selbst fest, ob bei Aktivierung seiner Klammer eine Textzeile, eine Textseite oder das dazugehörige Kapitel "aufgeschlagen" werden soll. Grundsätzlich kann er mit seinem Lesezeichen Textstellen markieren, die HBSREAD auf Knopfdruck wiederfindet.
9. Eine Notizfunktion muß das Anfertigen von Anmerkungen zu bestimmten Textstellen durch den Anwender erlauben.
Ein kleiner Editor wurde in HBSREAD implementiert, mit dessen Hilfe sich der Anwender Notizen zu beliebigen Textstellen anfertigen kann. Die Notizfunktion soll den Bleistift oder den Kugelschreiber des Sehenden ersetzen, der Notizen in sein Buch einträgt, vorausgesetzt, er hat es nicht geliehen.
10. Als Ersatz für den Kolumnentitel muß die aktuelle Kapitelüberschrift per Knopfdruck jederzeit einblendbar sein.
Da die Integration eines Kolumnentitels in den fortlaufenden Text eines elektronischen Buchs für Blinde oder Sehbehinderte keinen Sinn macht, kann bei HBSREAD an beliebiger Stelle im Text per Knopfdruck die aktuelle Kapitelüberschrift eingeblendet werden. Ein Return-Tastendruck fordert HBSREAD dann auf, den Text der aktuellen Leseposition wieder anzuzeigen.
11. Die Anzeige der Funktionstastenbelegung muß auf Knopfdruck erfolgen und darf keine Bildschirmbereiche permanent für sich reservieren.
Um den kompletten Bildschirmbereich zur ausschließlichen Präsentation von Textdokumentinhalten nutzen zu können und um den blinden oder sehbehinderten Anwender davon zu entlasten, seinem Hilfsmittel umständlich mitteilen zu müssen, welche Bereiche des Bildschirms programminterne Hinweise und welche zu lesenden Text enthalten, nutzt HBSREAD die gesamte Bildschirmfläche zur Präsentation von Text. Auch Hinweise zur Belegung der zur Verfügung stehenden Funktionstasten werden nicht angezeigt. Da nicht davon ausgegangen werden kann, daß der Anwender sämtliche Dienstleistungen von Funktionstasten permanent im Kopf hat, sind Funktionstastenbeschreibungen per Knopfdruck abfragbar. Alle Hinweise können in Ruhe gelesen werden, bis der Anwender durch Tastendruck zu erkennen gibt, daß er nun die Fortsetzung der Lektüre des Lehrtextes wünscht.
12. Der Bildschirminhalt muß den Einsatzmöglichkeiten der speziellen Ausgabegeräte für Blinde und hochgradig Sehbehinderte angepaßt werden. Dies bedeutet insbesondere: - rigoroser Verzicht auf Rahmen und anderes "schmückendes" Beiwerk,
- Reservierung der ersten Spalte jeder Bildschirmzeile zur ungestörten (kein Textzeichen verdeckenden) Unterbringung des Cursors beim Scrollen durch den Text,
- Nutzung des kompletten Bildschirms zur ausschließlichen Präsentation von Text (Verzicht auf permanente Darstellung programmtypischer Hinweise, Tastenbelegungen und Statusangaben),
- Darstellung von möglichst viel Text (Ausnutzen der maximalen Zeilenlänge, Verzicht auf unnötig großzügige vertikale Abstände),
- extreme Komprimierung des Textes bei Reduzierung der maximalen Zeilenlänge auf ein ergonomisch vertretbares Maß bei Punktschriftdateien (40 Zeichen pro Zeile), die mittels Braillezeile angeeignet werden sollen.
13. Der Cursor muß eingesetzt werden, um das behinderungsspezifische Ausgabegerät zu steuern und damit den Anwender zu "führen".
Eine der Lesesoftware zugrundeliegende Kernidee besteht darin, den sog. Hard-Cursor als Steuerungs- und Lenkungsinstrument konsequent einzusetzen. Jedes auf dem Hilfsmittelmarkt erhältliche Spezialausgabegerät für Blinde und Sehbehinderte ist in der Lage, den Cursor auf dem Bildschirm per Knopfdruck zu finden und die unmittelbare Cursor-Umgebung als Braillezeichen oder als vergrößerte Schrift abzubilden bzw. den Text der Cursor-Zeile oder ab Cursor-Position vorzulesen. Für die Lesesoftware bedeutet das umgekehrt, daß mittels Cursor-Steuerung das Ausgabehilfsmittel praktisch an jede beliebige Textstelle gelenkt werden kann.
14. Spezielle Such- und Sprungfunktionen müssen entwickelt werden, die zum einen dazu dienen, den Text schnell überfliegen zu können, die zum andern sicherstellen, daß nie leere Textfenster auf dem Ausgabegerät des Blinden oder Sehbehinderten erscheinen.
Zusätzlich zu den aus der Arbeit mit gängigen Textverarbeitungsprogrammen her vermutlich bekannten Cursor-Sprungfunktionen (zeichen-, wort-, zeilenweise, Anfang und Ende der aktuellen Cursor-Zeile, Anfang und Ende des aktuellen Dokuments) bietet das Leseprogramm HBSREAD weitere Cursor-Sprungfunktionen an, mit denen der Leser in die Lage versetzt werden soll, sein elektronisches Textdokument - als Ersatz für die Technik des "Diagonallesens" eines gedruckten Buches - komfortabel zu überfliegen. So kann HBSREAD per Knopfdruck den Anfang jeden grammatikalischen Satzes als kleinste selbständige Struktur- und Sinneinheit eines Textes ebenso finden wie den Beginn eines Absatzes als kleinste Zusammenfassungseinheit mehrerer grammatikalischer Sätze. Darüberhinaus ist auch jeder Originalseitenwechsel, jeder Fußnotenvermerk, jede Marginalie und so manch anderes Strukturelement auf Knopfdruck lokalisierbar. Selbstverständlich lassen sich all diese Cursor-Sprunganweisungen in zwei Richtungen - vorwärts und rückwärts - auslösen. Schließlich stellt HBSREAD bei all diesen Cursor-Sprungbefehlen sicher, daß immer Text auf dem Ausgabehilfsmittel erscheint und der Cursor nie in einen leeren Bildschirmbereich positioniert wird.
15. Beim Navigieren durch den Text soll der Cursor möglichst keine Textbuchstaben verdecken.
Die Cursor-Sprungbefehle wurden in den meisten Fällen so realisiert, daß sich der Cursor auf dem Leerzeichen links neben dem ersten Buchstaben des Sprungziels positioniert. Um beim satzweisen Springen durch den Text den Cursor innerhalb der Zielzeile schneller finden zu können, werden mögliche Zeichen links der Cursor-Position kurzfristig weggeblendet. Der blinde oder sehbehinderte Leser kann sicher davon ausgehen, daß das erste Wort, welches er fühlt, hört oder sieht, tatsächlich den Beginn eines Satzes bedeutet. Das eventuelle Ende des vorherigen Satzes wird unter diesen Bedingungen nicht mehr angezeigt.
16. Beim bildschirmweisen Blättern muß eine Tastaturfunktion zur Verfügung gestellt werden, die dafür sorgt, daß beim Lesen ab der Cursor-Position grundsätzlich ein kompletter Bildschirminhalt angezeigt wird (Positionierung des Cursors in der linken oberen Bildschirmecke).
Beim bildschirmweisen Blättern in einem Text mit einem Editor oder einem Textverarbeitungsprogramm ändert sich die relative Positionierung des Cursors auf dem Bildschirm üblicherweise nicht. Stand der Cursor vor dem entsprechenden Tastendruck beispielsweise in der achten Bildschirmzeile, so positioniert er sich bei der Anzeige des nächsten Bildschirminhalts ebenfalls in die achte Zeile. Das ist für viele Anwendungen auch sinnvoll und gewünscht. Wenig Sinn macht diese Art der Cursor-Positionierung jedoch dann, wenn der Anwender den neuen Bildschirminhalt ab Cursor-Position lesen möchte. Zum einen sind ihm u.U. größere Textpartien entgangen, zum anderen wird ihm u.U. nur noch ein unnötig kleiner Textausschnitt angezeigt, weil sich der Cursor
vielleicht bereits im unteren Bildschirmbereich befindet. Deshalb bietet HBSREAD eine Tastenfunktion an, die beim Vorwärts- und Rückwärtsblättern des Bildschirms den Cursor immer in die erste Spalte der ersten Bildschirmzeile setzt.
17. Eine Volltextsuche muß implementiert werden, so daß im kompletten Dokument nach beliebigen Zeichenketten gesucht werden kann.
Die Lesesoftware kann nach beliebigen Wörtern oder Zeichenketten nicht nur im aktuellen Kapitel, sondern im gesamten Textdokument suchen.
18. Das Cursor-Navigationssystem (Suchmöglichkeit nach Satzanfängen, Absätzen, Marginalien, Fußnoten, Originalseitenwechsel usw.) muß mit einer Hand bedienbar sein, um die zweite Hand für andere Aktivitäten (z.B. unmittelbares Kontrollesen auf der Zeile) freizuhalten.
Die Bedienung des Navigationssystems erfolgt aus ergonomischen Gründen ausschließlich über Tastenkombinationen, bei denen die vier Cursor-Tasten mit Tasten kombiniert gedrückt werden, die bei den meisten Tastaturen in der unmittelbaren Nähe der Cursor-Tasten angebracht sind.
19. Für sehbehinderte Leser muß eine spezielle Cursor-Darstellungsform entwickelt werden, damit er schneller als der übliche DOS-Cursor auffindbar wird.
Der Cursor der Lesesoftware ist um ein vielfaches höher und deshalb wesentlich auffälliger als der blinkende Unterstreichungsstrich des Betriebssystem-Cursors.
20. Die Lesesoftware muß sowohl Langschrifttexte für Sprachausgaben und Bildschirmvergrößerungssysteme als auch Punktschrifttexte (im allgemeinen Kurzschrift) für Braillezeilen verwalten und präsentieren können.
Das Leseprogramm erkennt anhand der Dateinamenserweiterung der zu lesenden Datei, ob es sich um Schwarzschrift- oder Punktschrifttext handelt. Die Bedienungsoberfläche paßt sich entsprechend automatisch an. Handhabung und Funktionstastenbelegung bleiben identisch, so daß der Anwender nichts neues hinzulernen muß.
21. Es muß eine Blockmarkierungsfunktion implementiert werden, mit deren Hilfe der Anwender problemlos beliebige Textpassagen in andere Anwendungen übernehmen kann, um ein aufwendiges Abschreiben zu ersparen.
Mit Hilfe einer ganz einfach zu bedienenden Blockbearbeitungstechnik können Textpassagen beliebiger Länge markiert und in jedes andere Anwendungsprogamm - z.B. ein Textverarbeitungsprogramm - übernommen, d.h. kopiert werden. Mühseliges Abschreiben ist nicht erforderlich.
22. Die Lesesoftware muß kontextsensitiv einsetzbar sein.
Das Leseprogramm HBSREAD kann auf Knopfdruck aus jedem Anwendungsprogramm heraus feststellen, ob das Wort, auf dem der Cursor aktuell steht, als Stichwort im elektronischen Dokument vorhanden ist und den Text zu diesem Stichwort auf Wunsch unmittelbar anzeigen. Auf diese Weise läßt sich jedes Kapitel einer Lesesoftware-Datei aus jedem beliebigen Anwendungsprogramm heraus direkt zur Anzeige bringen.
23. Die Lesesoftware muß als residente Software konzipiert werden, um zu erreichen, daß zwischen dem Anwendungsprogramm (meist ein Textverarbeitungssystem) und dem Leseprogramm auf Knopfdruck hin- und hergeschaltet werden kann. Das Programm ist außerdem als reine DOS-Software zu entwickeln.
Mit Hilfe sog. Hotkeys kann zwischen jedem Anwendungsprogramm und der Lesesoftware HBSREAD zu jeder Zeit hin- und hergeschaltet werden. Sollte das Anwendungsprogramm einen der vorgesehenen Hotkeys bereits zur Durchführung eigener Operationen belegt haben, kann der Anwender die Hotkey-Funktionen problemlos auf andere, unbenutzte Tastenkombinationen legen. Da Blinde und hochgradig Sehbehinderte nach wie vor nahezu ausschließlich unter DOS arbeiten, benötigt das Leseprogramm keine graphische Benutzungsoberfläche wie Windows o.ä.
24. Die Lesesoftware darf nur wenig Hauptspeicherkapazität für sich beanspruchen, um auch umfangreiche Anwendungsprogramme parallel hinzuladen zu können.
Die Lesesoftware HBSREAD belegt bei heute üblichen Computer-Systemen weniger als 10 kb des Hauptspeichers.
4. Schlußbemerkungen
1. Die beschriebene Lesesoftware HBSREAD versteht sich nicht als die Lösung für das optimale Lesen elektronischer Textdokumente durch Blinde und Sehbehinderte, sondern als ein Lösungsansatz. Zum einen ist HBSREAD noch nicht ausgereift und muß weiterentwickelt werden, zum anderen sind natürlich grundsätzlich andere Lösungsansätze denkbar.
2. Die Lesesoftware ist schwerpunktmäßig für die Präsentation elektronischer Textdokumente aus dem Bereich der wissenschaftlichen Literatur konzipiert. Sie läßt sich zwar auch in anderen Bereichen einsetzen, eine große Anzahl der vorgesehenen Funktionen käme dann jedoch gar nicht zum Einsatz.
3. Der Einsatz spezieller Lesesoftware ist nicht bei der Vermittlung jedweder elektronischer Information sinnvoll. Beim Datenaustausch kürzerer Texte ist nach wie vor die ASCII-Datei zu empfehlen. Werden umfangreiche elektronische Dateien primär als Nachschlagewerk oder zur kurzen Recherche benutzt, macht die Lesesoftware ebenfalls keinen Sinn.
4. Nicht jede beliebige Textdatei läßt sich mit HBSREAD lesen. Grundlage ist ein spezielles Dateiformat, zu dessen Erzeugung an der Fernuniversität entsprechende "Brücken"-Software in Form eines Konvertierungsprogramms entwickelt wurde. (Zur umfassenden Dokumentation des gesamten Lesesoftware-Systems vgl. Fußnote 1.)
5. Die Lesesoftware HBSREAD wird derzeit im Rahmen des Fernstudiums für Blinde und Sehbehinderte erprobt. Allen Nicht-Fernstudierenden, bei denen dieser Beitrag Interesse geweckt haben sollte, wird ein Musterexemplar gern kostenlos zur Verfügung gestellt.
Bezugsquelle:
Fernuniversität - Gesamthochschule Zentrum für Fernstudienentwicklung Red. Fernstudium für Sehgeschädigte Postfach 940 58084 Hagen Tel.: 02331/9874218 Fax: 02331/688896 E-Mail (Internet): ----Richard.Heuer@Fernuni-Hagen.De
Fußnoten:
1) Zur kompletten Beschreibung des Lesesoftware-Systems vgl. Heuer gen. Hallmann, R., Lingk, M., Bedienerhandbuch zum Hagener Braille-Software-System, Version 5.0, unveröffentlichtes Manuskript, Hagen 1996, S.251-273
2) Vgl. Kahlisch, T.: Strukturierte Dokumentenformate eröffnen neue Wege für blinde Computerbenutzer. In: PROMPT, Computerzeitung für Sehgeschädigte, H.6/1995
3) SGML = Standard Generalized Markup Language. Zum praktischen
Einsatz vgl. Van Herwijnen, E., Practical SGML, 2nd edition, Boston 1994. Zur Verwertbarkeit von SGML für sehgeschädigtengerechte Medien vgl. Kahlisch, T.: Vom Verlag auf die Braillezeile - Neue Wege durch standardisiertes markup elektronischer Dokumente. In: DISPLAY, Zeitschrift der Interessengemeinschaft sehgeschädigter Computer-Benutzer, H.6/1994
4) Vgl. Adobe Systems Inc., POSTSCRIPT-Handbuch, 2. überarbeitete Auflage, Bonn, München 1989
5) Vgl. Knuth, D.E., Computers and typesetting, vol. a-e, Addison-Wesley Co., Inc., Reading MA, 1984-1986
6) Vgl. Lamport, L., LATEX - a document preparation system, Addison-Wesley Co., Inc., Reading MA, 1985
7) Vgl. Schulze, H.-E.: Wie können wir unsere Lesegeschwindigkeit steigern- In: Marburger Beiträge zur Integration Sehgeschädigter, H.5/1984
8) Vgl. Heuer gen. Hallmann, R.: Orientierungsspalte als Lesehilfe - Über den Versuch eines blindengerechten Layouts von wissenschaftlicher Literatur in Braille. In: Horus, H.4/1986; Marburger Beiträge zur Integration Sehgeschädigter, H.5/1986
9) Zum Begriff "Langschrift" vgl. u.a.: Heuer gen. Hallmann, R., Lingk, M., Kurze Anleitung zum Umgang mit HBS, Hagen 1994, S.2
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